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Eine Viertelstunde später bot die kaum befahrene Landstraße ein Bild der Hektik und des Chaos: ein Krankenwagen transportierte Ulrich ab, der zum Glück und wegen seiner Lederkleidung, die er abends und nachts immer anzog, nur Prellungen und blaue Flecken hatte. Doch trotz aller Bemühungen des Arztes wachte er aus seiner Bewußtlosigkeit nicht auf. Mehr und mehr Dienstwagen der Polizei hielten an, Beamte mit und ohne Uniform stiegen aus und schlossen sich zu einem Suchtrupp zusammen, der das unmittelbare Gelände durchsuchen sollte. Petras Eltern standen hilflos und verzweifelt unter einem Trommelfeuer von Blitzlichtern der lokalen und regionalen Journalisten, bis diese endlich von der Polizei höflich, aber nachdrücklich gebeten wurden, zu verschwinden. Eine Beamtin führte Petras Eltern gleichzeitig weit hinter die Absperrung, die von den Journalisten nicht durchquert werden durfte. Peter Delsing bemühte sich, den beiden Trost zu spenden, war jedoch auch schnell mit seiner Kunst am Ende. Er fragte sich deprimiert, ob man überhaupt Eltern trösten konnte, die mit der Möglichkeit rechnen mußten, daß ihr Kind bereits tot war. Er betete zu allen bekannten Mächten, daß Petra noch lebte. Zumindest das erbat er sich. Alles andere konnte man auskurieren und heilen, aber leben sollte sie zumindest noch.

Der Suchtrupp hatte inzwischen seine volle Stärke von knapp 50 Menschen erreicht, die sich in Bewegung setzten. Yvonne und Arne gaben sich gegenseitig Halt und Trost, während ein Psychologe schon mit ihnen redete und ihnen mehr Kraft gab, als Peter Delsing es vermocht hatte. Gleichzeitig bereitete er sie jedoch auch schon auf den schlimmsten Fall vor.

Mitternacht verstrich. Die Luft wurde langsam kälter. Peter Delsing blieb bei Yvonne und Arne, obwohl er im Grunde nichts tun konnte. Aber seine Anwesenheit gab ihnen wenigstens etwas Trost. Alle 15 Minuten telefonierte er mit dem Krankenhaus. Ulrich war nach wie vor ohne Bewußtsein, doch gebrochen hatte er sich nichts. Auch keine inneren Verletzungen. Das war immerhin ein kleiner Trost.

Um zwei Uhr morgens kehrte der Suchtrupp ergebnislos zurück. Yvonne und Arne brachen beinahe zusammen, als sie hörten, daß ihre Tochter nicht gefunden worden war. Die Suche sollte am Morgen fortgesetzt werden.

Arne und Yvonne wurden von einem Polizeiwagen nach Hause gebracht; die beiden waren schlichtweg fertig. Ein zweiter Beamte fuhr mit ihrem Wagen hinterher. Peter Delsing rief kurz zu Hause an und informierte seine Frau, die nicht einmal daran dachte, ins Bett zu gehen, und fuhr anschließend ins Krankenhaus.

Auf dem Flur zu Ulrichs Zimmer traf er auf Martina, die mit einem Taxi her gekommen war. Als sie Delsings sorgenvolles Gesicht sah, wußte sie Bescheid.

"Keine Spur?"

"Keine. Wie geht's Ulrich?"

"Noch immer bewußtlos. Wieso?" Ihre Augen füllten sich mit Tränen. "Wie kann er so lange bewußtlos sein, wenn ihm nichts fehlt? Vielleicht ist er schon im Koma, und keiner sagt -"

"Tina!" Delsing schloß das aufgelöste Mädchen in seine Arme. "Kennst du den Begriff Glaskinn? Nein? Der kommt aus dem Boxen. Ein Boxer kann - übertrieben gesagt - hundert schwere Treffer am Kopf einstecken und immer noch stehen. Doch bekommt er einen Schlag auf das Kinn, und den nicht einmal besonders kräftig, fällt er um. Bewußtlos. Vielleicht hat Ulrich einen Glaskopf." Er drückte sie tröstend. "Der Helm fängt den Aufprall auf die Straße auf und verteilt die Energie von dem Aufprall. Doch der Kopf bekommt immer noch einen gehörigen Stoß ab. Er hat sich nichts gebrochen, und sein Innenleben ist noch heil. Laß ihn schlafen." Er schaute sich kurz um. "Wo ist das Schwesternzimmer?"

"Da vorne. Aber die verraten nichts. Hab ich schon probiert. Und zu ihm darf ich auch nicht."

"Weil du noch keine Verwandte bist. Komm." Er legte seinen Arm um sie. Kurz darauf standen sie der Nachtschwester gegenüber; einer streng aussehenden Frau Mitte oder Ende Vierzig. Delsing stellte sich vor. Keine Minute später waren er und Martina über Ulrichs Zustand informiert, der nicht den geringsten Grund zur Sorge gab. Er durfte sogar einen Blick auf seinen Sohn werfen, der von ein paar kleineren Verbänden abgesehen aussah, als würde er in seinem Bett liegen und friedlich schlafen. Trotzdem brach Martina fast zusammen. Delsing führte sie schnell hinaus und fuhr mit ihr, trotz ihrer heftigen Proteste, heim.

"Wir können nichts tun!" meinte er eindringlich, als sie endlich im Auto saßen. "Du hilfst ihm nicht, wenn du dich kaputt machst. Morgen früh reden wir mit dem Arzt. Willst du nach Hause oder bei uns schlafen?"

"Bei euch. Ich hab meine Eltern schon angerufen und Bescheid gesagt."

"Hast du genug frische Wäsche?"

Martina lächelte dünn. "Einen kleinen Vorrat in Ulrichs Schrank. Das Nötigste."

"Gut." Er strich ihr tröstend über das rostrote Haar. "Er kommt in Ordnung, Tina. Bestimmt. Mach dich nicht selbst verrückt."

Martina nickte traurig. Delsing fuhr los.

Gegen halb vier waren sie zu Hause. Iris Delsing war noch immer auf, genau wie Susi, die vor Sorgen um ihre Freundin kurz davor stand, durchzudrehen. Sie weigerte sich rundweg, ins Bett zu gehen, bis Petra wieder aufgetaucht war. Peter Delsing ließ ihr nach einem kurzen, doch sehr hitzigen Wortwechsel den Willen. Sich jetzt gegenseitig aufzureiben brachte keinem etwas.

Es war halb fünf, als Susi es nicht mehr aushielt. Mit der Bemerkung, sie ginge mal kurz vor die Tür, schlich sie sich hinaus und in den Wald. In ihrer Jackentasche hatte sie eine Taschenlampe, mit deren Hilfe sie den Weg fand.

Endlich war sie an dem Punkt, wo sie hin wollte. Es war verrückt, was sie hier tat, doch sie wußte sich keinen anderen Rat mehr. Sie holte tief Luft und stieß sie langsam aus, um ruhiger zu werden. Dann rief sie einen Namen.

"Annette?"

Sofort stand das Mädchen vor ihr. Susi bekam einen heiligen Schrecken, als das Licht der Taschenlampe durch Annette hindurch auf die Bäume hinter ihr schien. Wenn sie einen Beweis gebraucht hatte, daß Annette ein Geist war, dann hatte sie ihn jetzt. Sie schluckte schwer.

"Annette", sagte sie dann zu dem Mädchen, das sie traurig anschaute. "Wir suchen Petra. Weißt du, wo sie ist?"

Annettes Kopf bewegte sich unmerklich, zustimmend.

"Wo ist sie?" flüsterte Susi. "Lebt sie noch?"

Annettes Blick wurde noch trauriger als er schon war. "Sie will nicht zu mir ziehen, Susi. Sie will nicht mit mir spielen."

"Annette!" Susis Stimme wurde flehend. "Wo ist sie? Sag's mir bitte!"

"Und dann?" Annette schaute zu Boden. "Dann seid ihr wieder zusammen und spielt nicht mit mir. Dann bin ich wieder alleine."

"Annette!" Die Zwölfjährige fing an zu weinen. "Petra ist meine -" Sie brach ab. Wenn sie Annette sagte, daß Petra ihre beste Freundin war, würde das Mädchen ihr bestimmt nicht helfen. Sie versuchte es anders.

"Petra ist meine Freundin, genau wie du. Ich möchte mit dir zusammen spielen, aber auch mit ihr. Wir drei zusammen. Wir reden, und wir lachen. Ich möchte dich nicht als Freundin verlieren, Petra aber auch nicht. Wo ist sie, Annette? Bitte sag es mir. Bitte! Bitte!" Ihre Stimme kippte. Sie ließ sich auf den Boden fallen, den Kopf weinend gesenkt.

Annette setzte sich sehr langsam hin, Susi genau gegenüber. Sie betrachtete das weinende Mädchen traurig.

"Tränen", flüsterte sie. "Die kenne ich. Aber woher?" Sie überlegte lange. Gründlich. Schließlich faßte sie einen Entschluß.

"Susi?"

Die Zwölfjährige sah mit nassen Augen auf. "Was?"

"Ich helfe dir. Dafür hilfst du mir."

Susi sprang auf. "Wie? Sofort! Wo ist sie?"

Annette blieb sitzen, wo sie war. "Du hilfst mir. Wenn wir sie gefunden haben. Sofort danach."

Susis Blick wurde verzweifelt. "Das geht doch nicht! Wenn wir sie gefunden haben, muß sie erst mal zum Arzt! Ins Krankenhaus! Wir müssen ihren Eltern Bescheid sagen. Und meinen! Das geht nicht sofort danach!"

"Dann hinterher. Wenn sie im Krankenhaus ist. Dann hilfst du mir."

"Ja!" Susi wollte nach Annettes Händen greifen, überlegte es sich jedoch im gleichen Moment anders. Es reichte ihr schon, mit einem Geist zu reden; anfassen mußte sie ihn nicht unbedingt. "Sofort danach. Wo ist sie?"

"Komm mit."

Sie kam geschmeidig auf die Füße und lief los. Susi lief eine Gänsehaut über den Rücken, weil Annettes nackte Füße nicht das geringste Geräusch auf dem Waldboden hinterließen. Sie schüttelte diesen Gedanken ab und rannte hinterher.

Annette lief zielstrebig und gradlinig durch den Wald. Im Osten wurde es mittlerweile hell; der wolkenlose Himmel färbte sich rot. Susi hatte schon längst die Orientierung verloren, als sie die Landstraße erreichten. Sie kamen fast genau an der Einfahrt zum Schloß aus dem Wald heraus. Sehr zu Susis Erstaunen lief Annette ohne zu zögern nach Osten, von der Stadt weg. Mit wenigen Schritten hatte sie die Landstraße überquert und rannte in den Wald auf der anderen Seite der Straße.

"Annette!" rief Susi, während sie ihre letzten Kräfte mobilisierte. "Das ist die falsche Richtung!"

Annette lief jedoch unbeirrt weiter. Susi gab sich alle Mühe, doch der Abstand zwischen den beiden Mädchen vergrößerte sich fast mit jedem Schritt. Immerhin hatte die Zwölfjährige keine Minute Schlaf gefunden und war vor Sorgen um ihre Freundin halb verrückt. Doch irgendwie schaffte sie es, Annette nicht aus den Augen zu verlieren. Das Mädchen lief tief in den Wald hinein. Plötzlich blieb sie stehen. So plötzlich, daß Susi es erst im letzten Moment bemerkte. Keuchend blieb sie stehen.

"Wo?" krächzte sie. "Wo ist sie?"

"Da." Annette deutete auf eine Gruppe hoch gewachsener Farne. In Susis Magen bildete sich ein dicker Knoten, als sie zögernd auf die Pflanzen zu ging. Mit hart und laut schlagendem Herzen schob sie die Blätter beiseite.

"Petra!"

Sie hechtete förmlich über die Farne und landete neben ihrer nackten, gefesselten Freundin, die sie mit nassen, verschwommen blickenden Augen anschaute.

"Du lebst!" Sie ließ sich weinend neben Petra auf den Boden fallen. Petra war an Händen und Füßen mit ihrer eigenen Kleidung gefesselt. Ihr Höschen steckte in ihrem Mund. Die Fesseln an Händen und Füßen waren mit ihrer Jacke miteinander verbunden. Susi zog ihr vorsichtig das Höschen aus dem Mund.

"Susi!" Petras Stimme war kaum mehr als ein Hauch. "Du hast mich gefunden!"

"Ja." Sie strich Petra weinend über das Haar. Im gleichen Augenblick fiel Petras Kopf zur Seite. Ihre Augen schlossen sich. Susi geriet in Panik.

"Petra!" schrie sie völlig außer sich. "Du darfst jetzt nicht sterben!"

"Sie ist nicht tot." Annette kam neben sie. "Sie schläft nur."

"Was?" Verstört schaute Susi auf Petras Bauch, der sich langsam auf und ab bewegte. Erleichtert fiel sie auf die Knie.

"Hol meinen Vater!" bat sie Annette. "Ich schaffe es nicht, Petra bis zu uns zu bringen. Hol bitte meinen Vater, Annette. Ich helfe dir auch. Hol ihn bitte. Bitte."

Annette verschwand. Susi rutschte zurecht, legte Petras Kopf auf ihre Oberschenkel und streichelte ihre Freundin weinend. Vor Glück, Petra lebend gefunden zu haben.

Und vor Trauer, weil es auf ihrer Scham und zwischen ihren Beinen dunkelrot schimmerte.











Kapitel 4 - Antworten



Iris und Peter Delsing fanden keinen Schlaf. Sie saßen einen Moment, standen auf, liefen etwas herum, setzten sich wieder, standen auf. Martina lag auf dem Sofa; sie war vor Erschöpfung eingeschlafen. Das Ehepaar war dermaßen tief in Gedanken und Sorgen versunken, daß weder Susis Vater noch ihrer Mutter auffiel, daß Susi nicht da war. Vielleicht dachten sie auch, ihre Tochter hatte sich freiwillig schlafen gelegt.

Es war fünf Uhr, als Iris plötzlich mitten im Schritt stehen blieb und zur Tür starrte. Peter, der ihr gegenüber stand, schaute sie verwundert an.

"Was ist, Iris?"

Seine Frau schüttelte unmerklich den Kopf. "Da ist jemand. Hinter dir."

Delsing fuhr herum. Vor ihm stand Annette.

"Annette?" Sein Blick wanderte ungläubig über ihre helle, durchscheinende Gestalt.

"Susi braucht dich", sagte das Mädchen. "Komm." Sie drehte sich um und ging aus dem Zimmer.

"Susi? Susi?" Iris' Stimme klang halb hysterisch; etwa so, wie Peter sich fühlte.

"Annette!" rief er das Mädchen an. "Was ist mit Susi?"

Annette ging weiter, ohne sich umzudrehen. "Sie ist bei Petra. Sie braucht dich. Komm."

Er schaute seine Frau an, mit der Frage im Blick, wer zu Hause bei Max blieb. Iris nickte unmerklich. Einen Moment darauf war ihr Mann hinter Annette her und aus dem Zimmer heraus. Er schnappte sich seine Jacke, in der das Handy steckte, und rannte hinter Annette her, die wieder den geraden Weg wählte: am Schloß vorbei, schräg nach Nordosten. Quer durch Büsche und an Bäumen vorbei. Delsing rannte und stolperte hinter ihr her, so gut es ging. Sie überquerten die Landstraße, rannten weiter durch den Wald. Immer weiter. Der Himmel erhellte sich immer mehr.

Wieder blieb Annette abrupt stehen, als gälte für sie die Schwerkraft nicht. Delsing kam wesentlich langsamer zum Halten. Sofort hörte er das Weinen seiner Tochter. Er pflügte die Farne beiseite und sah sofort, was geschehen war.

"O mein Gott!" flüsterte er entsetzt. Susi sah kurz auf, mit roten, verweinten Augen, bevor sie wieder Petras Kopf streichelte. Seine Hände zitterten, als er das Handy aus der Tasche zog. Seine Gedanken rasten einen Augenblick völlig unkontrolliert, als er überlegte, wen er zuerst anrufen sollte, doch Petras Zustand ließ ihm keine Wahl. Er rief einen Krankenwagen. Dann hockte er sich neben Susi.

