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* * *

Vera kam langsam wieder zu sich. Ihre Augen irrten in der Gegend herum und fanden mich.
"Hi", sagte sie matt. "Bin ich umgekippt?"
"Sieht so aus, Liebes. Wir hatten ein sehr schweres Gespräch. Ich fühle mich auch sehr schwach." Ich hatte Vera gründlich untersucht und konnte daher mit ihr so umgehen, wie es jetzt für sie wichtig war.
"Hilfst du mir bitte auf?"
"Natürlich."
Sekunden später stand Vera unsicher auf ihren Füßen. Ich führte sie zur Couch, wo sie sich erschöpft hinsetzte.
"Wir reden am Samstag mit den Kindern", sagte Vera müde. Ich nickte.
"Ja, Liebes. Das werden wir tun."
Und mit diesem Gespräch würden wir unsere Ehe beenden.










Kapitel 24 - Samstag, 09.10.1999



"Papi!" Kerstin stürmte auf mich zu und flog in meine Arme. Ich wirbelte sie mitsamt Reisetasche durch die Luft und drückte sie stürmisch an mich.
"Kerstin! Wie war's?"
"Schön!" Sie strahlte mich glücklich an. "Ich hab megaviel gelernt! Und ich kann dir alles beibringen!"
"Das klingt nach viel Arbeit, Bolzen. Gab's Probleme mit Helm?"
"Ja!" kicherte Kerstin. "Ich wollte ihn vorhin zum Abschied drücken und mußte ihn erst dazu zwingen, daß er mich auch umarmt!"
"Ja, so kennen wir ihn", grinste ich. "Hast du alles?"
"Ja. Wir können los." Sie hängte sich bei mir ein, während ich ihre Tasche schulterte. "Wie geht's zu Hause?"
"Nach deiner Vorarbeit? Alles bereit. Sie warten nur auf uns. Warum hast du dich für diesen Weg entschieden?"
"Weil das der unauffälligste war, Papi." Sie sah mich fragend an. "Oder?"
"Nein, du hast recht, Bolzen. Alles andere wäre viel fragwürdiger gewesen. Aber tun wir ihnen damit wirklich einen Gefallen?"
"Doch, glaub schon. Das müßte eigentlich glattgehen."
"Lassen wir uns überraschen. Jetzt erzähl. Was hast du gelernt?"
"Du, das war so toll!" sprudelte Kerstin los. "Helm hat alle möglichen und unmöglichen Schmuckstücke organisiert, und ich mußte die verzaubern. Die billigen Dinger sind uns nur so um die Ohren geflogen!" kicherte sie. "Die halten kaum was aus. Du jagst nur etwas Energie da rein, und schon zerplatzen sie in tausend Stücke. Aber die massiven, die kannst du aufladen bis zum Gehtnichtmehr. Ich hab einen Schutzring gemacht!" Sie hob stolz ihre Hand, an der ein einfacher Goldring steckte. Ich spürte die Energie beim bloßen Ansehen.
"Helm sagt, der Schutz hält zwar nur zwanzig Jahre oder so, aber das war ja auch mein erster richtiger. Je mehr man davon macht, um so stärker wird jeder einzelne. Kommt nur drauf an, mit wieviel Sicherheit man da dran geht. Das steht alles in den Blättern, die ich geschrieben hab." Sie war so glücklich und eifrig, daß ich stehenblieb und sie kräftig an mich drückte. Kerstin warf ihre Arme um mich und legte ihre Wange an meine Brust.
"Ich hab dich schrecklich vermißt!" sagte sie leise. "Kann ich heute abend bei dir schlafen?"
Ich fuhr mit gespreizten Fingern durch ihre Haare. "Ich dachte schon, du fragst gar nicht mehr, Bolzen. Ich freue mich schon drauf."
"Ich auch, Papi." Einen Moment genossen wir die Vorfreude auf heute abend, dann trennten wir uns wieder. Kerstin legte ihren Arm um meine Taille, als wir weitergingen.
"Ich bin sicher, daß es glattgeht", meinte sie überzeugt, als wir uns dem Ausgang näherten. "Helm hat noch mal kontrolliert, und er hat nichts festgestellt, was Probleme machen könnte."
"Hoffen wir's!" seufzte ich. "Kerstin, ich war gestern und vorgestern total daneben deswegen. Ich verstehe immer noch nicht, wie eure Mutter sich über 20 Jahre hinweg so verstellen konnte!"
"Das tut sie ja eben nicht, Papa", antwortete Kerstin leise. "Genau das ist es ja. Sie verstellt sich nicht, sie ist so! Sie will eine Familie, und dabei ist ihr völlig egal, welchen Mann und welche Kinder sie hat. Das tat ganz schön weh."
"Wem sagst du das, Kerstin. Allerdings bringt mich das auf einen schrecklichen Gedanken, und das schon seit vorgestern."
"Ich weiß. Aber Shannon und ihre Schwestern sind nicht so; da haben Helm und ich lange drüber gesprochen. Der Unterschied ist der, daß Shannon es offen ausgesprochen hat, und daß das für sie die letzte Lösung war, sauber unterzukommen. Sie wollte eine richtige Familie, mit Menschen, die sich gegenseitig lieben. Mami hingegen... Sie wollte von Anfang an irgendeinen Mann und irgendwelche Kinder."
"Du sagst es, Kerstin. So wie Shannon irgendeine Familie haben wollte."
"Nein." Kerstin schüttelte ernst ihr Köpfchen. "Papa, es gibt da einen gewaltigen Unterschied. Shannon, Mandy und Becky lieben dich, Biggi und mich. Mama hat nur so getan, als würde sie uns lieben. Genau darüber haben Helm und ich gesprochen. Shannon und ihre Schwestern wollen Liebe, am besten in einer Familie, während Mama eine Familie will, eventuell mit Liebe. Siehst du den Unterschied?"
"Ja, Bolzen, auch wenn er hauchdünn ist."
"Er ist schon was dicker", widersprach Kerstin entschieden. "Papa, ich könnte bei dir bleiben, weil ich dich lieb habe. Daß du auch ein Magier bist, ist Glück. Oder ich bleibe bei dir, weil du ein Magier bist. Und dann tu ich nur so, als ob ich dich lieb habe. Shannon, Mandy und Becky handeln nach dem ersten. Mama hat nach dem zweiten gehandelt. Sie ist bei uns geblieben, weil sie mit uns all das hatte, was sie sich wünschte. Einen Mann, Kinder, ein Haus, Geld. Punkt. Kein Wort von Liebe. Das ist nicht gerade das, wie ich eine Mutter haben wollte. Das tut so weh!"
"Kerstin!" Ich drückte meine still weinende Tochter an mich, um sie zu trösten, und kämpfte meine eigenen Tränen zurück. Es bestand in der Tat ein großer Unterschied zwischen Vera und den drei Mädchen. Die Motivation war entscheidend, da hatte Kerstin völlig recht.
"Geht gleich wieder", sagte sie mit zittriger Stimme. "Ich dachte, ich hätte mich gründlich ausgeheult, aber..."
"Ich weiß, mein Kleines. Geht mir genauso. Immer, wenn ich denke, ich hätte es überwunden, kommt der Schmerz wieder hoch. Sollen wir gleich nach Hause oder erst noch etwas trinken?"
"Cola wär nicht schlecht." Sie zog die Nase hoch. "Und ein Taschentuch. Meine sind ganz unten in der Reisetasche."
"Dann hast du zumindest gelernt, wie man eine Tasche packt."
"Helm hat die gepackt", lachte Kerstin unter Tränen. "Ich hab bis zur letzten Sekunde Ringe aufgeladen. Danke." Sie nahm das Taschentuch und putzte sich gründlich die Nase. An einem Kiosk kauften wir uns zwei Dosen Cola, dann gingen wir zum Auto und fuhren heim. Dort wurde Kerstin erst einmal ausgiebig und mit großem Hallo begrüßt. Anschließend brachte sie ihre Tasche auf ihr Zimmer und schloß sich allen anderen an, die schon im Wohnzimmer warteten. Mein Herz klopfte sehr laut und heftig; nun würde sich zeigen, ob Kerstins und Noels Einfluß das bewirkt hatte, was wir im Interesse aller erhofften. Und was Kerstin im Überschwang ihrer Gefühle eingeleitet hatte.
Kerstin und Birgit saßen an meinen Seiten, Shannon und ihre Schwestern Mandy und Becky bildeten eine zweite Gruppe, Vera und Ian die dritte. Vera begann, getreu den Informationen, die Kerstin ihr verabreicht hatte.
"Es ist natürlich ein trauriger Anlaß", begann sie mit Blick auf unsere Töchter. "Allerdings seid ihr alle schon groß und habt auch untereinander schon darüber gesprochen." Birgit klammerte sich an mich, als es Ernst wurde. Sie war von allen fünf Mädchen dasjenige, das am meisten unter der neuen Entwicklung zu leiden hatte. Ihr Gespür sagte ihr zwar, was los war, aber ihr Verstand hatte noch nicht genügend Erfahrung, das alles zu verarbeiten. Vera redete weiter.
"Um es kurz zu machen: Ian und ich haben in den letzten Wochen sehr viele Gemeinsamkeiten festgestellt, und wir sind nach langen und intensiven Gesprächen zu der Erkenntnis gekommen, daß wir uns lieben. Deswegen sitzen wir jetzt zusammen, um uns gemeinsam zu überlegen, wie es weitergehen soll." Ein innerlicher Ruck ging durch uns, als es ausgesprochen war. Einige verspürten Erleichterung, andere Beklemmung. Ian war der, der sich am meisten unwohl fühlte, denn er mußte ständig damit rechnen, angefeindet zu werden.
Zuerst redeten Vera und ich mit Birgit, im Stillen unterstützt von Kerstin, die dafür sorgte, daß Birgit sich an bestimmte Situationen erinnerte, in denen Vera sich anstatt die Kinder in den Vordergrund gestellt hatte. Sie kümmerte sich außerdem um Birgits Kummer und hielt ihn in Grenzen.
Nachdem Birgit schweren Herzens das Unausweichliche akzeptiert hatte, kam die Rede auf die Zukunft. Wie Kerstin es vorbereitet hatte, verzichtete Vera auf jegliche Ansprüche und Rechte, was auch gleich schriftlich fixiert wurde, während Ian und ich einen Zusatz in die Verträge über die Pflegefamilie aufnahmen, daß zukünftig ich alleine für die Mädchen zuständig sein sollte.
Es war unglaublich schwer, in einem nüchternen, fast schon geschäftsmäßigen Ton über das Ende von 20 Ehejahren zu reden. Ich schwankte permanent zwischen Verzweiflung und Wut. In der einen Sekunde wollte ich Vera durchschütteln und ihr Vernunft einhämmern, in der nächsten wollte ich mich in eine Ecke verkriechen und alles um mich herum einfach weiterlaufen lassen. Einerseits wollte ich Vera bei mir behalten, den Kindern eine Mutter und mir eine Frau geben, andererseits konnte ich ihr einfach nicht mehr vertrauen. Wer weiß, wann sie ihren Mercedes bestellt hätte, und was danach noch auf uns zugekommen wäre. Außerdem hatten weder Kerstin noch ich Veras Drohungen in Bezug auf die drei Mädchen und unsere eigenen Kinder vergessen. Vera dieses Wissen zu lassen konnten wir uns einfach nicht leisten, und daß sie ein Wolf blieb, ebenfalls nicht.
Es war das Vernünftigste, was wir hier taten, und es war gleichzeitig das Schwerste, was ich in meinem ganzen Leben durchzustehen hatte. Um der Kinder willen mußte ich stark sein, obwohl alles in mir schwach war.
Nach wenig mehr als einer Stunde war über 20 Jahre Gemeinschaft entschieden. Ian entschuldigte sich zum tausendsten Mal, ich erklärte ihm zum tausendsten Mal, daß niemand Liebe steuern könne, und Vera sagte zum tausendsten Mal, wie leid ihr das alles täte, aber ihr Gefühl spräche nun einmal so und nicht anders. Schließlich stand Vera auf, um ihre Sachen zu packen. Ian ging bedrückt hinüber, wobei ihm anzusehen war, daß er jeden Augenblick damit rechnete, in ein Messer zu laufen. Shannon, Mandy und Becky nahmen Birgit mit hoch, um mit ihr zu reden, und Kerstin und ich saßen geknickt auf der Couch und gaben einander Trost und Halt.
Es war der schlimmste Tag meines Lebens.










Kapitel 25 - Sonntag, 10.10. bis Freitag, 15.10.1999



Birgit wälzte sich unruhig herum, genau wie Kerstin und ich. Ich nahm meine Töchter in den Arm. Beide drückten sich an mich und machten gequälte Geräusche. Außer Streicheln und tröstende Worte sagen konnte ich nicht viel tun, aber das tat ich, bis zumindest Birgit in einen unruhigen Schlaf fiel.
Kerstin faßte die Situation perfekt zusammen. "So ein Scheiß!"
"Ja, aber was hätten wir tun sollen, Bolzen? Ich kann eure Mutter doch nicht ein Auto für zigtausend Mark kaufen lassen. Und -"
"Und dich anzeigen. Und Shannon und Mandy und Becky ins Heim stecken. Ich weiß." Seufzend schmiegte Kerstin sich an mich. "Aber trotzdem geht's mir dreckig."
"Nicht nur dir, Bolzen. Wir müssen uns in der nächsten Zeit sehr um deine Schwester kümmern. Birgit hat ganz schön darunter zu leiden."
"Für sie kam das ja auch aus heiterem Himmel. Jetzt weiß ich wenigstens, wie sich die Christine aus meiner Klasse fühlt. Deren Eltern haben sich auch kurz vor den Ferien getrennt. Ist doch alles Mist!" Sie weinte leise. Davon wurde Birgit wieder wach und weinte gleich mit. Ich drückte beide Mädchen kräftig an mich.
Wie sollte es jetzt bloß weitergehen? Wir hatten nun zwar Ruhe, aber keine Mutter mehr im Haus. Was von beidem vorzuziehen war, konnte ich im Augenblick beim besten Willen nicht bestimmen.
Ich hielt meine leise weinenden Töchter im Arm und tröstete sie, während auch mir die Tränen über die Wangen liefen.



Nach dem Aufstehen war der erste große Kummer fortgespült, doch unsere Stimmung war nach wie vor sehr bedrückt. Vera fehlte einfach, auch wenn wir alle wußten, daß es mit ihr im Lauf der Zeit immer schwieriger für uns geworden wäre. Kurzzeitig wünschte ich mir, daß der Verstand stärker als das Gefühl sei und es zum Schweigen bringen könne, doch das brachte mich auch nicht weiter. Es ging einfach nicht.
Wir hatten gerade mit dem Frühstück begonnen, als das Telefon klingelte. Ein Anruf um kurz nach sechs am Sonntagmorgen bedeutet normalerweise einen Todesfall; entsprechend nervös war ich, als ich zum Telefon lief, den Hörer abhob und mich meldete.
"Helm", klang die kräftige Stimme durch den Hörer. "Tut mir leid, wenn ich euch geweckt habe."
"Schon gut", seufzte ich. "Im Moment ist jede Ablenkung willkommen."
"Kann ich mir denken; Kerstin hat schon einiges erzählt. Anton, ich würde mich nicht bei dir melden, wenn es nicht wichtig wäre. Es ist kein Notfall, aber du könntest einer Freundin sehr helfen."
"Und wie?" fragte ich wenig begeistert. Im Moment waren meine Familie und ich diejenigen, die Hilfe brauchten.
"Akiko. Sie hat offenbar ganz entfernte Verwandte in Deutschland, und der letzte davon ist vor einigen Monaten gestorben. Akiko ist die einzige Erbin, auch wenn sie in Japan wohnt. Sie müßte für zwei, drei Wochen nach Deutschland kommen und alles klären. Lustigerweise wohnten die Verwandten von ihr ganz bei dir in der Nähe, und da dachte ich, sie könnte in dieser Zeit bei euch unterkommen."
"Im Prinzip jederzeit, Helm", erwiderte ich zögernd. "Nur ist es im Moment bei uns sehr unruhig, und ich denke nicht, daß Akiko sich in unserem Haushalt wohl fühlen würde. Ach, verdammt!" entfuhr mir plötzlich. "Helm, gestern ist Vera ausgezogen. Ich kann es nicht, selbst wenn ich wollte! Es tut mir leid."
"Mir auch", entschuldigte Helm sich sofort. "Ich schnüffle nicht in den Privatangelegenheiten meiner Freunde herum und wußte es daher nicht. Daß es so schnell gehen würde, hätte ich nicht gedacht. Dann werde ich Akiko anrufen und ihr Bescheid sagen."
Vor mir tauchte das Bild von Akiko auf, der stillen, selbstsicheren Japanerin, die mutig als erste in den unbekannten Stollen vorgedrungen war. Die für zwei oder drei Wochen alleine in einem Hotel sitzen müßte, wo doch ein Kollege ihrer Zunft genügend Platz für sie hatte. Plötzlich schämte ich mich für meinen Ausbruch.
"Sie kann kommen", seufzte ich. "Das Haus ist groß genug, und sie wird ja hier nur übernachten. Tut mir leid, daß ich geplatzt bin. Es ging nicht gegen dich oder Akiko."
"Das verstehe ich vielleicht besser, als du glaubst, Anton. Ich danke dir. Ich melde mich dann in ein paar Minuten noch einmal bei dir wegen ihrer Ankunftszeit."
"Mach das, Helm. Eine Frage: warum hast du nicht über das Gedankentelefon angerufen?"
Helm lachte leise. "Hat Kerstin dir nicht erzählt, was ich beruflich mache? Ich handle mit Schmuck. An- und Verkauf. Du stehst in meinen Unterlagen als Experte für ägyptischen Schmuck. Wenn du die norwegischen Steuersätze kennen würdest, wüßtest du, warum ich anrufe und so lange mit dir rede."
"Alles klar", lächelte ich in den Hörer. "Allerdings ist ein Anruf um diese Uhrzeit immer ein Alarmsignal."
"Anschiß angekommen. Aber ich dachte, ich werfe euch einfach mal aus dem Bett. Hier in Norwegen ist es eine sternenklare Nacht, viel zu schade zum Schlafen."
"Bei uns regnet es in Strömen. Vielen herzlichen Dank fürs Wecken, Helm."
"Gern geschehen. Bis gleich." Bevor er auflegte, hörte ich ihn noch laut lachen. Ich legte den Hörer zurück und ging wieder ins Eßzimmer.
Die Nachricht wurde mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Kerstin freute sich, Akiko wiederzusehen, während Shannon, Mandy und Becky gleichgültig reagierten. Birgit hingegen verzog das Gesicht; sie hatte genausowenig Lust auf noch mehr Veränderung wie ich. Doch die Aussicht, daß Akiko nur hier übernachten würde, hielt das Murren in Grenzen. Bei Birgit wie bei mir.
Wenige Minuten später meldete Helm sich wieder, diesmal per Gedanke.
'Akiko bedankt sich sehr herzlich, Anton. Sie wird morgen abend gegen achtzehn Uhr eintreffen und wahrscheinlich todmüde aus dem Flieger steigen. Ihrer inneren Uhr nach wird es drei Uhr morgens sein; Tokio ist nämlich neun Stunden weiter als Deutschland. Sie wird zwei, drei Tage brauchen, um sich zu akklimatisieren.'
'Kein Problem, Helm. Wird sie Hilfe brauchen?'
'Kaum. Ihr Deutsch ist nahezu perfekt. Sie wird alleine klarkommen.'
'Um so besser. Ich werde sie dann morgen abholen.'
'Vielen Dank, auch in ihrem Namen noch einmal. Habt ihr schon ein paar Orte herausgefunden?'
'Leider nein. Uns ging das mit meiner Frau bisher im Kopf herum.'
'Schon in Ordnung, Anton. Es hilft keinem, wenn ihr das verdrängt. Ein paar Wochen mehr oder weniger spielen keine Rolle, wenn der Antichrist von zwanzig Jahren redet. Ich drück euch die Daumen.'
'Danke, Helm. Bis bald.'



Nach dem Frühstück setzten wir uns zusammen und besprachen die zukünftige Aufteilung sämtlicher Arbeiten, um uns wenigstens etwas abzulenken.
"Ich werde in Zukunft einkaufen fahren", begann ich. "Von euch bräuchte ich nur eine Liste, was ich besorgen muß."
"Kriegst du. Wir bleiben bei dem, wie es bisher war", sagte Mandy, "Das klappte ja bisher auch perfekt, und wir alle hatten trotzdem genug Freizeit für uns."
"Das klingt gut. Wie machen wir das mit dem Kochen, wenn ihr wieder in der Schule seid? Ich bin nicht besonders gut darin."
"Das bringen wir dir bei", lächelte Shannon. "Und zwar ganz schnell."
"Besser nicht!" Birgit sah sich ängstlich um. "Können wir nicht mittags Brote machen und abends warm essen?"
"Warum?" fragte Becky, während ich tief Luft holte.
"Weil", sagte Birgit nach einem kurzen Blick auf mich, "Papa mal Pfannkuchen gemacht hat, als Mama mit ihrem gebrochenen Finger im Krankenhaus war. Die Dinger konnten wir nur mit Hammer und Säge essen." Die Mädchen platzten los vor Lachen.
"Ach ja!" kicherte Kerstin. "Ich weiß noch, wie er fröhlich vor der Pfanne stand und nach draußen sah. Plötzlich war es ganz dunkel in der Küche, und es qualmte wie verrückt."
"Da habe ich nur an eine neue Geschichte gedacht!" verteidigte ich mich gekränkt.
"Du hättest besser an deine hungrigen Kinder denken sollen!" Kerstin warf sich an mich und lachte Tränen. "Biggi, weißt du noch, wie kohlschwarz die Dinger waren?"
"Ja!" lachte Birgit, der auch die Tränen aus den Augen liefen. "Und wie laut die auf die Teller gefallen sind! Das hat richtig geklirrt!"
"Was unternehmen wir heute?" fragte ich unschuldig in die Runde, doch die Mädchen achteten gar nicht auf mich.
"Dann hat er Pizza bestellt." Kerstin kringelte sich vor Lachen. "Uns wollte er in der Wartezeit einen Kakao kochen. Biggi, weißt du noch?"
"Wie die Milch überkochte und es tierisch gestunken hat? Klar!" Birgit wischte sich die Lachtränen ab. "War die Küche versaut!"
Ich nahm mir ein Brötchen und schnitt es mit grimmigem Gesicht auf.
"Aber den Toast abends hat er super hingekriegt, oder?"
"Aber nur, weil wir ihm gesagt haben, wie der Regler stehen muß!" Meine Töchter fielen sich lachend in die Arme.
"Und wie er das neue Glas mit den Gurken nicht aufbekommen hat!"
"Ja, und wie er dann mit dem Löffel das ganze Glas zerbrochen hat, weil er viel zu kräftig gehebelt hat! War das herrlich!"
Wenigstens lachte Birgit wieder.

* * *

Je mehr vom Sonntag verging, um so mehr fing Birgit sich. Doch daß sie tief verstört war, merkte ich daran, daß sie zu allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten urplötzlich zu mir kam und mich drückte, als hätte sie Angst, auch mich zu verlieren. Wann immer dies vorkam, machte ich mir schwere Vorwürfe, daß ich Veras Konto gesperrt und somit den endgültigen Knall eingeleitet hatte, aber auf der anderen Seite wußte ich auch, daß Vera mehr und mehr Unruhe in unsere Familie gebracht hätte. Und vielleicht sogar Shannon, Mandy und Becky dazu bewogen hätte, auszuziehen. Ich hatte keine andere Wahl gehabt als so zu handeln. Dennoch machte ich mir Vorwürfe.
Beim Abendessen kehrte die bedrückte Stimmung zurück, als gelegentliche Blicke auf Veras Stuhl fielen, der nun leer war und auch leer bleiben würde, doch es war schon nicht mehr ganz so stark wie noch am Morgen. Nach dem Essen machten wir einige Brettspiele, bis es für die jüngeren Mädchen Zeit wurde, ins Bett zu gehen.
Birgit und Becky machten frühzeitig den Anfang; sie wollten noch duschen gehen. Mandy und Kerstin folgten eine halbe Stunde später. Shannon und ich räumten schnell auf, dann ließen wir uns auf der Couch nieder. Shannon kuschelte sich in meinen Arm und lag still.
"Erzähl", sagte ich sanft. "Du hast doch etwas auf dem Herzen, mein Liebling."
"Du sollst mich doch nicht immer so durchschauen." Sie gab mir einen leichten Kuß. "Du hast recht. Ich frage mich langsam, ob das an uns liegt, Toni. Daß immer alles auseinander bricht."
"Du redest Unsinn, Liebling, und du weißt das auch." Ich drückte sie eng an mich. "Shannon, wieso liegt es an dir, daß Kerstin und ich plötzlich Magie im Blut haben? Wir hatten es schon, als wir dich noch gar nicht kannten, und es wäre bei mir schon viel früher ausgebrochen, wenn ich den Mut gehabt hätte, zu mir selbst zu stehen. So wie Noel. Ich war einfach feige."
"Mag sein, aber es ist doch trotzdem ein merkwürdiger Zufall, oder? Unsere Familien lernen sich kennen, wir verlieben uns ineinander, du wirst zum Wolf, ich lade Noel ein, du wirst zum Magier, Vera verläßt uns... Ich komme mir immer öfter wie ein Katalysator des Chaos vor, Toni. Wo immer ich auftrete, bricht Unruhe aus, und Familien zerbrechen. Vielleicht sollten wir drei uns wieder auf den Weg machen."
"Vielleicht solltest du einfach deine süße Klappe halten, mein Liebling. Du willst mich doch jetzt nicht alleine lassen, oder?" Ich zwinkerte ihr zu. "Außerdem haben wir viele tausend Jahre Zeit, eine neue Mutter für euch zu suchen. Gib mir nur etwas Zeit, das alles zu verarbeiten. Auch wenn ich locker und ruhig tue, bin ich innerlich noch sehr aufgewühlt."
"Danke!" seufzte Shannon tief.
"Wofür?"
"Daß ich nicht die Mutterrolle übernehmen soll."
"Mit 15?" zog ich sie auf. "Du bist doch noch ein kleines Mädchen!"
Shannon lächelte herzlich und schmiegte sich an mich. "Ich liebe dich, Toni", sagte sie leise. "Ich liebe dich von Tag zu Tag mehr. Warum konnten wir uns nicht schon vor zweihundert Jahren kennenlernen?"
"Weil wir da garantiert ins Verließ gekommen wären, wenn jemand gesehen hätte, was wir so treiben."
"Wahrscheinlich." Sie lachte leise. "Aber andererseits... Damals wurden Mädchen mit 15 schon versprochen und gelegentlich auch verheiratet. Egal." Wir küßten uns zärtlich.
"Wie ist diese Akiko?" fragte sie dann.
"Still. Und stark. Selbstsicher. Sie wird uns nicht stören, mein Liebling. Sie muß ihre Erbschaft klären, also zum Notar rennen, und wird hier nur übernachten."
"Klingt gut. Ich glaube, wir haben erst mal alle genug von noch mehr Problemen."
"Sie wird kein Problem werden, mein Liebling. Was habt ihr Mädchen für nächste Woche geplant?"
"Von der Schule ausruhen. Birgit muß noch drei oder vier Seiten aus ihrem Mathebuch nacharbeiten, dann ist sie wieder auf Stand. Becky hilft ihr dabei. Das blieb diese Woche alles etwas liegen."
"Ist doch verständlich. Ich liebe dich auch von Tag zu Tag mehr, Shannon. Daß du mich so vorbehaltlos akzeptierst, mit all meinen Fehlern und Schwächen..."
"Und mit den zwei oder drei Vorzügen", schmunzelte sie. Ich hob erstaunt die Augenbrauen.
"Doch so viele?"
Wir umarmten uns lachend, dann legte Shannon ihre Wange auf meine Schulter. "Warum ist das so erstaunlich, Liebster? Du machst bei mir doch das gleiche. Außerdem habe ich das schon früh gemerkt. Bei den ersten Familien, wo ich war. Die meisten hatten auch Kinder. Manchmal kleine, manchmal schon größere. Aber ich habe schnell gemerkt, daß jeder Mensch unterschiedlich ist, und daß es gerade die Schwächen sind, die einen Menschen einzigartig machen. Menschen, die immer nur stark sind, sind langweilig. Finde ich wenigstens. Ich finde es interessanter und auch imposanter, wenn ein Mensch eine Entscheidung trifft, bei der er seine Schwächen besiegen muß. Das ist Stärke."
"Da liegst du gar nicht mal falsch, mein Liebling. Shannon, bleibt bei uns. Mach dir bitte keine Vorwürfe. Wenn ich mit 13 meinen Eltern die Stirn geboten hätte, wäre es höchstwahrscheinlich gar nicht zu der Ehe mit Vera gekommen."
"Möglich", antwortete sie leise. "Und wir hätten uns nicht kennengelernt. Na gut, pack ich meinen Koffer eben wieder aus."
"Wovor hast du Angst, mein Liebling?"
"Vor einem Leben in Kälte, Liebster. In menschlicher Kälte. Ohne Liebe, ohne Zuneigung. Davor habe ich Angst. Und du?"
"Vor einem Leben ohne meine Kinder. Ihr drei seid übrigens inzwischen genauso meine Kinder wie Kerstin und Birgit."
"Das war der schönste Satz, den ich in den letzten Jahrzehnten gehört habe, Liebster. Bin ich nur dein Kind?"
"Meistens. Manchmal auch meine Geliebte, aber eigentlich bist du rund um die Uhr meine Partnerin."
"Danke!" flüsterte Shannon. "Wollen wir ins Bett gehen?"
"So müde?"
"Nein, im Gegenteil."
"Dann gehen wir."
Als wir nach oben gingen, hörten wir Kerstin und Mandy in der Wanne planschen. Wir schauten noch einen Moment herein, sagten den beiden Gute Nacht und gingen dann ins Schlafzimmer. Shannon hatte am Morgen das Bett neu bezogen und dabei zwar ein Laken von uns, jedoch die Bezüge für Oberbett und Kopfkissen von sich genommen. Es war, als würden Shannon und ich nun in unser eigenes Bett gehen.
"Komm." Sie drückte mich auf das Bett und zog mich aus, dann schlüpfte sie schnell aus ihrer Kleidung und setzte sich auf mich. Sie nahm mich auf, stützte sich auf meinen Händen ab und folgte ihrem Gefühl. Zwanzig Minuten später lag sie glücklich auf mir.
"Gute Nacht, Liebster."
"Gute Nacht, mein Liebling." Ich schloß meine Arme um sie und ließ mich von der erfüllten Zufriedenheit in den Schlaf tragen.