"Der Krankenwagen kommt sofort", sagte er leise, erschüttert. "Bleibst du bei ihr? Ich muß an die Straße, dem Krankenwagen den Weg weisen."

"Ich bleib bei ihr", erwiderte Susi tonlos. "Immer. Ich laß sie nie wieder alleine."

Delsing nickte; seine Augen wurden feucht. Er legte seine Hand an Susis heißen Kopf. "Halt durch, kleine Maus", flüsterte er. "Wir haben es gleich geschafft." Er riß sich von dem furchtbaren Bild los und lief los, geradewegs zur Landstraße. Susi nickte entschlossen.

"Wir haben es gleich geschafft, Petra", sagte sie zu ihrer bewußtlosen Freundin. "Halt bloß durch, hörst du?"




Dieses Mal sperrte die Polizei das Gelände so frühzeitig ab, daß die Journalisten keine Chance hatten, ein Foto zu machen. Petra wurde noch am Fundort ärztlich behandelt, bis der Notarzt entschied, daß sie transportiert werden konnte. Sie hatte viel Blut verloren, doch die Chancen standen gut. Mehrere Beamte hielten große Laken gespannt, zwischen denen Petra auf einer Trage zum Krankenwagen gebracht wurde. Peter Delsing wollte seine Tochter nach Hause schicken, doch ein Blick in ihr Gesicht reichte, um den Gedanken nicht zu Ende zu führen.

Sie fuhren im Krankenwagen mit, der das gleiche Krankenhaus ansteuerte, in dem auch Ulrich lag. Delsing bat den Fahrer, über Funk seiner Frau Bescheid zu geben, die dann Petras Eltern anrufen konnte. Er bezweifelte, daß dieser Anruf Arne oder Yvonne wecken würde.

Im Krankenhaus wurde Petra sofort auf ein Bett gelegt, und dieses mit Höchstgeschwindigkeit in den vorbereiteten OP gefahren. Susi wollte mit, doch ihr Vater hielt sie fest. Die Zwölfjährige wehrte sich einen Moment nach Leibeskräften, dann brach sie weinend zusammen. Ihr Vater hob sie hoch und ging mit ihr auf dem Arm in die Eingangshalle.

Dort trafen keine zehn Minuten später Petras Eltern ein, die Gesichter vor Angst und Hoffnung verzerrt. Delsing legte Susi, die in seinen Armen eingeschlafen war, vorsichtig ab, bevor er Yvonne und Arne die relativ guten Neuigkeiten erzählte. Petras Verletzungen verschwieg er; das sollte der Arzt erklären. Er wußte schließlich nicht einmal genau, was sie eigentlich hatte.

Yvonne und Arne umarmten sich schweigend, stumm weinend vor Erleichterung. Minutenlang blieben sie so stehen, reglos und still, bevor sie sich mit neuer Hoffnung und Stärke trennten. Delsing redete unterdessen mit zwei kurz vorher eingetroffenen Polizisten, die Näheres wissen wollten. Er erzählte ihnen, was er wußte, doch das Wichtigste konnte er ihnen nicht erklären: wie Susi Petra gefunden hatte. Er sagte nur, daß Susi mitten in der Nacht plötzlich weg war und er sie dann gesucht hatte. So war er auf Petra gestoßen, als er seine Tochter gerufen und sie geantwortet hatte. Die Beamten beließen es vorerst dabei.

Gut eine halbe Stunde später kam eine Schwester auf die kleine Gruppe zu, auf dem Gesicht ein aufmunterndes Lächeln. Arne und Yvonne stürzten sofort voller Fragen auf sie.

"Ihrer Tochter geht es den Umständen entsprechend gut", sagte die Schwester, als den beiden die Luft ausgegangen war. "Sie hat viel Blut verloren, aber das konnten wir mit Blutkonserven kompensieren. Die Verletzungen am Unterleib sind jedoch -"

"Verletzungen?" Yvonnes Augen weiteten sich. "Was für Verletzungen? Wo?"

Die Schwester senkte ihre Stimme. Delsing wandte sich ab. Er wollte es nicht hören.

"Wer immer das getan hat", sagte die Schwester leise, "hat mit einem Schraubenzieher oder einem stumpfen Messer auf das Geschlechtsteil Ihrer Tochter eingestochen. Die Wunden werden heilen, aber es werden tiefe Narben zurück bleiben. Dafür war schon zu viel Zeit vergangen. Es tut mir leid", fügte sie hinzu, als sich Yvonne erschüttert gegen ihren Mann fallen ließ. Der schluckte schwer.

"Wird sie... Ich meine, wird außer den Narben noch etwas zurück bleiben? Folgeschäden?"

"Es sieht im Moment nicht danach aus, aber das wird sich in den nächsten Tagen entscheiden. Innere Verletzungen hat sie wie durch ein Wunder nicht. Was immer auch dafür benutzt wurde, ist viel öfter gegen den Knochen geprallt als in Fleisch." Sie legte Arne beruhigend die Hand auf die Schulter.

"Sie wird wieder gesund. Bestimmt. Sie wird in ein paar Minuten auf das Zimmer gebracht. Möchten Sie mitkommen?"

Delsing sah den beiden kurz hinterher, wie sie der Schwester folgten, dann setzte er sich wieder zu seiner Tochter. Sie konnten hier nichts mehr tun. Er hob das schlafende Mädchen auf seine Arme und ging mit ihr zum Empfang, wo er ein Taxi anforderte.

Susi wachte auf, als sie im Taxi lag und es los fuhr. Sie setzte sich verwirrt auf. Dann setzte die Erinnerung ein.

"Petra!" Sie wollte während der Fahrt die Tür aufreißen, doch ihr Vater riß sie zurück und drückte sie an sich.

"Ihr geht es gut!" sagte er streng. "Sie ist im Krankenhaus und bestens versorgt. Eine Schwester sagte, sie wird wieder gesund. Und nun benimm dich."

Die strengen Worte zeigten Wirkung. Susi nickte mehrmals, ließ sich gegen ihn fallen und schluchzte leise. Delsing drückte sie tröstend an sich. Sekunden später war das Mädchen wieder eingeschlafen.

Als das Taxi vor dem Schloß hielt, kam Iris heraus gelaufen. Peter bezahlte den Fahrer, hob Susi vorsichtig heraus und wandte sich zu Iris.

Doch er blickte auf Annette, die traurig zu Susi sah. Delsing fing sich schnell wieder.

"Annette, ich möchte mich bei dir bedanken", begann er. "Du hast -"

"Sie soll mir helfen." Ihr trauriger Blick traf ihn tief. "Sie hat es versprochen."

"Wobei soll sie dir helfen, Annette?"

Das Mädchen zögerte lange. Iris' Blick wanderte ziellos hin und her; offenbar sah sie das Mädchen nicht mehr.

"Beim Umziehen", sagte Annette schließlich. "Es - Mir fällt wieder viel ein, und das tut weh. Ich möchte nicht mehr hier sein."

"Was hält dich hier?" Susi wurde zu schwer in seinen Armen. Iris nahm sie ihm schnell ab und ging zurück ins Haus.

"Meine Wohnung." Annette schaute an ihm vorbei. "Ich kann nicht hier weg, bevor meine Wohnung nicht aufgeräumt ist."

"Okay." Delsing verstand kein Wort, doch Annette hatte ihnen geholfen - auf welche Art und Weise auch immer - und nun war es an ihm, diese Schuld zu begleichen. Mit einem Geist wollte er keinen Streit. Nicht heute. Nicht nach dieser Nacht.

"Susi ist vollkommen erschöpft", erklärte er Annette. "Sie hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Aber ich werde dir helfen. Ich werde Susis Versprechen einlösen, Annette. Wie kann ich dir helfen?"

"Du mußt meine Wohnung aufräumen. Dann kann ich umziehen." Das Mädchen sah ihn ernst an. "Jetzt. Susi hat es versprochen. Gleich nachdem Petra im Krankenhaus ist."

Delsing nickte müde. Was immer Annette für ein Spiel spielte, es gefiel ihm nicht. Er war müde, er wollte ein Bad nehmen, er wollte nichts mehr hören und sehen. Statt dessen mußte er einem Geist ein Versprechen einlösen, das seine Tochter gegeben hatte.

"Geh vor", meinte er matt. "Aber bitte nicht zu schnell. Ich bringe eben Susi ins Haus."

Keine zwei Minuten später war er zurück. Annette drehte sich um und ging los. Delsing folgte ihr.

Ihr Weg führte wieder in den Wald hinein, in Richtung Stadt und Landstraße. Annette ging langsam, doch zielstrebig vor, bis sie plötzlich an einer Stelle anhielt, die sich um nichts von anderen Stellen im Wald unterschied. Der Boden war bedeckt mit Gras, Zweigen und kleineren Pflanzen, und auch die Bäume zeigten keine Besonderheiten. Annette deutete auf den Boden.

"Hier."

Delsing schauderte urplötzlich heftig, als ihm bewußt wurde, daß er die Leiche eines seit wann auch immer verschwundenen Mädchens ausgraben sollte. Er war ein selbstsicherer, entschlossener Mann, aber das ging über seine Kraft. Nach dem Anblick von Petras Mißhandlungen ganz besonders. Er ließ sich müde auf den Boden sinken, etwa drei Meter von der Stelle entfernt, auf die Annette deutete.

"Susi hat es versprochen!" erinnerte Annette ihn. "Und du auch!"

"Hör bitte zu", erwiderte er mit brüchiger Stimme. "Annette, hör bitte ganz genau zu. Ich werde dir helfen. Aber dazu brauche ich Werkzeug. Und noch ein paar Leute." Er sah dem Mädchen halb verzweifelt in die Augen.

"Und dann müssen wir beide, du und ich, uns einfallen lassen, wie ich dein - deine Wohnung gefunden habe. Mir wird niemand glauben, daß du mich geführt hast. Wie tief liegt deine Wohnung?"

Annette überlegte. "Nicht sehr tief", meinte sie zögernd. "Er hat auch keine Werkzeuge benutzt."

"Er? Wer?"

"Ich weiß nicht." Auch sie setzte sich, die schwarzen, traurig blickenden Augen auf Delsing gerichtet. "Warum hilfst du mir nicht?"

"Ich helfe dir doch, Annette." Er widerstand dem Impuls, nach ihren Händen zu greifen. Wie Susi wollte er nicht wissen, wie sich ein Geist anfühlt. "Doch wenn ich dich - ich meine, wenn ich deine Wohnung aufräume, werden mich viele Leute fragen, woher ich wußte, daß du hier wohnst. Leute, die dich nicht sehen können. Die mir nicht glauben, daß ich dich sehen kann. Sie werden denken, daß ich dich in diese Wohnung gebracht habe. Verstehst du?"

Das Mädchen schaute lange auf den Boden, bevor sie schließlich antwortete.

"Ja."

Erleichtert fragte Delsing sie, warum seine Frau sie hatte sehen können.

"Weil ich das so wollte." Sie schaute wieder auf. "Susi und du seid nett. Aber sie glaubte dir nicht. Deswegen konnte sie mich nicht sofort sehen. Erst als ich es wollte."

Delsing erfaßte trotz seiner Müdigkeit sofort, was sie gesagt hatte.

"Gut. Dann machen wir folgendes, Annette: Ich hole die Leute, die mir und dir helfen werden. Ja? Sobald die da sind, zeigst du dich ihnen und führst uns alle wieder hierher." Er raffte die letzten Reste seiner Kraft zusammen; sein Blick hielt das Mädchen eisern fest.

"Wenn du dich nicht zeigst", sagte er leise, "werden sie denken, ich wollte mich über sie lustig machen. Das sind mächtige Leute, Annette. Sie mögen es gar nicht, wenn man sich über sie lustig macht."

Das Mädchen straffte sich im Sitzen. "Ich werde da sein. Wann?"

"Jetzt." Er griff nach dem Handy in seiner Tasche, womit er die Polizei anrief. Er erklärte, daß er etwas gesehen hatte, was möglicherweise mit dem Verschwinden von Petra zu tun hatte. Nachdem er die Zusage bekommen hatte, daß sofort ein Wagen heraus kommen würde, steckte er das Handy wieder zurück.

"Sie kommen, Annette. Wo ist die Landstraße?"

Das Mädchen zeigte ohne zu zögern nach links. "Da. Nicht weit weg."

Delsing stand auf. "Ich warte an der Straße auf die Polizei. Komm bitte mit."

Es war mittlerweile fast acht Uhr morgens an diesem Samstag. Das Tageslicht erhellte ihren Weg. Delsing folgte Annette etwa zweihundert Meter, dann standen sie am Rand der Landstraße. Delsing drehte sich zu Annette, um sie zu fragen, ob sie sich erinnerte, wer ihr etwas getan hatte, als sein Handy sich meldete. Seine Frau Iris war dran.

"Das Krankenhaus hat gerade angerufen", meinte sie erleichtert. "Uli ist wach. Er tobte und schlug fast das Zimmer zu Bruch, weil ihm keiner sagen wollte, was mit Petra los ist. Jetzt ist er friedlich. Allerdings macht er sich große Vorwürfe. Was passiert bei euch? Bist du noch bei - bei dieser Annette?"

"Ja. Das erkläre ich dir nachher, Iris. Hat er gesagt, was passiert ist?"

"Nur, daß es ihm das Vorderrad weggeschlagen hat. Danach weiß er nichts mehr."

"Na schön. Wir fahren nachher zu ihm. Iris, könntest du bitte Frühstück vorbereiten? Und viel starken Kaffee?"

"Natürlich. Was möchtest du essen?"

"Ich nichts. Aber die anderen. Ich erkläre es dir später, Liebes. Jetzt nicht."

"Okay. Wenigstens kommt jetzt alles in Ordnung."

Delsing sah auf Annette, die reglos neben ihm stand und ins Nichts blickte.

"Ja, Iris. Jetzt kommt alles in Ordnung. Bis gleich." Er steckte das Handy zurück in die Jacke. "Annette?"

Der Kopf des Mädchens drehte sich zu ihm.

"Woran erinnerst du dich noch? Was ist damals geschehen?"

"Ich weiß nicht." Sie schaute wieder über die Straße ins Nichts. "Ich war allein. Er wollte mir helfen. Dann tat es weh. Sehr, sehr weh. Ich weiß nicht."

"Weißt du, wer dir weh getan hat?"

"Nein. Aber er hat mich in meine Wohnung gebracht." Sie versank wieder in Schweigen. Erst als eine Viertelstunde später zwei Autos der Polizei vor ihnen anhielten, sprach sie.

"Jetzt?"

"Jetzt. Und denk bitte dran: wenn sie dich nicht sehen, kann ich dir nicht helfen, Annette. Tu es für dich. Für uns alle."

Vier Personen stiegen aus; zwei in Uniform, zwei in Zivil. Sie kamen auf Delsing zu. Plötzlich erstarrten sie, zu Tode erschrocken. Acht Augen blickten auf einen Punkt neben Delsing, der stumm blieb. Einer der Männer in Zivil faßte sich zuerst.

"Annette?" fragte er ungläubig. "Annette Bergersdorf?"

Er ging auf das Mädchen zu und griff nach ihrer Schulter, doch seine Hand ging durch Annette hindurch. Sofort riß er sie zurück, die Augen weit geöffnet.

"Was ist das hier?" fragte er Delsing verstört. "Was -"

"Bitte!" Delsing hob müde seine Hand. "Ich kann Ihnen das genauso wenig erklären wie Sie mir. Sie kennen das Mädchen?"

Der Beamte sammelte sich. "Annette Bergersdorf. Vor zwei Jahren als vermißt gemeldet. Sie wurde nie gefunden." Er riß seine Augen in plötzlichem Verstehen auf. Delsing nickte matt.

"Ja. Es ist ihr Geist. Annette möchte uns zeigen, wo sie - wo ihre derzeitige Wohnung ist. Sie will nicht mehr dort wohnen." Er wandte sich zu dem Mädchen. "Gehst du bitte vor, Annette?"