Nachdem Kerstin, die nach dem Aufwachen zu uns gekommen war, und ich uns ausgiebig Guten Morgen gesagt hatten, blieb meine Tochter noch etwas liegen, während ich sie zärtlich streichelte. Gegen sechs standen wir dann endgültig auf. Mandy und Birgit bereiteten schon das Frühstück vor, Shannon und Becky waren noch im Bad. Kerstin und ich halfen, den Tisch zu decken und alles vorzubereiten.
Birgit ging es deutlich besser. Sie lachte viel und war schon fast wieder ganz die alte. Das Frühstück selbst war begleitet von scherzhaftem Reden und vielem Lachen; langsam kehrte die Normalität zurück, auch wenn ein Mitglied der Familie fehlte.
Mandy wollte mit mir einkaufen fahren. "Schließlich weißt du nicht, wo die ganzen Sonderangebote stehen." Wer hätte da noch Nein sagen können?
Doch um Mandy gerecht zu werden: sie hatte den totalen Durchblick. Und wieder erfuhr ich ein kleines, aber wichtiges Detail. Vera hatte Mandys preiswerte Artikel links liegen lassen und nach wie vor die teureren gekauft, als ich in Schottland war.
"Es ist vorbei", seufzte ich, während ich Mandy kurz drückte. Sie nickte bekümmert.
"Die Tage waren wirklich schlimm, Papa. Wir waren alle froh, als du wieder da warst. Holst du eine 20er Packung Eier? Wir treffen uns beim Salat."
Man mußte Mandy einfach liebhaben.
Nach dem Einkaufen räumten wir schnell ein. Die übrigen Mädchen waren mit dem Haushalt beschäftigt. Meine Frage, ob ich ihnen helfen sollte, wurde dahingehend beantwortet, daß Shannon mich an ihre Hand nahm, in mein Büro führte und in den Stuhl drückte. Sie gab mir lächelnd ein paar Klapse auf die Schulter, einen schmatzenden und gewollt feuchten Kuß auf den Mund, dann lief sie fröhlich lachend hinaus. Ihr kurzer Hausrock flatterte munter um sie herum.
Bis zum Mittagessen schrieb ich an meinen Heften, nach dem Essen an dem Taschenbuch, das bis Ende Oktober fertig sein sollte. Um vier Uhr wurde es Zeit, zum Flughafen zu fahren.
Bis ich mich durch den Berufsverkehr gekämpft und den Parkplatz des Flughafens erreicht hatte, war es schon viertel vor sechs. Als ich das Gebäude betrat, mußte ich für mich lachen; es kam mir vor, als würde sich mein Leben in letzter Zeit immer mehr auf dem Flughafen abspielen.
Akikos Flug wurde mit 20 Minuten Verspätung angezeigt, also ging ich in ein Bistro und trank einen Kaffee, bis die Landung des Flugzeuges angezeigt wurde. Langsam schlenderte ich zum Ausgang des Zolls; bei zwei Wochen Aufenthalt würde Akiko mit mindestens einem Koffer erscheinen und mußte demzufolge erst noch auf die Gepäckausgabe warten.
Ein paar Minuten später sah ich Akiko mit den anderen Flugpassagieren auf das Förderband zugehen. Sie entdeckte mich und winkte mir verhalten zu, bevor sie ihre Aufmerksamkeit auf das Band richtete. Jedoch dauerte es noch etwa zehn Minuten, bis die ersten Koffer erschienen.
Endlich hatte Akiko ihr Gepäck: einen großen und einen kleineren Koffer. Sie schleppte ihr Gepäck durch den Zoll, der sie nach einigen kurzen Fragen und einem schnellen Blick in ihre Koffer durchwinkte. Sofort war ich bei ihr.
"Willkommen in Deutschland, Akiko. Wie war Ihr Flug?"
"Etwas stürmisch kurz vor der Landung. Es ist sehr nett von Ihnen, mich für die Dauer meines Aufenthaltes bei Ihnen wohnen zu lassen, Anton." Das war der erste lange Satz, den ich von Akiko hörte.
"Es ist mir ein Vergnügen, Akiko. Darf ich Ihnen Ihr Gepäck abnehmen?"
"Nur, wenn Sie nicht damit laufen gehen." Wieder lächelte sie leicht, während sie ihre Koffer abstellte.
"Ich glaube kaum, daß mir Ihre Kleider passen werden", schmunzelte ich. Akikos Augen blitzten mutwillig auf.
"Das Weiße eventuell; es ist sehr hoch geschlitzt."
"An dieser Stelle", lachte ich, "sollten wir einen Themenwechsel in Erwägung ziehen. Möchten Sie etwas trinken?"
"Ein starker Kaffee wäre angenehm. Ich habe im Flugzeug zwar ein paar Stunden geschlafen, aber nach meiner Zeit ist es jetzt fast vier Uhr in der Früh."
"Gleich da vorne ist ein Bistro." Ich nahm ihre Koffer, wir gingen los.
"Helm hat einige Andeutungen über Ihre familiäre Situation gemacht", sagte Akiko auf dem Weg. "Es tut mir sehr leid, Anton. Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen."
"Nein. Als Helm von Ihnen sprach, war ich erst gar nicht begeistert, eben wegen des ganzen Ärgers zu Hause, aber ich fand es auch unsinnig, daß Sie zwei oder drei Wochen in einem teuren Hotel wohnen, wo wir so viel Platz haben."
"Das ist sehr nett von Ihnen, Anton", sagte sie mit sehr viel Wärme in der Stimme. "Ich werde auch versuchen, Ihnen nicht zur Last zu fallen." Wir hatten inzwischen das so gut wie leere Bistro erreicht und setzten uns hin. An der Art, wie Akiko sich setzte, bemerkte ich ihre Müdigkeit. Ein Kellner kam, wir bestellten, dann drehte ich mich zu Akiko.
"Sie sind jetzt ganz anders als letzte Woche, Akiko. Sehr viel gesprächiger."
Sie lächelte still. "Heute muß ich auch nicht gegen Dämonen kämpfen." Sie machte eine kurze Pause, in der es wieder humorvoll in ihren Augen aufblitzte. "Oder sind welche bei Ihnen zu Hause?"
"Tja..." machte ich gedehnt. "Bei zwei oder drei meiner Kinder bin ich mir noch unsicher."
"Wie viele haben Sie denn insgesamt?" Ihre Frage war nicht nur Konversation, sondern ein echtes Interesse an dem Menschen, mit dem sie sprach.
"Fünf. Zwei eigene, und drei Pflegekinder."
Akiko hob die Augenbrauen. "Nicht übel. Wieviel von welcher Sorte?"
"Alle von einer. Alle fünf sind Mädchen."
"O nein!" lachte sie fröhlich. "Und da wollen Sie mich noch dazu packen?"
"Das fällt schon gar nicht mehr auf." Ganz gegen meinen Willen begann ich, Akiko mit den Augen eines Mannes zu sehen statt mit denen des befreundeten Magiers. Akiko war etwas über 1,70 groß und sehr schlank. In ihrem Blut war keine andere Rasse außer der japanischen zu finden, was sich besonders in den dunklen Augen und deren Form niederschlug. Ihre sehr langen vollen Haare waren so tiefschwarz, daß sie tatsächlich schon bläulich schimmerten, was mir vor einer Woche überhaupt nicht aufgefallen war. Sie trug ein schlichtes, dunkelblaues Kostüm mit einer weißen Bluse, eng geschnitten und ihre attraktive Figur betonend. Automatisch sah ich auf ihre zierlichen Hände und entdeckte keinen Ehering.
"Ich bin 32 Jahre alt", sagte sie mit einem versteckten Schmunzeln. "Nach Ihren Sternzeichen bin ich Krebs, und ich esse gerne einfach, aber abwechslungsreich."
"Verzeihung." Ich spürte die Hitze vom Nacken bis zur Stirn aufsteigen. Akiko lachte leise.
"Warum? Das gibt mir einen guten Grund, jetzt Sie auszufragen. Wie kamen Sie zur Magie, Anton?"
"Das ist eine sehr lange Geschichte, Akiko. Das soll nicht heißen, daß ich Sie Ihnen nicht gerne erzähle, sondern nur, daß ich sehr weit ausholen muß, weil damit auch meine zusätzlichen drei Kinder verbunden sind."
"Wir haben genug Platz", lächelte sie verschmitzt, mit einem Blick auf die vielen leere Stühle und Tische. "Holen Sie aus."
"Dann werde ich Ihnen aber sehr viel mehr über mich verraten als ich bisher von Ihnen weiß."
"Haben Sie Angst, etwas von sich selbst zu erzählen?"
Ich mußte lachen. "Können wir Magier eigentlich jemals aus unserer Haut und nur ganz normale Fragen stellen?"
"Nein!" Auch Akiko lachte herzhaft. Der warme Blick ihrer dunkeln Augen fuhr mir durch und durch. Ob Helm mit seiner Bitte, Akiko bei uns aufzunehmen, eine bestimmte Absicht verfolgte?
"Fangen Sie bitte an, Anton. Mich interessiert brennend, wie eine Familie auf anscheinend unkonventionelle Art drei Kinder dazu bekommt."
Ich begann, von Shannon, Mandy, Becky und Ian zu erzählen, und von Vera, Kerstin und Birgit. Akiko war ganz Ohr und sah mich selbst dann noch aufmerksam an, wenn sie von ihrem Kaffee trank. Ich kürzte die Geschichte so gut wie möglich, trotzdem war es fast acht Uhr, als ich damit fertig war.
"Unglaublich", lächelte sie herzlich. "Ich habe schon gehört, daß Noel drei 'Sorgenkinder' hat, wie er sie manchmal nennt, aber daß es diese drei sind... Das Leben schlägt manchmal seltsame Kapriolen, nicht wahr?"
"O ja! Das tut es. Und immer gerade dann, wenn man meint, stabil und fest zu stehen."
"Ich weiß, was Sie meinen, Anton."
"Haben Sie eigentlich Kinder, Akiko? In der Höhle letztens sagten Sie -"
"Daß ich meine Kinder nicht beerdigen möchte. Nein, ich habe keine Kinder, aber wenn ich welche hätte, würde ich sie nicht überleben wollen. Allerdings kann ich es sehr gut verstehen, daß eine Familie so lange wie möglich zusammenbleiben möchte." Sie drehte ihre Tasse gedankenverloren auf der Untertasse herum.
"Meine Eltern sind leider sehr früh bei einem Erdbeben umgekommen", erzählte sie leise. "Damals wohnte ich noch in Osaka. Ein entfernter Onkel hat mich bei sich aufgenommen, aber als ich merkte, daß ich für ihn mehr sein sollte als nur die 12jährige Nichte, bin ich ausgerissen und zu einer noch entfernteren Tante nach Tokio gezogen. Sie hat mir geholfen, meine Kräfte zu entwickeln und zu verstärken. Außerdem hat sie dafür gesorgt, daß ich eine anständige Schulbildung erhielt, auch wenn sie dafür fast Tag und Nacht arbeiten mußte. Ich hatte die leider viel zu kurze Ehre, nach meinem Studium für sie sorgen zu dürfen; als ich 26 war, ist sie gestorben. Daß ich noch Verwandte in Deutschland hatte, wußte ich überhaupt nicht, doch ein Genealoge hat die Zusammenhänge herausgefunden. Es ist eine Verwandtschaft über mindestens 15 Ecken und zwei Kontinente, aber es ist eine." Sie lächelte still. "Was allerdings auf mich wartet, weiß ich nicht. In dem Brief stand nur, daß mein persönliches Erscheinen notwendig wäre. Und so bin ich hier. Zwar sehr spät, weil ich durch den Genealogen erst sicher sein wollte, daß es kein Trick oder Scherz ist, aber besser spät als nie."
"Die Geschichte mit Ihrem Onkel tut mir sehr leid, Akiko."
Sie lächelte verhalten. "Ähnliche Geschichten gibt es in jedem Land dieser Erde, und leider sehr viele, die nicht so gut ausgehen. Darf ich noch einen Kaffee trinken, oder zieht es Sie nach Hause?"
"Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen, Akiko." Ich winkte dem Kellner und deutete auf Akikos Tasse. Er nickte. Kurz darauf kam eine neue, gefüllte Tasse. Akiko trank einen vorsichtigen Schluck, wobei sie mich ansah.
"Ihre Tochter Kerstin ist sehr mächtig", sagte sie, als sie die Tasse abgesetzt hatte. "Eigentlich ging ich davon aus, daß der Vater mindestens ebenso mächtig sein müßte. Sie sind jedoch in der Verteidigung geblieben und erst beim letzten Kampf zum Angriff gewechselt. Warum?"
"Gerade wegen Kerstin, Akiko. So konnte ich ein Auge auf sie haben. Außerdem war das unser erster Kampf. Eigentlich mein zweiter, aber der erste kam so überraschend, daß ich ihn nicht dazuzähle."
"Sind Sie ein guter Vater?"
Ich lachte kurz, aber bitter. "Das ist eine Frage, die ich mir zur Zeit auch stelle, Akiko. Ich bin mir im Moment nicht mal sicher, daß ich die Antwort darauf wissen möchte."
"Sie dürfen sich nicht die Schuld für die Fehler Ihrer Jugend geben, Anton", sagte sie ernst. "Damit verhindern Sie das Wachstum. Aber das haben Sie vermutlich schon von anderer Seite gehört."
Ich dachte an Noel und lächelte. "O ja, das habe ich. Und viel deutlicher, als Sie es soeben gesagt haben. Was haben Sie studiert, Akiko?"
"Botanik. Eigentlich sagt man uns Japanern nach, daß wir alle die Natur im Blut haben, aber ich wollte mehr über Pflanzen wissen, vor allem über jene, die nicht bei uns wachsen. Den Deutschen sagt man nach, daß es alle Dichter und Denker seien, aber auch bei Ihnen gibt es bestimmt genug Menschen, die diesem Anspruch nicht gerecht werden."
"Mehr als genug. Ich verstehe Ihre Analogie. Diese Zeit der Dichter und Denker war eher das 18. und 19. Jahrhundert. Genau wie die Bezeichnung 'Made in Germany' gilt sie heute nicht mehr das, was sie früher einmal galt."
"Auch bei uns ist ein gewaltiger Umbruch im Gang", sagte Akiko nachdenklich. "Unsere Jugend. Sie hat alles und erstickt an ihrer eigenen Wunschlosigkeit. Die Kinder wünschen sich nichts mehr, weil sie alles haben, Anton. Eine erfolgreiche Industrienation zu sein hat auch Nachteile."
"Und wahrscheinlich gibt es auch bei Ihnen eine sehr deutliche Grenze zwischen Arm und Reich?"
"Eine überdeutliche. Sie gehen durch die reichen Geschäftsviertel, biegen in eine Seitengasse ein und treten mitten in die bitterste Armut. Anton, wieso verplaudere ich hier Stunde um Stunde mit Ihnen und vergesse dabei, wie müde ich bin?"
"Das liegt bestimmt an dem hervorragenden Kaffee in Deutschland", grinste ich verlegen. "Aber Sie haben recht. Wie weit ist Ihr Kaffee?"
"So gut wie besiegt." Sie trank den letzten Rest und stellte die Tasse ab. "Gehen wir?"



"Ihr habt euch ja Zeit gelassen!" Kerstin produzierte ihren besten vorwurfsvollen Blick, als wir hereinkamen. "Wir haben schon zu Abend gegessen, aber für euch steht noch etwas da. Hallo, Akiko!"
"Hallo, Kerstin. Schön, dich wiederzusehen." Die beiden umarmten sich kurz. Ich machte Akiko mit dem Rest der Familie bekannt und stellte erleichtert fest, daß Akiko zwar nicht herzlich wie eine gute Freundin, aber auch nicht feindselig oder ablehnend begrüßt wurde. Selbst Birgit ging etwas reserviert, aber freundlich auf sie zu.
"Eine bezaubernde Schar!" sagte Akiko entzückt. "Einfach wundervoll! Und ihr drei seid tatsächlich über einhundert Jahre alt?"
"Nur wir beide", erwiderte Mandy, während sie auf Becky deutete. "Wir sind etwas über 130 Jahre alt. Shannon ist 231."
"231 Jahre!" lachte Akiko herzlich. "Verrätst du mir, welche Hautcreme du benutzt?"
"Eine ganz besondere Marke", lächelte Shannon geheimnisvoll. "Mit den Zutaten Wolf, Rausschmiß, Noel und Toni."
"Klingt nach einer berauschenden Mischung." Akikos Herzlichkeit, die sie für Shannon und die anderen Kinder empfand, stand ihr deutlich im Gesicht.
"Das ist sie auch. Wir haben euch etwas zu essen gemacht. Was möchten Sie trinken, Akiko?"
"Etwas Kaltes, bitte. Der Jetlag soll bei vielen einen aufgedrehten Zustand hervorrufen, aber mich macht er einfach nur müde und abgespannt. Wo kann ich meine Koffer unterbringen?"
"Im Gästezimmer", erwiderte ich. "Möchten Sie eben mit hoch?"
"Gerne. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich mir schnell etwas Bequemeres anziehen."
"Natürlich nicht, Akiko."
Ich trug ihre Koffer nach oben und zeigte Akiko noch das Bad, dann ging ich wieder nach unten, wo ich mit den Mädchen redete und mit Birgit schmuste, bis Akiko herunter kam, gekleidet in einen hellblauen, locker sitzenden Sportanzug. Shannon und Kerstin leisteten uns beim Essen Gesellschaft, während Mandy, Birgit und Becky schon einmal baden oder duschen gingen; sie wollten anschließend wieder ins Wohnzimmer kommen.
Während des Essens baute Akiko sichtbar ab; ihre Müdigkeit wurde zu stark.
"Warum nehmen Sie nicht Ihre Magie, um sich wachzuhalten?" fragte Kerstin neugierig.
"Weil kein Grund dazu besteht." Akiko gähnte hinter vorgehaltenen Händen. "Verzeihung. Warum soll ich meinen Körper über Gebühr belasten, Kerstin? Er verlangt nach Schlaf, und es besteht keine Gefahr, weswegen ich dieses Verlangen ignorieren müßte. In Tokio würde ich meiner inneren Uhr nach in wenigen Minuten aufstehen." Sie lächelte schüchtern. "Vielen Dank für das Essen, aber ich werde zu müde."
"Verständlich", lächelte ich. "Brauchen Sie noch etwas?"
"Nein, vielen Dank. Gute Nacht, und noch einmal Danke, daß ich hier wohnen darf."
"Es ist uns ein Vergnügen, Akiko. Schlafen Sie gut."
"Das werde ich", schmunzelte sie. "Bis morgen." Langsam und sehr erschöpft ging sie die Treppe hinauf.
"Die ist echt nett", staunte Kerstin. "Ich dachte, sie wäre so wie Noel. Etwas eingebildet oder so, aber sie ist ja ganz natürlich. Ob sie mir verrät, wie sie sich unsichtbar macht?"
"Laß sie erst mal ausschlafen", lachte ich. "Wer hilft mir beim Spülen?"
Shannon und Kerstin meldeten sich. Zu dritt hatten wir die Küche schnell in Ordnung, dann setzten wir uns ins Wohnzimmer und sahen noch etwas fern, bis auch wir müde wurden und ins Bett gingen.
Am nächsten Morgen war das Wetter wie ausgewechselt. Hatte es die letzten beide Tage wie aus Eimern gegossen, war es heute strahlend schön. Die vier jüngeren Mädchen beschlossen spontan, eine Radtour zu machen. Birgit versprach auch feierlich, gleich nachmittags an ihre Mathematikaufgaben zu gehen. Um acht Uhr saßen sie auf ihren Rädern und radelten davon.
Wenig später kam Akiko herunter; etwas zerknittert vom Schlaf, aber putzmunter. Ich stellte amüsiert fest, daß sie offensichtlich nicht zu dem Typ Frau gehört, der sich schon vor dem Frühstück ausgehfertig macht und aufdonnert. Sie trug wieder ihren hellblauen Sportanzug und sah aus wie eine Leichtathletin vor dem Aufwärmen.
Sie war eine sehr attraktive Frau, stellte ich fest, doch der Schock mit Vera saß noch viel zu tief, als daß ich mir ernsthafte Gedanken über Akiko gemacht hätte. Ich fand sie nett, wir konnten gut miteinander reden, und dabei würde es bleiben. Ich reagierte zwar nicht so extrem wie Ian, der überhaupt keine Frau mehr ansah, aber von einer Beziehung in die andere zu stolpern würde weder Akiko noch mir guttun. Außerdem hatte sie in Japan ihr eigenes Leben, und die Tatsache, daß wir zur gleichen Zunft gehörten, hob uns nicht über das normale Verhalten zwischen Mann und Frau hinaus.
Nach dem Frühstück stellte sich mir die Frage, was wir mit Akiko anstellen sollten, doch sie sprach dies von sich aus an.
"Ich habe ein paar alte Schriften mitgebracht, die ich noch ausarbeiten muß. Dürfte ich sie im Wohnzimmer ausbreiten? Der Tisch im Gästezimmer ist dafür etwas zu klein."
"Natürlich", lächelte ich herzlich. "Akiko, fühlen Sie sich bitte ganz wie zu Hause."
"Besser nicht", lachte sie fröhlich. "Ansonsten würden Sie andauernd über meine Kleidung stolpern."
"Wie bei mir", feixte Shannon. "Weißt du noch, Toni? Als du mich hier besucht hast und meine Wäsche noch auf dem Boden lag?"
"Wie könnte ich diesen entzückenden Anblick jemals vergessen?" schmunzelte ich. "Akiko, wenn Sie etwas brauchen, nehmen Sie es sich einfach. Ich bin am Computer."
"Vielen Dank, Anton." Ihr warmer, freundlicher Blick ließ meinen Blutdruck steigen. Schnell stand ich auf und ging in mein Büro. Wenig später war meine neueste Geschichte geladen, die ich dringend fertigstellen mußte, und noch etwas später hatte ich alles um mich herum vergessen.
Um kurz nach elf war die Datei auf der Reise zum Verlag. Ich streckte mich gründlich, dann sah ich ins Wohnzimmer. Akiko saß konzentriert über einigen alt aussehenden Schriftstücken und schrieb von Zeit zu Zeit auf einem Notizblock herum. Sie war genauso versunken in ihre Arbeit wie ich in meine und registrierte nichts von dem, was um sie herum geschah. Sie hatte ihre langen Haare hochgesteckt, damit sie ihr nicht im Weg waren, und sie sah bezaubernd aus. Wieder stellte ich fest, wie sehr ihre Ruhe und Sicherheit ausstrahlte.
"Träumst du?"
Ich fuhr zusammen und entdeckte Shannon, die mich lächelnd ansah.
"Nicht direkt, mein Liebling. Ich dachte gerade über Akiko nach."
"Sie ist genauso ein Arbeitstier wie du", grinste Shannon. "Wenn ihr schreibt, dann schreibt ihr. Ich hab mir das auch schon ein paar Minuten angesehen. Wir könnten glatt die Möbel um sie herum wegnehmen, und sie würde das nicht merken. Was soll ich zu essen machen? Worauf hast du Hunger?"
"Auf dich."
Lächelnd setzte sich Shannon auf meinen Schoß, die Arme um meinen Hals gelegt. Wir küßten uns einen Moment zärtlich, dann sah sie mich nachdenklich an.
"Weiß Akiko von uns?"
"Ja, mein Liebling. Sie war gestern, als sie aus dem Flugzeug kam, todmüde, und wir haben noch ziemlich lange im Bistro gesessen, wo sie zwei Tassen Kaffee getrunken hat, und uns unterhalten. Deswegen mußt du dir keine Sorgen machen. Außerdem bist du 231 Jahre alt, und damit darfst du selbst entscheiden, was du mit wem machst."
"Und drittens ist sie auch eine Magierin und wird uns schon deshalb nicht verraten. Richtig?"
"Vollkommen richtig, mein kleiner Liebling. Entschuldige. Mein alter Liebling."
"Boah!" Lachend würgte Shannon mich, dann legte sie ihre Wange an meine und schmuste sanft.
"Magst du sie?" fragte sie leise. Ich strich Shannon zärtlich über die Haare.
"Darüber habe ich vorhin auch nachgedacht, mein Liebling. Ja, ich mag sie. Aber ich bin noch lange nicht über Vera hinweg und werde schon deshalb nichts mit ihr anfangen. Außerdem ist gar nicht gesagt, daß sie etwas mit mir anfangen will. Und drittens würde mindestens Birgit ausrasten, wenn ich kurz nach ihrer Mutter eine fremde Frau ins Haus bringe. Nein, Shannon. Akiko wird die Zeit, die sie zum Klären ihrer Erbschaft braucht, hier wohnen, und mehr nicht."
"Schade."
"Was?" Ich riß meinen Kopf zurück und sah Shannon verblüfft an. "Was hast du gesagt?"
"Ohren waschen, Liebster", grinste Shannon. "Ich sagte: Schade."
"Also doch. Liebling, könntest du mir das in einfachen Worten erklären?"
"Ja. Ich sein uralt. Ich kennen Menschen. Sie gutes Mensch. Sie gutes Mutter. War das einfach genug?"
Ich schluckte schwer. "Das war schon zu einfach. Shannon, mußt du mich immer so schocken?"
"Tut mir leid." Shannon kuschelte sich an mich. "Gut, ich bin 231 Jahre alt. Kann ich ja auch nichts zu. Aber ich fühle mich wie 15. Und mit 15 würde ich gern noch eine Mutter haben. Außerdem mag sie dich auch, und -"
"Und das ist der Punkt, wo ich mich weigere, noch weiter darüber zu reden." Ich nahm Shannons Kopf zwischen meine Hände und sah ihr tief in die Augen.
"Shannon, ich bin kein Mensch, der sich nach einer zerbrochenen Beziehung sofort an die nächste Frau heranmacht. Ich kann das nicht! In mir ist alles voller Trauer, die ich nur wegen euch so stark unterdrücke, daß es mir keiner anmerkt. Ich könnte mich jeden Moment in die Ecke setzen und losheulen; damit habe ich überhaupt kein Problem. Auch wenn Vera ein ganz anderer Mensch ist als ich dachte, waren wir doch 22 Jahre lang zusammen, davon 20 Jahre verheiratet, und das kann ich nicht einfach so wegstecken. Verstehst du?"
"Ja, Liebster. Tut mir leid." Sie küßte mich verlegen. "Wir drei waren bisher nicht länger als zehn oder zwölf Jahre in einer Familie, und da wir wußten, daß es irgendwann sowieso enden würde, haben wir uns auch gar nicht großartig an die Leute in der Familie gewöhnt. Ich suche halt immer noch nach meinen Träumen."
"Das verstehe ich sehr gut, Shannon", erwiderte ich ruhiger. "Aber selbst dann ist noch lange nicht gesagt, daß Akiko ihr Leben in Japan einfach so aufgeben wird. Daß wir sechs nach Japan ziehen, geht schon wegen der Sprache nicht. Außerdem ist Akiko erst 32 und hätte bestimmt gerne eigene Kinder. Und ich glaube kaum, daß sie fünf fremde Kinder so vorbehaltlos akzeptieren würde, wie es für eine Mutter richtig wäre."
"Das saß." Shannon seufzte. "Toni, du hast vollkommen recht. Drei Kinder für zehn Jahre zu versorgen ist etwas ganz anderes als fünf fremde Kinder als eigene Kinder anzusehen. Bei uns kommt noch das langsame Altern dazu."
"Genau. Akiko sagte mir nach dem Kampf gegen die Dämonen, daß sie nicht ihre Kinder überleben möchte, wenn sie welche hätte. Schon das spricht dagegen. Außerdem altert sie normal schnell, und ich denke, wenn sie auch diese Ewigkeit leben möchte, hätte sie schon längst jemanden deswegen angesprochen."
"Stimmt." Shannon küßte mich traurig. "War nur ein Traum, Toni. Entschuldige."
"Schon gut, mein Liebling. Ich habe auch gerade davon geträumt, bevor du hereinkamst, aber es geht nicht. Was für Essen bietest du an?"
"Frikadellen und Püree oder Würstchen und Püree. Dazu gemischten Salat."
"Schmeckt beides gleich lecker. Entscheide du. Letzte Frage an dich, Liebling. Wenn du eine so hervorragende Menschenkenntnis hast, warum hast du Veras Eigenschaften nicht gespürt?"
"Weil", antwortete sie nachdenklich, "ich diesen Typ Mensch bisher nie kennengelernt habe, Liebster. Ich kenne genügend unehrliche oder falsche Menschen, aber jemand, der sich über sein ganzes Leben hinweg so perfekt verstellt hat, ist mir noch nie untergekommen. Deswegen. Für mich war das so erschreckend wie für dich. Ich mach Frikadellen, ja?"
"Okay." Wir küßten uns noch einmal, dann lief Shannon zurück in die Küche, während ich das Taschenbuch aufrief, um daran weiterzuarbeiten.