Das Mädchen drehte sich schweigend um und ging los. Delsing folgte ihr. Hinter ihm hörte er ein kurzes Gespräch, dann schnelle Schritte. Der andere Beamte in Zivil tauchte neben ihm auf.

"Wir werden Schaufeln brauchen." Seine Stimme war fest. Delsing nickte.

"Richtig. Deswegen habe ich Sie gerufen. Sie sehen das Mädchen auch?"

"Klar und deutlich. Wer kann sie noch sehen?"

"Meine Tochter Susi. Meine Frau hat sie auch ein Mal gesehen. Was wissen Sie über sie?"

Der Beamte überlegte kurz. "Annette Bergersdorf. Verschwunden im Alter von 12 Jahren und sieben Monaten. Sie wohnte in der Nachbarstadt. Sie ist dort ausgerissen, weil sie von ihrem Stiefvater mißhandelt und mißbraucht wurde. Er hat den Mißbrauch sehr schnell zugegeben, aber immer wieder abgestritten, daß er mit ihrem Verschwinden etwas zu tun hat. Aufgrund seines Geständnisses wurde er vor anderthalb Jahren zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Vielleicht kommt noch mehr auf ihn zu."

"Das glaube ich nicht", erwiderte Delsing langsam. "Annette kann sich nicht daran erinnern, wer sie umgebracht hat. Wenn es ihr Stiefvater gewesen wäre, müßte sie das zumindest wissen."

"Sie reden mit ihr?" fragte der Beamte erstaunt.

"Ja. Meine Tochter ebenfalls. Annette?"

Das Mädchen blieb stehen und drehte sich um.

"Hat dein Stiefvater dich in deine Wohnung gebracht?"

"Nein", erwiderte sie spontan. "Er hat mir nur sehr, sehr weh getan. Immer wieder. Ich weiß nicht, wer das war." Sie wandte sich ab und ging weiter. Der Beamte runzelte die Stirn.

"Das bedeutet viel Arbeit. Wenn sie auf der Landstraße war, kann jeder in Frage kommen. Da es vor zwei Jahren war, wird sich auch kaum einer mehr daran erinnern."

"Sie nehmen das relativ gelassen auf", wunderte sich Delsing. Der Beamte zuckte die Schultern und sah sich schnell nach seinen Kollegen um, die etwa fünfzig Meter hinter ihm waren.

"Sie meinen Annettes Geist? Das passiert mir nicht zum ersten Mal. Allerdings ist es das erste Mal, daß alle den Geist sehen können."

"Sie haben das schon öfter erlebt?" Delsing war perplex. Der Beamte sah ihn ernst an.

"Wir arbeiten nach Logik, Herr Delsing", erklärte er leise. "Gott arbeitet nach einer Logik, die uns im ersten Moment nicht klar ist. Wenn ein Mensch vor seiner Zeit aus dem Leben gerissen wird, kann er sich nur schwer von dieser Erde trennen, weil er noch nicht bereit dazu ist. Wie Annette. Wie andere vor ihr und nach ihr. Wenn Sie in ein Haus kommen, wo die ganze Familie umgebracht worden ist, dreht sich Ihnen der Magen um. Nicht nur wegen der Leichen und ihres Zustandes, sondern auch, weil Sie die Anwesenheit der ehemals lebenden Menschen noch spüren. Sie sind noch da, Herr Delsing. Sie warten darauf, ihre Ruhe zu finden. Wie Annette." Er sah zu dem Mädchen, das stehen geblieben war und auf den Boden deutete. Delsing blieb verwirrt stehen, während der Beamte zu ihr ging.

"Wo genau?" fragte er das Mädchen. "Kannst du mir das zeigen?"

Annette beschrieb mit den Händen ein schmales Rechteck, etwa vierzig Zentimeter breit und einen Meter dreißig lang. Delsing spürte Übelkeit aufsteigen, als der Beamte das Rechteck mit den Fingern nachzog und dabei immer wieder mit den Fingern in die Erde stieß, um die Lage zu kennzeichnen. Schließlich war er fertig und sah zu Delsing.

"Sie können gerne gehen", schlug er vor. "Sie müssen sich das nicht ansehen."

Delsing blickte zu Annette, deren schwarze Augen auf ihn gerichtet waren. Er schüttelte den Kopf.

"Ich bleibe. Ich habe es ihr versprochen."

"Sind Sie sich da ganz sicher?" Augen und Stimme des Beamten ließen Delsing erkennen, was ihn erwartete. Er blieb fest.

"Ganz sicher."

"Wie Sie wollen." Der Beamte ließ sich von einem Polizisten in Uniform einen Klappspaten reichen. Sein Kollege schloß sich ihm an, mit einem zweiten Spaten. Der erste sah zu Annette.

"Hör gut zu", sagte er sanft. "Wenn wir jetzt beginnen, wirst du deine Ruhe finden. Danach können wir nicht mehr mit dir reden. Was weißt du noch, Annette? Sag mir alles, woran du dich noch erinnern kannst. Alles."

Das Mädchen sah traurig zu Delsing. "Ich möchte endlich umziehen! Du hast es versprochen!"

"Ich halte das Versprechen auch, Annette. Aber wir möchten auch den finden, der dir weh getan hat. Hilf uns dabei. Oder möchtest du, daß er noch mehr Mädchen wie dir weh tut?"

Annette sah ihm lange in die Augen, von den vier Polizisten konzentriert beobachtet. Schließlich schüttelte sie den Kopf.

"Der gleiche wie bei Petra", flüsterte sie. "Das tut so weh!" Sie verschwand.

"Und Petra lebt." Der Blick des Beamten war kalt und entschlossen. "Dann finden wir ihn." Ohne ein weiteres Wort stach er mit dem Spaten in die Erde. Sein Kollege half ihm.

Sie gruben vorsichtig, immer nur kleine Brocken Erde. Die Erde neben Annettes Grab wuchs zu einem Haufen, der immer größer wurde. Dann erklang ein Geräusch, bei dem es Delsing eiskalt über den Rücken lief: das Geräusch von Metall auf Knochen.

"Vorsichtig jetzt!" meinte der erste Beamte. "Mehr kratzen statt graben."

Delsing schaute in das etwa dreißig Zentimeter tiefe Loch. In der braunen Erde schimmerte ein gelblich-weißer Schädel. Im gleichen Moment stand Annette neben ihm. Ihre schwarzen Augen waren klar und bewußt, und voller Schmerz und Trauer.

"Danke!" flüsterte sie, dann verschwand sie endgültig. Delsing ließ sich auf den Boden sinken, schlug die Hände vor das Gesicht und weinte.

Um ihr kurzes Leben voller Schmerz und Gewalt.


* * *

Gegen elf Uhr war Annettes Leiche vollständig frei gelegt. Die Spurensicherung war bei der Arbeit. Delsing konnte nichts mehr tun; er ging müde und gebrochen nach Hause. Die Kripobeamten begleiteten ihn. Mittlerweile kannte Delsing auch ihre Namen: der, der sich mit Geistern auskannte, hieß Torsten Behrmann, sein Kollege Werner Dietrich. Delsing hatte ihnen Frühstück angeboten, was die beiden dankend angenommen hatten.

Max, der auf der Treppe des Schlosses mit Duplo-Soldaten spielte, rannte fröhlich auf seinen Vater zu, der ihn auf die Arme nahm und kräftig drückte. Max ließ das ganze drei Sekunden mit sich geschehen, bevor er unruhig zappelte. Er wollte weiter spielen. Delsing setzte ihn ab, und sofort rannte Max wieder zu seinen Soldaten.

"Wie viele Kinder haben Sie?" fragte Behrmann, während sie die Treppe hinauf gingen.

"Drei. Ulrich, Susi, und Max. 18, zwölf, und fünf Jahre."

"Gut gestreut", meinte Dietrich mit einem Lächeln. Delsing erwiderte es.

"Wir dachten uns, daß wir erst mal ein Kind in der Schule haben wollten, bevor der nächste Schreihals kommt. Max kam ein Jahr zu spät. Wir hatten die Hoffnung schon fast aufgegeben, als meine Frau dann doch schwanger wurde."

"Möchten Sie noch mehr?"

"Eins noch. Nächstes Jahr. Dann geht Ulrich auf die Uni." Er öffnete die Tür und führte die Beamten ins Eßzimmer. Iris stieß zu ihnen. Ihr Mann erzählte ihr kurz, was geschehen war. Iris ließ sich blaß auf einen Stuhl sinken.

"Warum tun Menschen so etwas?" fragte sie erschüttert.

"Darauf gibt es Dutzende von Antworten", erwiderte Dietrich. "Aber keine einzige, die ein geistig gesunder Mensch verstehen kann, Frau Delsing. Der Mord geschieht, um die Tat vorher zu vertuschen, aber warum diese Tat überhaupt geschieht... Wir hören darauf viele Antworten, und von jeder einzelnen wird uns schlecht. Von göttlichen Eingebungen bis hin zum reinen Trieb ist alles vertreten."

"Wobei diese Menschen aber in der Minderzahl sind." Behrmann beugte sich etwas vor. "Die weitaus häufigeren Straftaten von Mißbrauch geschehen in der Familie oder im Bekanntenkreis." Er sah zu Delsing, der mit vor Müdigkeit zitternden Händen eine Tasse Kaffee trank.

"Sagen Sie uns jetzt, wie Sie Petra gefunden haben? Die Geschichte von heute Morgen war etwas dünn."

Delsing nickte müde. Er erzählte von Susi, wie sie das Haus verlassen hatte, und wie Annette plötzlich hier im Schloß gewesen war und ihn geführt hatte. Behrmann und Dietrich wechselten einen kurzen Blick.

"Dann müssen wir das doch so stehen lassen", meinte Behrmann darauf. "Ich glaube Ihnen, aber kein anderer wird uns das abnehmen. Herr Delsing, hatten Sie irgendein bestimmtes Gefühl, das Ihnen die Richtung gesagt hatte? Haben Sie geahnt, wo Ihre Tochter sein könnte?"

Delsing lächelte schief. "Genau so war es."

"Gut. Das wird uns eher abgekauft als ein Geist. Und wenn die DNA-Tests ausgewertet sind, werden sowieso alle Untersuchungen in die richtige Richtung gelenkt." Er sah zu seinem Kollegen, der nur kurz die rechte Schulter hob und wieder fallen ließ. Iris Delsing hatte sich wieder gefangen und holte das vorbereitete Frühstück aus der Küche.

"Wo sind Susi und Martina?" fragte ihr Mann, als sie zurück kam.

"Mit dem Taxi ins Krankenhaus gefahren. Beide haben nur wenig geschlafen. Sie sind um zehn Uhr los."

"Dann geh ich jetzt erst mal baden." Er trank den Kaffee aus und stellte die Tasse ab. "Oder brauchen Sie mich noch?"

"Im Moment nicht." Dietrich sah ihn fest an. "Oder möchten Sie uns noch etwas erzählen? Etwas, was Sie bisher nicht gesagt haben?"

Delsing erkannte den Blick sofort. "Ja. Eins noch: Meine Frau und ich erklären uns bereit, Speichelproben abzugeben. Aber jegliche Zeit, die Sie für deren Untersuchung verwenden, wird verschwendete Zeit sein. Petra ist wie eine zweite Tochter für uns, und Annette... Die habe ich hier zum ersten Mal gesehen. Ein Mal im April, und da nur für ein paar Sekunden, und dann wieder in den letzten paar Tagen." Er stand auf.

"Iris, nach dem Baden fahren wir ins Krankenhaus, ja? Und anschließend gehe ich ins Bett. Ich kann nicht mehr." Er ging müde hinaus. Iris sah ihm besorg hinterher, dann schaute sie zu den beiden Beamten.

"Sie glauben doch nicht im Ernst, daß er etwas damit zu tun hat, oder?"

"Wir müssen es in Erwägung ziehen." Behrmann erwiderte ihren Blick. "Es ist nur Routine, Frau Delsing. Ich glaube Ihrem Mann, aber ich weiß auch, daß unsere Vorgesetzten Ergebnisse sehen wollen, auch wenn die Ergebnisse nur darin bestehen, daß wir Verdächtige ausschließen. Sind Sie einverstanden, wenn wir Sie ins Krankenhaus begleiten? Wir hätten noch ein paar Fragen an Ihren Sohn. Und an Petra."

"Natürlich. Aber wie mein Mann schon sagte: es wird verschwendete Zeit sein, wenn Sie ihn oder mich verdächtigen. Genauso gut könnten Sie unseren Sohn oder unsere Tochter verdächtigen." Sie lächelte ironisch. "Aber das tun Sie wahrscheinlich auch, nicht wahr?"

Behrmann und Dietrich erwiderten ihren Blick ausdruckslos.


* * *

Ulrich reagierte wesentlich heftiger als seine Eltern.

"Ich?" Er starrte die beiden Beamten ungläubig an. "Ich soll Petra etwas getan haben? Sie haben doch einen Schaden! Wieso soll ich ein kleines Mädchen vergewaltigen, wenn ich eine Freundin habe, mit der ich täglich schlafe?"

"Gute Frage." Behrmann zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben das Bett. Peter und Iris Delsing schauten sich besorgt an. "Woher wissen Sie, daß Petra vergewaltigt worden ist?"

"Das hat meine Mutter mir heute Morgen am Telefon gesagt." Ulrich wurde wütend. "Darf ich vorschlagen, daß Sie sich in Bewegung setzen und den wirklichen Täter suchen?"

"Und darf ich vorschlagen", erwiderte Behrmann eisig, "daß Sie ihre vorlaute Klappe ein bißchen mehr in den Griff nehmen? Ich halte Ihnen zugute, daß Sie aufgeregt sind und sich um Petra sorgen, aber mit den beiden Bemerkungen von Ihnen ist meine Geduld aufgebraucht. Restlos. Ist das klar?"

"Mir ist nur eins klar." Ulrich setzte sich mit verzerrtem Gesicht und ächzend auf. "Irgendwo da draußen läuft ein Tier auf zwei Beinen herum. Während Sie Ihre Zeit damit verplempern, mich zu nerven. Petra saß hinter mir, als das Vorderrad weg ging. Und danach weiß ich nichts mehr."

"In welche Richtung drehte sich das Vorderrad?"

"Nach links. Wieso?"

"Reine Neugier." Behrmann schaute zu Ulrichs Mutter, die sehr blaß aussah. "Haben Sie Ihrem Sohn erzählt, daß Petra vergewaltigt worden ist?"

Iris schaute verstört zu ihrem Mann.

"Frau Delsing?"

Iris blinzelte mehrmals, bevor sie den Kopf zu Behrmann drehte.

"Nein. Das wußte ich nicht. Mein Mann hat mir nur erzählt, daß Petras Unterleib..." Ihre Stimme brach. Behrmann blickte zu Delsing.

"Wußten Sie das?"

Peter Delsings Augen waren auf seinen Sohn gerichtet. "Nein. Bis auf die entsetzlichen Wunden, die ich gesehen habe, weiß ich überhaupt nicht genau, was mit ihr ist. Ich habe noch nicht mit ihren Eltern gesprochen."

"Nun?" Behrmann drehte sich wieder zu Ulrich. "Wenn beim Motorrad das Vorderrad nach links geht, legt sich die Maschine auf die rechte Seite. Das ist ein Paradoxon, was bei vielen Neulingen auf Motorrädern zu Unfällen führt, obwohl es Mittelschulphysik ist. Das Rad dreht sich nach links, das angetriebene Hinterrad schiebt über die Längsachse nach vorne und sorgt dafür, daß wegen des verlagerten Schwerpunktes des Vorderrades die Maschine nach rechts kippt. Bei Ihrem Motorrad waren aber die linken Blinker abgebrochen, was uns sagt, daß die Maschine nach links gefallen ist. Also muß das Vorderrad nach rechts gezeigt haben. Woher wußten Sie, daß Petra vergewaltigt wurde?"

Ulrichs Blick wurde zu Eis. "Das Vorderrad wurde nach links geschlagen. Wovon, weiß ich nicht. Ich habe den Lenker zurück gerissen und gleichzeitig sicherheitshalber den Notschalter ausgemacht. Wahrscheinlich habe ich dabei den Lenker zu weit nach rechts gedreht. Kann alles möglich sein; ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, daß Petra noch hinter mir saß, als das passierte, und danach weiß ich von nichts mehr. Daß sie vergewaltigt wurde, ist doch wohl der normale Weg bei solchen Tieren, oder? Das kann sich doch jeder ausrechnen."

Behrmann schaute kurz zu Dietrich, während Ulrichs Eltern sich besorgt in den Armen hielten. Dann blickte er wieder zu Ulrich.

"Ich würde vorschlagen", meinte er ganz ruhig, "daß Sie Ihren Anwalt verständigen, Herr Delsing. Wir müssen Sie in Untersuchungshaft nehmen. Werner, läßt du das Motorrad untersuchen? Wenn Petra bei dem Unfall noch auf der Maschine gesessen hat, müssen Kleidungsspuren von ihr zu finden sein. Vielleicht auch Blutspuren von dem Aufprall auf die Straße."

"Es reicht!" Peter Delsings Geduld war am Ende. "Sie haben keinerlei Beweise gegen meinen Sohn in der Hand. Sie können ihn nicht so einfach verhaften. Schon gar nicht, wenn er im Krankenhaus liegt."

Behrmann stand auf. "Er ist der letzte, der Petra vor dem Unfall gesehen hat. Damit ist er automatisch der Hauptverdächtige. Wir werden ihn in eine Polizeiklinik verlegen lassen. Er hat ja nur Schürfwunden und Prellungen; nichts Ernstes. Aber mein Kollege und ich haben das ganz dringende Gefühl, daß Ihr Sohn mehr weiß, als er uns sagt. Ich fahre seit über 20 Jahren Motorrad und habe bis vor sechs Jahren die Neulinge bei der Polizei ausgebildet. Kein erfahrener Motorradfahrer reißt wild am Lenker. Keiner. Jeder versucht, durch Aufstehen und Erhöhen des Schwerpunktes die Maschine wieder zu beruhigen. Das ist die erste Ungereimtheit. Die zweite ist der Punkt, woher er weiß, daß Petra vergewaltigt wurde. Er hat es nicht gefragt, sondern er war sicher. So sicher wie jemand, der genau weiß, wovon er redet. Rufen Sie Ihren Anwalt an, Herr Delsing. Ihr Sohn ist vorläufig festgenommen. Wegen des Verdachts auf Vergewaltigung und versuchten Mordes."

"Das ist doch lächerlich!" Zum ersten Mal in vielen Jahren riß Delsing die Geduld. "Iris, hol bitte den zuständigen Arzt. Er soll diese komischen Figuren hier raus werfen. Ich hab die Nase voll. Uli, du sagst keinen Ton mehr. Wir warten den Arzt ab. In der Zeit versuche ich, meinen Anwalt zu erreichen." Er setzte sich demonstrativ auf das Bett, um Ulrich abzuschirmen. Der war weiß vor Wut, schwieg aber. Iris eilte hinaus. Behrmann und Dietrich sahen Delsing ungerührt zu, wie er telefonierte.

Der erste Versuch schlug fehl, doch immerhin war auf der Ansage, die er erreichte, eine Nummer für Notfälle angegeben. Delsing schrieb sie schnell auf und wählte dann ein zweites Mal. Wenig später hatte er seinen Anwalt dran, der nach kurzem Gespräch zusagte, sofort zu kommen. Delsing steckte das Handy zurück und schaute die Beamten eisig an.

"Sie machen einen großen Fehler, meine Herren. Wie mein Sohn schon sagte, läuft da draußen ein Tier auf zwei Beinen herum, während Sie mit allen Mitteln verzweifelt versuchen, ein Opfer zu finden. So läuft das nicht. Wir haben immerhin einen Rechtsstaat."

Bevor einer der beiden etwas erwidern konnte, kam Iris mit einem Arzt zurück.

"Krupp", stellte sich dieser kurz vor. "Ich bin Oberarzt dieser Abteilung. Was ist hier los?"

"Ihr Patient wurde von uns in Gewahrsam genommen", erklärte Dietrich ruhig. "Wegen des Verdachts auf Vergewaltigung und versuchten Mordes. Ist er transportfähig?"

Dr. Krupp schaute in seine Unterlagen. "Ja, das ist er. Er könnte theoretisch entlassen werden. Wir wollten ihn allerdings noch bis Montag hier behalten, um zu sehen, wie die Verletzungen heilen."

"Entlassen?" Peter Delsing trat entgeistert zwischen Arzt und Polizist. "Sie wollen ihn entlassen? Obwohl er verletzt ist? Spinnen denn hier alle?"

"Ihr Sohn hat nur oberflächliche Wunden", erklärte der Arzt geduldig. "Keine Gehirnerschütterung, keine inneren Verletzungen, keine Brüche. Unter diesen Umständen muß ich ihn entlassen." Er sah zu Dietrich. "Am Montag sollten allerdings die Verbände entfernt und die Prellungen untersucht werden."

"Schicken Sie den Bericht bitte hierhin." Dietrich reichte dem Arzt eine Karte. "Er wird das Wochenende über in unserer Klinik bleiben. Kann er aufstehen und selbst gehen?"

"Ja, obwohl seine Hüfte auch eine Prellung abbekommen hat. Ein Rollstuhl bis zum Ausgang wäre mir lieber."

"Dann veranlassen Sie das bitte."

Ulrich und seine Mutter schauten dem Arzt fassungslos hinterher, während Peter Delsing sich an den letzten Rest Beherrschung klammerte, den er noch hatte.

"Sie werden ihn nicht mitnehmen", sagte er zu Dietrich. "Sie werden auf den Anwalt warten, und dann schauen wir weiter. Haben Sie Bürokrat das jetzt endlich kapiert?"

"Sie haben etwas nicht kapiert, Herr Delsing." Dietrichs Augen waren wie Eis. "Daß Ihr Sohn verdächtigt wird, die zwölfjährige Petra Simon vergewaltigt und anschließend schwer verletzt zu haben, und dann auch noch versucht hat, sie zu ermorden." Er trat einen Schritt auf Delsing zu.

"Zwingen Sie mich nicht, Sie auch in Arrest zu nehmen, Herr Delsing. Dann können Sie Ihrem Sohn überhaupt nicht mehr helfen. Benutzen Sie Ihren Verstand. Sie brauchen ihn jetzt. Wenn Ihr Sohn unschuldig ist, wird sich das schnell herausstellen. Doch im Moment ist er dringend verdächtig."

"Dann werden wir Petra fragen." Delsing machte einen Schritt auf die Tür zu. "Sie wird wohl wissen, ob es Ulrich war. Und anschließend erwarte ich Ihre schriftliche Entschuldigung für diese beleidigenden Unterstellungen." Er wandte sich vollständig zur Tür und blickte auf Behrmann, der ihm den Weg versperrte.

"Sie werden nicht mit Petra reden", sagte dieser. "Sie sind Ulrichs Vater, während Petra die Hauptzeugin ist. Wir können nicht zulassen, daß Sie mit ihr reden und sie vielleicht einschüchtern."

Für einen Augenblick sah es so aus, als wollte Peter Delsing ihm an die Kehle springen, doch er fing sich sofort wieder.

"Dann werde ich meine Tochter suchen. Iris, bleibst du bitte bei Uli und wartest auf den Anwalt?" Er sah zu Behrmann, mit vor Wut blitzenden Augen. "Oder wollen Sie mir auch verbieten, Susi zu suchen?" Ohne auf eine Antwort zu warten, schob er Behrmann sanft, aber entschlossen zur Seite, und ging hinaus. Behrmann folgte ihm sogleich. Iris schüttelte ungläubig den Kopf.

"Du warst es doch nicht, Uli? Sag, daß du es nicht warst!"

"Natürlich war ich es nicht!" Ulrich warf Dietrich einen Blick voller Zorn zu. "Verbinden Sie mich mit einem Lügendetektor. Setzen Sie mich unter Hypnose. Oder was auch immer. Ich war es nicht!"

"Wir werden sehen." Dietrich machte es sich an der Tür bequem, lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Wand und wartete.

Peter Delsing war mittlerweile vor Petras Zimmer angekommen. Ohne auf Behrmanns Warnungen zu hören, trat er ein. Im Zimmer saßen Petras Eltern Yvonne und Arne, sowie Susi und Martina. Petra saß halb aufgerichtet im Bett und schaute einigermaßen munter in die Welt. An ihrer linken Vene hing der Schlauch eines Tropfes.

"Hallo, Kleines!" begrüßte Delsing sie zärtlich. "Wie geht es dir?"

"Wieder besser. Ich bin vor einer halben Stunde aufgewacht. Tag, Herr Delsing."

Delsing nickte ihren Eltern kurz zu, die ihn dankbar anschauten, und blickte dann wieder zu Petra.

"Petra, der Mann hier ist Herr Behrmann von der Polizei. Er möchte nicht, daß ich mit dir rede. Was meinst du dazu?"

"Warum sollen Sie nicht mit mir reden?" fragte Petra erstaunt.

"Das erkläre ich dir gleich." Er setzte sich zu ihr auf das Bett. Susi machte ihm schnell Platz. Delsing griff nach Petras rechter Hand.

"Wir waren immer ehrlich und offen zueinander", sagte er leise. "Du zu mir, und ich zu dir. Was ist gestern Abend passiert, Petra? Sag es ganz offen und ehrlich. So wie immer. Egal, was passiert ist: sag es uns. Alles, woran du dich erinnerst."

Petras Kopf fuhr zu ihren Eltern herum. Beide schauten sie aufmunternd an.

"Sag es", meinte ihre Mutter sanft. "Sprich darüber, Petra. Es wird schwer sein, aber du mußt es sagen."

"Das kann ich nicht." Petra ließ den Kopf sinken.

"Warum nicht?" fragte Delsing. "Warum willst du ihn beschützen, Petra? Nach allem, was er dir getan hat. Warum?"

Petras Stimme war kaum zu hören. "Weil ich ihn dazu gebracht hab."

"Das hast du nicht." Er strich ihr sanft über das blonde Haar. "Petra, wenn dir jemand so etwas tut, hast du ihn nicht dazu gebracht. Du hast überhaupt keine Schuld daran, auch wenn er dir das einreden will. Wer war es, Petra? Sag es uns."

Das Mädchen schüttelte leicht den Kopf. "Sag ich nicht. Ich hab's vergessen."

"Petra." Er drückte sanft ihre Hand. "Möchtest du, daß er das gleiche mit einem anderen Mädchen macht? Du warst schon das zweite."

"Das zweite?" Sie schaute mit großen Augen zu ihm auf. "Wie, das zweite?"

"Annette. Sie sagte, ihr ist das auch passiert. Wie dir. Und es war derselbe Mann wie bei dir. Irgendwann wird er ein drittes Mädchen überfallen. Wenn er nicht vorher gefunden wird. Wer war es, Petra?"

Das Schweigen im Zimmer war fast greifbar, als Petra verzweifelt zu Susi sah.

"Ich kann's nicht sagen!" wisperte sie. "Ich hab ihn doch so gern!"

Delsings Herz schlug schneller vor Angst und Vorahnung.

"Er hat dich verletzt, Petra", sagte er schnell. "Er wollte dich umbringen. Er hat dich gefesselt und geknebelt im Wald liegen gelassen. Wenn wir dich nicht gefunden hätten, wärst du verblutet. Hat er dich lieb? Würde er das tun, wenn er dich lieb hätte?"

Petras Augen füllten sich mit Tränen. "Ich kann's nicht sagen! Dann passiert ihm doch was!"

"Nein, Petra." Er rutschte näher zu ihr, legte seine Hand an ihre Wange und streichelte sie sanft. "Ihm passiert nur eins: daß ihm geholfen wird. Er hat dir so weh getan, daß ihm geholfen werden muß. Wenn du seinen Namen verschweigst, kann ihm nicht geholfen werden." Er drückte seine Hand fest an ihre Wange.

"Ich glaub dir, daß du ihn lieb hast", flüsterte er. "Aber dann solltest du ihm auch helfen. Ihm, und allen anderen Mädchen, denen er vielleicht noch weh tun könnte. Hilf ihm, Petra. Sag uns seinen Namen."

Die Zwölfjährige fing an, leise zu weinen.

"Dann tu ich aber Ihnen weh", schluchzte sie leise. "Ihnen, Ihrer Frau, und Susi. Und Uli auch. Ich kann's nicht sagen."

Delsing schloß für einen Augenblick die Augen, als die Verzweiflung aufstieg. Er brauchte den Namen nicht mehr. Er wußte nicht, wieso, warum und weshalb Ulrich es getan hatte, aber daß er es getan hatte, stand nun fest. Er faßte sich wieder.

"Nein, Petra. Du tust uns nicht weh. Wir können immer über alles reden. So, wie wir es bisher getan haben. Wir schaffen das schon. Bestimmt. Aber das nächste Mädchen hat vielleicht nicht so viel Glück wie du. Sag uns den Namen, Petra. Bitte. Sag mir, wer es war."

Petra weinte nun bitterlich. Ihre kleinen Finger schlossen sich fest um Delsings Hand.

"Er sagte, daß es ein Geheimnis wäre", schluchzte sie. "Daß ich das keinem verraten darf. Daß nur er und ich das wissen dürfen. Ich kann's nicht sagen!"

"Peter!" Yvonnes flehende Stimme ließ Delsing aufsehen. "Hör bitte auf. Bitte!"

"Petra wird es uns sagen", erwiderte er entschlossen. "Sie weiß, daß sie ein solches Geheimnis verraten darf, weil sie damit andere Menschen beschützt. Und weil sie ihm damit am besten helfen kann. Nicht wahr, Petra?" Er sah wieder zu ihr. "Sag es mir. Sag es, Petra. Sag mir seinen Namen."

"Gerd." Petra brach weinend zusammen. "Ulrichs Zwillingsbruder, von dem keiner was wissen darf."

Die sechs Menschen im Zimmer starrten sich verblüfft an.





TEIL 2 - A. D. 1720


















Kapitel 5 - Der Beginn



Die Burg wurde erbaut, um Angriffe abzuwehren, doch kurz vor ihrer Fertigstellung schlossen die verfeindeten Städte Frieden, der in den kommenden Jahrhunderten nicht mehr gebrochen wurde. Der Erzherzog ließ die Burg dennoch zu Ende bauen und überließ sie danach einer der reichsten Familien in der Gegend, die mit Gesinde, Vieh und Möbeln kurz danach in die Burg übersiedelte.

Die Familie bestand aus dem Kaufmann und nun Burgherren Jonas Appeldoorn, seiner Frau Irene, und ihren vier Kindern: dem 17jährigen Maximilian, der 13jährigen Antonia, dem achtjährigen Pieter, und der vierjährigen Stiene.

Die vier Kinder waren ihren Eltern wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur Antonia bildete mit ihren strahlend grünen Augen eine Ausnahme, doch ihr Haar war so braun wie das ihrer Mutter, und auch der Rest des Gesichtes zeigte Züge sowohl des Vaters wie auch der Mutter. Da grüne Augen schon immer auf einen magischen Einfluß hindeuteten, wurde Antonia als Geschenk Gottes angesehen, anstatt als Produkt eines Ehebruchs in den nächsten Fluß geworfen zu werden.

Appeldoorn sorgte dafür, daß es auf der Burg nie langweilig wurde. Er engagierte Jäger und Bauern, die für Nahrung sorgten, holte Schausteller und Musiker auf die Burg, und stellte noch mehr Gesinde ein, um die große Burg in Ordnung zu halten. Vielen im naheliegenden Dorf kam dies grade recht, denn die etwa eineinhalb Stunden zu Fuß entfernt liegende Stadt begann, das Dorf aussterben zu lassen. Viele Menschen zogen in die Stadt und kehrten nach einiger Zeit verarmt wieder zurück, denn Arbeit war knapp, und Geld wurde kaum gezahlt. Nur Appeldoorn, der neben seinem Ruf als gewitzter Kaufmann auch den eines gerechten, anständigen Menschen hatte, zahlte gut, und somit füllte sich die Burg mit jüngsten und jungen Menschen, die durch den Verdienst ihre Eltern unterstützen konnten.