"Warum haben Sie keine Kinder?" fragte ich Akiko auf dem Spaziergang, den wir nach dem Mittagessen mit den Kindern machten. "Oder ist die Frage zu intim?"
"Nein", lächelte sie herzlich. "Ich habe Sie ja auch ausgequetscht. Mit 25 hatte ich mein Studium beendet. Auf der Uni hatte ich einen sehr netten Mann in meinem Alter kennengelernt, mit dem ich befreundet war. Bis meine Tante gestorben ist, hatten wir uns so gut verstanden, daß wir begannen, über eine mögliche gemeinsame Zukunft zu reden. Und dann, eine Woche nach der Beerdigung..." Sie lachte leise.
"Eine Woche nach der Beerdigung saßen mein Freund und ich auf meinem Sofa, an nichts anderes als an uns denkend, als plötzlich ein Einbrecher hereinkam. Das dachte ich jedenfalls im ersten Moment. Mein Freund sprang ihn sofort an, doch dieser Einbrecher war ein Bär von einem Mann. Er hat meinen Freund in der Luft gefangen und ihn festgehalten, dann sah er mich an. 'Wir müssen reden', meinte er nur. 'Wo kann ich diese Imitation von Jackie Chan abstellen?' Mein Freund rastete aus. Er schrie und tobte und schlug und trat, doch der Mann hielt ihn seelenruhig fest. Es tut mir heute noch leid, aber da mußte ich einfach lachen. Das sah zu komisch aus, wie mein Freund hektisch zappelte, und irgendwie spürte ich, daß der Mann mir - oder uns - nichts tun wollte, sondern daß er ganz und gar auf meiner Seite war. 'Stellen Sie ihn einfach da vorne ab', sagte ich und lachte herzhaft. Der Mann stellte ihn auf die Füße, und dann begann das Chaos. Mein Freund raunzte mich an, wie ich denn lachen könnte, und ich raunzte meinen Freund an, daß das alles doch nicht so schlimm wäre, und der Mann stand nur gelangweilt da und sah alle paar Sekunden auf die Uhr, während wir uns stritten. Schließlich hatte er die Nase voll, klemmte sich meinen Freund unter den Arm und trug ihn wie ein kleines Kind nach draußen. Dann kam er wieder herein und setzte sich seelenruhig zu mir. Wissen Sie, wer dieser Mann war?"
"Ich kann es mir denken. Helm."
"Ganz recht. Während mein Freund vor der Tür tobte und wütete, redete Helm in aller Ruhe mit mir. Er berichtete von dieser lockeren Vereinigung aller Magier und daß ich, wenn ich wollte, dazugehören könnte. Der Vorteil wäre Hilfe, wenn ich sie dringend bräuchte, und der Nachteil wäre eben, daß ich mich auf Abruf bereithalten müßte, wenn andere meine bescheidene Hilfe bräuchten. Außerdem erklärte er mir, wie ich mich finanziell verbessern könnte, um diese Reisen zu finanzieren. Es war sehr aufregend, Anton. Nach dem Tod meiner Tante hatte ich ein klein bißchen Geld, aber die Aussicht auf Reichtum war nicht das Ausschlaggebende. Ich fand die Aussicht, meine Kräfte ausleben zu dürfen, überaus faszinierend, aber noch weitaus mehr erregte mich der Gedanke, die ganze Welt sehen zu können. Alle Städte zu besuchen, die ich nur von Filmen oder aus den Zeitungen kannte. Ich mußte nicht lange überlegen.
Daraufhin holte Helm meinen Freund wieder herein, und gemeinsam erklärten wir ihm, was los war. Nun, nach einem sehr langen Gespräch hatte ich dann keinen Freund mehr. Für Hatomo - so hieß mein Freund - war es unvorstellbar, daß ich mich von einem völlig unbekannten Menschen, der dazu noch Europäer war, beeinflussen ließ. Ich hingegen empfand es nicht als Beeinflussung, sondern als meinen neuen Weg, aber das verstand er einfach nicht. Und so verschwand er aus meinem Leben. Und deshalb blieben die Kinder, über die wir gesprochen haben, auch ungeboren."
Sie sah mich mit ihren dunklen und in diesem Moment unergründlichen Augen an. "Es ist nicht einfach, einem Menschen, mit dem zusammenlebt, erklären zu müssen, daß man für einige Tage verreisen muß, ohne sagen zu dürfen, warum, und dann, wenn man zurückkommt, Verletzungen erklären soll. Daher habe ich mich im Alter von 29 Jahren entschieden, alleine zu leben. Das Leben als Magierin war mir wichtiger, weil es mir sehr viel mehr gibt als eine Partnerschaft, in der ich zu viele Dinge verschweigen muß."
"Das verstehe ich sehr gut, Akiko." Ich schwieg einen Moment, während wir langsam weitergingen. "Mir ging das vor wenigen Tagen ganz genauso. Ich wußte nach dem Erlebnis in der Höhle, daß unsere Arbeit einen sehr tiefen Sinn hat, aber ich konnte meiner Frau nicht einmal ansatzweise erklären, womit wir es zu tun gehabt haben. Es wäre möglich, daß sie mir geglaubt hätte, aber die Möglichkeit, daß sie mich für verrückt erklärt hätte, war weitaus größer."
"Vollkommen richtig, Anton. Ich möchte meinem Partner nicht erklären, daß ich Luzifer habe reden hören. Und daß ich seine Pläne kenne." Wir sahen uns an, mit einem traurigen Lächeln, das uns in unserer Einsamkeit verband. Dann war der Moment vorüber, als Akiko wieder auf den Weg vor uns und die Mädchen sah.
"Es sind reizende Kinder", sagte sie leise. "Man sieht ihnen nicht an, daß sie schon so viel durchgemacht haben. Ich meine die drei aus Irland. Ihrer Birgit ist jedoch anzusehen, daß sie ihre Mutter vermißt."
"Sie hat auch am wenigsten davon mitbekommen, wie es dazu kam", seufzte ich leise. "Sie hat 12 Jahre Harmonie erlebt, dann eine Woche Unruhe, und plötzlich war ihre Mutter weg. Sie ist nur dank Kerstin und den anderen Mädchen wieder halbwegs fröhlich. Wie entdeckten Sie Ihre Kräfte, Akiko? Was können Sie noch außer unsichtbar machen?"
"Ich mache mich nicht unsichtbar", lächelte sie. "Ich finde nur, daß es viel interessantere Dinge als mich gibt, und das strahle ich manchmal aus." Sie verschwand, während ich sie ansah, und mein Blick fiel auf die Pflanzen am Wegrand und den Weg selbst. Plötzlich war sie wieder da.
"Sehen Sie?" schmunzelte sie. "Die Natur ist sehr viel attraktiver als ich."
"Das bezweifle ich." Wieder sahen wir uns einen Moment an, diesmal forschend. Mein Herz begann, schneller und heftiger zu schlagen.
"Ich habe vorhin den Notar erreicht", sagte Akiko dann. "Wir haben einen Termin für Donnerstag vormittag vereinbart, um zehn Uhr. Anton, dürfte ich Sie um einen sehr großen Gefallen bitten?"
"Natürlich, Akiko. Welchen?"
"Mein Deutsch ist einigermaßen gut, aber meine Kenntnisse erstrecken sich nicht auf Erbrecht oder sonstiges deutsches Recht. Dürfte ich Sie um Ihre Begleitung bitten?"
"Ihr Deutsch, Akiko, ist exzellent. Aber ich werde Sie gerne begleiten. Ich würde wahrscheinlich Herzrasen bekommen, wenn ich zu einem japanischen Notar gehen müßte."
"Dann wissen Sie jetzt, was ich fühle." Sie lächelte verschmitzt. "Das ist sehr nett von Ihnen, Anton. Langsam verstehe ich, warum Helm so darauf gedrängt hat, daß ich bei Ihnen wohnen sollte anstatt in einem Hotel."
"Helm hat -" Ich sah sie überrascht an. "Er hat Sie dazu gedrängt? Mir hat er nur gesagt, daß ich einer Freundin - also einer Frau unserer Gruppe - einen Gefallen tun könnte!"
"Aha." Akiko sah schweigend auf den Weg vor ihr.
"Ich denke", sagte sie nach einer Weile, "daß ich mich mit Helm einmal unterhalten muß. Es mag eine gute Absicht dahinterstecken, aber mich in Ihrer Situation zu Ihnen zu bringen, halte ich für eine große Unverschämtheit. Er kann sich doch denken, daß Sie jetzt sehr viele andere Dinge im Kopf haben."
"Reden wir nicht mehr davon", bat ich sie. "Vielleicht hat er es nur als Ablenkung für uns beide gemeint. Akiko, Sie haben jetzt sehr geschickt von Ihren anderen Kräften abgelenkt."
"Wenn Sie sich ablenken lassen..." Wieder legte sie dieses entzückende, verschmitzte Lächeln auf. "Meine anderen Kräfte. Außer dieser Fähigkeit, die Blicke von mir abzulenken, und einem sehr hohen Gespür für Gefahr ist da nicht viel, bis auf die Säurewolke, die aber sehr viel Kraft kostet. Allerdings kann ich mit Pflanzen sehr gut umgehen. Durch Helms Ratschläge und das Geld meiner Tante konnte ich ein Geschäft in Tokio kaufen. Nicht mitten im Zentrum, eher etwas am Rand, aber dafür ein relativ großes. Wir haben uns - und jetzt lachen Sie bitte nicht! - auf Bonsais spezialisiert. Nicht nur auf die Bäumchen, sondern auch auf das ganze Zubehör, also Erde, Schalen, Werkzeug und so weiter. Die Bonsais, die durch meine Hände gehen, wachsen und blühen, daß wir fast durchgehend nachbestellen müssen; unsere eigenen Züchtungen reichen nicht mehr aus. Morgens werden die neuen Pflanzen ausgestellt, und schon am frühen Nachmittag sind die meisten davon schon verkauft."
"Das ist doch herrlich!" sagte ich bewundernd.
"Fast. Die Kunden, die abends kommen, denken, daß wir kurz vor dem Konkurs stehen, weil das Geschäft so leer ist." Sie lachte amüsiert. "Aber am nächsten Morgen können wir sie dann vom Gegenteil überzeugen. Deshalb haben wir Anfang diesen Jahres noch andere Pflanzen in unser Sortiment aufgenommen. Im Februar werden wir in ein größeres Geschäft umziehen, damit die Kunden noch mehr leere Regale sehen können. Die Verträge sind schon unterschrieben, wir warten nur noch darauf, daß der bisherige Besitzer bis Ende Januar draußen ist." Wie ich vermutet hatte: Akiko hatte ihr Leben, und das war bereits fest verplant. Einen kurzen Moment tat es weh, doch ich überwand meine Enttäuschung schnell.
"Warum gibt er auf?"
"Altersgründe. Er ist weit über 70 und hat keine Erben. Er verkauft Papier, aber für ihn wird es immer schwieriger, die Farben zu unterscheiden."
"Papier?" wunderte ich mich. "Kann man davon ein großes Geschäft unterhalten?"
"In Japan ja. Er beliefert unsere Kindergärten in der ganzen Stadt. Außerdem hat er die größte Auswahl an Papieren für Origami; das ist die Kunst, Figuren aus Paper herzustellen. Wenn er das Geschäft schließt, geht wieder ein Stück Vergangenheit verloren. Und Ihre Kräfte, Anton? Außer der, daß Sie Ihre Gedanken und Gefühle unter Kontrolle halten können?"
"Ist das so deutlich?" fragte ich verblüfft.
"Das konnte wohl niemand übersehen. Ihre Tochter war schwer verletzt, doch Sie brachen nicht aus, sondern kümmerten sich weiter darum, die Dämonen aufzuhalten. Daß das keine Kälte war, konnten wir nach dem Kampf sehen, als Sie sich um Kerstin kümmerten. Und daß ein Mann vor vielen anderen Erwachsenen weint, war auch sehr außergewöhnlich."
"Ach so!" lachte ich erleichtert. "Ich dachte, Sie - Nein, Akiko, da haben Sie nur zum Teil recht. Ich wußte einerseits, daß Kerstin sich selbst heilen kann, und außerdem flogen ihre Pfeile ja auch dann noch weiter, als sie verletzt war. Andererseits... Ich dachte mir, wenn ich mich um sie kümmere, daß dann ein Angreifer weniger wäre und die Dämonen noch leichteres Spiel haben würden. Indem ich vorne blieb, konnte ich ihr am besten helfen."
Akiko lächelte still. "Was dachten Sie, das ich meinte?"
"Nichts, Akiko. Nur eine Fehlfunktion in meinem Gehirn."
"Wirklich? Soll ich bohren und es herausfinden, oder sagen Sie es freiwillig?" Ihre Augen schimmerten mutwillig.
"Frauen!" seufzte ich. "Immer bereit zur äußersten Gewalt."
"Bei Männern sowieso. Also: was dachten Sie?"
"Das gleiche wie Sie vorhin, Akiko. Daß Helm bestimmte - Vorstellungen hat. Ich kann und will nicht leugnen, daß Sie sehr sympathisch sind, aber Sie haben Ihr Leben und ich meins, und nur, weil Sie zufällig zwei oder drei Wochen bei mir wohnen, kann und darf das nicht bedeuten, daß - äh... Ich meine... Jetzt habe ich doch glatt den Faden verloren!"
"Gehen wir weiter." Akikos dunkle Augen glänzten belustigt. "Unser Lehrer in der Schule hatte recht. Deutsch ist kompliziert, und manchmal stolpert man über die eigenen Wörter und Gedanken."
"Vor allem, wenn man nicht weiß, was man im Grunde sagen wollte", seufzte ich. "Gehen wir weiter."
Lachend hängte sich Akiko bei mir ein. Sie lachte sogar richtig herzhaft. Und so laut, daß die Mädchen sich nach uns umdrehten. Mein plötzlich rotes Gesicht veranlaßte wohl auch die fünf Mädchen, in Lachen auszubrechen. Einen anderen Grund konnte ich mir jedenfalls nicht denken. Aber daß alle über mich lachten, war sehr deutlich.

* * *

Mit Akiko machte die Vier-Uhr-Pause auch wieder Spaß. Kaffee und Limonade wurden verteilt, jeder bekam einen Berliner, dann plauderten wir und aßen. Kerstin quetschte Akiko natürlich aus, und Akiko mußte ihr zeigen, wie sie sich unsichtbar machte. Kerstin probierte es, doch sie blieb deutlich für alle sichtbar sitzen.
"Gemein!" fauchte sie schließlich. "Ich will das auch können!"
"Bleib bei deinem dicken Pfeil", lächelte Akiko mitfühlend. "Deswegen sind wir doch als Gruppe in die Mine gegangen, Kerstin. Weil jeder einzelne von uns bestimmte Fähigkeiten und Talente hat. Es liegt aber auch an deinem Alter, Kerstin. Mit 13 möchte man viel lieber im Mittelpunkt der Welt stehen als übersehen werden. Nimm es einfach so hin. Oder möchtest du dich manchmal vor deinem Vater verstecken?"
"Das auch!" grinste Kerstin. "Nein, ich fänd's nur toll, wenn ich viel könnte."
"Ich könnte das gebrauchen", seufzte Birgit. "Vor allem nach Mathearbeiten. Ich hab heute schon eine ganze Seite von dem Buch durchgearbeitet, Papa!" sagte sie stolz.
"Das ist schön, Krümel", lächelte ich und drückte sie kurz. "Du wirst das schaffen."
"Ganz sicher." Mutig riß sie den Mund auf und biß ein großes Stück von ihrem Berliner ab. Dabei erwischte sie genau die Füllung und schlürfte sie trotz ihres vollen Mundes aus.
"'Tschuldigung!" murmelte sie mit vollem Mund, als wir alle in Lachen ausbrachen. Schnelles Schlucken und eine Serviette verhinderten einen größeren Unfall.
"Was sind das für Blätter, Akiko?" fragte Shannon neugierig.
"Abschriften von uralten japanischen Geistern. Nach der Sache in der Mine dachte ich, ich beschäftige mich mal damit."
"Sind japanische Geister anders als deutsche?" Kerstin sah Akiko aufmerksam an.
"Ja und nein, Kerstin. Wir Japaner haben einen anderen Glauben als ihr Europäer. Shinto war der erste Glaube der Japaner. Im 6. Jahrhundert kam der Buddhismus dazu und lebt nach einigen kurzen Unruhen seitdem mit dem Shinto in friedlicher Koexistenz. Das Christentum ist auch vertreten, obwohl nur etwa ein Prozent der Japaner diesem Glauben anhängt. Auch wir glauben an Geister, allerdings haben sie - eben aufgrund unserer unterschiedlichen Religion - einen ganz anderen Hintergrund. Wir haben gute wie böse Geister." Sie lächelte verschmitzt. "Allerdings haben unsere Geister genauso Schlitzaugen wie ich!"
"Hab ich doch gar nicht behauptet!" empörte Kerstin sich. Wenn Kerstin etwas innerhalb von einer Sekunde auf die Palme brachte, dann waren es rassistische Schimpfwörter.
"Ich aber." Akiko drückte Kerstin kurz. "War nur ein Scherz. Jedenfalls gibt es auch bei uns Geschichten von mächtigen, uralten Geistern, genau wie bei euch. Diese Blätter beschreiben einige der ältesten Geister."
"Was tragen die Jugendlichen in Japan denn für Klamotten?" wollte Birgit wissen.
"Chaotische!" lachte Akiko. "Seit dem Frühjahr gibt es einen Trend, wo alles ausprobiert wird. Bunte Wäscheklammern im Haar, oder so aussehen wie eine Comicfigur... Jeder probiert alles mögliche aus. Wenn man am Sonntag durch das Vergnügungsviertel Shibuya geht, kommt man sich vor wie in einer ganz anderen Welt."
So flog Rede und Gegenrede hin und her. Die Mädchen verloren ihre Scheu vor Akiko und stellten Fragen über Fragen. Wir saßen im Wohnzimmer und redeten, bis es Zeit für das Abendessen wurde, bei dessen Vorbereitung Akiko tatkräftig mithalf, und auch beim Essen selbst wurde ständig geredet, gescherzt und gelacht. Zwischendurch erhaschte ich einen Blick von Shannon, mit dem sie Akiko äußerst zufrieden ansah.
Doch auch wenn ich ihre Träume verstand, es ging einfach nicht.



Am Mittwoch hatte sich Akiko schon an den neuen Tagesrhythmus gewöhnt und stand nur kurz nach uns auf. Jedoch war es immer noch früh genug, um Kerstin und Mandy im Bad zu überraschen, wie Kerstin mir später erzählte. Die beiden Mädchen ergriffen die Gelegenheit beim Schopf und führten Akiko gleich in die morgendlichen Gepflogenheiten ein.
"Sie hat sich viel schneller daran gewöhnt als du, Papi." Kerstin sah mich vorwurfsvoll an, als wir alle am Frühstückstisch saßen.
Ich brummte unwillig. "Wahrscheinlich, weil sie weiß, wie ein Mädchen unter der Kleidung aussieht."
"Du etwa nicht?" lachte Shannon ausgelassen. "Wie sind denn dann deine Töchter entstanden?"
"Uns hat der Klapperstorch gebracht!" rief Birgit mit großen Augen und Kinderstimme, was natürlich alle zum Lachen brachte. Akiko sah versunken lächelnd in die Runde, während Shannons Blick auf Akiko ruhte.
"Was haben Sie, Akiko?" fragte Shannon, als das Lachen nachgelassen hatte.
"Nur über etwas nachgedacht, Shannon. Könntest du mir bitte die Butter reichen?"
"Sicher." Shannon gab ihr die Butterdose und fragte wie beiläufig: "Worüber haben Sie denn nachgedacht?"
"Shannon!" sagte ich sanft. Shannon sah mich unschuldig an, während Akiko leise lachte.
"Das kann ruhig jeder wissen, Anton. Es ist kein Geheimnis." Sie sah Shannon an, deren Augen aufleuchteten. "Shannon, ich dachte gerade sehr angestrengt darüber nach, was ich anstellen kann, um etwas zu bekommen, das ich sehr gerne haben wollte."
"Ja?" Shannon zitterte vor Aufregung. "Was?"
"Die Butter."
"Mann!" Shannon stampfte mit dem Fuß auf, während ein dröhnendes Gelächter erklang. Ich sah Akiko bewundernd an; offensichtlich merkte sie ganz genau, was Shannon im Sinn hatte, und konterte perfekt. Akiko schenkte mir ein tiefes Lächeln, bevor sie die tapfer eroberte Butter auf ihr Brötchen strich.
"Nun, Shannon", grinste ich, "was hast du heute vor?"
"Jemanden umbringen!" Ihr Gesicht verzog sich wütend, doch ihre Augen lachten.

* * *

Diesen Tag verbrachte ich hauptsächlich vor meinem PC, von kurzen Unterbrechungen und Essen abgesehen. Akiko arbeitete teils an ihren Unterlagen, teils unterhielt sie sich mit den Mädchen. Besonders Shannon und Kerstin waren immer dicht bei ihr. Gelegentlich wurden Shannons Andeutungen zu deutlich, worauf Akiko immer mit einer humorvollen Spitze konterte, die brüllendes Lachen auslöste und die selbst Shannon nicht übelnehmen konnte.
Am Donnerstag waren wir um Punkt zehn Uhr bei dem Notar, einem Herrn Wessel, der nach kurzer Überprüfung von Akikos Ausweis gleich zum Kern kam.
"Was wissen Sie über die Verwandtschaftsverhältnisse, Frau Surayama?"
"Einen Moment, bitte." Akiko holte ein mehrfach gefaltetes Blatt Papier aus ihrer Tasche. Sie entfaltete es und holte tief Luft.
"Offenbar hatte mein Urgroßvater einen Bruder, der um 1900 herum aus Japan verschwand. Etwa 1905 tauchte sein Name in Verbindung mit einer deutschen Frau auf, die er heiratete, jedoch starb er kurz darauf. Allerdings hatte diese Frau noch ein Kind von ihm empfangen, und diese Linie hat sich wohl bis in die heutige Zeit fortgesetzt."
"Vollkommen richtig. Dieses Kind war ein Sohn namens Bertl Weber, der mit fast 94 Jahren nun gestorben ist und Ihnen, Frau Surayama, seinen gesamten Besitz hinterlassen hat. Es war nicht gerade einfach, Ihre Adresse herauszufinden; offenbar ist die japanische Bürokratie etwas - nun, etwas anders aufgebaut als die deutsche."
"Jedes Land hat eigene Probleme", lächelte Akiko. "Allerdings dachte ich, es wäre inzwischen weltweit bekannt, daß in Japan immer zuerst der Familienname genannt wird und dann der Vorname. Eine Frau mit dem Nachnamen Akiko und dem Vornamen Surayama existiert nun einmal nicht; diesen Vorwurf dürfen Sie nicht meinem Land machen." Insgeheim applaudierte ich Akiko.
"Wir haben Sie ja gefunden", lächelte Herr Wessel zurück, ohne seine Fassung zu verlieren. "Ihr persönliches Erscheinen war notwendig, da es sich bei der Erbschaft um ein Stück Land hat, welches wir leider nicht in einem Umschlag packen und nach Japan schicken können."
"Schade. Japan kann immer Land gebrauchen", scherzte Akiko. Herr Wessel lächelte höflich.
"Dieses Stück Land liegt etwa 10 Kilometer außerhalb der Stadt. Wenn Ihre Zeit es erlaubt, würde ich es Ihnen gerne zeigen. Bertl Weber hat dieses Land von seiner Mutter geerbt, die mit dem Bruder Ihres Urgroßvaters verheiratet war, wenn auch nur kurz. Von daher besteht ein Anspruch Ihrerseits auf das Erbe. Wenn Sie darauf verzichten, fällt es zurück an die Gemeinde. Nehmen Sie das Erbe an?"
"Ist das Grundstück belastet?" sagte ich schnell, bevor Akiko antworten konnte.
"Nein, es ist schuldenfrei. Andernfalls hätte ich diese Tatsache bestimmt erwähnt." Ich steckte den milden Tadel gelassen ein; es war nicht mein erster im Umgang mit Rechtsanwälten und Notaren.
"Können wir uns das Land erst ansehen, bevor ich mich entscheide?"
"Selbstverständlich, Frau Surayama."
Gut eine halbe Stunde später hatten wir die Stadt verlassen und fuhren nur noch über Feldwege, die mit jedem Meter schlechter und unansehnlicher wurden. Schließlich hielt Herr Wessel mitten auf einer Wiese an.
"Wir sind da."
Schweigend stiegen Akiko und ich aus und sahen uns um. Es war traumhaft! Daß solche Paradiese noch außerhalb der Stadt existierten, war mir neu.
"Das Erbe umfaßt die gesamte Wiese", begann Herr Wessel, wurde jedoch sofort von Akiko auf eine höchst ungewöhnliche Weise zum Schweigen gebracht. Sie legte ihm ihre Fingerspitzen an das Kinn und sagte sanft: "Bitte nicht reden." Herr Wessel erstarrte und verstummte.
Wir sahen auf eine saftige Wiese, in deren ungefährer Mitte eine verkohlte Stelle und verkohlte Trümmer lagen, als ob hier etwas verbrannt worden wäre. Das war aber auch der einzige Minuspunkt. Hinter der Wiese begann ein dichter Wald, der sanft im Hintergrund anstieg. Vielleicht 20 Meter von den Trümmern entfernt floß ein breiter, aber flacher Bach, der sehr klar und sauber aussah. Ich folgte dem Lauf mit den Augen flußaufwärts und sah eine kleinere Hügelkette, der er offenbar entsprang.
Akiko saugte die Landschaft mit den Augen auf. Schließlich seufzte sie leise und drehte sich zu dem Notar um. "Wundervoll!" Das war sein Zeichen.
"Das Erbe umfaßt die gesamte Wiese, von dem Wald, der dort rechts beginnt, bis nach links zu dem Zaun da ganz hinten. Ein paar Meter von dem Wald dort hinten gehören auch dazu. Es sind etwa 220 Hektar insgesamt."
Akiko sah mich fragend an.
"Etwas über zwei Quadratkilometer", rechnete ich schnell um. Akiko riß die Augen auf, ihr Kopf fuhr zu Herrn Wessel herum.
"So viel?"
"Ja. Natürlich ist das ganze Gelände noch nicht erschlossen, Frau Surayama. Die Straßen hierher sind kaum als solche zu bezeichnen, wie Sie gesehen haben, es gibt keinen Strom, keine Kanalisation, kein Telefon. Im Grunde eine Wildnis."
"Eine wunderschöne Wildnis, Herr Wessel." Akiko sah ihn ernst an. "Woher stammen diese Trümmer dort?"
Herr Wessel seufzte. "Das war die Hütte, in der Herr Bertl Weber bis zu seinem Tod gewohnt hat. Er war schon sehr alt und ziemlich schwach; wahrscheinlich ist das Feuer aus dem Herd übergesprungen und hat die Hütte in Brand gesteckt. Herr Weber kam dabei ums Leben."
Akiko nickte kurz. Sie stützte sich an meiner Schulter ab, zog sich die Schuhe aus und schlug den Saum ihrer Hosenbeine um, dann ging sie langsam und mit nackten Füßen über das saftige, aber kalte Gras. Herr Wessel hatte einen Moment mit diesem Anblick zu kämpfen, dann eilte er hinter ihr her.
Wir gingen die Grenzen des Grundstücks ab. Akiko war hingerissen von der Schönheit des Geländes, und als sie am Ende der Wiese auch noch einige Findlinge entdeckte, war sie schlichtweg begeistert.
"Alles da, Anton", sagte sie mit leuchtenden Augen. "Erde, Gras, Steine, Bäume, Wasser, Luft. Es ist wunderschön!"
"Heißt das, Sie werden das Erbe annehmen?" lächelte ich. Sie nickte schnell.
"O ja, das werde ich."
"Sehr schön." Herr Wessel zog einige Papiere aus seiner Tasche. "Da Sie in Japan leben, Frau Surayama, habe ich mich für Sie schon einmal umgehört. Es gibt einige Interessenten, die dieses Grundstück gerne kaufen würden, und -"
"Muß ich verkaufen?" fragte sie unschuldig. "Oder darf ich es auch behalten?"
"Äh..." Herr Wessel war für einen Moment aus dem Konzept gebracht, während ich erstaunt überlegte, was Akiko vorhatte. Ein Grundstück in Deutschland, während sie in Japan lebte...?
"Nun", setzte Herr Wessel an, "ich ging davon aus, daß Sie es verkaufen wollen. Oder besitzen Sie Kenntnisse über Landwirtschaft?"
"Nein. Muß ich das?"
"Natürlich nicht. Ich dachte nur... Was wollen Sie denn mit dem Land anfangen, wenn Sie in Japan leben?"
"Das werde ich mir noch überlegen. Herr Wessel, ich nehme die Erbschaft an und werde das Grundstück behalten. Welche Kosten kommen auf mich zu?"
"Die Erbschaftssteuer, die aufgrund der entfernten Verwandtschaft ziemlich hoch ist. Und meine Gebühren. Die genauen Zahlen habe ich in meinem Büro." Herr Wessel verbarg seine Enttäuschung sehr gut.
"Dann fahren wir."