Der Winter des Jahres 1719 auf 1720 zeigte wieder einmal die Fähigkeiten Appeldoorns. Die Vorratskammern waren gefüllt, es gab Wein und Wasser in Mengen, und niemand hungerte. Abends boten die Barden, Musikanten und Schausteller genügend Unterhaltung, so daß der Winter verging wie im Flug. Die Menschen der Burg gaben zu Frühlingsbeginn ein spontanes Fest für ihre Herrschaft, das diese gerührt besuchten.

Der Frühling verging, der Sommer kam, doch kein weiteres Kind wuchs in Irenes Bauch. Appeldoorn, der gerne noch mehr Kinder haben wollte, zeigte seine Enttäuschung darüber nicht, doch seine Frau kannte ihn besser als jeder andere Mensch und schlug ihm vor, mit einer Magd zu verkehren, die ihm weitere Kinder gebären sollte. Appeldoorn sagte daraufhin nur: "Du bist meine Frau, und unsere Kinder sollen von uns beiden sein. Wir haben vier gute Kinder; laß uns damit zufrieden sein." Er besuchte kein anderes Schlafzimmer als das seiner Frau.

Der Hochsommer hielt Einzug, und das Leben auf der Burg verlangsamte sich unter der drückenden Hitze. Maximilian, Antonia und Pieter wurden gemeinsam unterrichtet, jedoch nur am Morgen. Die Nachmittage hatten sie frei. Pieter ging nach dem Unterricht zu seiner kleinen Schwester Stiene, die er abgöttisch liebte, während Antonia sich auf die Bücher in der Bibliothek stürzte. Die Bücher, die sie las, gaben der Vermutung, sie hatte Magie in sich, recht. Doch dieses Wissen behielt die Familie für sich; zu schnell waren Frauen und Mädchen als Hexen verschrien und wurden getötet.

Maximilian, der einen ebenso guten Ruf wie sein Vater hatte, war mit Elsbeth verlobt; der Tochter des angesehensten Jägers. Das Mädchen war nur ein Jahr jünger als der 17jährige. Es verging kaum eine Stunde, in der die beiden nicht zusammen gesehen wurden.

Antonia hingegen hatte sich neben ihrer besten Freundin Bettina sehr mit einem Mädchen namens Daphne angefreundet, die ebenfalls 13 Jahre alt war. Auch diese beiden waren häufig zusammen und verbrachten viel Zeit in dem die Burg umgebenden Wald. Antonia wußte wie Daphne, daß diese sehr für Maximilian schwärmte, doch da er seine Wahl getroffen hatte, verschloß sie dieses Gefühl in ihrer Brust. Nur ihre Blicke, die sie Maximilian zu warf, verrieten sie.

Es geschah am Abend eines der heißesten Tage des Jahres, daß Antonia und Daphne auf dem Dach der Burg standen, an die stabile Brüstung gelehnt, und den leichten Wind genossen, der mit ihren langen Haaren spielte, als Maximilian dazu kam. Sofort brachte Daphne schnell ihr Haar in Ordnung und strahlte den jungen Mann glücklich an. Der wußte ebenfalls, was Daphne bewegte, doch seine Liebe gehörte Elsbeth. Dennoch behandelte er das junge Mädchen ausgesucht höflich.

"Wie ich sehe, sucht ihr Erfrischung?" begrüßte er die Mädchen. Seine Schwester lächelte ihm zu.

"Es ist leider nur sehr wenig, was der Wind bietet. Aber immerhin besser als gar kein Wind. Was ist für heute Abend vorgesehen?"

"Die Jongleure wollten etwas Neues zeigen." Er schaute zu Daphne, deren lange blonde Haare im stärker werdenden Wind flatterten. "Und wie geht es dir?"

"Jetzt sehr gut", lächelte das Mädchen. Antonia stöhnte unüberhörbar.

"Da ihr noch sehr viel zu besprechen habt, werde ich euch besser allein lassen." Sie eilte zu der Tür, hinter der die Treppe nach unten lag. Maximilian und Daphne sahen ihr lächelnd hinterher.

"Haben wir etwas zu besprechen?" fragte Daphne dann.

"Ich glaube nicht." Er drehte sich zu ihr, mit der Seite an die Brüstung gelehnt. "Du weißt, daß Elsbeth und ich heiraten werden?"

"Das ist mir bekannt." Auch sie drehte sich zu ihm. Sie zupfte etwas an dem Ausschnitt ihres Sommerkleides, wobei sie ihn kleine, doch feste Brüste sehen ließ. "Du weißt, daß ich nur auf dich warte?"

"Du wartest vergeblich", erwiderte Maximilian sanft. "Du bist ein sehr hübsches Mädchen, Daphne, aber ich -"

"Pst!" Sie warf sich an ihn. "Hier kommt keiner her, Max. Nur Antonia und ich. Und manchmal du. Niemand würde uns stören. Niemand würde es wissen."

"Ich würde es wissen." Er schob das Mädchen sanft an den Schultern zurück. "Und mit diesem Wissen könnte ich nicht leben."

Das Mädchen schmiegte sich wieder an ihn. "Dann tu doch so, als wärst du dein Zwillingsbruder", flüsterte sie. "Nimm mich, genieß mich, und sag dir selbst, es wäre dein Bruder gewesen. Dein Zwillingsbruder."

"Du bist verrückt!" lachte Maximilian belustigt. "Gehen wir hinunter, Daphne."

"Gleich." Ihre Hand legte sich leicht auf seinen Schritt. "Laß es uns tun, Maximilian. Einmal. Ein einziges Mal."

Sein Geschlechtsteil erwachte, doch sein Kopf war stärker. Er schob ihre Hand beiseite.

"Nein, Daphne", erwiderte er ernst. "Ich liebe Elsbeth. Dich mag ich, aber sie liebe ich."

Daphne warf den Kopf zurück.

"Ich bekomme dich!" sagte sie ernst. "Ich will nicht mein Leben lang die Tochter einer Magd bleiben."

"Kommst du deshalb so oft hierher?" fragte Maximilian amüsiert. "Weil du immer über anderen stehen willst?"

"Und wenn es so wäre?"

"Dann kann ich dir nur eins sagen." Sein Blick wurde ernst. "Wer hoch hinaus will, wird tief fallen." Er drehte sich um und ließ sie allein. Sie sah ihm wütend hinterher.

"Ich bekomme dich", flüsterte sie. "Auf die eine oder andere Art. Ich bekomme dich."




An diesem Abend lag Maximilian noch lange wach im Bett und dachte über Daphne nach. Über ihre Worte. Über den Zwillingsbruder. Er mußte lächeln. Zwillingsbruder! Das konnte auch nur einem jungen, verliebten Mädchen einfallen. Er drehte sich auf die Seite, schloß die Augen und schlief wenig später ein.


* * *

Der heiße August verging, der September begann. Die Tage wurden kürzer und kühler. Etwa vier Wochen nach dem Gespräch mit Daphne mußte Maximilian für seinen Vater in die Stadt reiten, um einige Dokumente abzuholen. Sein Vater hatte einen dringenden Termin in einer anderen Stadt, drei Tagesreisen entfernt. Sie verließen gemeinsam die Burg und trennten sich an der Straße. Maximilian ritt nach Westen, sein Vater fuhr nach Osten.

Der 17jährige ritt gemütlich, um das Pferd zu schonen. Die Straßen waren manchmal unsicher, und es konnte sein, daß er vor Räubern fliehen mußte. Doch die Reise verlief ohne Störung. Er ritt zu dem Geschäftsfreund seines Vaters, mit dem er zu Mittag aß, anschließend ging es wieder heim.

Er hatte die Hälfte der Strecke zurück gelegt, als er eine kleine Gestalt am Wegrand sitzen sah. Er zügelte das Pferd, hielt neben der Gestalt an und sprang vom Pferd.

"Brauchst du Hilfe?" fragte er besorgt, als er erkannte, daß es ein Kind war. Das Kind hob den Kopf und sah ihn an. Maximilian fuhr ein Schauer durch den Körper, als er die schwarzen, traurigen Augen und die fast weißen Haare sah. Das Kind war ein Mädchen, etwa so alt wie Antonia.

"Mein Vater hat mich verstoßen", sagte das Mädchen mit bebender Stimme. "Ich weiß nicht, wo ich hin soll."

Maximilian verspürte eine Regung, die er kaum mehr kontrollieren konnte. Etwas an diesem Mädchen verhexte ihn. Sein Atem ging schneller und schwerer.

"Warum hat er dich verstoßen?"

Das Mädchen wischte sich die Augen an ihrer rauhen Kutte ab. "Weil ich - Ich hab Schande über die Familie gebracht."

Das Pochen in Maximilians Körper wurde lauter, stärker, eindringlicher. Er hockte sich vor das Mädchen.

"Du hast unzüchtige Handlungen begangen?" fragte er erregt, mit rauher Stimme. Das Mädchen nickte verzweifelt.

"Wurdest du dazu gezwungen?"

"Nein", hauchte sie. "Es ist eben so passiert. Und jetzt hat mein Vater mich verstoßen."

Maximilians Körper schrie vor Verlangen. Elsbeth und er hatten diesen Schritt noch nicht getan; sie wollten bis zur Hochzeit damit warten. Und nun saß ein Mädchen vor ihm, jung wie Daphne und Antonia, verführerisch trotz ihres erbärmlichen Aussehens, und wußte genau, was sie getan hatte. Mehr noch: sie hatte es gewollt.

"Meiner Familie gehört die Burg dort hinten", erklärte er. Seine Stimme schwankte vor Verlangen. "Du kannst dort arbeiten, wenn du möchtest. Mein Vater zahlt sehr gut."

"Ist das Euer Ernst?" Die schwarzen Augen des Mädchens füllten sich mit Hoffnung. "Ihr würdet mir Arbeit geben?"

"Ja." Sein Blick glitt über ihre schlanke Figur, über ihre fast weißen Haare, über ihr zierliches, verweintes Gesicht. Sein Verlangen nach ihrem Körper wuchs und wuchs und überschritt den Punkt, wo er es noch kontrollieren konnte. Er reichte dem Mädchen die Hand.

"Wir müssen durch den Wald gehen", sagte er erregt. "Wenn dich jemand auf der Straße sieht, kommst du in den Kerker, weil du mittellos bist."

Das Mädchen sprang erschrocken auf und nahm seine Hand. Maximilian führte sie von der Straße weg in den Wald hinein.

"Und Euer Pferd?" fragte das Mädchen schüchtern.

"Das kennt den Weg zur Burg." Er drückte die kleine, heiße Hand des Mädchens fester, als sein Unterleib sich mit aller Macht zu Wort meldete. Das Mädchen ging vertrauensvoll neben ihm her.

Es ging tiefer und tiefer in den Wald hinein. Plötzlich blieb Maximilian stehen; er konnte vor Schmerz in seinem Unterleib keinen Schritt mehr tun. Wortlos zog er das Mädchen mit einem kräftigen Ruck an sich, umarmte sie und küßte sie verlangend. Das Mädchen blieb einen Moment steif wie ein Stock, dann wehrte es sich verzweifelt.

Doch Maximilian war stärker. Er zwang sie auf den Boden, riß ihre derbe Kleidung entzwei und entblößte sich. Das Mädchen schrie auf, als er von einem wilden Impuls getrieben in sie drang. Maximilian legte seinen Mund auf den ihren, hielt ihren Kopf mit beiden Händen fest und begann, sie zu schänden. Seine Welt verengte sich auf das Gefühl ihres Körpers und der Lust, die in ihm wuchs, je mehr er sich bewegte. Das Mädchen unter ihm schrie vor Angst und Schmerz und wehrte sich, doch sein Gewicht hielt sie unter ihm, und sein Mund dämpfte ihr Schreien zu einem dumpfen Laut. Das neue, nie vorher gekannte Gefühl von zwei vereinigten Körpern peitschte wie heißes Feuer durch ihn, trieb ihn an, ließ ihn sich kraftvoller und energischer bewegen, ohne daß sein Verstand wußte, was am Ende auf ihn wartete, und dann plötzlich wußte er es: sein Körper explodierte vor Gefühl, und sein Leben strömte in das Mädchen unter ihm, das aufgehört hatte, sich zu wehren, und nur noch vor Schmerz und Scham weinte. Wie besessen bohrte Maximilian sich in sie, versuchte das Gefühl in sich zu vergrößern und zu verlängern, bis sein Körper sich verausgabt hatte und er erschöpft auf sie sank. Er spürte ihre nackten, kleinen Brüste an seiner Haut. Seine Lippen fuhren über ihr Gesicht, schmeckten ihre Tränen, und wieder wuchs das Verlangen. Das Mädchen hielt diesmal still, weinte nur bitterlich, als er sie ein zweites Mal nahm.

Diesmal lauschte er in sich. Nahm das neue Gefühl ganz in sich auf, berauschte sich daran, konzentrierte sich auf diese eine Stelle. Spürte das Mädchen, ihre versteckte Stelle, die er bisher weder gesehen noch berührt hatte. Plötzlich meldete sich sein Verstand zurück, und sein Gewissen. Doch die Lust ihres Körpers war zu groß.

"Das bin nicht ich!" flüsterte Maximilian, während sein Unterleib arbeitete. "Das ist mein - ja, mein Zwillingsbruder. Der macht das hier. Nicht ich. Er. Er ist das." Wie befreit stieß er härter und kräftiger in sie, nahm sie, mißbrauchte und schändete sie, bis er ein zweites Mal Erfolg hatte und er verausgabt auf sie sank. Das Mädchen hatte nicht einmal mehr Tränen; sie lag nur still unter ihm und litt. Er fuhr mit beiden Händen durch ihr Haar.

"So schön ist das", flüsterte er. "Du hast mir etwas sehr Schönes gezeigt. Wie heißt du?"

Das Mädchen drehte den Kopf zur Seite und schwieg.

"Ist auch gleichgültig." Er küßte ihre Wange. "So erregend ist der Körper eines Mädchens. Das hätte ich niemals vermutet." Er drückte sein Glied, das weicher wurde, fest in sie. "Was für ein wunderbares Gefühl. Weich und doch fest, und geschmeidig wie Samt. Sind alle Mädchen so wie du?"

"Laßt mich gehen!" flehte das Mädchen. "Bitte laßt mich gehen."

"Das kann ich wohl nicht, fürchte ich." Er strich mit seinen Lippen über ihr Gesicht. "Du würdest mich erpressen wollen."

"Das würde ich niemals tun." Das Mädchen bekam einen Schluckauf vor trockenem Weinen. "Laßt mich gehen, Herr! Ich werde es keinem verraten." Ihre schwarzen Augen blickten ihn traurig an. "Ich gebe Euch mein heiligstes Wort darauf."

"Ich kann dir nicht glauben, auch wenn ich es möchte." Er lächelte sie an. "Aber mein Bruder Maximilian würde dir glauben. Der würde dich gehen lassen. Ich kann es nicht. Wer hoch hinaus will, wird tief fallen."

"Was meint Ihr damit?" fragte das Mädchen voller Angst.

"Du würdest mir alles versprechen, damit ich dich gehen lasse." Er legte seine Lippen an ihre Wange, schmeckte ihre heiße Haut. "Aber morgen oder übermorgen würdest du es jemandem sagen, um Geld von mir zu erpressen, und das kann ich nicht zulassen. Du willst hoch hinaus, aber wer hoch hinaus will, wird tief fallen." Seine Hände schlossen sich um ihren Hals und drückten mit aller Kraft zu. Das Mädchen unter ihm wehrte sich röchelnd und verzweifelt. Ihre Augen traten hervor, ihre Zunge kam heraus, dann fiel sie reglos in sich zusammen und lag still.

Maximilian drückte weiter zu, bis seine Hände zitterten. Dann ließ er sie los. Er brachte seine Wange an ihren Mund. Er spürte keinen Atem mehr.

Langsam löste er sich von ihr. Er stand auf und brachte seine Kleidung in Ordnung. Dann schaute er sich konzentriert die Stelle an ihr an, die nun naß glänzte.

"So ein wunderbares Gefühl", murmelte er. "Sind alle Mädchen so, oder war das, weil du so jung bist?"

Das Mädchen antwortete nicht; es war tot.

"Daphne." Maximilian nickte sich zu. "Ich denke, ich werde ihr Angebot doch annehmen. Nur um es zu vergleichen. Doch. Das werde ich tun. Ich werde mein Zwillingsbruder sein, wie sie es wollte." Er sah zu dem toten Mädchen. "Und was mache ich jetzt mit dir? Dich hier liegen lassen kann ich nicht. Die Jäger werden dich finden." Er runzelte die Stirn, bis ihm eine Idee kam. Er deckte das Mädchen mit Blättern und Ästen zu, ging dann zurück zur Straße, wo sein Pferd friedlich graste. Er nahm es bei den Zügeln und ging zurück zu dem toten Mädchen.


* * *

Fünf Tage waren vergangen. Am nächsten Tag würde Jonas Appeldoorn zurück kehren. Es wurde Zeit.

Maximilian stieg auf das Dach der Burg hinauf, wo seine Schwester Antonia und Daphne waren. Seine Schwester schaute ihn belustigt an.

"Schon wieder Sehnsucht nach Erfrischung?"

Ihr Bruder schüttelte den Kopf. "Nein, Antonia. Daphne und ich müssen etwas klären. Endgültig."

Antonia lächelte erleichtert. "Wird auch Zeit. Ich lasse euch allein." Sie verschwand. Daphne blickte aufgeregt zu Maximilian.

"Und was müssen wir klären?"

"Komm mit." Er nahm ihre Hand und führte sie in die Mitte des Daches, wo sie außer den Vögeln niemand mehr sehen konnte. Dort blieb er stehen und legte seine Hände auf ihre kleinen Brüste unter dem Kleid. Daphnes Augen funkelten erregt.

"Du hast es dir überlegt?" flüsterte sie.

"Ja. Ein Mal, Daphne. Ein einziges Mal." Er löste die Bänder ihres Kleides und zog es ihr aus. Daphne half ihm dabei. Sie befreite sich von der Unterkleidung und stand schließlich nackt vor ihm.

"Du auch", wisperte sie erregt. Sie griff nach seiner Kleidung. Wenig später war auch er ausgezogen. Sie schauten sich gegenseitig und von oben bis unten an. Sein Glied war hart und zeigte schräg nach oben. Daphne lächelte aufgeregt.

"Hier?"

"Ja." Er schob ihre Kleidung mit den Füßen zurecht. Daphne legte sich darauf, streckte die Arme nach ihm aus. Er legte sich auf sie.

"Meine Mutter hat mir erklärt, was ich tun muß", flüsterte sie. "Weißt du es auch?"

"Ja." Er griff nach unten. Sekunden später drang sein Glied ein kleines Stück in sie. Wieder packte ihn sofort die Lust, als sich der enge Käfig um sein Glied schloß. Daphne stöhnte erregt, als sein Glied sie weitete.

"Das hab ich mir gewünscht!" flüsterte sie, während ihre Hände ihn tiefer in sich drückten. "Jetzt hab ich dich doch bekommen."

"Du bekommst immer, was du verdienst."

Der fremde Unterton in seiner Stimme ließ sie innehalten. "Was meinst du damit?"

Maximilian lächelte sie an. "Sollen wir reden, oder sollen wir es tun?"

"Tun wir es!" Sie drängte sich hungrig an ihn. "Tun wir es gründlich!"

Maximilian stieß sich mit einem harten Ruck tief in sie. Daphnes Kopf flog zurück, als nie gekannte Lust durch sie fuhr. Sie klammerte sich mit Armen und Beinen an Maximilian, der kräftig in ihr arbeitete. Ihre Münder trafen sich und erstickten das gemeinsame Stöhnen.

Diesmal war es anders. Maximilian spürte, daß Daphne mit ihm arbeitete; nicht gegen ihn wie dieses andere Mädchen. Um so größer war die Lust für ihn. Und für sie wohl auch. Ihr Körper wurde heißer und gieriger, drängte sich an den seinen, half ihm, diese wundervolle Erfüllung zu finden. Mit einem Male verengte sich die Stelle, an der er in ihr war, und schickte die wundervollsten Gefühle in seinen Körper. Er wurde schneller, heftiger. Er spürte ihren erstickten, hechelnden Atem und wußte, daß auch sie dieses wundervolle Gefühl verspürte, das sich bei ihm zu kommen anschickte.

Dann war es da. Maximilian keuchte erstickt, als sein Unterleib explodierte. Ohne in seiner Stärke nachzulassen stieß er weiter in sie, immer und immer wieder, verströmte sein Leben und sie und machte auch dann noch weiter, als nichts mehr heraus kam. Daphne zitterte vor Wonne und Freude unter ihm, drängte sich an ihn, küßte ihn gierig und erschauerte immer wieder, wenn sich bei ihr die Erfüllung einstellte. Maximilian stieß wieder und wieder in sie, bis auch er wieder zum Erfolg kam, dann sank er erschöpft auf sie.

"Ein Mal?" keuchte Daphne atemlos. "Das war zweimal. Also können wir das auch öfter tun."

"Wir werden es öfter tun." Seine Lippen suchten und fanden die ihren.

Von da ab trafen sie sich jeden Abend auf dem Dach der Burg.




Der Oktober verging. Der Wald legte sein Kleid aus roten Blättern an und legte es für den Winterschlaf wieder ab. Der November hielt Einzug. Die Tage wurden kalt und naß. Maximilian und Daphne suchten sich andere Plätze in der Burg; es gab genügend leere Zimmer.

Dann, eines Tages, kam sie mit leuchtenden Augen zur vereinbarten Zeit in das vereinbarte Zimmer. Maximilian streckte lächelnd seine Arme nach ihr aus.

"So sehr freust du dich, mich zu sehen?"

"Ja!" Sie flog in seine Arme und umarmte ihn mit aller Kraft. "Papa!"

"Papa?" Er mußte grinsen. "Heiße ich ab jetzt so? Bin ich nicht mehr dein Liebhaber?"

"Das bist du. Aber Papa wirst du erst noch. In sechs Monaten."

Maximilian erstarrte. Er schob Daphne von sich weg. "Du bekommst ein Kind?"

"Wir bekommen ein Kind!" betonte sie glücklich. "Jetzt mußt du mich heiraten! Hab ich dich doch bekommen! Ich wußte es!"

"Heiraten?" Maximilian wurde blaß. Blitzartig sah er seinen Vater vor sich stehen, der ihm schwere Vorwürfe machte. Und Elsbeth. Und seine Mutter. Und Elsbeths Vater.

Sein Denken setzte aus.

Er gab Daphne einen Stoß, daß sie hin fiel, zog den kleinen Dolch, den er immer bei sich trug, und stieß wie von Sinnen auf ihren Unterleib an. Daphne schrie gellend vor Schmerz und Todesangst, doch Maximilian hörte es nicht. Wieder und wieder stieß er den Dolch in sie, fügte ihr tiefe, klaffende Wunden zu, wurde von ihrem Blut an Händen, Gesicht und Oberkörper bespritzt.

Plötzlich rissen ihn zwei kräftige Arme zurück.

"Holt den Medicus!" hörte er seinen Vater befehlen. "Schnell!" Eine Hand schloß sich kräftig um die seine. Sein Griff löste sich, der Dolch fiel zu Boden.

"Welcher Dämon hat von dir Besitz ergriffen?" fuhr Appeldoorn seinen Sohn an. "Bist du des Wahnsinns?"

"Sie bekommt ein Kind von mir!" Maximilian schaute auf Daphne, die blutend auf dem Boden lag und kaum mehr atmete. "Sie wollte, daß ich sie heirate! Das konnte ich doch nicht!"

"Und wieso nicht?" Sein Vater ergriff ihn am Kragen und schüttelte ihn aufgebracht. "Ich habe dir oft genug gesagt, daß du für deine Taten auch einstehen mußt. Wenn du sie geschwängert hast, wirst du sie auch heiraten. Wenn sie gut genug war, um dir Lust zu bereiten, ist sie auch gut genug, deine Frau zu werden." Er sah zu dem Mädchen und schüttelte entsetzt den Kopf.

"Wenn sie stirbt, Maximilian, werde ich dich öffentlich auspeitschen. Darauf hast du mein heiligstes Ehrenwort. Du hattest nicht das geringste Recht, ihr Leben zu nehmen. Und das des ungeborenen Kindes." Er holte tief Luft und brüllte: "Wo bleibt der Medicus?"

Der kam in weniger als einer Minute, doch er konnte das Mädchen nicht mehr retten. Daphne starb im Alter von 13 Jahren mitsamt ihrem ungeborenen Kind. Appeldoorn wartete, bis das Mädchen mit einem Laken zugedeckt war, dann befahl er dem Medicus, Daphnes Mutter zu holen, damit sie von ihrer Tochter Abschied nehmen konnte. Er selbst zerrte seinen Sohn aus dem Zimmer und nach unten, in die Kellergewölbe. Dort legte er seinen Sohn eigenhändig in Fesseln. Dann ließ er ihn allein.

Maximilian ließ sich verzweifelt in seine Ketten fallen. "Das war doch mein Zwillingsbruder!" schrie er hinaus. "Nicht ich! Er!"




Daphne wurde am nächsten Morgen beigesetzt. Appeldoorns Frau stützte Daphnes Mutter, während er die Totenrede hielt. Seine Tochter Antonia weinte still vor sich hin. Daphne selbst lag in einem Sarg aufgebahrt auf dem Altar in der kleinen Kapelle der Burg. In den kalten Händen hielt sie eine weiße Kerze.

"Daphne war 13 Jahre alt", sagte Appeldoorn mit beherrschter Stimme. "Ihr Leben hatte gerade erst begonnen, als es gewaltsam beendet wurde. Sie war uns allen als fröhliches, zu jeder Tageszeit gut aufgelegtes Mädchen bekannt. Sie war ihrer Mutter eine große Hilfe und eine Freude. Sie war meiner Tochter eine gute Freundin, die immer ein offenes Ohr für ihre Nöte und Sorgen hatte. Sie hatte für jeden ein freundliches Wort, ein warmes Lächeln bereit." Im Hintergrund bemerkte Appeldoorn einen Diener, der aufgeregt die Kapelle betrat. Appeldoorn ignorierte ihn für den Moment.

"Daphne ist gestorben, weil sich ein Mensch weigerte, Verantwortung für seine Taten zu übernehmen. Im Gegenteil: er versuchte, diese Taten auch noch zu verbergen. Dafür wird er zur Verantwortung gezogen werden. Doch reden wir jetzt nicht von Strafe oder Gerechtigkeit. Reden wir jetzt von Hilfe. Daphnes Mutter braucht unser aller Hilfe in dieser schweren Zeit. Wir können ihr nicht ihre Tochter zurück geben; das liegt allein in Gottes Hand, und er hat sich entschieden, Daphne zu sich zu nehmen. Es mag uns allen ein kleiner Trost sein, daß er ihr damit vielleicht ein schweres Leben erspart hat. Wir wissen es nicht. Doch Daphnes Mutter weiß, daß ihr Leben ohne ihre Tochter nun leer sein wird. Es wird immer etwas fehlen. Diese Lücke müssen wir füllen. Wir alle. Nehmen wir nun Abschied von Daphne, unserer lieben Freundin." Er drehte sich zu dem Altar.

"Im Namen des Vaters, des Sohnes, und des Heiligen Geistes." Er schlug ein Kreuz über ihrer Stirn. "Der Herr nehme dich auf und schenke dir den Frieden, den du verdient hast, Daphne. Dreizehn Jahre sind viel zu wenig, um Sünden anzusammeln, so daß du im Paradies aufgenommen werden wirst." Er legte dem toten Mädchen die Hand an den Kopf.

"Wir werden dich vermissen, Daphne." Er trat zurück und nickte dem Pastor zu, der an den Altar trat.

"In Nomine Patri, Et Filii, Et Spiritu Sancti. Ego Te Absolvo." Er schwenkte eine Kugel mit Weihwasser über dem Mädchen. Unter den Trauergästen ertönte lautes Weinen. Einer nach dem anderen trat vor und legte etwas von sich in den Sarg: einen Brief mit Abschiedsworten, eine Blume, ein kleines Geschenk auf der Reise in die Ewigkeit. Daphnes Mutter kam ganz zum Schluß. Appeldoorn und seine Frau stützten sie in diesem schweren Moment und führten sie schließlich mit sanfter Gewalt von dem Sarg weg, der sofort darauf geschlossen wurde. Sechs Diener kamen herbei, hoben den Sarg auf ihre Schultern und trugen ihn hinunter in die Gruft, die für Appeldoorns Familie vorgesehen war. Der Sarg wurde in eine der vielen großen Nischen gestellt. Schweigend blieben die Menschen für einige Minuten stehen, nur unterbrochen von vereinzeltem Weinen. Schließlich forderte Appeldoorn die Menschen durch eine kleine Geste zum Gehen auf. Nur er, seine Frau und Daphnes Mutter blieben in der Gruft.

Und Antonia, die sich an ihren Vater klammerte.

Schweigend oder weinend sahen die vier zu, wie die Nische mit Steinen vermauert wurde. Als der letzte Stein eingefügt wurde, brach Daphnes Mutter weinend zusammen. Appeldoorn stützte sie und führte sie hinaus. Antonia klammerte sich schluchzend an ihre Mutter.

"Sie war so lieb! Ich vermisse sie!"

Irene Appeldoorn legte ihren Arm um ihre Tochter. "Das wird ihre Mutter in den nächsten Monaten und Jahren auch noch häufig sagen. Gehen wir hinaus."

Im Speisesaal der Burg war der Leichenschmaus vorbereitet worden. Durch das Essen und Reden über Daphne löste sich der erste Schock; die Trauer wurde in Worte gefaßt und somit bewältigt. Appeldoorn, der sah, daß Daphnes Mutter sich langsam wieder in den Griff bekam, wandte sich an den Diener, der vorhin in die Kapelle gekommen war. Der führte ihn beiseite.

"Ich habe vorhin Eurem Sohn etwas zu essen gebracht", flüsterte dieser. "Und dabei... Herr, Ihr werdet mich für verrückt erklären."

"Sprich", forderte Appeldoorn ihn auf. "Was ist geschehen?"

"Vor der Tür zu seinem Kerker..." Der Mann schluckte. "Da war - da war ein Geist, Herr. Der Geist eines Mädchens."

Appeldoorn sah den Diener ausdruckslos an. "Der Geist eines Mädchens."

"Ja, Herr!" Der Blick des Dieners war verzweifelt. "Ich weiß, daß ich verrückt klinge, aber ich habe ihn gesehen. Er zeigte auf die Tür, hinter der Euer Sohn ist. Es war wie eine Anklage, Herr! Der Geist - Das Mädchen - Was immer es war, es hatte große, schwarze Augen, und einen so traurigen Blick, daß mir angst und bange wurde. Ich habe Eurem Sohn das Essen gebracht und bin dann so schnell wie möglich wieder nach oben gekommen."

"Stand der Geist nicht direkt vor der Tür?" Appeldoorns Stimme ließ nicht erkennen, was er dachte.

"Er ging beiseite, als ich langsam näher kam." Der Diener bereute offensichtlich schon seine Worte.

"Große schwarze Augen." Appeldoorn sah ihn prüfend an. "Und lange weiße Haare."

"Ja, Herr!" Der Diener riß die Augen auf. "Woher -"

"Gehen wir." Er wandte sich ab und ging zur Treppe nach unten, wo er eine Fackel anzündete. Der Diener folgte ihm zögernd.

Sie gingen durch den Gang zu den Verließen, die aufgrund der Friedensverträge der Städte nicht benutzt worden waren. Bis jetzt. Vor der Tür zu Maximilians Zelle blieb Appeldoorn stehen und schaute sich prüfend um. Der Diener begann zu zittern.

"Dort, Herr!"

Appeldoorn wandte sich um. Er blickte genau auf die durchscheinende Gestalt eines sehr jungen Mädchens, das ihn traurig anblickte.

"Was möchtest du uns sagen?" fragte Appeldoorn sanft. "Sprich mit mir."