* * *

Rechtzeitig zum Mittagessen waren wir wieder zu Hause. Akiko führte noch vor dem Essen ein kurzes Telefonat mit jemandem in Japan und zog sich nach dem Essen auf die Couch zurück, bewaffnet mit einem Stift und einem Notizblock, wo sie begann, konzentriert zu schreiben und zu rechnen. Auf die Frage, was sie denn mit dem Grundstück nun genau vorhatte, lächelte sie nur schelmisch und sagte: "Das überlege ich gerade." Wir ließen sie in Ruhe.
Gegen halb fünf ließ sie Stift und Papier auf den Tisch fallen und streckte sich, dann sprang sie auf und lief zum Telefon. Schon nach den ersten Worten dachte ich, mir bleibt das Herz stehen.
"Einen Flug nach Tokio für morgen. Abflug gegen sechzehn oder siebzehn Uhr. -- Nein, das ist auch in Ordnung. Viertel vor sechs. Habe ich notiert. -- Akiko Surayama, nach deutscher Schreibweise. -- Genau. Vielen Dank." Sie legte auf und bemerkte meinen Blick. Mit einem schüchternen Lächeln kam sie in mein Büro.
"Morgen abend sind Sie mich wieder los, Anton."
Ich nickte nur und sah schnell aus dem Fenster. Ich schluckte den Kloß in meiner Kehle herunter.
"Es war sehr schön, Sie einmal privat kennengelernt zu haben, Akiko."
"Das fand ich auch, Anton." Sie trat hinter mich und legte mir ganz sanft die Hände auf die Schultern. "Gibt es etwas, was Sie mir sagen möchten?"
Ich dachte an Akikos stille und doch selbstsichere Art, an ihr Lachen, an ihre unaufdringliche Stimme, an ihre ästhetische Art, sich zu bewegen. Dann dachte ich an Vera, an die kommende Scheidung, an Birgit, und schüttelte den Kopf.
"Nein, Akiko", erwiderte ich mit belegter Stimme. "Ich möchte nichts sagen."
"Ich auch nicht viel. Nur, daß ich den Aufenthalt hier sehr genossen habe, Anton. Ich habe sehr nette und liebe Menschen kennengelernt, von denen ich mich nur äußerst ungern trenne." Sie drückte kurz meine Schultern, dann hörte ich sie hinauslaufen.
Morgen schon?



Beim Abendessen wurde Shannon sehr direkt.
"Warum sind Sie nicht verheiratet, Akiko?"
"Zu viel Arbeit", erwiderte Akiko unbestimmt. Ich konzentrierte mich auf mein Brot und sah nicht auf.
"Möchten Sie denn gerne verheiratet sein?"
"Natürlich, Shannon!" lachte Akiko. "Du nicht?"
"Später mal, ja. Können Sie sich vorstellen, daß Sie und -"
"Shannon!" rief ich scharf. Die Mädchen zuckten zusammen; Shannon sah mich verletzt an. Ich atmete tief durch.
"Es tut mir leid, mein Liebling. Ich wollte dich nicht anschreien." Ich schob meinen Stuhl zurück und stand auf. "Ich habe keinen Hunger. Bitte entschuldigt mich."
Sechs Augenpaare stachen wie Messer in meinen Rücken, als ich schnell zur Terrassentür und hinaus ging. Ich zog sie hinter mir zu und atmete tief durch. Kein Wunder, daß mein Nervenkostüm so dünn wie ein Bindfaden war. Erst der Schock mit Vera, dann die Enttäuschung, daß Akiko schon morgen nach Hause fliegen würde, und nun auch noch Shannon, die Akiko und mich unbedingt verkuppeln wollte. Aber es ging nicht!
Hinter mir ging die Tür auf. Jemand kam heraus und umarmte mich von hinten.
"Mir tut es auch leid", entschuldigte Shannon sich. "Ich habe nur an mich gedacht."
Ich zog sie nach vorne und an mich. "Nein, Liebling. Du hast an uns alle gedacht. Aber es geht nicht, Shannon. Ich mag Akiko auch sehr, und die Tatsache, daß sie Magierin ist, spricht auch dafür. Aber wie wird Birgit reagieren, Liebling? Sie wird doch ausrasten, wenn wir ihr plötzlich eine neue Mutter vorsetzen!"
"Sie würde Akiko nicht als Mutter akzeptieren, das ist richtig." Shannon sah mich mit ihren warmen, braunen Augen an. "Aber als große Freundin. Außerdem mußt du ja erst einmal geschieden werden, und das geht auch nicht von heute auf morgen. Ein Jahr oder so, richtig?"
"Genau."
"Aha. In diesem Jahr könnten Akiko und Birgit sich schon mal aneinander gewöhnen. Kerstin mag sie sowieso, und meine Schwestern finden sie auch sehr nett. Akiko ist ehrlich, Toni. Sie sagt, was sie denkt. Kerstin hat sie durchleuchtet und war sehr zufrieden. Deswegen -"
Ich legte meine Wange an ihren Kopf. "Sie fliegt morgen zurück, Shannon."
"Nein!" Shannon erschrak heftig. "Morgen schon? Ich dachte, sie wollte zwei Wochen bleiben!"
"Das dachten wir alle. Der Notar hat jedoch so gründlich vorgearbeitet, daß Akiko heute alles erledigt hat. Sie hat vorhin ihren Flug gebucht. Morgen abend, viertel vor sechs."
"So ein Mist!" jammerte Shannon. "Ach, Toni!"
"Ich weiß." Wir klammerten uns aneinander.
"Ich mag sie auch sehr", sagte ich leise. "Nicht, weil sie Magierin ist, sondern weil sie ehrlich, offen und direkt ist. Sie ist intelligent, charmant und attraktiv. Aber sie hat in Japan ein Geschäft mit Angestellten, für die sie verantwortlich ist. Im Februar bezieht sie größere Geschäftsräume. Sie hat ihr eigenes Leben, Shannon, auch wenn uns das weh tut. Deswegen sage ich nichts zu ihr, mein Liebling. Ich will sie nicht in eine Zwangslage bringen. Außerdem... Na gut, Birgit kommt ganz gut mit ihr aus, aber das kann sich sehr schnell ändern, wenn Akiko rund um die Uhr hier ist. Und ich stehe im Moment viel zu sehr unter Streß, mein Liebling. Ich habe dich vorhin angeschrien, Shannon."
"Das war kein Schreien", lächelte Shannon verzeihend. "Ich hab ja auch viel zu dick aufgetragen, Liebster. Aber gerade weil du so unter Streß stehst, dachte ich, ich könnte das etwas voran treiben."
"Auch wenn ich fast 200 Jahre jünger bin als du, kann ich in manchen Dingen doch schon selbst für mich sprechen, junge Dame."
"Ich weiß." Shannon schmiegte sich leise lachend an mich. "Nur manchmal wißt ihr Männer nicht, was ihr wollt."
"Da stimme ich dir zu, mein Liebling. Im Moment weiß ich wirklich nicht, was ich will. Oder was ich aushalten kann. In der einen Sekunde will ich Akiko alles sagen, was mir auf dem Herz liegt, in der nächsten schaltet sich der Verstand dazu und blockiert alles. In mir ist so ein Chaos, Liebling, das kannst du dir nicht vorstellen."
"Ich spür's ja", erwiderte sie schlicht. "Wenn du ein Paket wärst, würde ich einen großen Bogen um dich machen, weil ich Angst habe, du könntest jeden Moment explodieren."
"So schlimm?" fragte ich erschüttert. Shannon nickte leicht.
"Ja, Liebster. So schlimm. Du merkst das gar nicht mal, Toni. Du bist wie eine Gitarrensaite, die zu stark gespannt ist. Ein falscher Griff, und du knallst. Aber wenn du mit Akiko redest, bist du die Ruhe selbst. Deswegen hab ich das ja alles gesagt."
"Na schön", seufzte ich. "Shannon, fassen wir noch einmal zusammen. Akiko lebt in Japan, hat dort ihr Geschäft und ihre Pläne damit. Wir leben hier und haben unsere Pläne. Sie wohnt seit drei Tagen hier und fliegt morgen wieder heim. Ich mag sie sehr, und wenn ich ganz ehrlich bin, könnte ich mich auch sehr schnell in sie verlieben. Vielleicht bin ich das sogar schon. Ich weiß es nicht. Aber es ist überhaupt nicht gesagt, daß sie dasselbe für mich empfindet, mein Liebling. Ich kenne sie schließlich kaum und ich weiß nicht, ob diese Art, die sie hier an den Tag gelegt hat, nicht ihre ganz normale, freundliche Art ist. Vielleicht geht sie mit all ihren Freunden so um wie mit mir, und wenn ich ihr sage, was mit mir los ist, könnte sie mich auslachen. Nein, das würde sie nicht, aber du weißt, was ich meine."
"Ja." Shannon schmiegte sich traurig an mich. "Und was machen wir jetzt?"
"Das, was am besten für alle ist, Shannon. Wir halten den Mund und lassen sie gehen."
"Möchtest du sie wirklich gehen lassen?" fragte Shannon behutsam.
"Nein." Ich atmete laut aus. "Nein, ich möchte sie nicht gehen lassen. Aber ich muß. Shannon, ich habe noch nicht einmal angefangen, die Geschichte mit Vera zu verarbeiten. Wie kann ich mich da in etwas Neues stürzen? Das muß doch schiefgehen!"
"Anton Tenhoff!" Shannon sah mich eindringlich an. "Du redest immer davon, daß du das mit Vera noch verarbeiten mußt. Ich find's nur komisch, daß ich überhaupt nichts davon spüre, daß du es verarbeiten mußt. In dir ist einfach nur Angst. Angst, wieder enttäuscht zu werden. Angst wegen Birgits Reaktion. Angst wegen Akikos Reaktion, wenn sie herausfindet, was hier zwischen uns allen abläuft. Das verstehe ich auch alles. Aber Vera mußt du nicht verarbeiten, Liebster. Das hast du schon. Du redest dir da etwas ein! Du bist geschockt, weil sie so eine falsche Schlange ist, aber den Schock hast du überwunden. Das spüre ich. Kerstin sagt auch, daß du darüber weg bist. Du hast jetzt nur noch Angst."
"Ist das denn so merkwürdig?" lachte ich bitter. "Hättest du das nicht? Liebling, du reagierst doch im Grunde genauso wie ich. Ihr drei geht auch keine Bindung an eure zeitweiligen Eltern ein, weil ihr wißt, daß es wieder auseinander gehen wird. Ist das nicht auch Angst?"
"Doch, da hast du recht", antwortete sie leise. "Nur daß wir keine Angst bei dir haben, Liebster. Bei dir können wir es uns leisten, dich zu lieben. Auch wenn es etwas gedauert hat, bis wir alles voneinander wußten. Aber jetzt sind wir an dem Punkt, wo wir über wirklich alles reden können. Sei doch bitte ehrlich zu dir, Liebster."
"Das kann ich mir im Moment nicht erlauben, mein Liebling." Ich streichelte ihren Kopf. "Nicht, solange ich nicht hundertprozentig weiß, wie Birgit reagiert, und wie Akiko reagiert. Und ja, ich habe Angst, wieder enttäuscht zu werden. Im Moment malen wir beide uns das wunderschön aus, Shannon. Aber was, wenn Akiko diese Tage bei uns nur als Freundlichkeit empfindet? Als nette Geste unsererseits? Dann mache ich mich doch lächerlich!" Ich umarmte Shannon kräftig.
"Lassen wir sie gehen", wisperte ich. "Lassen wir alles so, wie es ist. Bitte."
Shannon seufzte traurig und schmiegte sich an mich.

* * *

Um den Kindern nicht im Weg zu sein, ging ich schon um halb neun in die Wanne. Das heiße Wasser entspannte mich besser als alles andere. Als ich im Wasser lag, streckte ich mich aus und schloß die Augen. Ich ließ meine Gedanken laufen und achtete auf keinen besonders stark. Das half mir immer. Sollte sich das Unterbewußtsein doch auch mal Mühe geben und alles auf die Reihe bekommen; wofür hatte ich es denn schließlich?
Als die Tür aufging, öffnete ich nicht einmal die Augen. Es konnte ja nur eines der Mädchen sein. Ich hörte Kleidung rascheln, dann stieg jemand wortlos zu mir in die Wanne. Ich lächelte, hob den Kopf und machte die Augen auf.
"Akiko!"
Panisch suchte ich nach etwas, um mich zu bedecken, doch ihre Hände schossen nach vorne und hielten meine fest.
"Behaarter Teufel", sagte sie leise und mit einem schelmischen Lächeln. "So haben die Japaner die ersten Ausländer genannt, wegen der vielen Haare auf der Brust."
"Akiko, was -"
"Pst!" Sie drückte ihren Zeigefinger auf meine Lippen. "Ich möchte morgen sehr früh aufstehen, damit ich im Flugzeug schlafen kann. Wenn wir landen, ist es schon Tag in Japan, dann komme ich nicht ganz aus dem Rhythmus." Sie setzte sich hinter mich und schob ihre Beine an meinen Hüften vorbei. Dann spürte ich heißes Wasser über meinen Rücken laufen.
"In Japan haben wir dafür eine Kelle", sagte sie leise. "Das Wasser, in dem wir sitzen, entspannt uns, das Wasser aus der Kelle reinigt uns. Bleib einfach ruhig sitzen, Toni. Ich beiße dich nicht." Ich spürte, wie sie nach der Seife griff und begann, meinen Rücken einzuseifen.
"Akiko, was soll das?" fragte ich verstört.
"Ich wasche dich. Ist das so schwer zu verstehen?" Ein leises Lachen lag in ihrer Stimme. "Ich dachte immer, daß man genau aus diesem Grund badet. Aber vielleicht habt ihr Deutschen ja eine andere Philosophie, warum ihr in die Wanne geht, und ich störe gerade ein religiöses Ritual."
"Akiko!" Ich schaute wütend über meine Schulter. "Ich bin wirklich nicht in der Stimmung für Witze!"
"Deswegen wasche ich dich", sagte sie sanft. "Sieh nach vorne. Shannon hatte recht. Du bist wirklich sehr angespannt." Ihre Hände verteilten die Seife in meinem Rücken. An bestimmten Punkten drückte sie mit den Fingerspitzen, und plötzlich sackte ich zusammen, als die Anspannung wie von Zauberhand verschwand.
"Akupressur", sagte sie leise. "Besser?"
"Sehr viel besser. Danke." Ich atmete laut aus.
"Bedanke dich nicht, Toni. Hast du schon Orte entdeckt?"
"Ich habe mich noch nicht darum gekümmert, Akiko." Ich schloß die Augen; die Ruhe in mir wurde mit jeder Bewegung von Akiko größer. "Am Wochenende fange ich mit Kerstin an."
"Laß dir Zeit. Helm sagte, daß es wichtiger wäre, alle zu entdecken, als zu schnell zu machen und einige zu übersehen." Ihre Hände fuhren sanft über meine Arme. "Wie ist das Astralwandern für dich?"
"Das erste Mal war es sehr merkwürdig, Akiko. Bisher war ich nur in Gedanken in der geistigen Welt, aber plötzlich einen zweiten Körper zu haben und den physischen sehen zu können... War schon beeindruckend. Als Helm uns in Inverness befohlen hat, das Hotel zu erkunden, hatte ich panische Angst, vor die Mauer zu laufen, aber mein geistiger Körper ging einfach hindurch."
"Die Angst hatte ich auch", lachte sie leise. "Aber der Vorteil des Astralwanderns ist dir bewußt?"
"Jetzt ja. Früher konnte ich immer nur die Personen sehen, an die ich dachte, Akiko. Heute muß ich nur an einen bestimmten Ort denken, und schon bin ich da. Ich kann gehen, als würde ich tatsächlich dort sein. Ich bin mir nur noch nicht sicher, wie ich die Schläfer mit Alpträumen entdecken kann."
"Indem du einfach wanderst." Ihre Hand glitt über meinen Bauch und tiefer. Mein Atem wurde schwerer, als ich reagierte. "Du wanderst und du siehst. Alpträume haben eine ganz bestimmte Form, und du wirst sie erkennen." Ihre Hand schloß sich um mein Glied.
"Akiko, bitte!"
"Pst! Ist doch ein schönes Gefühl, oder?"
Ich nickte schnell.
"Also." Sie bewegte ihre Hand ganz leicht vor und zurück. "Und wenn du einen Alptraum entdeckt hast, folgst du ihm einfach. Ich habe schon zwei Orte in Tokio entdeckt, bevor ich hierher gekommen bin. Die Energie der Träume fließt, und du kannst ihr sehr leicht folgen." Sie löste ihre Hand und fuhr über meine Beine. Ich griff nach ihren Beinen und folgte der Form aufwärts, bis zum Treffpunkt der Oberschenkel. Akiko lehnte sich leicht an mich, als ich über ihre Scheide strich.
"Mit deinem geistigen Körper", sagte sie mit etwas belegter Stimme, "kannst du dann herausfinden, wo dieser Ort liegt, Toni. Es ist wie auf einer Landkarte. Du siehst die geistige Welt, aber du siehst auch die physische. Es ist wirklich ganz einfach." Sie stöhnte leise, als mein Finger sanft in sie glitt. Sie war warm und eng.
"Das entspricht nicht mehr dem japanischen Baderitual", wisperte sie erregt.
"Aber dem deutschen." Ich schob meinen Finger ganz in sie. Akiko drängte sich an mich.
"Touché!" Ihre Hand schloß sich wieder um mein Glied. "Möchtest du, daß ich nach vorne komme?"
"Was möchtest du?"
"Eine Antwort." Sie knabberte an meinem Ohr.
"Akiko, kommst du bitte nach vorne?"
"Sofort."
Wir trennten uns. Sie stand auf, stellte sich über meine Beine und ließ sich sinken. Als sie saß, sah sie mir tief in die Augen, griff nach meinem Glied, ohne den Augenkontakt zu unterbrechen, und brachte sich in Position, dann schob sie sich langsam näher und nahm mich auf. Ich legte meine Hände an ihre Hüften und zog sie gleichzeitig heran. Schließlich stießen unsere Körper zusammen.
"Toni, gibt es etwas, was du mir sagen möchtest?"
"Ja, Akiko." Ich legte meine Stirn an ihre und strich zärtlich über ihren kleinen, festen Busen. "Es gibt Millionen Dinge, die ich dir sagen möchte, aber ich werde sie nicht sagen. Du hast dein Leben, ich habe meins, und alles, was ich sagen möchte, würde zu sehr in dein Leben eingreifen. Deswegen werde ich nichts sagen."
"Woher weißt du, daß ich einen Eingriff in mein Leben nicht begrüßen würde?"
"Aus dem, was du erzählt hast, Akiko. Von deinem Geschäft und den Plänen, die du hast."
"Pläne." Akiko lächelte still. "Toni, Pläne sind nichts Unumstößliches. Es sind Richtlinien, von denen jederzeit abgewichen werden kann. Manche Pläne entstehen nur, damit kein Stillstand besteht." Sie begann, ihr Becken zu bewegen. "Was möchtest du mir sagen?"
"Nichts, Akiko. Ich möchte gar nichts sagen. Ich möchte dich einfach nur festhalten."
"Und nie mehr loslassen?" flüsterte sie. Ich schluchzte auf.
"Ja!"
Ihre Arme nahmen mich in eine eiserne Umarmung. "Dann sag es! Sag es, Toni!"
Auch ich umarmte sie, als solle sie ein Teil von mir werden. "Nein."
"Bist du halsstarrig!"
"Ja."
Akiko lachte leise. "Und wahrscheinlich bist du darauf auch noch stolz."
"Nein." Ich drückte mein Gesicht an ihren Hals. "Das bin ich nicht, Akiko. Aber ich kann doch nicht verlangen, daß du -"
"Daß ich?"
"Nichts."
Akiko seufzte laut. "Wie kann ein Mann alleine nur so dickköpfig sein!"
"Du verstehst nicht einmal die Hälfte, Akiko!" Ich nahm ihren Kopf in meine Hände und sah sie an. "Nicht einmal ein Viertel! Akiko, würdest du einen - einen Partner haben wollen, der vor einer Woche seine Frau, mit der er 22 Jahre zusammen war, verloren hat? Würdest du einen Partner haben wollen, dessen Kinder den Verlust ihrer Mutter noch nicht überwunden haben? Würdest du einen Partner haben wollen, der noch um die viertausend Jahre lebt? Der sich in einen Wolf verwandeln kann, dessen Biß Unsterblichkeit verleiht? Akiko, selbst wenn ich kaum mehr denken kann, weil ich so viel sagen möchte, kann ich es nicht sagen. Ich kann nicht!"
Akikos dunkle Augen glitten über mein Gesicht. Plötzlich stand sie auf, stieg aus der Wanne, hob ihren Kimono auf und eilte hinaus. Ich verspürte den fast unwiderstehlichen Drang, vor die Wand zu schlagen, doch anstatt einen Anfall zu bekommen, ließ ich meinen Ärger und meine Frustration in einer Stichflamme heraus, die zischend und qualmend im Wasser verdampfte.

* * *

Mitten in der Nacht wurde ich durch ungewohnte Geräusche wach. Ich stand schnell auf und lief in den Flur. Die Geräusche kamen aus dem Wohnzimmer.
Leise schlich ich mich hinunter und fand Akiko, die im Dunklen hin und her ging.
"Akiko!" rief ich sie leise an. "Was ist los?"
"Ich sagte doch, daß ich sehr früh aufstehen möchte." Sie drehte sich zu mir. "Wie wirst du zum Wolf, Toni?"
"Ich muß nur daran denken, es zu werden."
"Geht das schnell?"
"Ja. Warum?"
"Ich würde es gerne einmal sehen. Ich habe schon gehört, daß Noel es auch kann, aber gesehen habe ich es noch nie. Oder fällst du mich dann an?"
"Nein." Ich ging auf Hände und Füße, und wenige Sekunden später war ich ein Wolf.
"Bei allen Geistern!" flüsterte Akiko überwältigt. "Ein richtiger, echter Wolf!" Sie kniete sich auf ein Bein und streckte die Arme aus. Ich ging zu ihr. Akiko umarmte mich, dann sah sie mich an.
"Wenn du mich jetzt beißt, würde ich auch viertausend Jahre leben?" Ich senkte meinen Kopf und hob ihn wieder.
"Das ist tatsächlich eine verlockende Versuchung." Sie ging auf beide Knie. "Du kannst mich richtig verstehen?" Ich nickte wieder.
"Unglaublich. Beißt du mich?"
Ich wandte mich ab und verwandelte mich schnell zurück.
"Überwältigend", staunte Akiko, als ich wieder Mensch war. "Du bist ein Wolf, aber der Mensch in dir behält die Oberhand."
"Nicht ganz, Akiko. Wenn wir nachts auf Jagd gehen, also Wild jagen, sind wir wirklich Wölfe. Der Mensch ist dann ganz im Hintergrund. Aber da ist er immer. So wie der Wolf immer da ist, wenn wir Mensch sind."
"Schmerzt die Verwandlung?"
"Nein, nicht direkt. Was etwas weh tut, ist der Verlust der Sinne, wenn ich vom Wolf wieder zum Menschen zurückkehre, aber das ist nur ein psychologischer Schmerz, wenn es so etwas überhaupt gibt. Kerstin und Mandy verspüren überhaupt keinen Schmerz dabei. Shannon tat es anfangs sehr weh, aber nur, weil sie viel lieber ein Wolf als ein Mensch war. Inzwischen hat sich das auch bei ihr gelegt."
"Ich verstehe. Kommst du zu mir?" Sie schlüpfte aus ihrem Kimono und ließ sich auf die Couch fallen. Sie war nun so nackt wie ich. Ich setzte mich neben sie und legte meinen Arm hinter ihr auf die Lehne.
"Und nun?"
Akiko schmiegte sich an mich. "Warum hast du mich nicht gebissen?"
"Weil keiner von uns das so leichtfertig macht, Akiko." Ich beugte meinen Arm und legte eine Hand auf ihren wunderschönen Busen, ohne die Finger zu bewegen. "Wir reden vorher intensiv mit dem Menschen, der gebissen werden möchte, und fragen ihn regelrecht aus. Selbst bei unseren Töchtern waren wir nicht so schnell. Wir haben uns erst versichert, daß es ihnen wirklich ernst damit war, bevor wir sie gebissen haben. Darf ich meine Hand so liegenlassen?"
"Wenn nicht, hättest du meine schon längst im Gesicht", lachte sie leise. "Wie war die Reihenfolge?"
"Beim Wolf? Wie schon gesagt, Shannon war die erste. Gut einhundert Jahre später hat sie Mandy und Becky beim Spielen gebissen, allerdings ohne zu wissen, was sie damit anrichtet. Noel hat herausgefunden, was mit Shannon war, und sich von ihr beißen lassen. Dann haben wir - also Shannon und ich - herausgefunden, daß meine Linie wohl einen etwas anderen Virus haben muß, denn ich konnte mich zwar verwandeln und habe auch diese irrsinnig schnelle Selbstheilung, aber ich alterte normal, wie man ganz deutlich an den grauen Haaren hier oben sehen kann." Ich deutete auf meine Schläfen. Akiko lachte.
"Und dann?"
"Tja... Dann habe ich daran gedacht, wie - Nein. Akiko, ich muß dir etwas über uns erzählen. Auch ein Grund, warum ich vorhin so schweigsam gewesen war. Oder dickköpfig, wie du es genannt hast. Bevor ich herausgefunden habe, was Vera für ein Mensch ist, habe ich sie wirklich geliebt. Tief und innig, wie man so schön sagt. Als Shannon dazukam und ich herausfand, daß sie sich ebenso sehr für das Übersinnliche interessiert wie ich, habe ich mich in sie verliebt, jedoch ohne Vera weniger zu lieben. Das klingt absolut unglaubwürdig, und ich wäre der erste, der so eine Geschichte links liegen lassen würde, aber bei uns war es so. Dann, als ich daran dachte, daß Shannon noch um die achttausend Jahre lebt, ich aber nur noch vierzig oder so, habe ich mich von ihr beißen lassen, um ihren Virus zu bekommen und Tausende von Jahren bei ihr bleiben zu können, eben weil ich sie liebe. Es fühlte sich einen winzigen Moment so an, als würde frisches Blut in mich schießen, dann war es vorbei. Ob es geklappt hat, werden wir sehen.
Als nächstes wollten wir Vera in unser Geheimnis einweihen. Beim Spazierengehen im Wald setzte Shannon sich ab und verwandelte sich. Sie kam als Wolf zurück. Vera ist beinahe tot umgefallen, als plötzlich dieser mächtige, schwarze Wolf auf uns zukam. Shannon hat mit uns allen etwas geschmust und dann Vera sehr vorsichtig gebissen. Sie hatte nur zwei winzige Kratzer, die sie kaum gemerkt hat. Nachmittags hatte sich dieser Virus dann bei ihr vollständig eingenistet, und die Selbstheilung begann. Da Vera schon immer sehr schlechtes Heilfleisch hatte, fiel ihr das natürlich sofort auf, und so hatten wir den Aufhänger, um sie mit unserem Geheimnis vertraut zu machen.
Als nächstes kam Mandy dran. Sie hatte ja schon den Virus, aber eines Tages sagte sie plötzlich, daß sie in allernächster Zeit mit mir schlafen wollte. In dieser Nacht verwandelte sie sich zum allerersten Mal in ihrem Leben, und kurz darauf haben wir miteinander geschlafen. So wie Shannon und ich auch. Es scheint so zu sein, daß mit dem Erwachen der Sexualität auch der Wolf erwacht, und der Wunsch nach Paarung.
Dann fand Kerstin heraus, daß Shannon älter ist, als sie bisher glaubte. Energisch wie sie ist, wollte sie auch gleich gebissen werden. Wir haben lange mit ihr geredet, aber es war ihr ernst damit. Etwas später hat Shannon sie und Birgit dann gebissen." Ich holte tief Luft. "Das war kurz nachdem Kerstin den Wunsch nach Paarung verspürte. Sie hat ja den Virus von mir geerbt."
"Und du hast daraufhin mit deiner Tochter geschlafen", sagte Akiko ruhig.
"Ja, Akiko. Ich kann dir schwören, daß sie es wollte. Ich habe sie nicht dazu gezwungen. Ich weiß, daß ein Vater das nicht tun darf, aber bei uns... Ich weiß nicht. Bei uns ist das irgendwie total unnormal. Wir lieben uns alle, Akiko, und ich kann nie mit Sicherheit sagen, auf welche Art wir uns jetzt gerade lieben. Ob als Vater und Tochter oder Mann und Frau... Mal ist es das eine und mal das andere, aber vorhanden ist immer beides."
"Und warum erzählst du mir das jetzt?"
"Wegen der Dunkelheit?" Ich zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung, Akiko. Birgit und Becky schlafen auch miteinander. Wie Kerstin und Mandy. Es ist immer ein heilloses Durcheinander, aber es besteht nie Eifersucht. Auch wenn es unglaubwürdig klingt, aber wir lieben uns alle. So oder so."
Akiko atmete tief aus und preßte sich noch enger an mich. "Aber trotzdem suchen die drei irischen Mädchen eine Mutter."
"Richtig. Weil sie nie eine hatten. Zumindest nicht für längere Zeit. Auch wenn sie 130 oder 230 Jahre alt sind, fühlen sie sich doch so alt, wie sie aussehen, also 12, 13 und 15 Jahre. Das hängt auch mit dem Virus zusammen. In dem Alter brauchen sie noch Vater und Mutter."
"Ich weiß." Akiko drehte sich zu mir und legte ihre Wange auf meine Schulter. "Ich habe meine Eltern mit 12 verloren, und ich habe sie noch Jahre später wahnsinnig vermißt. Ich kann es ihnen nachfühlen. Daß zwischen dir und Kerstin mehr ist als zwischen Vater und Tochter üblich ist, haben wir alle in der Höhle gemerkt, Toni. Wir haben allerdings auch gemerkt, wie sehr ihr euch liebt. Daß es ein ganz starkes, echtes Gefühl ist. Auch wenn es dich schockiert, ich habe nichts gegen Inzest. Ich habe nur etwas gegen Zwang. Ich bin jetzt seit sechs Jahren bei der Truppe, wie Helm es nennt, und von diesen sechs Jahren habe ich etwa zwanzig Monate im Ausland gelebt. Ich liebe es, zu reisen. Andere Länder zu sehen, neue Menschen kennenzulernen... Aber in diesen ganzen sechs Jahren ist mir nie jemand begegnet, in den ich mich schon am ersten Tag verliebt habe, Toni. Du bist der erste."
Ich fuhr zusammen. "Du -"
"Ja. Ich habe mich in dich verliebt, Toni. Noch nicht unsterblich, aber das kann noch kommen." Sie legte ein Bein über mich und drückte sich ganz fest an mich.
"Es ist zum Teil Vernunft, wie ich zu meiner Schande bekennen muß. Wir beide sind Magier, und du hast Verständnis für meine Lage, weil du sie aus eigener Erfahrung kennst. Aber diese Vernunft macht höchstens zehn Prozent aus. Dreißig Prozent kommen aus der Art, wie du mit deinen leiblichen Töchtern und deinen Pflegetöchtern umgehst, und sechzig Prozent, weil du so bist, wie du bist. Ist so eine Rechnung nicht romantisch?"
"O ja!" seufzte ich. Wir lachten beide, während ich Akiko noch dichter an mich heran zog.
"Wir Japaner sind zum großen Teil sehr schüchtern und verlegen, wenn es um Liebe geht", fuhr sie fort. "Aber das kann ich mir bei meinem Beruf nicht leisten. Eine schüchterne Magierin und Geschäftsfrau... Nein. Das geht nicht. Aber dieser Verdienst liegt bei meiner Tante. Sie hat mich sehr selbstbewußt gemacht. Oder es verstärkt. Aber wenn es hell wäre, würde ich wahrscheinlich nicht so offen reden können. Und jetzt bist du dran, Toni. Was möchtest du mir sagen?"
Ich seufzte stumm. "Akiko, wenn du dein Geschäft mit all den Verpflichtungen nicht hättest, dann würde ich dich fragen, ob du dir ein Leben mit den Kindern und mit mir vorstellen könntest. Ich muß ganz ehrlich sagen, daß ich nicht weiß, ob ich in dich verliebt bin, aber das liegt nur daran, weil ich Moment ziemlich durcheinander bin. Ich weiß aber ganz sicher, daß ich mich in deiner Nähe äußerst wohl fühle, und daß mir der Gedanke, daß du nachher im Flugzeug nach Japan sitzt, sehr weh tut. Ja, auch bei mir ist ein Teil Vernunft dabei, zum einen wegen des Magiers in mir und zum anderen, weil die Kinder eine Mutter brauchen, aber wie bei dir ist der größere Teil einfach das Gefühl, was ich für dich empfinde. Daß du eine Japanerin bist, hat damit nichts zu tun, Akiko. Es ist dein Wesen, was mich anspricht. Das Aussehen auch, aber das ist nicht die Hauptsache."
"Wie bei mir", sagte sie leise. "Körperbehaarung ist etwas, was uns abschreckt, aber bei dir interessiert mich das überhaupt nicht. Ich sehe in deine Augen und ertrinke darin, Toni. Was ist mit Birgit?"
"Shannon sagte schon, daß Birgit dich nicht als Mutter, aber als große Freundin akzeptieren würde. Sie sagte außerdem völlig richtig, daß Birgit in dem Jahr, bevor meine Frau und ich uns scheiden lassen können, eine sehr gute Gelegenheit hat, sich an dich zu gewöhnen. Es wird vielleicht etwas kritisch, aber ich denke, daß Birgit sich an den Gedanken gewöhnen wird."
"Ich möchte niemals ihre Mutter aus ihrem Herzen vertreiben", sagte Akiko. "Egal, was für ein Mensch die Mutter ist, sie ist die Mutter, und damit hat sie einen ganz besonderen Platz im Leben des Kindes."
"Vollkommen richtig, Akiko. So sehe ich das auch."
"Dann ist ja fast alles gesagt."
"Fast?"
"Ja. Zwei Dinge sind noch offen, Toni. Wir haben vorhin fast schon miteinander geschlafen, und das werden wir jetzt nachholen."
"Und das zweite?"
"Das wird eine Überraschung." Sie schwang sich über meine Beine und küßte mich.










Kapitel 26 - Samstag, 16.10 bis Montag, 25.10.1999



"Was ist mit dir los, Liebster?" Shannon setzte sich auf meinen Schoß und sah mich fragend an. "War das Einkaufen so stressig?"
"Nein." Ich drückte Shannon an mich und suchte Trost. "Bleibst wenigstens du bei mir, Liebling?"
"Natürlich. Was hast du?"
"Kummer." Ich legte meine Stirn an ihren Hals.
"Akiko?"
"Ja." Ich küßte Shannon kurz, dann sah ich sie traurig an. "Ich verstehe sie nicht, Liebling! In der Nacht gestehen wir uns, daß wir ineinander verliebt sind oder so, dann schlafen wir miteinander auf eine so harmonische und perfekte Weise wie wir beide, und dann verschwindet sie mit einem lapidaren Gruß und läßt sich von einem Taxi zum Flughafen bringen. 'Bis demnächst!' Was soll uns das denn sagen?"
"Ist schon gut, Liebster." Shannon strich mir tröstend über die Haare. "In Tokio ist es jetzt acht Uhr abends, oder?"
Ich sah auf meine Uhr und nickte. "Ja. Warum?"
"Schau doch mal, ob eine Mail von Akiko da ist."
"Meinst du?"
Shannon lächelte zuversichtlich. "Schau einfach nach, Liebster. Soll ich dich in dein Büro rollen, oder kriechst du auf dem Zahnfleisch da hin?"
"Biest!" Ich drückte sie stürmisch. "Ach, Shannon! Ich liebe dich!"
"Ich dich doch auch. Nun lauf."
Leider war keine Mail von Akiko dabei, nur eine sehr lange von Helm: eine komplette Auflistung aller Kirchen und Klöster in Deutschland. Georg Stephan hatte die Mail auch bekommen, genau wie Kerstin. Drei Magier für ganz Deutschland. Nicht gerade ermutigend, aber Cheng hatte es noch schwerer: er war der einzige Magier für ganz China.
Am frühen Nachmittag kam eine weitere Mail von Helm, in der eine neue Aufteilung der Gebiete beschrieben war. Georg bekam Süddeutschland, Kerstin war zuständig für Deutschland Mitte, ich durfte mich um den Norden Deutschlands kümmern. Stirnrunzelnd überflog ich die Liste; offenbar hatte sich jeder Magier erst einmal um sein Land zu kümmern. Tatsächlich! Ramon hatte Spanien, Noel Irland, Sabina Brasilien, Cheng China und Japan.
Ich stutzte. Japan? Was war mit Akiko?
Mein Herz schlug stärker, als ich die Liste gründlich las, doch Akiko war nicht dabei. Da mußte ein Fehler passiert sein. Ich schloß die Augen und dachte an Helm.
'Helm?'
'Was gibt's, Anton?'
'Ich lese gerade deine Liste. Was ist mit Japan? Wieso übernimmt Akiko nicht Japan?'
Helm schwieg einige Sekunden; für ihn eine halbe Ewigkeit. Dann meldete er sich wieder. 'Anton', sagte er sehr behutsam. 'Hast du keine Nachrichten gesehen?'
'Nachrichten?' Mein Herz begann zu rasen. 'Nein! Was ist mit Akiko?'
Wieder eine Pause, in der ich dachte, ich würde durchdrehen. Endlich sprach er wieder.
'Es tut mir sehr leid, Anton. Ihre Maschine ist bei der Landung abgestürzt. Akiko ist tot.'

* * *

"Schluß jetzt!"
Ich hob meinen schweren Kopf und sah sehr undeutlich Shannon vor mir stehen.
"Toni, du kannst doch nicht noch mehr trinken!" Ich sah verschwommen, wie die Flasche vor mir sich entfernte. Ich wollte danach greifen und fiel von der Couch. Ein Geräusch kam aus meiner Kehle, ein saurer Geschmack stieg auf, und ich übergab mich auf den Teppich.
"O nein! Trockentücher! Schnell! Und einen Eimer mit Wasser!"
Um mich herum waren schnelle und laute Schritte, jeder einzelne war wie ein Nadelstich in mein Gehirn. Ich würgte und spuckte und merkte kaum, daß mich jemand stützte. Schließlich kam nur noch bitterer Gallensaft hoch.
"Toni!" Shannon umarmte mich schluchzend. "Komm doch wieder zurück! Laß dich nicht so fallen!"
"Akiko!" wimmerte ich.
"Ich weiß." Ich spürte Shannons Wange an meinem Kopf. "Ich weiß, Liebster." Ich schloß die Augen und ließ mich in meine Trauer fallen.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf der Couch. Es war dunkel. Mein Kopf dröhnte wie ein Bergwerk. Ich ächzte und wollte mich aufsetzen, doch eine Hand hielt mich zurück.
"Bleib liegen, Liebster."
"Shannon!" Ich kroch zu ihr, legte meinen Kopf auf ihre Beine und drückte mein Gesicht an ihren Bauch. Dann schossen die Tränen hervor.
Ich weinte Stunden, wie mir schien, aber irgendwann war keine Träne mehr in mir. Erhitzt, erschöpft und vollkommen fertig lag ich da, während Shannon noch leise weinte. Trotz irrsinniger Kopfschmerzen setzte ich mich vorsichtig auf. Shannon und ich umarmten uns, um uns gegenseitig zu stützen.
"Wir müssen hier weg", schluchzte ich erstickt. "Dieses Haus bringt uns kein Glück."
"Ja, Liebster. Wohin?"
"Weit weg, Shannon. Irgendwohin, wo es keine Menschen gibt."
"Ja, Liebster." Sie drückte meinen Kopf an ihren Bauch. "Möchtest du einen Kaffee?"
"Bleib bei mir!"
"Ich bleibe bei dir. Mandy? Machst du einen starken Kaffee?"
"Ja." Wie aus der Ferne hörte ich Mandys Stimme und ihre Schritte, mit denen sie in die Küche lief.
"Sind alle Kinder hier?"
"Ja, Liebster." Shannon weinte wieder leise. "Die arme Akiko!"
"Hört doch auf!" Das war Kerstin, die ebenfalls weinte.
"Bist du in Ordnung, Papa?" Das war Birgit, die sich neben mich setzte. Ich ergriff ihre Hand und drückte sie.
"Fast, Krümel. Geht gleich wieder." Der vernünftige Teil von mir meldete sich schrittweise zurück. "Kann jemand etwas Licht anmachen?"
Sekunden später wurde eine Stehlampe eingeschaltet. Das Licht war nicht sehr hell, doch es stach in meine Augen wie Messer. Sofort meldeten sich die Kopfschmerzen wieder.
"Läuft." Mandy kam zurück. "Wie geht's, Papa?"
"Wie geht's euch?" Ich öffnete vorsichtig meine Augen und fand meine fünf Mädchen um mich versammelt. Alle sahen so aus, wie ich mich fühlte. "Wie spät ist es denn überhaupt?"
"Gleich Mitternacht."
"Dann ins Bett mit euch." Ich riß mich am Riemen und kämpfte die Tränen zurück. "Becky, Birgit, ihr schlaft zusammen. Mandy und Kerstin auch. Shannon, bleibst du bitte noch etwas hier?"
"Natürlich, Liebster." Ihre Augen waren feuerrot vom Weinen. "Auf ins Bett."
Die Mädchen drückten mich vorsichtig; alle hatten stark geweint. Dann gingen sie todtraurig nach oben. Aus der Küche drang das Gurgeln der Kaffeemaschine.
"Ich hol dir eben den Kaffee, Liebster. Schwarz?"
"Ja, bitte." Ich ließ den Kopf in den Nacken fallen, was mir im ersten Moment überhaupt nicht guttat, und schloß die Augen. Akiko tot. Warum? Warum gerade Akiko? Ich konnte es nicht fassen. Akiko tot? Dieser warmherzige, charmante, kluge Mensch tot? Einfach so?
"Hier, Liebster." Shannon stellte eine Tasse auf den Tisch und setzte sich zu mir.
"Danke, mein Liebling." Ich nahm die Tasse in zwei zitternde Hände und trank vorsichtig einen Schluck. Das bittere, heiße Gebräu verbrannte mir fast die Zunge, aber es tat sehr gut. Ich nippte mehrmals daran, bis ich den sauren Geschmack von Erbrochenem nicht mehr schmeckte.
"Was ist denn genau passiert?" fragte ich. Ich wollte es nicht wissen, aber ich mußte es wissen.
"Kerstin hat mit Helm gesprochen." Auch Shannon nahm sich sehr zusammen. "Offenbar ist beim Aufsetzen das Fahrwerk gebrochen, und die Maschine ist explodiert. Sie war bestimmt sofort tot, Liebster." Ihre Stimme brach.
Wir saßen, redeten und weinten bis fast drei Uhr morgens, dann waren wir völlig erschöpft und torkelten ins Bett, doch auch nach einigen Stunden Schlaf ging es uns kein Stück besser. Wir saßen alle schweigend und bedrückt am Frühstückstisch und aßen lustlos. Plötzlich dachte ich, ich würde verrückt. Ich hörte Akiko!
'Toni? Ich ersticke! Hilf mir!'
'Akiko!' Ich sprang auf und warf beinahe den Tisch um. 'Bist du es wirklich?'
'Toni! Hilfe!'
Ich konzentrierte mich auf sie und sah mit ihren Augen auf eine dunkle Folie, durch die nur sehr wenig Licht drang. Ein Leichensack. Ich spürte Akikos Panik und den Mangel an Sauerstoff.
'Ich bin bei dir, Akiko. Warte!' Ich suchte nach dem Reißverschluß, doch natürlich war der nicht von innen zu öffnen. Akiko hustete und schnappte panisch nach Luft, die nicht mehr da war. Ich schickte ein leichtes magisches Feuer um die halbe Welt. Akiko schrie auf, als sie die Hitze spürte. Das Plastik wellte sich, schmolz und riß endlich auf. Ich stoppte das Feuer. Akiko schnappte hektisch nach Luft, die durch die Löcher eindrang. Durch ihre Ohren hörte ich Schritte näherkommen.
'Liebling, mach dich unsichtbar! Schnell!'
'Ich - ich kann nicht!'
'Scheiße! Helm! HELM!' Ich war am Rande der Panik. Warum Akiko plötzlich lebte, wußte ich nicht, aber sie würde bestimmt ein Fressen für die Wissenschaftler und Mediziner werden. Das durfte nicht geschehen.
'Was denn?' hörte ich Helm brummen. 'Ich bin gerade mitten -'
'Halt die Klappe und hör zu!' schnauzte ich ihn an. 'Akiko lebt, und das ist kein Scherz! Ich habe sie gerade aus einem Leichensack befreit, doch irgend jemand kommt!'
'Was?' Einen Gedanken später trafen wir uns in Akikos Geist. 'Du lebst wirklich, Akiko?' fragte Helm verblüfft.
'Scheint so', kam die schlappe Antwort. 'Helm, da kommt jemand!'
'Sieh dich um.' Kraft floß von Helm zu Akiko, die den Kopf drehte. Es gab merkwürdig knarrende Geräusche, und ich sah durch ihre Augen, daß sie am ganzen Körper vollständig verbrannt war. Akiko geriet in Panik.
'Nicht hinsehen!' kam Helms zwingender Gedanke. 'Sieh dich nur um!'
'Ja, Helm.' Akiko beruhigte sich wieder. Durch die Löcher in dem Leichensack sahen wir einen verwirrten Mann im weißen Kittel durch die Reihen gehen. Überall lagen Säcke wie der, in dem Akiko war, und genau auf diesen war der Blick des Mannes gerichtet. Einen Moment später flog der Mann zurück, als hätte ihn eine Riesenfaust getroffen, und fiel reglos zu Boden.
'Das gibt wieder eine Schlagzeile', brummte Helm mißmutig. 'Was ist passiert, Mädchen?'
'Ich habe keine Ahnung, Helm. Es war - es gab einen Schlag, als wir aufsetzten, und im nächsten Moment knallte es furchtbar, und alles brannte. Helm, es war schrecklich! Alles brannte, die Menschen schrien, und die Flammen rasten durch die Kabine, und zwei Kinder -'
'Ruhig, Mädchen! Ganz ruhig! Was war dann?'
Akiko beruhigte sich wieder. 'Das Feuer kam in Sekunden näher. Dann fing ich an zu brennen, und mein Sitz auch, und eigentlich alles. Das nächste, was ich weiß, ist, daß ich zu mir kam, und alles war dunkel. Ich war am Ersticken! Ich habe Toni gerufen, und er hat das Plastik geschmolzen.'
'Noel', dachte Helm. 'Noel und sein Heilmittel. Akiko, du bist in der Dämonenhöhle auch verletzt worden, oder?'
'Ja, aber -'
'Helm!' dachte ich erzürnt. 'Können wir das Plaudern auf später verschieben? Wir müssen sie da rausholen!'
'Du hast recht, Anton. Akiko, kannst du gehen?'
'Ich?' Akikos Augen glitten über ihren schwarzen, verbrannten Körper. 'Sieht das so aus, als ob ich jemals wieder gehen könnte?' Ihre Gedanken wurden hysterisch.
'Anton, beruhige sie. Ich kümmere mich darum.' Helms Geist zog sich zurück.
'Akiko!' weinte ich. 'Liebling, was machst du nur für Sachen?'
'Ich habe mir die Landung bestimmt nicht so vorgestellt.' Ich spürte, wie sie versuchte, die Panik und Hysterie im Griff zu behalten. Ich riß mich zusammen und unterstützte sie dabei. 'Toni, was war das mit Noels Mittel?'
'Gute Frage, Akiko. Ich kann mir nur vorstellen, daß sich sein Heilmittel so einnistet wie der Wolfsvirus. Noel hat das Mittel aus Kerstins und Birgits Blut destilliert, bevor die beiden unsterblich wurden. Es wirkt langsamer als bei uns, aber offenbar holt es dich auch von den Toten zurück. Schaust du mal bitte auf deinen linken Fuß?'
'Das möchte ich eigentlich nicht.'
'Bitte, Akiko.'
Ich spürte ihren inneren Kampf, dann glitt ihr Blick über das Plastik nach unten zu kleinen, rosigen Flecken auf ihren Zehen.
'Siehst du, Akiko?' dachte ich zärtlich. 'Die Verbrennungen gehen zurück. Ganz allmählich nur, aber doch. Du wirst bald wieder so hübsch aussehen wie früher.'
'Toni!' schluchzte sie. 'Wirklich?'
'Ja, mein Liebling. Ganz bestimmt. Noels Mittel hat auch dich unsterblich gemacht.'
'Mein Gott!' dachte sie erleichtert. 'Toni, versprichst du mir etwas?'
'Alles, was du willst, Akiko.'
'Gut. Wenn ich wieder in Deutschland bin, wirst du mich beißen. Als Wolf.'
'Das werde ich tun. Akiko! Ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich ich bin!'
'Ich auch, Toni. Was treibt Helm bloß so lange?'
'Sekunde, Liebling. Ich bin sofort wieder bei dir.'
Ich kehrte zurück an den Eßtisch. Die Mädchen starrten mich besorgt bis ängstlich an.
"Drehst du jetzt durch?" fragte Kerstin voller Furcht. "Du hast Akikos Namen gerufen, Papa!"
Ich schüttelte den Kopf, meine Augen wurden naß. "Akiko lebt, Kinder. Sie lebt! Kerstin, erinnerst du dich an Noels Mittel, das er aus eurem Blut hergestellt hat? Das hat Akiko gerettet."
"Was?" Kerstin sprang auf. "Wirklich?" Auch die Gesichter der anderen Mädchen erhellten sich.
"Wirklich. Ich rede gerade mit ihr. Ich erzähle euch gleich mehr." Ich setzte mich hin und dachte wieder an Akiko.
'Ich habe gerade den Mädchen Bescheid gesagt, Akiko. Sie -'
'Hier tut sich was!' Sie drehte den Kopf. Durch eine breite Tür kamen zwei Männer mit einer Trage. Und Helm meldete sich zurück.
'Alles in Ordnung, Akiko', sagte er. 'Die werden dich in einen Krankenwagen bringen und zu dir nach Hause fahren. Anschließend werden sie es vergessen. Anton, ich brauche deine Hilfe dabei. Ich brauche schon fast alle Kraft, um sie zu kontrollieren.'
'Ist gut, Helm. Es tut mir leid, daß ich dich vorhin angebrüllt habe.'
'Vergessen. Akiko lebt, nur das zählt. Ich muß mich um die beiden kümmern. Anton, bleib bei Akiko.'
'Aber hundertprozentig!'
Ich sah durch Akikos Augen, wie die beiden Männer näherkamen und Akiko mitsamt Sack auf die Trage legten, dann trugen sie sie hinaus zu einem Krankenwagen, legten Akiko ohne den Sack hinein und schnallten sie fest. Sekunden später setzte sich der Krankenwagen in Bewegung.
'Das tut so weh!' wimmerte Akiko. 'Toni, das schmerzt unglaublich! Es wird jede Sekunde schlimmer!'
'Es ist bald vorbei, mein Liebling. Warte.' Ich suchte nach ihrem Schmerzzentrum und dämpfte die Funktion etwas. Akiko seufzte erleichtert.
'Besser. Viel besser. Danke, mein Liebling. Toni, nur für den Fall, daß mir doch noch etwas passiert... Ich liebe dich. Ich bin mir absolut sicher, daß ich dich liebe.'
'Ich liebe dich auch, Akiko. Ich wußte es, als ich von Helm hörte, daß dein Flugzeug abgestürzt ist.'
'Und ich wußte es, als ich brannte. Was geschieht jetzt mit mir?'
'Wir werden dich nach Hause bringen lassen, wo du dich auskurierst. Wenn der Heilungsprozeß in dem Tempo fortschreitet, wirst du schon bald wieder laufen können. Und jetzt ruh dich aus.'
'Gute Idee. Tot war ich noch nie; ist eine interessante Erfahrung. Welcher Tag ist heute? Wie lange war ich tot?'
'Bei dir ist es Sonntag, etwa fünf Uhr nachmittags. Dir fehlen anderthalb Tage.'
'Das geht ja noch. Toni, könntest du mich mit dem Auto abholen und nach Deutschland bringen?'
'Akiko!' lachte ich erleichtert. 'Ist Japan nicht eine Insel?'
'Dann komm mit einem Ruderboot!' lachte sie. 'Fliegen werde ich nie wieder!'
'Beim nächsten Flug bin ich dabei, Akiko. Ganz bestimmt. Und jetzt schließ die Augen.'
'Nein! Es ist so schön, etwas zu sehen. Aber ich bin ruhig.'
Schweigend sah ich durch Akikos Augen auf die verschwommenen Lichter Tokios hinter den milchigen Scheiben des Wagens. Endlich hielt das Auto an. Die beiden Männer stiegen aus, öffneten die hinteren Türen und trugen Akiko auf ein Haus zu.
'Tür!' hörte ich Helms Gedanken. Hektisch untersuchte ich die Tür und fand den Schließmechanismus. Ich griff hinein, die Tür sprang auf. Akiko wies Helm an, wie die Männer gehen mußten. Schließlich lag Akiko in ihrem Schlafzimmer auf ihrem Bett. Helm und ich schickten die Männer hinaus bis in den Krankenwagen, dann manipulierten wir ihre Erinnerungen und gaben sie frei. Einen Augenblick später war ich wieder bei Akiko.
'Wir haben es geschafft, Liebling. Helm, vielen Dank!'
'Schon gut. Wie geht es unserem Mädchen?'
'Wie es einem geht, wenn man verbrannt ist', seufzte Akiko. 'Helm, ich schulde dir sehr viel.'
'Unsinn!' kam Helms unwilliger Gedanke. 'Bedank dich bei Anton; er hat dich aus dem Sack befreit. Außerdem habe ich noch zu tun. Macht's gut.' Er war weg. Akiko lachte in Gedanken.
'So ist er immer, wenn ihm etwas an die Nieren geht. Toni, ich kann mich gar nicht genug bei dir bedanken.'
'Mach das persönlich, wenn wir uns wiedersehen. Habe ich das richtig verstanden? Du willst wieder nach Deutschland?'
'Ja, mein Liebling. Am Donnerstag habe ich mit meinen Angestellten gesprochen und ihnen gesagt, daß sie das Geschäft haben können. Ich werde es verkaufen. Deswegen mußte ich ja schnell zurück, Toni. Ich möchte so schnell wie möglich ein Treibhaus auf meinem Grundstück in Deutschland bauen und dort Bonsais züchten. Und jetzt liege ich verbrannt in meinem Bett und kann mich nicht bewegen.'
'Schau bitte noch mal auf deinen Fuß, Akiko.'
Wir entdeckten schon viel mehr rosige Flecken als vorher. Akiko seufzte erleichtert. Sie drehte den Kopf zu ihrem linken Arm. Auch dort setzte die Heilung rasch ein.
'Siehst du', dachte ich zärtlich. 'Es wird alles wieder gut, Akiko. Alles!'
Ich blieb bis etwa elf Uhr abends gedanklich bei Akiko, deren Haut bis dahin schon zu über 80% wiederhergestellt war. Dann konnte ich einfach nicht mehr. Der Schock über ihren Tod, die anschließende Trauer und dann die Erleichterung, daß sie doch noch lebte, forderten ihren Tribut. Als Akiko probeweise aufstand und tatsächlich langsam gehen konnte, schickte sie mich ins Bett. Nur zu gern gehorchte ich und schlief bis fast zehn Uhr des nächsten Tages. Als ich aufwachte, war das Haus leer. Die Mädchen hatten ihren ersten Schultag nach den Herbstferien. Akiko schlief, wie mir ein kurzer Besuch bei ihr verriet.
Ich stand auf und duschte ausgiebig. Als ich mich im Spiegel sah, erschrak ich. Ich hatte tiefe dunkle Ringe unter den Augen und einen Zweitagebart, dazu Linien um die Augen herum, die vorher noch nicht da gewesen waren. Nie wieder Alkohol, schwor ich mir, während ich mich rasierte und fertigmachte.
Im Eßzimmer fand ich zwei Brote für mich, und Mandys Einkaufsliste. Das Leben normalisierte sich wieder.