Die Gestalt zeigte auf die Tür, vor der Appeldoorn stand. "Er hat mir weh getan. Und mich hier versteckt." Der Diener drehte sich wortlos um und rannte wie vom Teufel gehetzt davon. Appeldoorn sah ihm nicht nach.

"Wo hat er dich versteckt?"

"Da." Sie deutete nach hinten.

"Zeig es mir." Er setzte sich in Bewegung. Der Geist des Mädchens blieb jedoch, wo er war.

"Es sieht dort nicht schön aus."

"Zeig es mir."

Er folgte dem Geist, bis dieser vor einer Tür ganz am Ende des langen Ganges Halt machte. Sofort roch Appeldoorn, was das Mädchen meinte. Er zog ein Taschentuch aus der Tasche, hielt es sich vor den Mund und öffnete entschlossen die Tür.

Im nächsten Augenblick fuhr er entsetzt zurück. Im zuckenden Licht der Fackel blickte er auf einen Haufen aus Körpern, in unterschiedlichsten Stadien der Verwesung. Ratten huschten hin und her, fiepten aufgeregt über die Störung. Appeldoorn trat schnell vor die Tür, die krachend ins Schloß fiel. Nun rannte auch er wie von Dämonen gejagt davon, immer wieder das Vaterunser murmelnd.

Oben angekommen, eilte er in die Bibliothek, wo er sich mit zitternden Händen ein Glas Wein eingoß, das er mit großen Schlucken austrank. Ein zweites und ein drittes beruhigten seine überreizten Nerven allmählich. Schließlich setzte er sich auf einen bequemen Stuhl.

"Das darf niemand wissen", flüsterte er vor sich hin. "Niemand! So viele. Entsetzlich. So viele Mädchen sind verschwunden in den letzten Wochen. Alle hier? Hat er sie alle hier versteckt? O mein Gott! Er darf nie wieder freikommen. Nie wieder! Es darf niemand erfahren."

Gewaltsam brachte er seine Gedanken zur Ruhe und überlegte. Schließlich stand er auf, gebrochen und müde nach innen, sicher und stark wie eh und je nach außen. Als erstes holte er seine Frau aus der Schar der Trauergäste heraus und berichtete ihr von seinem Fund. Auch sie hatte danach Mühe, sich auf den Beinen zu halten.

"Wie viele?" fragte sie erschüttert. Appeldoorn schüttelte den Kopf.

"Ein Dutzend. Zwei Dutzend. Ich kann es nicht sagen. Sie liegen auf einem Haufen, wie weggeworfene Kleidung."

Seine Frau Irene schauderte heftig. "Und nun?"

Ein Grund, warum er sie geheiratet hatte, war ihr ebenfalls starker Gerechtigkeitssinn. "Wir dürfen ihn nicht mehr frei lassen", sagte er leise. "Nie wieder."

"Du redest von unserem Sohn." Sie sah ihm fragend in die Augen. "Ist er noch unser Sohn?"

"Ich weiß nicht, was er ist." Er fuhr sich müde durch das Haar. "Ich weiß nur dies: er darf nie wieder alleine unter Menschen. Nie wieder!"

"Was wirst du tun?"

Appeldoorn erklärte ihr, was er vor hatte. Seine Frau lehnte kategorisch ab; erst als er ihr den Raum mit den vielen Leichen junger Mädchen gezeigt hatte, änderte sie ihre Meinung und stimmte ihm zu. Sie hatten keinen Sohn namens Maximilian mehr. An seine Stelle war ein Dämon getreten, mit dem sie und ihr Mann nichts mehr zu tun hatten.

Am nächsten Morgen wurde Maximilian von seinem Vater aus der Zelle geholt und tiefer in das Verlies geführt, unter den Augen aller Diener und Mägde. Als er vor der letzten Tür stand und seinen Sohn anblickte, ahnte dieser, was auf ihn zu kam. Er fing an zu zittern, warf sich auf die Knie und flehte seinen Vater an, doch der war unerbittlich. Er schloß die Tür auf, ohne daß jemand sah, was dahinter verborgen lag, stieß seinen Sohn zu den Leichen seiner Opfer hinein, schloß die Tür hinter ihm ab und gab den Schlüssel Daphnes Mutter.

Von Maximilian hörte und sah nie wieder jemand etwas.





TEIL 3 - VOR VIER JAHREN


















Kapitel 6 - Das Ende



Delsing schloß für einen Augenblick die Augen, als die Verzweiflung aufstieg. Er brauchte den Namen nicht mehr. Er wußte nicht, wieso, warum und weshalb Ulrich es getan hatte, aber daß er es getan hatte, stand nun fest. Er faßte sich wieder.

"Nein, Petra. Du tust uns nicht weh. Wir können immer über alles reden. So, wie wir es bisher getan haben. Wir schaffen das schon. Bestimmt. Aber das nächste Mädchen hat vielleicht nicht so viel Glück wie du. Sag uns den Namen, Petra. Bitte. Sag mir, wer es war."

Petra weinte nun bitterlich. Ihre kleinen Finger schlossen sich fest um Delsings Hand.

"Er sagte, daß es ein Geheimnis wäre", schluchzte sie. "Daß ich das keinem verraten darf. Daß nur er und ich das wissen dürfen. Ich kann's nicht sagen!"

"Peter!" Yvonnes flehende Stimme ließ Delsing aufsehen. "Hör bitte auf. Bitte!"

"Petra wird es uns sagen", erwiderte er entschlossen. "Sie weiß, daß sie ein solches Geheimnis verraten darf, weil sie damit andere Menschen beschützt. Und weil sie ihm damit am besten helfen kann. Nicht wahr, Petra?" Er sah wieder zu ihr. "Sag es mir. Sag es, Petra. Sag mir seinen Namen."

"Gerd." Petra brach weinend zusammen. "Ulrichs Zwillingsbruder, von dem keiner was wissen darf."

Die sechs Menschen im Zimmer starrten sich verblüfft an. Behrmann, als relativ Unbeteiligter, faßte sich als erster.

"Wer ist Gerd?"

"Genau das möchte ich auch wissen." Delsings Gesicht drückte seine Bestürzung aus. "Es gibt keinen Gerd. Ulrich hat keinen Zwillingsbruder."

Behrmann zuckte mit den Schultern. "Fragen wir Ulrich."

Sofort setzte sich eine kleine Kolonne in Bewegung, die Behrmann im gleichen Augenblick stoppte. Er wies auf Martina und Susi.

"Ihr zwei bleibt hier. Es könnte unter Umständen sehr gefährlich für euch werden."

"Für mich nicht!" Susi sah ihm trotzig in die Augen. "Erstens ist er mein Bruder, und zweitens haben Sie mir gar nichts zu sagen. Ich bin nämlich erst zwölf. Sie können mir gar nichts tun. Sie können mich nicht mal verhaften."

"Ich kann dich aber übers Knie legen", konterte Behrmann kalt. "Und genau das werde ich tun, wenn du mitkommst."

Susi sah erschrocken zu ihrem Vater. "Macht der das?"

"Bestimmt. Er wollte mich auch schon verhaften, weil ich nicht auf ihn gehört habe." Er ging in die Hocke und nahm seine Tochter in den Arm. "Bleib hier, kleine Maus. Er hat recht. Es könnte gefährlich werden. Bitte bleib hier. Paß auf Petra auf."

"Okay." Sie kuschelte sich kurz an ihren Vater und setzte sich dann wieder zu Petra, die noch immer weinte. Iris und Peter Delsing gingen mit Behrmann zurück zu Ulrich. Der sah so aus, als würde er jeden Moment explodieren. Behrmann flüsterte seinem Kollegen Dietrich kurz etwas zu, bevor er sich zu Ulrich auf das Bett setzte.

"Reden wir etwas", meinte er versöhnlich. "Petra hat bestätigt, daß Sie unschuldig sind."

"Ich wußte es!" Ulrich stieß erleichtert den Atem aus. "Wer hat es dann getan?"

"Genau das ist das Rätsel." Er sah Ulrich forschend an. "Wir wissen es noch nicht genau. Aber das ist unsere Aufgabe, das heraus zu finden; nicht Ihre. Wie geht es eigentlich Ihrem Zwillingsbruder Gerd?"

Peter und Iris Delsing nahmen sich entsetzt in die Arme, als Ulrichs Gesicht sich von einem Moment zum anderen veränderte. Seine Augen verklärten sich, seine Gesichtszüge drückten Verzückung aus.

"Dem geht es sehr gut", meinte Ulrich mit leicht singender Stimme. "Der versteckt sich nur gerade."

"Weil er etwas Schlimmes getan hat?" fragte Behrmann. Iris suchte Halt an ihrem Mann. Ulrich nickte stolz.

"Ja, aber das weiß niemand. Und selbst wenn das jemand erfährt, kann Gerd keiner was tun. Weil er nämlich nicht da ist."

Behrmann grinste anerkennend. "Das ist ein schlauer Fuchs, dieser Gerd. Mag Gerd junge Mädchen?"

"O ja!" seufzte Ulrich. "Sehr."

"Hatte er schon viele junge Mädchen gehabt?"

"Nur zwei." Ulrich sah Behrmann aufgeregt an. "Aber die waren so geil, daß er mehr haben möchte. Nicht so oft wie früher, aber doch ab und zu."

"Wie früher?" Behrmann runzelt die Stirn. "Wann früher?"

"Ist schon lange her", winkte Ulrich ab. "Viele, viele Jahre. Das interessiert heute keinen mehr."

"Genau", stimmte Behrmann zu. "Die Vergangenheit ist vorbei. Welche zwei waren das denn, die er gehabt hat?"

"Eben zwei Mädchen." Ulrich runzelte die Stirn. "Die Namen weiß Gerd nicht. Die merkt er sich nicht. Die merkt er sich nie. Er fragt auch nicht mehr danach."

"Keine Namen, kein schlechtes Gewissen, was?" grinste Behrmann. Ulrich nickte stolz.

"Genau! Gerd ist echt schlau. Voll der Hit. Der schafft alles."

"Wann kommt Gerd denn nach draußen?"

"Wenn er ein ganz süßes Mädchen sieht." Ulrich rutschte im Bett zurecht. "Wie die vor zwei Jahren. Sie war ganz allein. Ist von zu Hause abgehauen, weil ihr Stiefvater sie immer ficken wollte. Sie war so süß, daß Gerd sich um sie gekümmert hat."

"Das hat er gut gemacht!" lobte Behrmann ihn. "Und die von gestern?"

"Die?" Ulrich schloß lächelnd die Augen. "Die war so heiß! Drückt sich an ihn, greift ihm während der Fahrt an den Schwanz und schreit, daß sie mit ihm Sex haben will. Da konnte er doch wohl nicht versteckt bleiben, oder?"

"Das kann wohl keiner." Behrmann zwinkerte ihm zu. "Warum sticht Gerd denn hinterher auf die Mädchen ein?"

Ulrichs Augen wurden groß. "Damit sie nicht schwanger werden!" flüsterte er. "Wenn sie schwanger werden, erpressen sie Gerd, und das mag er überhaupt nicht."

"Wie viele Mädchen waren das denn früher? Vor diesen zwei?"

Ulrich zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. 15, 20... Weiß er nicht mehr."

"Weiß Gerd wirklich keinen einzigen Namen mehr von denen?"

"Daphne." Ulrichs Gesicht verzog sich wütend. "Die wollte ihn erpressen. Mit einem Kind. Da hat Gerd sie eben kaltgemacht."

"Und das war genau wann?"

"22. November 1720." Ulrich sah ihn strafend an. "Das ist schon so lange her, daß es wirklich keinen mehr interessiert."

Behrmann und Dietrich wechselten einen kurzen Blick, worauf Dietrich leise aus dem Zimmer ging. Iris und Peter Delsing schauten dem Geschehen verstört zu.

"Stimmt", gab Behrmann zu. "Das ist viel zu lange her. Warum macht Gerd das überhaupt?"

"Weil junge Mädchen eine so herrlich enge Fotze haben." Ulrich beugte sich vertraulich vor. "Ich weiß das ja nicht, aber er sagt, daß das Ficken mit denen einfach traumhaft ist. Meine Freundin ist 17, aber Gerd sagt, sie wäre schon richtig ausgeleiert. Im Vergleich zu einer von 12 oder 13." Sein Blick verklärte sich wieder.

"Oder elf!" schwärmte er. "Wie Ulrichs Schwester. Die war elf, als er sie genommen hat."

"Was?" Iris trat geschockt vor. Behrmann sah sie jedoch so eindringlich an, daß sie die Gefahr spürte. Peter hielt sie fest; er konnte nicht mehr. Er wollte nichts mehr hören.

Doch Ulrich erzählte weiter. Oder das, was von Ulrich noch übrig war.

"Uli ist nämlich toll in Chemie", plauderte Ulrich. "Er hat K.o.-Tropfen erfunden, die erst nach dreißig Minuten wirken. Die hat er gestern genommen, bevor ich Petra gefickt habe. Dann hat er so getan, als hätte er einen Unfall gehabt. Der Typ hat echt was drauf."

"Scheint so", meinte Behrmann lächelnd. "Was war das mit Ulrichs Schwester?"

"Was? Ach so. Ja." Ulrich setzte sich wieder auf. "Das war letzten Sommer. Seine Eltern waren übers Wochenende weg. Uli hat seiner Schwester Susi diese Tropfen verabreicht. In ihre Milch. Sie ist ganz normal zu Bett gegangen, und eine Stunde später durfte ich dran. Ich hab mich in ihr Bett gelegt, ihre total süße kleine Fotze ausgeleckt und sie dann gefickt, bis mir fast der Schwanz abfiel. Dreimal in die Fotze, und zum Schluß noch einmal in den Arsch. Und weißt du was?" Er kicherte Behrmann an. Ein mädchenhaftes helles Kichern. "Sie hat nichts gemerkt! Sie kam am nächsten Morgen total verschämt an und meinte, sie hätte in der Nacht ins Bett gepißt, weil alles naß war. Uli hat sie dann getröstet und ihr Bett neu bezogen. Wir sind ein echt tolles Team, Uli und ich."

"Du gottverdammtes Schwein!" Delsing warf sich so schnell auf seinen Sohn, daß selbst Behrmanns geschulte Reflexe nicht ausreichten. Delsing zog seinen Sohn am Hals hoch und schlug seinen Kopf mit voller Kraft gegen die Mauer, bis Behrmann endlich reagierte und Delsing mit einem schwachen Handkantenhieb gegen den Hals ruhig stellte. Er fing den leicht betäubten Delsing auf und hievte ihn auf einen Stuhl. Die Mauer über Ulrichs Bett glänzte rot. Iris schlug entsetzt die Hände vor den Mund; auch sie konnte nicht mehr. Sie lief hinaus.

"Aber das ist noch gar nichts!" Ulrich redete mit Feuer in den Augen weiter; er hatte den Ausbruch seines Vaters gar nicht mitbekommen, und Schmerzen schien er nicht zu spüren. "Ihr müßt mal die Mauer unten aufbrechen, Leute. Da findet ihr was! Einen ganzen Raum voll mit Mädchen, die ich gefickt hab. Da bin ich echt stolz drauf, wißt ihr das? Ich hatte so viele junge Mädchen, daß ich mal 'ne Zeit Pause vertragen kann. Ich meine, Susi war schon toll, aber Petra war auch nicht schlecht. Daphne... Die war total heiß auf mich. Genau wie Petra."

"Bringen Sie ihn weg." Peter Delsing sah mit leeren Augen zu Behrmann. "Bringen Sie ihn weg, bevor ich ihm sein beschissenes Genick breche."

"Das hätten Sie auch beinahe getan. Das wird Konsequenzen haben, Herr Delsing."

"Gerd kann mich ja anzeigen. Seine eigene Schwester! Elf Jahre! Betäubt und vergewaltigt!" Er schlug die Hände vor das Gesicht; seine Schultern zuckten. Iris kam in diesem Moment mit einem Arzt zurück. Derweil redete Ulrich munter weiter.