* * *

Nach und nach trudelten die Mädchen ein. Shannon, Mandy und Becky waren auf einer anderen Schule als Kerstin und Birgit, und alle fünf hatten auch noch unterschiedliche Stundenpläne, deshalb kamen sie so gut wie nie gleichzeitig nach Hause. Da ich so gründlich verschlafen hatte, gingen wir in eine Pizzeria in unserer Nähe und aßen uns erst einmal satt. Den fünf Kindern saß das Wochenende auch noch sehr in den Knochen.
Zu Hause machten sich die Mädchen gleich an die Hausaufgaben, und um sechs Uhr hielten wir Kriegsrat.
"Punkt Eins." Ich sah meine fünf Mädchen der Reihe nach an. "Ich möchte mich für mein Verhalten am Samstag entschuldigen. Ich -"
"Klappe!" Kerstin sah mich böse an. "Das mußt du nicht, Papa. Wir haben Akiko auch sehr gern." Ihr Blick wurde ängstlich. "Aber noch mal machst du das nicht, ja? So betrinken, meine ich."
"Versprochen, Bolzen." Ich drückte sie so kräftig, daß sie leise aufschrie. "Das kommt nie wieder vor."
"Wie geht es Akiko denn?"
"Gut. Als ich vorhin mit ihr geredet habe, war ihre Haut schon vollkommen in Ordnung, und sogar die Haare wuchsen schon wieder."
Birgit schüttelte sich. "War alles verbrannt?"
"Ja, Krümel. Alles. Aber jetzt sieht sie wieder so aus wie früher. Die Haare kommen auch schnell in Ordnung. Damit zu Punkt Zwei. Akiko hat, wie ihr wißt, hier ein Grundstück geerbt. Dort möchte sie eine Baumschule für Bonsais aufbauen. Hat jemand etwas dagegen, wenn sie die erste Zeit, bis alles aufgebaut ist, bei uns wohnt?"
"Nein!" Fünffaches Echo. Ich sah meine jüngste Tochter an.
"Birgit? Du auch nicht?"
"Nein, Papa. Ehrlich nicht." Birgit griff nach meiner Hand und drückte sie. "Hol sie ruhig her. Sie kann auch länger bei uns bleiben, wenn du das möchtest."
"Danke, Krümel. Punkt Drei. Ich möchte ein neues Auto kaufen, wo wir alle reinpassen. Gegenstimmen?" Keine.
"Punkt Vier." Ich sah in die Runde. "Ich möchte das Haus hier verkaufen und umziehen. Bisher hatten wir hier nur Pech und Probleme."
Shannon meldete sich zu Wort. "Können wir das verschieben, bis Akiko hier ist, Toni? Wann kommt sie überhaupt?"
"Sie sagte, daß sie in ein paar Tagen alle Verträge unter Dach und Fach hat. Dann muß sie ihre Sachen packen und verschicken... Eine Woche, schätze ich. Anfang bis Mitte nächster Woche. Gut, Shannon. Verschieben wir das solange. Habt ihr noch etwas?"
"Nur eine Frage, Liebster. Wegen Akiko. Ihr Flugzeug ist am Samstagmorgen abgestürzt, und am Sonntagabend wurde sie wieder lebendig. Sie war 36 Stunden tot. Wie kann das gehen?"
"Das habe ich Noel gefragt, Shannon. Er war zuerst vollkommen perplex, dann fing er an, nachzudenken. Seiner Meinung nach nistet sich das Heilmittel ebenso im Gehirn ein wie der Wolfsvirus und bleibt dort. Wenn jetzt jemand durch einen Unfall stirbt, scheint das Mittel zuerst das Gehirn, die Lungen, das Herz und dann alle anderen Organe zu regenerieren, so daß der Mensch trotzdem weiterlebt. Erst danach kommt alles andere an die Reihe. Er meint, es würde von innen nach außen wirken und den Menschen praktisch wieder komplett neu aufbauen. Das wollte er aber noch durch Versuche verifizieren. Es wäre auf jeden Fall eine Erklärung, warum Akiko in ihrem Sack beinahe erstickt wäre. Sie war am Leben, aber bewußtlos, und das fast anderthalb Tage."
"Aber in der Höhle sagte Noel doch, daß das Mittel keine Unsterblichkeit verleiht", überlegte Kerstin laut.
"Richtig, Bolzen. Das sagte er, und das hat er auch geglaubt. Deswegen ja die Versuche. Er muß es herausfinden. Er kann sich selbst noch nicht erklären, was da passiert ist."
"Noel und sein Chemiebaukasten", lachte Shannon. "Liebster, weißt du, was ich glaube? Daß dieser Virus sich selbst geheilt hat."
"Was?"
"Ganz einfach. Noel hat eine Komponente des Virus entfernt, wie er sagt. Dieser Virus ist aber auf Selbstheilung programmiert, und die hat er dringelassen. Klickt es?"
Es klickte. "Du meinst, daß der Virus zuerst sich geheilt hat und dann - Aber das würde ja bedeuten, daß Akiko auch zum Wolf werden könnte. Wie alle -"
"Anderen, denen er das gespritzt hat", unterbrach mich Kerstin. "Sieht so aus. Zum Glück war das der Virus, der normal altert. Da muß sich Noel jetzt etwas einfallen lassen."
"Sieht so aus." Ich sah mir meine fünf Mädchen an. "Kinder, habt ihr wirklich nichts dagegen, daß Akiko zu uns kommt und längere Zeit bei uns bleibt?"
"Nein." Birgit schmiegte sich an mich. "Sie ist nett, und du hast sie sehr gern. Hol sie her, Papa. Ich kann gut mir ihr reden."
"Kerstin?"
"Blöde Frage!"
"Blöde Antwort! Becky?"
"Ich mag sie. Ich hätte sie gerne hier."
"Mandy?"
"Ich mag sie auch. Außerdem ruft sie keine Geister. Von mir aus kann sie auch bleiben."
"Shannon?"
"Gleiche Antwort wie Kerstin."
"Gleicher Anschiß wie Kerstin." Ich zwinkerte Shannon zu, die still lächelte. "Schön. Bolzen, wir müssen langsam mal anfangen, die Nester der Dämonen herauszufinden. Wie ist es mit deiner Zeit bestellt?"
"Wir können loslegen." Kerstin lächelte zuversichtlich. "Ich bin bereit."

* * *

Es war einfach. Wir schickten unseren Astralkörper - die Hülle der Seele - auf die Reise in die geistige Welt und wanderten. Anhand der zugeteilten Gebiete konzentrierten wir uns erst einmal auf die Hauptstädte. Innerhalb von Sekundenbruchteilen waren unsere geistigen Körper über der ausgewählten Stadt und beobachteten. Schon nach wenigen Sekunden entdeckte ich einen Schläfer mit einem Alptraum. Die Energie des Traumes war auf große Entfernungen zu spüren, da Angst und Panik sehr mächtige Gefühle sind. Auch die Form war eindeutig; sie ähnelte einer tiefschwarzen, zitternden, beängstigenden Masse. Wie Akiko vor ihrem Abflug gesagt hatte, floß sie vom Schläfer weg. Ihr zu folgen war ein Kinderspiel.
Schon in der ersten Nacht entdeckte ich allein in und um Hamburg fast zehn Nester. Schwierig war nur, daß ich nach jedem Nest zurück in meinen Körper mußte, um das Nest auf einer Landkarte zu markieren; erst dann konnte ich wieder zurück. Aber das Problem hatte jeder von uns.
Kerstin machte um ein Uhr morgens Schluß; sie hatte bereits über zwanzig Nester entdeckt und markiert. Wir schmusten noch ein paar Minuten, bis sie eingeschlafen war, dann dachte ich an Akiko.
'Guten Morgen!'
'Toni!' Ihre Freude war nicht zu überhören. 'Schläfst du noch nicht?'
'Nein, mein Liebling. Wie geht es dir?'
'Bestens. Ich bin in meinem Geschäft; wir haben gerade geöffnet. Möchtest du es sehen?'
'Sehr gerne, Akiko.' Ich ging tiefer und sah durch Akikos Augen ihr Geschäft. Es war groß; ich schätzte es auf fast hundert Quadratmeter. Die Einrichtung bestand aus vielen pyramidenähnlichen Gebilden, die stufenförmige Absätze hatten, auf denen wiederum wunderschöne kleine Bäume in ebenso schönen Schalen standen. Jede Pyramide war um die 1,60 hoch. Obwohl es in Tokio erst zehn Uhr morgens war, war das Geschäft schon voll. Ich hörte sogar durch Akikos Ohren das herrliche Zwitschern der japanischen Verkäuferinnen. Akiko spürte meine Gefühle.
'Es gefällt dir!' dachte sie glücklich.
'Es ist wunderschön, mein Liebling. Dreh dich mal bitte noch mal, aber ganz langsam.'
Akiko sah sich langsam um. In ihrem Geschäft standen vielleicht dreißig dieser Pyramiden, und jede von ihnen bot Platz für etwa vierzig bis fünfzig Bonsais. An der rechten Wand, wenn man hereinkam, war ein durchgehendes, deckenhohes Regal mit unglaublich vielen Schalen, in die die Bonsais gepflanzt werden konnten. An der Rückwand befanden sich mehrere Zeitungsständer mit Büchern und Zeitschriften, deren Umschlag Bäume und Pflanzen zeigten, und an der linken Wand schließlich hingen wie in einem Werkzeuggeschäft die ganzen Tüten mit dem Zubehör. Ich sah dicke und dünne Scheren, Unmengen von Drähten, Beutel mit Erde, kleine und große Siebe, und sogar viele Figuren und Modelle wie Tiere, Pagoden und kleine Steine, mit denen um den eingepflanzten Bonsai herum eine echte Landschaft gebaut werden konnte.
'Unwahrscheinlich!' staunte ich. 'Ihr verkauft eintausend Pflanzen pro Tag?'
'Sogar noch etwas mehr', gab sie schüchtern zu. 'Tokio ist sehr groß, Toni.'
'Wirst du es vermissen?' fragte ich behutsam. Ich spürte einen kurzen Anflug von Trauer, dann sehr viel Glück.
'Ja, Toni. Ich werde es vermissen. Aber ich gewinne so viel! Nicht nur das herrliche Grundstück, sondern auch dich. Das heißt, wenn du mich noch möchtest.' Selbst in Gedanken konnte sie schelmisch lächeln. Mein Gefühl flog um den Erdball genau in ihr Herz.
'Das war eine schöne Antwort', seufzte sie. 'Toni, darf ich schon einen Großteil meiner Sachen zu dir schicken? Ich möchte heute abend mit dem Einpacken beginnen.'
'Hast du dir das wirklich gut überlegt, Akiko?' fragte ich besorgt.
'Ja.' Ihre Entschlossenheit war kaum mehr zu überbieten. 'Ich habe es mir sehr gut überlegt. Toni, du machst Liebe wie ein Japaner.'
'Äh - ist das ein Kompliment?'
'Ja.' Sie lachte amüsiert. 'Ein japanischer Mann bringt eine japanische Frau zum Orgasmus, ohne an seinen eigenen zu denken. So wie du es bei mir getan hast. Es war wunderschön.'
'Für mich auch, Akiko. Wenn du wirklich fest entschlossen bist, dann freue ich mich auf unsere gemeinsame Zukunft.'
'Ich auch, Toni. Ich habe nur noch eine sehr schlimme Sache vor mir.'
'Welche?' fragte ich beunruhigt.
Akiko seufzte. 'Den Flug nach Deutschland.'

* * *

Nacht für Nacht wuchsen die Markierungen auf den Landkarten. Jeden Morgen schickte ich Kerstins und meine Entdeckungen zu Helm. Am Freitag brachte ein Paketdienst sechs große, schwere Pakete von Akiko, die ich in das Gästezimmer stellte. Es war ihr ernst mit dem Umzug. Minutenlang stand ich vor den Paketen, in denen ich Akikos Ausstrahlung spürte, die an jedem Stück ihres Besitzes hing, und freute mich unsagbar auf den Moment, an dem sie endgültig bei uns sein würde. Daß das Schicksal uns noch einmal trennen würde, konnte und wollte ich nicht mehr glauben. Kerstin hatte mich auf meine Bitte hin durchleuchtet und gesagt, ich solle Akiko auf jeden Fall holen, oder ich würde kreuzunglücklich werden. Zwar vermißte Kerstin ihre Mutter auch, doch die Enttäuschung über Veras Charakter half ihr, sehr schnell darüber hinzwegzukommen. Birgit hingegen hatte mehr damit zu kämpfen, aber auch hier bewährten sie die drei Schwestern, die lange und sanft mit ihr redeten.
Das Wochenende kam. Kerstin und ich legten Sonderschichten ein und hatten am Montagmorgen unsere Gebiete vollständig durch. Gemeinsam mit Georg Stephan, der schon Mitte der Woche fertiggeworden war, kamen wir auf sage und schreibe 278 Dämonennester in Deutschland. Eine erschreckende Zahl für ein so kleines Land. Aber wie die Berichte der anderen Magierinnen und Magier erkennen ließen, stand die Zahl der Nester in einem direkten Verhältnis zu der Bevölkerungsdichte eines Landes. Auch war die Häufigkeit der Nester um die Großstädte herum weitaus dichter als auf dem Land. Allerdings spielten die geographischen Gegebenheiten die wichtigste Rolle in den Plänen unseres Widersachers. So waren im Ruhrgebiet mit seinen vielen stillgelegten Zechen weitaus mehr Nester als in der Lüneburger Heide.
Aber wir hatten alle markiert, nur darauf kam es an.
An diesem Montag erhielt ich ein dickes Päckchen von Helm. Es waren Landkarten und Stadtpläne. Eine eMail, die gegen Mittag eintraf, teilte Kerstin für Benelux ein, und mich für Polen. Die Arbeit ging unbarmherzig weiter.
Und morgen würde Akiko kommen.










Kapitel 27 - Dienstag, 26.10. bis Donnerstag, 23.12.1999



Der Flug war für Akiko die Hölle. Ich blieb die ganze Nacht wach und war in Gedanken bei ihr. Bei jeder ungeplanten Bewegung des Flugzeuges geriet Akiko fast in Panik, und kurz vor der Landung zitterte sie wie ein Blatt im Sturm. Als der Flieger endlich aufsetzte und ausrollte, brach sie in Tränen aus; die Anspannung der letzten Stunden war zu groß gewesen.
Trotz ihrer Warnungen war ich zum Flughafen gefahren, um sie abzuholen. Während der Fahrt hatte ich den Kontakt stark reduziert, um mit meinen eigenen Augen sehen zu können, allerdings war es trotzdem sehr schwer gewesen, mich auf den Verkehr zu konzentrieren. Es ging zwar gut, dennoch schwor ich mir, so etwas nie wieder zu tun.
Akiko war vollkommen erschöpft, als sie zum Zoll kam. Sie hatte nur eine große Reisetasche bei sich, in der wohl die Kleidung der letzten paar Tage und ihre Hygieneartikel waren. Als unsere Blicke sich durch die Glastür des Zolls trafen, spürten wir überdeutlich, was zwischen uns war. Beinahe wäre ich durch das Glas zu ihr gerannt. Akiko lächelte, als sie meinen Gedanken aufschnappte. Dann war sie durch den Zoll, die Tür öffnete sich.
"Akiko!"
Sie flog in meine Arme und drückte mich mit aller Kraft. "Toni!"
Minutenlang hielten wir uns umschlungen, ohne uns zu bewegen, spürten unsere Müdigkeit, die Erschöpfung, und das Glück, endlich beisammen zu sein. Schließlich hob sie ihren Kopf und sah mich an.
"Ich brauche ein Bett. Dringend! Und mindestens fünf Tage durchgehend Schlaf!"
"Darf ich mich als Kopfkissen anbieten?"
"Das nehme ich mit dem größten Vergnügen an." Ihre Augen wurden feucht. "Ich hatte solche Angst, Toni."
"Ich weiß, mein Liebling." Ich zog ihren Kopf an mich. "Es ist vorbei, du hast es geschafft."
Sie rieb ihre Wange an meiner Schulter. "Es gab sehr viel Aufsehen", sagte sie leise. "Es kam zwar nichts in den Medien, aber Helm und ich haben diese Lagerhalle, wo die ganzen Leichen lagen, und die Menschen dort untersucht. Es herrscht Panik, Toni. Niemand kann sich erklären, wie eine Leiche verschwinden konnte. Der Mann, den Helm weggefegt hat, schwört, daß er gesehen hat, wie ein Sack plötzlich mit blauen Flammen brannte und wie sich die Leiche darin bewegt hat. Jetzt vermutet die japanische Regierung einen Einfluß von Außerirdischen. Sogar der Geheimdienst ist damit beschäftigt. Es ist zu ernst, als daß ich darüber lachen könnte."
"Mach dir keine Sorgen, Akiko", flüsterte ich. "Wenn alle Leichen so aussehen wie du, als du aufgewacht bist, werden sie nie erfahren, wer fehlt."
"Das hoffe ich sehr! Helm hat dafür gesorgt, daß die Passagierlisten meinen Namen nicht mehr enthalten." Sie atmete laut aus. "Toni, das war so entsetzlich! Als ich gesehen habe, daß mein Körper, meine Arme und Beine nur noch verbranntes Fleisch waren, schwarze, verkohlte Dinger, die vollkommen unbeweglich an mir hingen..." Akiko begann heftig zu zittern.
"Scht!" Ich drückte sie kräftig an mich. "Möchtest du einen Kaffee trinken?"
"Aber nur mit Milch." Sie hob ihren Kopf und sah mich ängstlich an. "Ich will nie wieder etwas Schwarzes sehen."
"Dann muß ich Shannon und alle Spiegel im Haus rauswerfen." Ich fuhr durch Akikos Haare. "Genau wie dich und mich. Oder wir müssen unsere Köpfe rasieren. Fahren wir nach Hause."
"Ja, fahren wir heim. Sind meine Pakete angekommen?"
Ich nahm Akikos Reisetasche. "Schon letzten Freitag. Sechs Stück."
"Prima!" Sie griff nach meiner Hand. Gemeinsam gingen wir zum Ausgang. "Können wir bitte noch zu einer Bank fahren, Toni? Ich möchte nicht mein gesamtes Vermögen mit mir herumtragen."
"Natürlich, Liebling. Was mußt du noch für Schritte unternehmen?"
"Eine Arbeitserlaubnis beantragen", überlegte sie. "Eine Wohnung habe ich ja. Dann eine Baugenehmigung... Erst mal zur Bank, und dann ins Bett. Ich kann nicht mehr richtig denken."
"Klingt gut. Ich bin auch todmüde."
Es begann direkt mit Problemen. Da Akiko noch keinerlei deutschen Ausweispapiere hatte, konnte sie kein eigenes Konto beantragen. Zum Diskutieren waren wir beide zu müde, also packte sie ihr Geld, das sie bereits in Japan umgetauscht hatte, auf mein Konto und bekam von mir einen undatierten Scheck über die Summe. Dann fuhren wir heim. Ich legte den Mädchen einhundert Mark hin mit der Notiz, sich Pizza zu bestellen, dann gingen wir duschen und sanken anschließend todmüde ins Bett. Wir umarmten uns und schliefen wenige Sekunden später ein.
Gegen vier Uhr erwachten wir, Akiko einen Moment vor mir. Als ich die Augen aufschlug, streckte und reckte sie sich gerade. Ich drehte mich zu ihr und legte meinen Kopf auf ihre Schulter.
"Guten Morgen, Akiko."
"Guten Morgen, Toni."
"Guten Morgen, ihr zwei." Shannon, die für uns aus dem Nichts kam, sprang neben mich ins Bett, stützte sich auf und sah Akiko an. "Es ist toll, daß du wieder hier bist, Akiko."
Akiko sah Shannon einen Moment an, dann verzog sich ihr Gesicht zu diesem süßen verschmitzten Lächeln. "Komm zu uns, Shannon."
Überglücklich schlüpfte Shannon aus ihren Sachen und rollte sich über mich, so daß sie zwischen uns lag. "Werden wir jetzt eine Familie?" fragte sie hoffnungsvoll.
"Deswegen bin ich hier." Akiko fuhr mit ihrer Hand zärtlich über Shannons Wange. "Shannon, du bist fast achtmal so alt wie ich, aber ich würde mich sehr geehrt fühlen, wenn du mich, nach einer kurzen Eingewöhnungszeit für uns beide, Mutter nennen würdest."
"Akiko!" Shannon schluchzte kurz, dann warf sie sich weinend auf Akiko, die sie liebevoll am Kopf streichelte.
"Ist doch gut, Shannon", wisperte Akiko. "Möchtest du Akiko als Mutter, oder möchtest du eine Mutter mit einem beliebigen Namen?"
"Dich!" Shannon sah mit verweinten Augen auf. "Akiko, ich weiß, daß ich ziemlich unglaubwürdig geworden bin. Daß ich so wie Vera klinge. Aber das bin ich nicht. Ich möchte eine Mutter, genau wie meine Schwestern eine wollen, aber es ist uns nicht gleichgültig, wer das ist. Wir mögen dich, weil Toni dich liebt, und weil wir dich auch sehr gern haben. Das glaubst du mir vielleicht nicht, aber es ist so."
"Deine Augen drücken das aus, was dein Mund spricht", lächelte Akiko. "Ich glaube dir, Shannon. Wie sagt ihr euch nach einer gemeinsamen Nacht Guten Morgen? Zeigst du es mir?"
Shannon strahlte vor Glück. Sie legte ihre Lippen auf die von Akiko und küßte sie zärtlich, mit geschlossenen Lippen. Gerührt sah ich zu, wie Akiko Shannon sanft umarmte und den Kuß erwiderte. Anschließend kam Shannon zu mir, dann schob sie mich zu Akiko.
"Gefällt mir", lächelte Akiko verschmitzt, als auch wir uns geküßt hatten. "Wollen wir aufstehen?"
Wir zogen uns schnell etwas an, dann gingen wir die Kinder besuchen. Becky war auf ihrem Zimmer. Als sie Akiko sah, sprang sie auf und flog in Akikos ausgebreitete Arme.
"Becky." Akiko streichelte ihr zärtlich über die Haare. "Ich bin froh, dich wiederzusehen."
"Ich auch!" Becky schmiegte sich ganz eng an sie. "Bist du wieder völlig in Ordnung? Tut nichts mehr weh?"
"Nein, Becky. Alles in Ordnung. Und bei dir?"
"Alles fit!" Becky strahlte Akiko an, dann kam sie in meinen Arm. "Morgen, Papa!"
"Morgen, Becky." Wir küßten uns kurz. "Wo ist der Rest der Horde?"
"Mandy und Kerstin sind unten, Birgit büffelt Mathe. Nächste Woche kommt eine Klassenarbeit, und die will sie packen."
"Klasse!" Ich streichelte kurz Beckys Po. "Wir gehen weiter; Akiko muß noch viel einräumen."
"Ist gut." Sie drückte uns beide noch einmal, dann hüpfte sie zurück an ihren Tisch. Akiko und ich gingen zu Birgit, Shannon blieb bei Becky.
Birgit begrüßte Akiko etwas reserviert, doch als Akiko ohne jede Scheu auf sie zuging und sie umarmte, verlor auch meine jüngste sämtliche Vorbehalte und drückte sich an sie.
"Wir beide werden gute Freundinnen", sagte Akiko leise. "Ich will nicht, daß du die Erinnerung an deine Mutter verlierst." Birgit nickte mit feuchten Augen und preßte sich an Akiko, die sie zärtlich streichelte. Plötzlich warf Birgit ihre Arme um Akiko und drückte sie kräftig, dann ließ sie sie los und schaute sie mit leuchtenden Augen an.
"Freundinnen?"
"Die besten!" Akiko gab ihr einen sanften Kuß auf die Stirn. "Du lernst gerade Mathematik?"
"Ja!" Birgit deutete auf ihr Buch. "Für eine Arbeit nächste Woche."
Akiko sah auf das Buch und hob die Augenbrauen. "Prozentrechnung! Da kannst du mir später, wenn mein Geschäft steht, bestimmt sehr gut helfen. Ich komme damit nämlich nicht so gut klar."
Birgit strahlte vor Stolz. "Gerne!"
"Dann lern fleißig weiter." Akiko strich Birgit kurz über die Haare. Auch ich drückte Birgit noch kurz, dann gingen Akiko und ich hinunter.
"Du kommst sehr gut mit ihnen klar", sagte ich anerkennend, als wir auf der Treppe waren. Akiko sah mich bedrückt an.
"Das ist Taktik, Toni. Leider. Ich muß auf das eingehen, was sie mögen, und so ihr Vertrauen gewinnen."
"Mach dir deswegen keine Vorwürfe, Liebling", erwiderte ich leise. "Jede Frau an deiner Stelle würde so handeln. Ich würde es aber nicht Taktik nennen, sondern eher, daß du auf sie eingehst. Das kommt schon in Ordnung, Akiko. In ein paar Wochen wird das nicht mehr nötig sein."
"Hoffentlich. Ich verstelle mich nicht, weil ich sie wirklich alle mag, aber es kommt mir unehrlich vor."
"Der Weg ist das Ziel", lächelte ich. Akiko erwiderte das Lächeln.
"Du hast recht. Ein sehr schöner Weg, mit einem noch schöneren Ziel."
Ich legte meinen Arm um ihre Schultern. Wir gingen die letzten Stufen hinunter und fanden Kerstin und Mandy im Eßzimmer, wo sie Backgammon spielten.
"Akiko!" Kerstin entdeckte sie zuerst und sprang auf.
"Hallo, Kerstin!" Akiko drückte sie herzlich. "Und Mandy!" Auch Mandy kam in ihrem Arm. Kerstin sah glücklich zu Akiko auf.
"Alles wieder in Ordnung, Akiko?"
"Das ist es, Kerstin. Nur meine Nerven sind noch angegriffen. Ich hatte sehr große Angst auf dem Flug."
"Hätte ich auch gehabt." Mandy schauderte. "Bleibst du jetzt bei uns?"
"Solange ihr mich bei euch haben wollt."
Anstelle einer Antwort drückte Mandy Akiko mit aller Kraft.
"Hausaufgaben fertig?" fragte ich, als die Mädchen sich von Akiko lösten. Kerstin nickte, wie auch Mandy.
"Alles geschafft. Habt ihr Hunger? Soll ich euch etwas machen?"
"Danke, Bolzen, aber spielt ruhig weiter. Wir wollten euch nicht stören."
Die Mädchen gingen zurück an ihr Spiel, Akiko und ich machten uns in der Küche etwas zu essen.
"Du mußt mich heute abend sehr müde machen", sagte Akiko, während sie ihr Brot bestrich. "Sonst schlafe ich nicht ein."
"Vielleicht finden wir etwas, was uns beide müde macht." Ich legte das Messer weg und strich ihr über die Wange. "Ich bin sehr glücklich, daß du hier bist, Akiko."
"Ich auch, Toni. Wenn du es erlaubst, würde ich gerne ein paar Tage Urlaub machen. Einfach nur faulenzen. Die letzten Tage waren sehr ausgefüllt."
"Ich habe dir nichts zu erlauben, mein Liebling." Ich zog sie an mich. "Du lebst jetzt bei uns, mit allen Rechten und Pflichten."
"Was sind meine Pflichten?" fragte sie mit ihrem verschmitzten Lächeln. Ich küßte sie zärtlich.
"Mir nach dem Aufwachen Guten Morgen sagen. Und zwar sehr gründlich."
"Ob ich das schaffen werde?" Sie schmiegte sich leise lachend an mich. "Laß uns etwas essen, Liebling. Meine letzte richtige Mahlzeit ist schon einen Tag her."
Ich schaute lächelnd in ihre warmen, dunklen Augen. "Ich möchte dich essen!"
"Später." Ihre Hand legte sich sanft zwischen meine Beine. "Dann werden wir uns gegenseitig essen."
"Mit Vorspeise?" Ich massierte ihre wundervolle, kleine Brust. Akikos Augen glänzten erregt.
"Und Dessert."

* * *

Gestärkt durch das Essen gingen wir an Akikos Pakete. Akiko hatte ihre Bücher auf alle Pakete verteilt, deswegen waren sie so schwer. Sie räumte zuerst ihre Kleidung aus, während ich den Kleiderschrank umorganisierte, dann trug sie ihre Sachen in unser Schlafzimmer und legte oder hängte sie in den Schrank. Nach der letzten Jacke drehte sie sich zu mir und schmiegte sich an mich.
"Zwei Wochen", sagte sie leise. "Und ich fühle mich dir näher als je einem Menschen zuvor. Wie machst du das?"
"Verrat du es mir, und wir wissen es beide." Ich drückte sie an mich. "Dabei bist du mir in der Dämonenhöhle überhaupt nicht aufgefallen. Nicht in dieser Art."
"Du mir auch nicht. Ich hatte mich morgens im Hotel, als Kerstin und du euch zu mir gesetzt habt, nur sehr gewundert, was ein kleines Mädchen bei uns sollte, und in der Höhle selbst... Erst als du dich nach dem Kampf um sie und ihre Verletzungen gekümmert hast, sah ich dich mit anderen Augen. Deine ganze Kleidung war rot vor Blut, und dein Fleisch hing in Fetzen von Armen und Beinen herunter, aber anstatt zu jammern hast du dich nur um sie bemüht. Da empfand ich sehr große Wärme für dich." Sie lächelte schelmisch. "Und als Helm mich dann angesprochen hat, daß ich bei euch wohnen soll, während ich meine Erbschaft kläre, mußte er zwar drängen, aber nicht allzu stark. Ich freute mich darauf, euch wiederzusehen. Dich wiederzusehen."
"Meine Gefühle waren da ganz anders", seufzte ich. "Leider. Um uns herum brach alles auseinander, und dann noch ein Gast für zwei Wochen... Ich habe nur zugestimmt, weil du zur Truppe gehörst, und weil ich ein noch dümmeres Gefühl gehabt hätte, wenn ich dich zwei Wochen im Hotel gewußt hätte. Das fand ich einfach Blödsinn. Böse?"
"Nein." Sie küßte mich sanft. "Ich glaube, ich wäre böse geworden, wenn du deine Frau so schnell beiseite geschoben hättest. Aber so erkannte ich, daß du wirklich ein ehrlicher Mensch bist. Du bist mir am ersten Tag, als ich hier war, sehr aus dem Weg gegangen, um mit deinen eigenen Gefühlen zurande zu kommen. Das fand ich sehr ehrlich von dir. Und so begann ich, mir Gedanken über dich zu machen. Tiefe Gedanken." Sie schmiegte sich an mich. "Und so kam es."
"Bei mir kam es, als du deinen Rückflug gebucht hast." Ich schob meine Hand unter ihr volles Haar und drückte es an meine Wange. "Ist das nicht äußerst lächerlich? Zuerst wollte ich dich nicht hier haben, dann wollte ich dich nicht mehr gehen lassen."
"Das hat Shannon gesagt, als du in die Wanne gegangen bist." Sie lachte, als sie meinen Blick sah. "Ja, Liebling. Sie hat dich hemmungslos verraten und ausgeliefert. Und selbst als ich dich in mir hatte, warst du noch ehrlich und hast gesagt, was dich bewegt. Und warum du vorher nichts gesagt hast. Es gibt bestimmt viele, die erst mit mir geschlafen und dann geredet hätten. Deswegen bin ich wieder rausgegangen und habe die letzten Pläne gemacht. Als du am frühen Morgen aufgewacht bist, war ich mitten in meinen Gedanken. Was ich von meinen Sachen behalten und was ich verkaufen sollte. Ich wollte noch eine weitere schöne Erinnerung mitnehmen; deswegen habe ich mit dir geschlafen." Sie schauderte leicht. "Beinahe wäre das meine letzte schöne Erinnerung gewesen."
"Aber nur beinahe, Akiko. Gibst du mir die Zeit, mit deinen Gefühlen gleichzuziehen? Ich muß auch erst einmal zur Ruhe kommen."
"Da haben wir in den nächsten Tagen sehr viel Gelegenheit zu. Wenn ich zu aufdringlich sein sollte, mach mich bitte darauf aufmerksam."
"Du bist noch nicht aufdringlich genug", lachte ich leise. "Wo möchtest du deine Bücher unterbringen? Sollen wir das Gästezimmer oben als dein Arbeitszimmer einrichten? Dann hast du alles gleich nebeneinander."
"Würde euch das nicht stören?" fragte sie besorgt.
"Natürlich nicht. Die Mädchen haben eigene Zimmer, und ich habe ein Büro. Dir steht also auch ein eigenes Zimmer zu."
"Na gut!" lachte sie fröhlich. "Dann gerne."
Und so begannen wir, das Gästezimmer umzubauen. Shannon half mit, als wir das Bett, das Akiko nicht brauchte, in den Keller trugen, dann stellten wir den Schreibtisch, der vorher an der Rückwand gestanden hatte, genau vor das Fenster. Als wir fertig waren, war es fast sechs Uhr. Wir zogen uns schnell um und fuhren in die Stadt, wo wir einige Selbstbauregale kauften, die bis acht Uhr aufgestellt waren. Ich überließ es Akiko, ihre Bücher einzuräumen. Erstens konnte ich die japanischen Titel nicht lesen, und zweitens hatte sie bestimmt ihr eigenes System.
Um neun Uhr gingen wir gemeinsam mit Shannon und Mandy duschen, während Kerstin und Birgit badeten. Becky hatte sich schon hingelegt und las noch ein Buch. Nach dem Duschen kam Birgit mit in unser Bett. Um Mitternacht waren wir alle eingeschlafen.
In den Tagen bis zum Wochenende erholte sich Akiko gründlich. Ihre angespannten Nerven, die sie häufig nachts aus dem Schlaf schrecken ließen, kamen allmählich zur Ruhe. Trotz des kühlen und manchmal auch regnerischen Oktoberwetters saß sie stundenlang auf der Terrasse und tat nichts außer sich auszuruhen. Trotzdem war sie die Freundlichkeit selbst, wenn eines der Mädchen eine Frage oder ein Problem hatte, und half, wo und wie sie nur konnte. Kerstin und ich kümmerten uns um unsere neuen Gebiete und machten gute Fortschritte. Doch je mehr Nester wir entdeckten, um so unschlüssiger wurde ich, ob das alles wirklich Sinn hatte. Es waren einfach viel zu viel. Kerstin hingegen blieb unbekümmert und zuversichtlich.
Am Samstagvormittag besuchte uns jemand. Vollkommen überraschend und ohne jede Ankündigung.
"Noel!" Sprachlos starrte ich ihn an, als ich die Tür geöffnet hatte.
"Hallo!" schmunzelte er. "Darf ich hereinkommen?"
"Natürlich! Entschuldige." Er trat ein und ging gleich durch ins Wohnzimmer, wo Mandy und Becky ähnlich reagierten wie ich. Sie starrten ihn an, als könnten sie ihren Augen nicht trauen, dann allerdings sprangen sie jubelnd auf und drückten ihn stürmisch. Shannon wurde durch diesen Lärm angelockt und schloß sich ihren Schwestern gleich an.
Nachdem die drei Mädchen sich beruhigt hatten, sah Noel sich suchend um. "Wo ist meine Verlobte?"
"Wer?" fragte ich perplex. Noel zwinkerte mir zu.
"Kerstin. War ein Scherz. Eigentlich suche ich Akiko."
"Sie ist mit Kerstin und Birgit oben. Komm mit."
Noel stellte seine Tasche ab und ging mit mir nach oben. Akiko und Kerstin saßen in Birgits Zimmer und hörten sie ab. Birgit lag mit geschlossenen Augen auf dem Bett und löste im Kopf Mathematikaufgaben, die Akiko und Kerstin ihr stellten. Meine älteste entdeckte Noel zuerst.
"Noel!" Sie legte das Buch, das sie in der Hand hielt, auf den Tisch, sprang auf und lief zu Noel, der sie liebevoll umarmte und hochhob. Auch Birgit stand auf und kam näher.
"Hallo!" lächelte Noel. "Was macht die Kunst?"
"Krabbelt vor sich hin!" grinste Kerstin. "Was machst du hier?"
"Euch besuchen." Er stellte Kerstin wieder ab und drückte Birgit kurz. "Und du lernst fleißig?"
"Mehr fleißig als lernen", kicherte Birgit. "Nein, langsam kapiere ich das alles."
"Prima." Er strich Birgit kurz über die Haare, dann sah er zu Akiko. "Und da haben wir auch unser Wundertier. Akiko!" Er streckte die Arme aus. Akiko und er umarmten sich in einer Geste, in der eine ganze Geschichte lag.
"Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, daß du lebst!" Noel sah sie kopfschüttelnd an. "Auch wenn ich es nicht verstanden habe."
"Ich bin auch sehr froh." Akiko drückte ihn noch einmal, dann ließen sie sich los. "Du bist wegen mir hier?"
"Genau. Kinder, darf ich Akiko entführen? Oder braucht ihr sie dringend?"
"Nimm sie mit!" lachte Birgit. "Sie stellt sowieso immer nur Fragen, wo ich gründlich bei überlegen muß."
"Bestens!" Noel sah mich an. "Wo können wir uns unterhalten?"
"Unten." Wir winkten den beiden Mädchen kurz zu und gingen hinunter. Shannon hatte schon Getränke und Gebäck aufgebaut.
"Kommt!" sagte sie zu ihren Schwestern. "Wir müssen oben noch aufräumen. Noel, wie lange bleibst du?"
"Auf jeden Fall bis heute abend, Shannon. Wir sehen uns noch. Euch geht es immer noch gut?"
"Mit jedem Tag besser." Shannon lächelte herzlich. "Bis später."
Wir warteten, bis die Mädchen auf der Treppe waren, dann holte Noel sein Etui heraus und legte Akiko einen seiner Teststreifen unter die Zunge. Nach zwanzig Sekunden holte er ihn wieder heraus und schaute ihn mit gerunzelter Stirn an, dann legte er ihn auf das Etui.
"Tja", seufzte er. "Die gute Nachricht zuerst. Akiko, du bist kein Wolf. Die schlechte: ich habe keine Ahnung, was passiert ist."
"Shannon hat eine Theorie", warf ich ein. "Daß der Virus, der auf Selbstheilung programmiert ist, sich selbst geheilt hat."
"An sich ein logischer Schluß, aber genau das habe ich eliminiert. Fangen wir vorne an." Er beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf die Knie und verschränkte die Hände.
"Wir haben zwei Typen des Virus. Den von Shannon und den von dir, Toni. Shannon hat den Originalvirus, wie ich ihn genannt habe. Typ A. Nur eine Klassifizierung, keine Wertung." Er lächelte schief. "Deinen habe ich Typ B genannt. Die Unterschiede: Typ A beinhaltet die Verwandlung zum Wolf, die Selbstheilung, und die extrem verlangsamte Alterung. Typ B beinhaltet die Verwandlung zum Wolf und die Selbstheilung, bei normalem Alterungsprozeß. Offenbar trägst du, Toni, eine mutierte Version dieses Virus."
"Oder eine verwässerte", unterbrach ich ihn. Er nickte.
"Ja, das habe ich auch schon überlegt. Es wäre möglich, daß der Wolf, der Shannon vor über 200 Jahren gebissen hat, sein Blut nicht nur an sie, sondern auch an weitere Menschen abgegeben hat. Allerdings sind 200 Jahre heutzutage nicht mehr viel, vom Genetischen aus gesehen. Etwa sechs Generationen. Mandy und Becky haben den exakt gleichen Typ. Ich habe ihn testweise Typ C genannt, bin aber wieder davon abgekommen, weil er vollkommen identisch mit Typ A ist. Eine Weitergabe reduziert die Fähigkeiten nicht. Damit zu meinem Heilmittel.
Ich habe es aus dem Typ B extrahiert und diejenige Komponente, die den Infizierten zum Wolf werden läßt, eliminiert. Das war nur eine chemische Reduktion. Warum lachst du, Toni?"
"Shannon sagte wörtlich: Noel und sein Chemiebaukasten."
"Ach ja!" lachte er laut. "Die Geschichte! Sie traut mir in dieser Beziehung sehr wenig zu und hat mir 1973, als sie sich von der Londoner Familie getrennt hat, so einen Kasten geschenkt. Ich habe gleich eine Stinkbombe gebaut und zu ihrer neuen Adresse geschickt. " Er grinste gemein. "Als sie das Päckchen aufgemacht hat, war die Wohnung verseucht. Seitdem zieht sie mich damit auf." Er wurde wieder ernst.
"Ich bin zwar kein Gentechniker, aber mit dem Wolfsvirus beschäftige ich mich schon seit mehr als sechzig Jahren. Schon 1963 konnte ich den Virus reproduzieren. Mit meinem Chemiebaukasten natürlich. Nachdem ich das Blut von Kerstin und Birgit analysiert hatte, war ich nach vielen Experimenten in der Lage, den Wolf von dem Virus zu trennen und dieses Heilmittel herzustellen. Die endgültige Mischung mußte ich während des Fluges nach Schottland herstellen; das war der Grund, warum ich es zuerst bei den Schwerverletzten ausprobiert hatte, die kurz davor standen, Charon zu bezahlen. Du erinnerst dich?"
Ich nickte verlegen. "Leider. Ich dachte im ersten Moment wirklich, daß du den exklusiven Kreis der Unsterblichen nicht vergrößern wolltest."
"Du kanntest mich ja auch kaum", erwiderte Noel ruhig. "An deiner Stelle hätte ich genauso gedacht. Dummerweise reagieren Tiere nicht auf den Virus, sonst hätte ich viel mehr daheim testen können. Egal. Dieses Heilmittel ist also Virustyp C. Kein Wolf, kein verlangsamtes Altern, aber eine verlangsamte Heilung und vollständige Regeneration. Akiko, gestattest du mir, dein Gehirn zu untersuchen?"
"Wenn du den Kopf heil läßt..." schmunzelte sie.
"Nur vier große Löcher!" bat Noel mit großen Kinderaugen. "Bitte!"
"Na gut!" Akiko drückte sich lachend an mich. Ich legte meinen Arm um sie. "Was genau willst du denn mit mir anstellen, Noel?"
"Mit Toni zusammen den Virus in deinem Gehirn analysieren, Akiko. Die Verbindungen aufzeichnen. Toni kennt sie nach mir am besten, weil er Vera von dem Virus und allen Verbindungen befreit hat."
"Leg los." Akiko schmiegte sich gemütlich an mich. Noel und ich verbanden uns und tauchten in Akikos Gehirn ein. Gedankenschnell waren wir an der Stelle, wo der Virus saß. Wir bemerkten Akikos Gedanken, die sich mit unseren verbanden.
'Nur zusehen', bat sie. 'Es ist ja schließlich mein Kopf. Ich bin auch ruhig.'
'Okay', schmunzelte Noel. 'Toni, wie sah es bei Vera aus?'
'Genau wie bei Akiko. Der Virus hat neue Verbindungen geschaffen, die bis in jedes Organ reichen. Er saß auch an der Verbindung zwischen Klein- und Großhirn. Auf den ersten Blick sehe ich keinen Unterschied.'
'Was ist das hier? Gleich da unten, in der Nähe des Nervenstrangs, der von der Wirbelsäule kommt?'
'Die Verbindung zum Skelett. So war es zumindest bei Vera.'
'Gut aufgepaßt. Also tatsächlich alles identisch. Gehen wir tiefer? Bis auf das Blut?'
'Ich bin dabei.'
Noel führte, ich folgte. Wir begannen im Herz und folgten dem Blut, fanden jedoch nichts Ungewöhnliches. Noel ging dann in das Muskelgewebe, folgte erst willkürlich, dann geplant den Nervensträngen, doch auch dort war alles in Ordnung. Schließlich tasteten wir uns über das Hautgewebe bis in Akikos Aura, fanden aber nichts. Schließlich kehrten wir zurück
"Alles einwandfrei." Noel trank einen großen Schluck Saft nach dieser anstrengenden Reise. "Akiko, du bist vollständig gesund. Du alterst normal, und du wirst kein Wolf."
"Schade!" lachte Akiko leise. "Dann muß Shannon mich doch beißen."
"Mach mal." Noel ließ sich nachdenklich in den Sessel fallen. "Es ist zu schade, daß du nichts mitbekommen hast, Akiko, sonst hätten wir anhand deiner Aura noch etwas erkennen können. Was war nach dem Unfall?"
Akiko schluckte kurz. "Nachdem ich anfing zu brennen, wurde ich wohl ohnmächtig. Ich kam in dem Leichensack wieder zu mir und war am Ersticken."
"Das war gut anderthalb Tage nach dem Absturz", warf ich ein. Noel nickte knapp.
"Aha. Sagen wir 36 Stunden in einem Leichensack, der luftdicht ist. Ich war noch nie in so einem Ding, aber ich schätze, daß er wohl kaum mehr als für eine halbe Stunde Luft bietet." Er rieb konzentriert die Hände aneinander. "Was ist da passiert? Das Gehirn wird schon nach vier Minuten ohne Sauerstoff nachhaltig geschädigt. Toni, wie waren die Zeiten genau? Was ist wann passiert?"
"Es war ungefähr acht Uhr morgens, als Akiko sich bei mir meldete. Nachdem ich den Leichensack stellenweise verbrannt hatte, konnte sie wieder atmen. Zu der Zeit mußte sie schon um die 24 Stunden in dem Sack gewesen sein."
"Nicht ganz", warf Akiko ein. "Helm und ich haben in den Berichten gelesen, daß die Leichen erst 12 Stunden nach dem Absturz verpackt wurden."
"Also 12 Stunden", murmelte Noel. "Weiter."
"Helm hat dann zwei Leute manipuliert, die Akiko nach Hause gefahren und auf ihr Bett gelegt haben. Das war um neun Uhr morgens unserer Zeit. Um elf Uhr abends waren gut 80% ihrer Haut schon wieder geheilt, und als ich sie am nächsten Tag gesprochen habe, war sie bis auf die Haare wieder vollständig hergestellt."
"Okay. Sagen wir, sie lag 12 Stunden in dem Leichensack. Innerhalb von diesen 12 Stunden hat der Virus C ihre gesamten inneren Organe repariert, ebenso den Blutkreislauf und die Atmung. Die Atmung wohl aber erst ganz am Schluß. Und genau das kapiere ich nicht!" Er stand auf und lief aufgebracht im Wohnzimmer herum.
"Das Gehirn braucht Blut und Sauerstoff. Ohne das fangen die Gehirnzellen nach etwa vier Minuten an, abzusterben. Irreparabel."
"Nicht ganz", unterbrach ich Noel. "Als Shannon die Truhe auf meinen Kopf fallen ließ, hat sie mir die Schädeldecke zertrümmert. Obwohl wir es keinem von der Familie gesagt haben, Noel, ist doch Gehirnflüssigkeit ausgelaufen. Und bei dem Gewicht, das die volle Truhe hatte, bin ich mir sicher, daß die Ecke, die aus mehr als einem Meter Höhe auf meinen Kopf gefallen ist, auch das Gehirn verletzt hat. Noel, warum sollte der Virus nicht in der Lage sein, auch das Gehirn zu reparieren? Wir sind alle bisher davon ausgegangen, daß der Virus das Gehirn als steuerndes Element braucht. Muß das wirklich so sein? Oder kann der Virus anhand seiner Informationen nicht den gesamten Körper einschließlich Gehirn regenerieren?"
"Hm." Noel sah mich skeptisch an, während er sich wieder setzte. "Kann ich mir nicht vorstellen, Toni."
"Warum nicht?" fragte Akiko leise. "Noel, denk an Schwangerschaft. Eine einzige männliche Samenzelle befruchtet eine einzige weibliche Eizelle, und daraus entsteht ein vollständiger Mensch mit Haut, Haaren, Körper, Knochen, Organen und Gehirn. Das alles ist in der DNS gespeichert. Warum soll der Virus nicht auch eine bestimmte DNS enthalten, die ein - ein Standardmuster eines Menschen enthält? Oder der Virus schluckt gewissermaßen während des Einnistens die DNS seines Wirtes und restauriert ihn anhand dieser Informationen wieder. Du sagtest selbst, daß du kein Gentechniker bist, aber es scheint so zu sein, daß sich der ganze Prozeß auf genau dieser Ebene abspielt. Vielleicht bin ich tatsächlich Hunderte von Malen gestorben, Noel, weil mir die Luft ausging. Mein Gehirn starb immer und immer wieder, und dieser Virus hat es immer und immer wieder aufgebaut, während gleichzeitig mein Körper wiederhergestellt wurde. Denn als ich zu mir kam, war kein Sauerstoff mehr da. Der wurde also offensichtlich schon lange vorher verbraucht. Aber irgendwann war mein Körper eben an dem Punkt der Heilung angelangt, daß ich wieder zu Bewußtsein kam. Und als Toni mir Luft verschafft hatte, ging die Heilung von vielleicht inzwischen wieder angegriffenen Organen weiter."
Noel ließ seinen Kopf in den Nacken fallen. "Das würde bedeuten, daß der Virus ohne Blut und Sauerstoff überleben kann, obwohl er im Gehirn sitzt. Daß er auch dann noch arbeitet, wenn sein Wirt schon längst tot ist. Wie Haare und Fingernägel, die auch noch weiterwachsen, wenn der Mensch schon Monate im Sarg liegt. Wäre möglich. Doch, das wäre möglich. Und bei dir hat das alles so furchtbar lange gedauert, weil du eben die abgeschwächte Version hast. Den Typ C." Sein Kopf kam wieder nach vorne.
"Ich habe ein illegales Experiment durchgeführt", sagte er langsam. "Ich habe mich als Arzt verkleidet und einem Sterbenden dieses Heilmittel gespritzt. Er war nicht krank, nur sehr alt. Er ist drei Stunden später gestorben; zwei Stunden nach Einnisten des Virus. Im Moment seines Todes ist der Virus inaktiv geworden. Offenbar hast du recht, Akiko. Es scheint so zu sein, daß der Virus die DNS seines Wirtes aufnimmt und danach arbeitet. Er respektiert sozusagen die gottgegebene Zeit, die ein Mensch zu leben hat. Zumindest ist die Sorge weg, daß jemand, der das Heilmittel bekommt, unsterblich wird. Virus C nistet sich auch innerhalb einer Stunde ein, wie seine Vorgänger, aber die Heilung geschieht sehr viel langsamer. Und nun?" Er sah uns ratlos an.
"Ich würde es so lassen, Noel", antwortete ich zögernd. "Du hast Heilung angestrebt, und du hast sie erreicht. Du bist zwar etwas über das Ziel hinausgeschossen, aber dafür sind Akiko und ich dir mehr als dankbar."
"Sehr viel mehr." Akiko lächelte herzlich. "Ohne das wäre ich jetzt schon in einer Kiste und vergraben."
"Na ja", schmunzelte Noel verlegen. "Für meine Freunde tue ich alles. Wie kam das mit euch beiden? Als ich Helm fragte, warum Akiko nicht mehr ans Telefon geht, lachte er nur schallend und meinte, ich sollte es bei Toni versuchen."
"Aha?" grinste ich. "Woher wußtest du denn, daß Akiko lebt?"
"Durch das Update. Helm hat einen gedanklichen Rundbrief geschickt. So ausgelassen habe ich ihn noch nie erlebt wie da. Also: wie kam das?" Neugierig beugte er sich vor und schaute uns abwechselnd an. Akiko und ich drückten uns lachend, dann erzählte sie ihm die ganze Geschichte.
"Einfach so!" staunte Noel, als sie geendet hatte. "Da verliebt ihr euch einfach so und verratet es keinem. Unverschämtheit! Dafür müßt ihr mich zum Essen einladen. Als Strafe."
"Laß mich kochen!" rief ich. "Dann wird es wirklich eine Strafe."

 

Noel blieb bis zum frühen Abend bei uns. Als er beim Kaffee hörte, daß ich das Haus verkaufen wollte, schüttelte er den Kopf.
"Tu das nicht, Toni", bat er mich. "Das Haus hat keinen schlechten Einfluß. Wenn das so wäre, hätte ich es schon bei meinem ersten Besuch gespürt. Es kam einfach alles nur, weil du Magier geworden bist. Das war der Grund für die Trennung von Vera. Und die Sache mit Akiko... Wenn du noch in deinem alten Haus gewesen wärst, hättet ihr keinen Platz für sie gehabt, oder?" Ich nickte bestätigend. "Also. Sei vernünftig und schieb nicht alles auf das Haus. Am Ende ist ja doch alles in bester Ordnung."
"Da hast du recht." Ich zog Akiko an mich, die sich verliebt an mich schmiegte. "In allerbester Ordnung sogar."

* * *

Die nächste Woche war gut ausgefüllt. Akiko ersuchte um eine Arbeitserlaubnis, die sie aufgrund ihrer Abstammung, ihres Vermögens, ihrer exzellenten Deutschkenntnisse und ihrer Geschäftserfahrungen auch umgehend bekam, dann ging es kurz zur Bank, um ihr eigenes Konto zu beantragen. Ich überwies Akiko ihr Geld und bekam dafür meinen Scheck zurück, den wir beide feierlich verbrannten. Anschließend ging es an die Planung für ihr neues Geschäft. Akiko nutzte ihr Astralwandern für persönliche Zwecke: sie besuchte mit ihrem geistigen Körper alle Architekten in der Stadt und entschied sich für eine Frau Horn, die schon mehrere Anlagen dieser Art geplant hatte. Ein Kontakt kam dann sehr schnell zustande.
Nachdem Frau Horn das Grundstück besichtigt und Akiko ihr ihre eigenen Pläne gezeigt hatte, konnte sie gleich an die Planung gehen; ein Bau würde jedoch aufgrund des nahenden Winters erst im nächsten Jahr möglich sein.
Der November verging mit Arbeit für Helm. Tagsüber half Akiko ihrem chinesischen Kollegen Cheng, China und Japan zu sichten, was zu zweit schon viel schneller ging, abends unterstützte sie abwechselnd Kerstin oder mich. Ich hatte mit nur einer Woche Verspätung mein Taschenbuch vollendet, was inzwischen beim Verlag vorlag und editiert wurde. Anschließend sollte es in Druck gehen und kurz vor Weihnachten in die Buchhandlungen kommen. Ich war sehr gespannt auf den Erfolg.
Shannon, Mandy und Becky lebten auf. Mit Akiko hatten sie eine Frau im Haus, die so war, wie sie sich gab. Nachdem wir uns durch gewisse Aktionen vergewissert hatten, daß Akikos Toleranz nicht nur ein Lippenbekenntnis war, kam es immer häufiger zu intensiven Kontakten im Schlafzimmer, bei denen Akiko gerne mitmachte oder einfach nur zusah. Als Magierin spürte sie, daß tatsächlich keine Eifersucht im Spiel war, und schon Ende November hatte sie sich daran gewöhnt, mit einem oder zwei der Mädchen Sex zu haben. Am 30. November wurde Akiko mit einer kleinen Feier zum Wolf befördert: Shannon biß sie.
Im Dezember war die Planung ihres neuen Geschäftes vollendet. Frau Horn besuchte uns mit den Plänen. Gleich am Anfang des Grundstücks kam ein Parkplatz, mit noch zu pflanzenden Bäumen abgegrenzt, dann ein breiter gepflasterter Fußweg, damit die zukünftigen Kunden ihre Einkaufswagen problemlos zum Auto schieben konnten. Der Fußweg sollte direkt am Treibhaus vorbei führen, damit schon von außen die Kauflust angeregt wurde. Das Treibhaus selbst sollte für die Kunden unzugänglich sein; hier wollte sich Akiko austoben, zusammen mit ihren Verkäuferinnen. Die Bewässerung würde durch eine kleine Rohranlage vom Bach aus erfolgen, Abwässer wurden in chemische Toiletten geleitet, die vom Verkaufsraum aus zugänglich sein sollten, und in eine Sickergrube. Nach Klärung vieler Details wollte Frau Horn sich dann um die Baugenehmigung kümmern.
Helm hatte für Montag, den 27. Dezember, eine Gesamtversammlung einberufen, in Frankfurt. Ich dachte zuerst, er hätte diesen Ort wegen Akikos Flugangst gewählt, doch ich erfuhr von Georg Stephan, mit dem ich kurz vor Weihnachten wegen der Gebetsstätten telefonierte, daß Helm abwechselnd Frankfurt, New York und Tokio wählte, und nun war eben Frankfurt wieder dran. Es kam Akiko jedoch sehr entgegen.
Bis zum 23.12. war die gesamte Welt abgegrast und alle Dämonennester markiert. Nun kam die zweite Phase: der Aufbau der Gegenkräfte. Und damit würden wir Luzifers Pläne stören. Ich konnte nicht sagen, daß mir dieser Gedanke gut gefiel.










Kapitel 28 - Freitag, 24.12.1999 - Samstag, 01.01.2000



"Aufstehen!" Mit einem Plumps landete Kerstin zwischen Akiko und mir und riß uns unsanft aus dem Schlaf.
"Bolzen!" Ich griff nach ihr, zog sie über mich und kitzelte sie erst einmal durch, bis meine Tochter vor Lachen quiekte. Dann stopfte sie ich unter mein Oberbett und schloß sie in die Arme, während ich sie wütend ansah. Akiko rutschte lachend zu uns.
"Was soll der Unfug?" knurrte ich. Kerstin strahlte.
"Aufstehen!"
"Das sagtest du schon. Warum sollen wir aufstehen?"
"Weil's schon halb sechs ist!"
"Eine mörderische Uhrzeit!" Akiko kam unter meine Decke und schmiegte sich an Kerstin. "Warum sollen wir aufstehen?"
"Weil Frühstück fertig ist, ihr Langschläfer! Habt gestern wohl wieder rumgetobt, was?"
"Ich tobe gleich mit dir rum!" brummte ich. Kerstin streckte mir die Zunge heraus. Akiko und ich tauschten einen kurzen Gedanken aus, und plötzlich wurde Kerstin von vier Händen gekitzelt. Sie quietschte und kreischte, als ihr Körper hin und her geworfen wurde. Als wir endlich von ihr abließen, lag sie atemlos zwischen uns und schnappte nach Luft.
"Jetzt lieb?" fragte ich grinsend. Kerstin schüttelte den Kopf.
"Nie!" Sie warf sich zu Akiko herum. "Guten Morgen, Akiko!"
"Guten Morgen, Kerstin." Die beiden gaben sich den üblichen langen Kuß, dann drehte sich Kerstin wieder zu mir.
"Morgen, Papi!"
"Morgen, Bolzen."
Nachdem auch wir uns begrüßt hatten, fragte ich: "Alle anderen schon unten?"
"Ja." Kerstin kuschelte sich an mich. "Wir haben aber noch etwas Zeit, sie fangen gerade erst an."
"Aha?" schmunzelte ich. "Und was soll mir das jetzt sagen?"
"Überleg doch mal!" kicherte Kerstin. "Da kommst du nie drauf!"
Zwanzig Minuten später kamen wir zu dritt nach unten, und genau rechtzeitig. Alles war vorbereitet. Nachdem wir alle begrüßt hatten, setzten wir uns und begannen mit dem Frühstück. Anschließend liefen die Mädchen nach oben, um sich anzuziehen. Akiko und ich gingen ins Wohnzimmer und setzten uns auf die Couch.
"Mein erstes Weihnachten im Ausland", lächelte sie. "Was muß ich tun?"
"So nett bleiben wie bisher. Wie wird in Japan Weihnachten gefeiert?"
"Kaum. Es ist ein christliches Fest, und da nur ein Prozent der Bevölkerung Christen sind, ist das ein ganz normaler Tag in Japan. Nur die Geschäfte werden geschmückt, aber es sind keine Feiertage. Hier ist das anders, oder?"
"Ja, Akiko. In allen christlichen Ländern ist Weihnachten das heiligste Fest." Ich zog sie an mich und küßte sie zart. "Du wirst dich schon dran gewöhnen. Hast du ja bisher auch."
"Das ist nicht allein mein Verdienst. Du und die Mädchen macht es mir sehr leicht. Wie wird der Tag ablaufen?"
"Wir fahren nachher in die Stadt, noch etwas einkaufen. Vormittags wird das Haus in Ordnung gebracht, mittags etwas gegessen, dann stellen wir den Baum auf und schmücken ihn. Am späten Nachmittag gibt es die Bescherung; das heißt, daß die Geschenke verteilt werden. Anschließend werden wir essen, danach beschäftigen sich die Kinder entweder mit ihren Geschenken oder sitzen bei uns und reden."
"Klingt gemütlich."
Das war es auch, abgesehen von der armen Shannon. Sie brach in Tränen aus, als es zur Bescherung kam, und auch ihre Schwestern hatten mit den Tränen zu kämpfen. Es war das erste Weihnachtsfest seit mehr als 20 Jahren, das die Mädchen in einer friedlichen, familiären Atmosphäre erlebten.
"Na komm, mein Liebling", tröstete ich Shannon. "Nicht weinen."
"Doch!" Sie klammerte sich an mich. "Geht nicht anders, Liebster. Der Baum, die Kerzen, die Musik, du, Akiko..." Schluchzend vergrub sie ihr nasses Gesicht an meiner Schulter.
Doch das ging schnell vorbei. Wir nahmen ein sehr leckeres Abendessen zu uns und verbrachten den Abend mit ruhigen Gesprächen, die sich meistens um unsere Zukunft drehten, privat wie beruflich. Birgit überraschte uns mit dem Satz, daß sie wie Becky Farben um Menschen herum sehen konnte. Also schlug auch sie die magische Richtung ein, wenn auch nur leicht.
Die Feiertage vergingen mit Spaziergängen, Reden, Essen und Planen. Am Montag übergaben wir Shannon das Kommando und fuhren gleich nach dem Mittagessen los nach Frankfurt, wo wir gegen fünf Uhr eintrafen. Es waren schon viele Magierinnen und Magier in der Lobby. Kerstin stürzte sich gleich in die Menge, während Akiko und ich es ruhiger angehen ließen. Um fünf vor sechs wurde der Versammlungsraum freigegeben, und um sechs kam Helm herein, mit einem jungen Mädchen von vielleicht 14, 15 Jahren an seiner Seite. Er überließ das Mädchen sich selbst, ohne es vorzustellen. Unsicher sah die Kleine sich in dem Raum um und entschied sich für einen Platz weitab von allen anderen, wo sie sich hinsetzte und angestrengt auf den Tisch vor sich starrte. Helm wartete, bis Ruhe eingekehrt war, dann begann er. Untypisch für ihn mit Begrüßung.
"Frohe Weihnachten zusammen." Das war die Begrüßung.
"Wir haben ein volles Programm. Zum Glück werden wir hier bedient; Kellner müßten jeden Moment eintreffen. Sobald alle versorgt sind, beginnen wir. Ach ja: Danke, daß ihr diesmal alle gekommen seid. Derzeit haben wir etwas über sechstausend Nester entdeckt. Das ist eine Zahl, die -"
Die Tür öffnete sich, und mehrere Kellnerinnen und Kellner schwirrten herein. Einige Minuten später hatten wir unsere Getränke vor uns stehen. Helm sprach kurz und leise mit einem der Kellner, der nickte und die Tür hinter sich schloß.
"Nächste Runde um halb sieben. Etwas über sechstausend Nester weltweit. Das ist eine Zahl, die wir nicht mehr in eigener Regie kontrollieren können. Wir sind mit Helga, die gerade die Ausbildung begonnen hat, exakt 63. Jeder von uns müßte etwa einhundert Nester kontrollieren. Unmöglich. Eduardo, wie hast du dir das vorgestellt? Du sagtest, du hättest etwas ausgearbeitet?" Helga hieß das Mädchen also, das Helm mitgebracht hatte.
"Ja, Helm." Der Mexikaner, der Kerstins Vorschlag in Inverness unterstützt hatte, stand auf und kam nach vorne. Helm setzte sich, während Eduardo sich an die Flipchart stellte und das Deckblatt zurückschlug.
"Wir haben vor zwei Monaten von Energiepfeilern in der geistigen Welt gesprochen. Von dieser Idee bin ich abgekommen, weil sie wie ein helles Feuer in der Nacht sein werden. Luzifer wird sich mit Freuden darauf stürzen und sie zerstören. Allerdings ist es ohne weiteres möglich, diese Pfeiler genau an den heiligen Orten zu errichten. Wenn Luzifer sie dort angreift, hat er mehr Ärger am Hals als er sich vorstellen kann. Wir werden daher folgendes machen: wir gehen in die geistige Welt und errichten die Energiepfeiler exakt im geometrischen Mittelpunkt der Kirche, des Klosters, der Gebetsstätte oder des heiligen Ortes, oder genau über dem Altar. Anschließend werden wir jeden einzelnen Pfeiler aufladen und so eine Magnetisierung für positive Energie vornehmen. Fließt nun positive Energie in der geistigen Welt, wird sie von diesen Pfeilern angezogen und lädt sie noch mehr auf. Dadurch werden positive Wesenheiten angezogen, die sich um diese Pfeiler scharen werden." Sein Vortrag wurde begleitet von mehreren Skizzen.
"Und wie sollen damit die negativen Energien gestoppt werden?" fragte ein Mann, den ich nicht kannte. Er war beim vorherigen Treffen nicht dabei gewesen. Seinem Akzent nach ordnete ich ihn als Amerikaner ein.
"Das ist nicht das Ziel, Bill. Unser Plan ging dahin, eine Gegenkraft für jedes einzelne Nest aufzubauen, und das tun wir hiermit."
"Ist doch Unsinn!" ereiferte sich Bill. "Wir müssen diese Nester ausheben! Und das -"
"Ruhe!" Helms Hand fiel schwer auf den Tisch. "Bill, wir können Luzifer nicht direkt angreifen. Wir haben ihn in der Mine getroffen, und wir sind alle froh, daß wir lebend da raus gekommen sind. Elf von uns sind schon bei dem ersten Kampf gegen die Dämonen gestorben. Was wir hier tun, ist die einzige Möglichkeit für uns. Außerdem vergißt du eins." Er beugte sich vor. "Es ist die Entscheidung eines jeden einzelnen Menschen, ob er sich für die positive oder für die negative Seite entscheidet. Unsere Arbeit ist nicht, Menschen zu beeinflussen. Unsere Arbeit ist, gegen das Böse zu kämpfen, im Rahmen unserer Möglichkeiten. Mach weiter, Eduardo." Bill ließ sich mürrisch in den Sitz sinken.
"Das war es eigentlich schon. Durch die positiven Wesenheiten werden diese Pfeiler so stark positiviert, daß sie den Fluß der negativen Energie zumindest schwächen, wenn nicht sogar aufheben. Damit werden wir die bestehenden Dämonen zwar nicht auf einen Schlag vernichten, aber wir können zumindest hoffen, daß sie durch fehlende neue Energie nicht noch mehr wachsen." Er riß das Blatt ab und faltete es zusammen, während er zurück zu seinem Platz ging.
"Gute Arbeit, Eduardo. Kerstin?"
Meine Tochter fuhr leicht zusammen. "Ja?"
"Hast du an deiner Verteidigung gearbeitet?"
"Ja. Ist schon viel besser."
"Komm nach vorne."
Unsicher stand Kerstin auf und ging zu Helm. "Und jetzt?"
"Stehenbleiben." Helm ging ein paar Schritte beiseite und deutete auf zwei Leute, die dieses Spiel wohl kannten, denn sie standen sofort auf. Kerstin sah sich verwundert um. Helm blickte einen Moment auf meine Tochter, dann drehte er sich zu uns um und sagte: "Angriff."
Sofort flammte Kerstins Mauer auf, gegen die Flammen, Blitze und geistige Pfeile flogen, ohne Kerstin zu treffen. Helm sah ungerührt zu, wie ich fassungslos aufsprang. Dann deutete er auf einen weiteren Mann, der den Angriff unterstützte. Kerstin kniff die Lippen zusammen, doch ihre Wand hielt. Mehr und mehr Leute kamen dazu, bis Kerstin unter dem geistigen Angriff von sage und schreibe acht Magiern stand, die ihre Energien auf Kerstin schleuderten. Ich sah, daß ihr der Schweiß in wahren Bächen von der Stirn lief, doch ihre Wand stand. Schließlich hob Helm die Hand. Sofort hörten die Angriffe auf. Kerstin brauchte zwei, drei Sekunden, bis sie realisierte, daß es vorbei war. Ihre Mauer verschwand. Sie seufzte und schwankte stark. Helm hob sie wie eine Feder hoch und trug sie zurück auf ihren Stuhl, wo er sie sanft absetzte und ihr zärtlich über ihre naßgeschwitzten Haare strich.
"Gut gemacht, Kerstin", sagte er leise. "Ich bin sehr stolz auf dich." Kerstin nickte matt, doch mit leuchtenden Augen.
Helm ging wieder nach vorne und sah uns der Reihe nach an. "Das waren zwei Dinge auf einmal. Zum einen für mich ein Test, wie weit Kerstin ist. Zum anderen ein Test für euch. Wenn ein 13jähriges Mädchen den vollen Angriff von acht Erwachsenen aushält und sogar ohne jede Verletzung abwehrt, was wollt ihr dann gegen Luzifer ausrichten? Bill?"
Der Amerikaner kniff die Lippen zusammen und schwieg. Helms Mundwinkel zuckten kurz, dann war sein Gesicht wieder reglos.
"Ich will nicht abstreiten, daß Kerstin eine absolute Ausnahmeerscheinung ist. Sie ist weitaus stärker als ihr Vater, von dem sie ihr Talent geerbt hat, aber im Vergleich zu unserem Widersacher ist auch sie nur ein harmloser Säugling, der einen Schnuller wirft. Wie wir alle. Ein Direktangriff kommt nicht in Frage! Wir haben nur die Möglichkeit, den Antichrist über einen Umweg an seinen Plänen zu hindern. Und genau das werden wir tun. Nächster Punkt. Noel?"
Noel stand auf, blieb aber auf seinem Platz. "Als erstes möchte ich Akiko auch ganz offiziell wieder unter den Lebenden begrüßen. Was sie hinter sich hat, wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht. Dank der Hilfe von Helm und Toni ist sie heute wieder hier. Und dank meinem Heilmittel, das die meisten von euch, die bei dem Kampf gegen die Dämonen dabei waren, bekommen haben." Er sah sich um; alle Augen waren auf ihn gerichtet.
"Das Mittel wurde aus dem Blut von Tonis Kindern erstellt, die beide die Selbstheilung in sich haben. Es hat sich jedoch herausgestellt, daß dieses Mittel eine Nebenwirkung hat, mit der ich überhaupt nicht gerechnet habe."
Er schilderte kurz, was Akiko passiert war, und warum sie wieder lebte. Atemloses Schweigen folgte seinen Ausführungen.
"Ganz klar gesagt", fuhr er anschließend fort, "verlängert das Mittel nicht die Lebensdauer. Es sorgt aber dafür, daß ihr während dieser Lebensdauer nicht vorzeitig sterben könnt. Akiko war bis auf die Knochen verbrannt. Und heute? Schaut sie euch an. Akiko, wärst du so nett?"
Akiko stand auf, öffnete ohne Scheu ihre Bluse und zog sie aus, dann drehte sie sich langsam und mit entblößtem Oberkörper auf der Stelle. Nicht die kleinste Narbe oder Verletzung war zu sehen. Erstaunte Ausrufe flogen durch den Raum. Noel grinste, als Akiko sich wieder anzog.
"Toni wird gerne bestätigen, daß sie am ganzen Körper so perfekt aussieht." Lautes Lachen ertönte, als mein Gesicht etwas rot wurde. Ich sah Noel gespielt wütend an und nickte.
"Sie sieht überall so wunderschön aus."
"Sag ich doch." Noel wurde wieder ernst. "Diejenigen von euch, die dieses Mittel haben möchten, sollen sich bitte nach dieser Versammlung bei mir melden. Es kann nicht weitergegeben werden wie der Wolfsvirus; es muß injiziert werden. Eine Injektion reicht für das ganze Leben." Er setzte sich wieder. Helm nickte ihm kurz zu.
"Gute Arbeit, Noel. Sabina?"
Die Frau aus Brasilien stand auf und ging zur Flipchart. "Es ist mir gelungen, alte magische Symbole und Rituale der Maya zu entschlüsseln." Sie zeichnete einige Figuren auf, die vor Energie zu vibrieren schienen. "Diese Symbole könnten unter anderem auch auf die erwähnten Energiepfeiler übertragen werden. Sie verstärken bestimmte Energien ungemein. Eine exakte Liste mit den jeweiligen Funktionen geht morgen, spätestens übermorgen an alle raus." Auch sie riß das Blatt ab und faltete es zusammen, während sie zurückging.
"Gute Arbeit, Sabina." Helm sah auf die Uhr. "Trinkt aus, die nächste Runde kommt gleich."
Ich beugte mich zu Akiko. "Ist das ein Jahrestreffen oder so?"
"Genau", wisperte sie zurück. "Das findet immer direkt nach Weihnachten statt, weil da so gut wie alle Ferien oder Urlaub haben."
"Was mag Helm mit dem Mädchen vorhaben?"
"Mit dieser Helga? Keine Ahnung, Toni. Helm findet öfter Menschen, die magisches Potential haben, und nimmt sie für eine Zeit bei sich auf, um sie zu trainieren."
"Danke, mein Liebling."
"Gern geschehen, mein Liebling." Wir zwinkerten uns kurz zu, als die Tür aufging und die Kellner mit frischen Getränken herein kamen. Kurz darauf hatten wir wieder Ruhe.
"Elisa?" Helm sah zu einer Frau Anfang Dreißig, die sofort aufstand. Sie sah nach Südamerika aus; näher konnte ich das nicht bestimmen.
"Italien", flüsterte Akiko. Ich drückte kurz ihre Hand.
"Ich habe zwei Amulette entdeckt", sagte Elisa. "Bilder und Beschreibungen gehen morgen raus. Das Interessante bei diesen Amuletten ist ihre Wirkung. Sie sind wie ein Radar für das Böse. Sobald sie auch nur in die entfernteste Nähe von etwas Bösem kommen, vibrieren sie am Körper."
"Sind beide gleich stark?" fragte Helm. Elisa bestätigte. "Dann schick eins zu Kerstin Tenhoff. Sie soll sich damit beschäftigen und die Energie analysieren. Anschließend wird sie es dir zurückschicken. Genau so etwas können wir gebrauchen."
"Werde ich tun." Elisa lächelte Kerstin zu, die dankbar winkte.
"Gute Arbeit, Elisa. Bill, wie weit sind deine Studien bezüglich der Indianermagie?"
Das Treffen zog sich bis fast zehn Uhr hin, dann waren sämtliche Neuigkeiten besprochen und neue Aufgaben verteilt.
"Schön", meinte Helm zum Ende hin. "Wir treffen uns morgen früh um neun Uhr wieder hier. Akiko, Toni, ihr beide wartet noch einen Moment."
Wir blieben sitzen, bis der Raum leer war. Auch Kerstin war draußen. Nun waren nur noch Akiko, Helm, Helga und ich hier.
"Für euch habe ich ein Zimmer mit vier Betten gebucht", sagte Helm in unsere Richtung. "Ihr nehmt Helga mit nach oben. Sie wird am 12. Februar 14 und spricht recht gut Deutsch. Wenn ich sie mit auf mein Zimmer nehme, wird spätestens morgen früh ein Aufstand losbrechen. Die Deutschen sind sehr humorlos in dieser Beziehung."
"Sicher, Helm", lächelte Akiko. "Das ist überhaupt kein Problem."
"Ich bin noch nicht fertig." Helm schien zu schmunzeln. "Das Problem beginnt morgen mittag, wenn wir hier durch sind. Ihr nehmt Helga mit zu euch, für zwei oder drei Wochen. Toni, du wirst ihr die Grundlagen der Elemente beibringen. Gründlich. Anschließend trainierst du sie noch gründlicher in Luftmagie. Das wird ihr Spezialgebiet werden. Wie weit seid ihr inzwischen?"
"Kerstin ist topfit in Erde. Ihr Pfeil durchschlägt schon dreißig Zentimeter dickes Eichenholz. Im Moment trainiert sie mit Energiepfeilen aus Metall und doppelten Energiepfeilen aus Hartholz. Was das für einen Sinn hat, weiß ich jedoch nicht. In Feuer und Wasser ist sie sehr gut, aber etwas fehlt ihr noch bis zur Meisterschaft. Luft ist nicht ganz ihr Gebiet. Bei mir ist es ähnlich. Luft perfekt, Feuer und Wasser sehr gut, Erde weniger."
"Dann ergänzt ihr euch ja bestens. Prima. Helga, warte draußen; wir kommen gleich nach." Das Mädchen stand schüchtern auf und huschte hinaus. Helm wartete, bis die Tür wieder zu war.
"Ich habe sie auf der Straße gefunden", erklärte Helm. "Sie lungerte vor meinem Geschäft herum, auf der Suche nach Schutz vor einem Schneesturm. Das war vorgestern. Sie ist vor drei Wochen von zu Hause abgehauen, weil ihre Eltern saufen wie Profis und sich im Suff nur noch anschreien und prügeln. Wir haben uns arrangiert, als ich erkannte, was sie für Möglichkeiten in sich hat. Sie lernt Magie, dafür wird sie später eine Anstellung bei mir bekommen, bis sie genug gelernt hat, um alleine über die Runden zu kommen. Sie wird morgen von Noel geimpft, also macht euch keine Sorgen, daß ihr sie zu sanft anfassen müßt. Akiko, komm her."
Akiko stand auf und ging zu Helm, der sie herzlich an sie drückte.
"Mädchen!" seufzte er. "Was bin ich froh, dich lebendig und gesund zu sehen!"
"Ich auch, Helm." Sie erwiderte seine Umarmung, bis Helm sie losließ.
"Jetzt raus mit euch, ich muß ins Bett." Er schob uns zur Tür. "Toni, du bist lieb zu Akiko, verstanden?"
"Ja, Chef", grinste ich. "Sonst klemmst du mich auch unter den Arm und stellst mich vor der Tür ab."
"Nein." Helm sah mich ungerührt an. "Sonst ramme ich dich kopfüber in den Boden."
"Und was ist", lachte Akiko, "wenn ich nicht lieb zu ihm bin?"
"Dann wirst du sechs Monate bei mir wohnen."
"O nein! Ich bin ganz lieb zu ihm!" Lachend gingen wir hinaus. Kerstin stand schon bei Helga, was bei dem Alter der beiden nicht ausbleiben konnte, und unterhielt sich angeregt mit ihr. Helm warf einen kurzen Gruß in die Runde und verschwand. Akiko und ich schauten uns diese Helga näher an. Sie war ein kleines Stück größer als Kerstin; etwa 1,68, wie ich schätzte. Sie hatte lockige blonde, in der Kopfmitte gescheitelte Haare, die bis zur Mitte des Rückens reichten, und klare, blaue Augen, die unsicher und verstört in die Welt schauten. Ihre Statur war kräftig, fiel aber so gerade noch unter die Bezeichnung schlank. Ihr Gesicht war oval, mit einem energischen Kinn, was so gar nicht zu ihrem Blick paßte. Die vollen Lippen waren etwas vorgestülpt, so als würde sie leicht schmollen. Sie trug einen gelben Rollkragenpullover, ausgebleichte Blue Jeans und dicke Turnschuhe. Alles zusammen war sie hübsches, wenn auch unsicheres Mädchen.
"Du möchtest also Magie lernen?" begann Akiko. Helga nickte mit einem scheuen Lächeln.
"Das ist nicht schwer", beruhigte Kerstin ihre neue Freundin. "Mein Papa ist nicht so streng wie Helm, und viel geduldiger." Helga warf mir einen schüchternen Blick zu und sah wieder weg, bevor ich etwas sagen konnte.
"Möchtest du noch etwas trinken, Helga?" fragte Akiko. Helga schüttelte den Kopf, dann nickte sie zögernd.
"Und was?" Das Mädchen zuckte mit den Schultern. Akiko lachte leise.
"Du darfst ruhig mit uns reden, Helga. Oder hat Helm dir das verboten?"
Helgas Gesicht verzog sich zu einem zögernden Lächeln. "Nein."
"Dann komm." Akiko legte ihren Arm um das Mädchen und führte es zur Bar, die gut besucht war. Kerstin und ich schlossen uns ihnen an. Helga bekam ihr Wasser, Kerstin blieb bei Cola. Akiko und ich nahmen einen schottischen Whiskey; dieses Hotel hier führte den originalen Malzwhiskey, der einen herrlich rauchigen Geschmack hatte. Mit den Getränken setzten wir uns in die Lobby.
"Wenn wir die nächsten Wochen zusammenwohnen", sagte Akiko herzlich, "wäre es am besten, wenn wir alle Du zueinander sagen. Einverstanden, Helga?"
"Gerne", sagte sie schüchtern. "Ich bin Helga."
"Ach was!" grinste Kerstin. "Ich bin die Kerstin. Sag ruhig Du zu mir." Die beiden Mädchen lachten. Langsam verschwand der unsichere Blick aus Helgas Augen, und als wir um kurz vor elf auf unser Zimmer gingen, war Helga schon richtig munter.
Das Zimmer war komfortabel und groß. Neben den vier Betten, die in zwei Gruppen zu je zwei Betten angeordnet waren, fanden wir noch einen mächtigen Sekretär, einen kleinen Tisch mit vier Sesseln und einen großen Fernseher vor. Helga schaute sich mit offenem Mund an.
"Müde?" fragte Akiko sie sanft. Helga schüttelte den Kopf.
"Noch nicht. Ich habe heute morgen gut geschlafen. Äh - lange geschlafen."
"Dann schauen wir noch etwas fern." Kerstin sprang auf ein Bett und klopfte auf die Matratze. "Komm her, Helga!"
Helga ging zum Bett, zog sich die Schuhe aus und setzte sich hin. Kerstin probierte mit der Fernbedienung herum, bis das Gerät anging. Dann drückte sie Helga die Fernbedienung in die Hand. "Such du was aus."
Stolz drückte Helga die Knöpfe, bis sie einen Krimi gefunden hatte. Sie rutschte tiefer ins Bett, schaute Kerstin mit einem strahlenden Lächeln an und lehnte sich an die Wand.
"So schnell geht das", flüsterte Akiko. "Bist du müde?"
"Bei einem fremden Mädchen im Zimmer... Ja. Ich geh schlafen."
Akiko lachte leise. "Dann bin ich auch müde."
Wir zogen uns im Bad um, wobei wir uns sehr viel Zeit ließen und auch sehr leise waren. Eine halbe Stunde später kamen wir wieder ins Zimmer. Die Mädchen saßen noch immer auf dem Bett und starrten gebannt auf den Fernsehschirm. Akiko und ich legten uns in ein Bett. Es war eng, aber wir mochten es so lieber.
"Können wir noch was gucken?" fragte Kerstin.
"Natürlich, Kerstin", antwortete Akiko. "Wir beide unterhalten uns auch noch etwas. Denkt nur daran, daß wir um sieben aufstehen wollen."
"Ist gut."
"Und denk bitte auch daran, daß Helga vielleicht mehr Schlaf braucht als du."
"Oh." Kerstins Kopf fuhr herum. "Wann gehst du immer ins Bett?"
"Halb elf", antwortete Helga.
"Und wann stehst du auf?"
"Sieben."
"Dann sollten wir besser auch schlafen gehen."
"Okay." Helga stand auf, schnappte sich ihre Reisetasche und lief ins Bad. Kerstin sprang schnell zu uns.
"Hab ich ganz vergessen", gestand sie. "Sie ist ja kein Wolf."
"Genau." Akiko lächelte sie herzlich an. "Gute Nacht, Kerstin."
"Nacht, Akiko. Nacht, Papi." Zwei lange Küsse später zog Kerstin sich schnell aus und schlüpfte in ein T-Shirt, dann hüpfte sie ins Bett. Ein paar Minuten später kam Helga aus dem Bad. Sie trug einen normalen Pyjama. Sie stieg in das Bett neben Kerstin und rief leise: "Gute Nacht!" Ein dreifaches Echo antwortete ihr, dann schaltete Akiko, die näher am Schalter lag, das Licht aus.
"Zwei oder drei Wochen", flüsterte Akiko. "Hältst du das aus?"
"Warum sollte ich nicht?"
"Weil sie ein hübsches Mädchen ist."
"Akiko!" Ich pikste sie leicht in die Seite. Akiko zuckte zusammen und drängte sich an mich.
"Ich dachte ja nur."
"Da dachtest du das erste Mal falsch." Ich küßte sie zärtlich. "Hältst du mich tatsächlich für einen so schlimmen Menschen?"
"Nein." Sie kuschelte sich bei mir ein. "Ich wollte dich nur etwas ärgern, mein behaarter Teufel."
"Paß bloß auf, daß der behaarte Teufel dich nicht in seine Hölle entführt."
"Hast du doch schon getan. Zwei eigene Mädchen, drei Pflegemädchen, ein Gastmädchen. Kann es eine schlimmere Hölle geben?"
"Mit einer Frau wie dir... Ja."
"Gut gekontert." Sie küßte mich. "Gute Nacht, mein Liebling."
"Gute Nacht, mein Liebling."
Wir nahmen uns gegenseitig in die Arme und schlossen die Augen.

 

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