"Überleg doch mal! Da sitzt eine geile Zwölfjährige hinter dir auf dem Motorrad und greift während der Fahrt nach deinem Schwanz. Der Uli macht nichts. Der ist brav. Der schiebt ihre Hände wieder weg. Aber ich... Hoho! Ich nehm alles mit, Leute. Wenn sie unbedingt gefickt werden will, kriegt sie es eben. Da kenn ich nichts. Mit voller Wucht rein, und Heidewitzka, Herr Kapitän! Immer rein, bis sie vor Lust quieken. Und die sind so schön eng! Mann, das geht voll ab. Dein Schwanz in einer engen Fotze... Gibt nichts Schöneres auf Erden. Und das Beste ist: sie wollen es! Sie alle wollen es. Jede einzelne. Das sehe ich ihnen an. Uli... Ja, der ist nett und höflich zu ihnen. So ein Scheiß Idiot! Der verpaßt jede Menge. Fickt jeden Abend seine Martina, diese abgenutzte Braut, die keinen Schwanz mehr hebt. Aber die kleinen Mädchen... Hmmm! Die sind sowas von lecker! Die schmecken richtig frisch. Du drückst ihre kleinen Beinchen auseinander und beißt sie mal so richtig da unten. Dann quietschen die total! Dann hämmerst du deinen Schwanz da rein, und sie gehen ab. Das ist das Paradies auf Erden, Leute. Glaubt mir das! Ich hab genug kleine Mädchen gefickt, um ein Profi zu sein. Am liebsten mag ich die Verzweifelten. Die halten nämlich schön still, weil die eh keine Hoffnung mehr haben. Die kannst du von allen Seiten nehmen. Vorne, hinten, oben... Scheißegal. Immer nur rein das Ding. Die machen alles mit. Wie die vor zwei Jahren. Die war so beschissen drauf... Die hat keinen Ton gesagt, als ich sie gefickt hab. Mich nur mit ihren großen Augen angeguckt. Mit ihren großen schwarzen Augen." Er kicherte hysterisch. "Und dann spritzte der weiße Samen in ihre schwarzen Augen. Das sah so geil aus! Ich hab meinen Schwanz mit ihren weißen Haaren abgewischt und sie dann hinten im Arsch gefickt. Die blieb ganz still hocken und ließ mich machen. Die war total verzweifelt. Die hatte keine Aussicht mehr. Nichts. Ich hab sie dann nach dem dritten Mal von ihrem Scheißleben befreit. Denn darum geht es doch, oder? Um Befreiung." Er streckte die Faust nach oben. "Befreit den Samen! Befreit die kleinen Mädchen von ihrem beschissenen Leben! Fickt kleine Mädchen und bringt sie um! Macht sie glücklich! Macht euch glücklich! Fickt sie, bis sie abdrehen!"

Iris würgte und rannte ins Bad. Delsing holte aus und schlug seinem Sohn die Faust vor den Kopf. Ulrich stöhnte kurz und lag dann bewußtlos still.

"Wie gesagt." Behrmann stieß den Atem aus. "Es gibt Dutzende von Antworten. Und von jeder einzelnen wird einem übel." Er griff in seinen Rücken, um die Handschellen hervor zu holen.





TEIL 4 - HEUTE


















Kapitel 7 - Die Zukunft?



Susi hob den Kopf, als sie ein bekanntes, lang vermißtes Geräusch hörte. Sie sprang schnell auf und lief aus ihren Zimmer hinaus, die Treppe hinunter und durch die Halle. Einen Moment später stand sie auf der Treppe. Unten hielt gerade Petra an.

"Hey!" Jubelnd lief die 16jährige nach unten. Petra setzte ihren Helm ab, bockte das kleine Motorrad auf und ließ sich lachend von Susi drücken, knuddeln und küssen.

"Und?" meinte Susi schließlich, nachdem sie sich von Petra gelöst hatte. "Wie war euer Urlaub?"

"Super! Florida ist so toll! Ich hab kiloweise Fotos gemacht."

"Wann sind die fertig?"

"Heute morgen. Die hab ich gestern noch eingeworfen. Ich hab sie mit."

"Zeigen!" Susi zerrte Petra ins Schloß. Petra konnte Frau Delsing gerade noch zuwinken, dann ging es auch schon die Treppe hinauf. Lächelnd ging Iris zurück ins Wohnzimmer.

"Sie scheint gut erholt zu sein."

"Vier Wochen USA..." Peter lächelte. "Das würde ich auch gerne machen."

"Du? Nicht wir?"

"Es soll doch Urlaub sein." Er zog seine Frau lachend an sich.

Derweil hatten sich Susi und Petra auf Susis Bett geworfen und schauten sich die Fotos an. Mittendrin klopfte es an die Tür.

"Ja?" rief Susi. Ein Kopf mit roten Locken sah herein.

"Susi? Kann ich mir die CD von Nirvana noch mal leihen? Bei der letzten Aufnahme ist was schief gegangen. Ich hör nur Stille."

"Mach das", grinste Susi. "Ach, Gudi, das hier ist Petra, meine beste Freundin. Petra, das ist Gudrun. Sie ist vor zwei Wochen zu uns gekommen."

"Hallo!" Petra winkte dem etwa 13jährigen Mädchen fröhlich zu. Gudrun lief schnell zu Susis Schrank, wo die CDs standen, suchte sich die richtige heraus und lief dann mit einem scheuen Lächeln wieder nach draußen.

"Was ist mit ihr?" fragte Petra leise.

"Abgehauen, weil ihr Vater sie auf den Strich schicken wollte."

"Wie viele habt ihr jetzt?"

"Siebzehn. Aber zwei kommen nächste Woche in Pflegefamilien. Sag mir mal richtig Guten Tag."

"Guten Tag, Susanne." Petra legte ihren Arm um Susi und küßte sie zärtlich, dann schaute sie ihre Freundin verliebt an. "Ich schlaf heute nacht hier, okay?"

"Will ich dir auch geraten haben. Vier Wochen ohne dich..." Susi legte die Fotos ordentlich zusammen, steckte sie zurück und legte die Umschläge auf den Boden, dann umarmte sie Petra und schmuste mit ihr.

"Wie geht's deiner Scham?"

"Besser. Die Hautverpflanzung hat gewirkt. Die Narben sind kaum mehr zu sehen. Es wachsen nur keine Haare."

"Gut." Grinsend rollte Susi sich und Petra herum. "Ich hab da auch keine mehr. Hast du mich auch vermißt?"

"Dich vermißt?" Petra lachte fröhlich. "Wir haben zwei süße Anhalterinnen mitgenommen. Beide so um die 14. Wie sollte ich dich da vermissen?"

"Du bist tot!" Grimmig warf sich Susi auf Petra. Lachend und kichernd kämpften die beiden miteinander und blieben schließlich atemlos liegen.

"Und wie sieht's hier aus?" fragte Petra schließlich vorsichtig. "Gibt's was Neues?"

"Ja." Susi zog Petras Kopf an sich und kuschelte sich zurecht. "Papa hat nochmal mit dem behandelnden Arzt gesprochen. Er ist unheilbar schizo. Keine Chance. Dieser Gerd hat ihn völlig übernommen und den Ulrich, den wir kennen, zerstört. Restlos. Da helfen auch keine Medikamente mehr. Er bleibt in der Anstalt, Petra. Keine Angst mehr."

"Okay." Petra stieß unhörbar den Atem aus. "Und deine Eltern?"

"Voll im Streß, wie du siehst." Sie küßte Petra leicht. "Papa hat für jedes Autogeschäft einen Prokuristen eingestellt, der die Geschäfte führt. Papa schaut nur einmal im Monat die Bücher durch und kümmert sich ansonsten mit Mama um heimatlose Kinder."

"Findet er denn immer noch genügend Familien dafür?"

"Ja. Nicht immer sofort, aber nach und nach doch. Vielen gefällt es hier auch. Komm mal mit." Sie stand auf und zog Petra zum Fenster. Sie blickten hinaus auf die Wiese hinter dem Schloß, wo acht Jungen und Mädchen fröhlich Ball spielten. Zwei Jungen saßen sich beim Schach gegenüber, ein paar Mädchen sonnten sich. Zwei andere Jungen kletterten in den Bäumen herum. Petra lächelte herzlich.

"Und wie steht's mit dir?" fragte Susi. "Immer noch Alpträume?"

"Seit dem Urlaub nicht mehr. Da war ich ja weit genug weg." Sie drehte sich zu Susi und schmiegte sich an sie. "Und jetzt, wo ich weiß, daß er nie wieder nach draußen kommt, geht's mir gleich viel besser. Ist es ganz sicher, daß er drin bleibt?"

"Ja. Sie haben ihn als 'extrem gefährlich' eingestuft. Ein Mord, ein Mordversuch... No way out, wie es so schön heißt. Höchste Sicherheitsstufe, ohne Chance auf Verbesserung. Eben weil er unheilbar ist."

"Wie geht Mäxchen damit um?"

"Wir haben ihm erklärt, daß Uli eine ganz seltene Krankheit hat und lange im Krankenhaus bleiben muß. Stimmt ja auch irgendwie. Er fragt öfter mal nach Uli, aber auch immer weniger. Die Kinder hier spielen aber auch viel mit ihm und lenken ihn ab."

"Und deine Mutter?"

Susi zuckte mit den Schultern. "Die Fehlgeburt hat sie ziemlich mitgenommen. Es war ja ihre letzte Chance, noch ein Kind zu bekommen. Aber das war wohl alles zuviel, selbst wenn es ein Jahr nach diesem ganzen Terror war. Aber durch die Kinder hier ist sie auch wieder voll dabei."

"Prima." Petra lächelte zufrieden. "Dann bin ich jetzt wieder auf Stand."

"Nicht ganz. Gehen wir mal runter."

Sie führte Petra in die Bibliothek, wo mehrere Schreibtische standen. Susi ging zielstrebig zu einem bestimmten, auf dem Unmengen von Papier lagen. Sie setzte sich in den Stuhl. Petra stellte sich dicht neben sie.

"Hier." Susi deutete auf ein Blatt. "Vater Abraham hat in mehreren Archiven gestöbert und einiges herausgefunden. Vor 280 Jahren gehörte das Schloß einer Familie Appeldoorn. Reiche Kaufmannsfamilie. Vater: Jonas Appeldoorn. Mutter: Irene Appeldoorn. Vier Kinder: Maximilian, 17; Antonia, 13; Pieter, 8; Stiene, 4. Maximilian wurde hier im Schloß eingemauert, weil er ein Mädchen namens Daphne geschwängert und umgebracht hat. Außerdem hat er etwa 15 oder 20 Mädchen, die heimatlos waren, vergewaltigt und umgebracht und anschließend hier deponiert." Sie sah Petra an, in deren Augen Verstehen aufzuckte.

"Daphne war eine gute Freundin von Antonia", redete Susi weiter. "Sie war verliebt in Maximilian, aber der war mit einem Mädchen namens Elsbeth verlobt. Daphne hat sich trotzdem an ihn ran gemacht, und irgendwann hat er dann seine gute Erziehung vergessen und mit ihr gefickt." Sie zog ein anderes Blatt heraus, das sie Petra reichte. Diese las stirnrunzelnd, was Susi aufgeschrieben hatte.

"Was hast du denn da für einen Müll verzapft? 'Ich kann mit dieser Schande kaum mehr leben. Mein Bruder hat getötet, aus purer Lust heraus.' Bist du mal eben 100 Jahre in die Vergangenheit gereist?"

"Nein." Susi lächelte schief. "Das hat diese Antonia geschrieben."

"Was?" Petra ließ vor Schreck das Papier fallen. Susi hielt rasch ihre Hände hin und fing es auf. "Wie kann - Ich meine, das ist doch deine Handschrift, oder?"

"Ja. Trotzdem hat Antonia das geschrieben. Deren Bruder Mädchen vergewaltigt und umgebracht hat."

"Nein!" Petra ließ sich fassungslos auf dem Tisch nieder. "Also -"

"Geht noch weiter." Sie zog ein anderes Blatt heraus. "Hier: 'Es wird hiermit öffentlich bekannt gegeben, daß Hubertus Waldinger, der sich in schändlichster Weise an der Tochter von Wilhelmius Waldinger vergangen hat, öffentlich zu Tode gesteinigt werden soll. Gleichzeitig wird Wilhelmius Waldinger, der seine Tochter verstoßen und somit ihren Tod mit verschuldet hat, mit 150 Peitschenhieben gestraft.' Und weißt du, wie diese Tochter beschrieben wird? 'Ein traurig Mädchen, mit Haar wie Schnee und Augen wie Kohle.' Na, was sagt uns das?"

"Annette?" flüsterte Petra. Susi nickte.

"Annette. Genau. Und was schließen Eure Königliche Dummheit daraus?"

Petra schüttelte fassungslos den Kopf. "Du - du willst sagen, wir -"

"Richtig. Daß wir das sind." Sie legte die Papiere wieder ordentlich beiseite und sah mit ernstem Blick zu Petra.

"Antonia ist ich. Jonas Appeldoorn ist Papa. Irene Appeldoorn meine Mutter. Maximilian ist Uli. Pieter ist Mäxchen. Und Stiene... Die hat Mutti verloren. Wegen Uli. Ich hasse dieses Arschloch!" Sie schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch. "Vergewaltigt mich mit elf, vergewaltigt dich mit zwölf und sticht dir fast die ganze Scheide kaputt, vergewaltigt Annette und bringt sie um... Ich könnte eine kleine Schwester haben, wenn dieses Arschloch nicht wäre!"

"Hey!" Petra stellte sich schnell neben sie und zog Susis Kopf an ihren Bauch. "Red weiter. Du wolltest was erklären."

Susi nickte, atmete kräftig durch und konzentrierte sich wieder. "Dieses namenlose Mädchen ist Annette. Daphne ist du. Das wiederholt sich alles, Petra. Verstehst du?"

"Klar!" grinste Petra. "Bin doch nicht blond."

"Ach nee?" Susi ließ ihren Blick über Petras blonden Schopf gleiten. "Na gut. Lassen wir das. Dieser Maximilian damals ist so durchgeknallt, daß sein Vater ihn lebendig bei seinen ganzen Opfern, die er im Schloß versteckt hat, eingesperrt hat. Anschließend ließ er den Gang zu den Verliesen zumauern."

"Den dein Vater wieder hat aufbrechen lassen."

"Genau. War ganz schön Arbeit. Zwanzig Meter hatten die zugemauert. Aber dann war auch alles da." Sie verzog das Gesicht. "Ich hab das zum Glück nicht gesehen. Aber die ganzen Leichenwagen, die hab ich gesehen. Das hörte gar nicht mehr auf. Jedenfalls wurden die ganzen Skelette auf dem Friedhof beigesetzt. Die haben jetzt auch ihre Ruhe. Die armen Mädchen." Sie schaute mit feuchten Augen zu Petra auf.

"Und jetzt überlege ich, ob das nochmal passiert, Petra. Ob wir alle in 300 Jahren wieder auf die Erde kommen, und ob Uli dann wieder Mädchen umbringt. Das macht mich so fertig! Ist aber gut, daß du heute hier schläfst. Vater Abraham wollte morgen früh kommen. Mit dem wollte ich darüber reden."

"Aber was willst du tun?" Petra sah sie eindringlich an. "Ich glaube auch an Wiedergeburt. Ich habe Annette gesehen, als ihre Leiche beerdigt wurde. Sie hat dir und deinem Vater dankbar zugewinkt. Mit den ganzen Sachen, die du gesagt hast, ist mir auch klar, daß wir das damals waren. Aber was willst du tun? Das große Problem ist doch, daß wir uns nicht an die früheren Leben erinnern, Susi. Nicht bewußt. Nur unbewußt." Sie stand auf und lief nachdenklich im Zimmer herum.

"Wir spüren einiges. Wir finden Menschen sympathisch, andere nicht. Wir können manche Dinge gut, ohne sie jemals gelernt zu haben, und andere interessieren uns nicht die Bohne. Das hat seine Wurzeln in früheren Leben. Das ist uns beiden klar. Aber nehmen wir mal mich. Ich war Daphne, wie du sagst. Wenn dieser Maximilian mich damals umgebracht hat, wieso hatte ich dann keine Angst vor Uli? Die hätte ich doch todsicher haben müssen, oder?"

"Weil du damals wohl genauso verliebt in ihn warst wie heute." Susi runzelte die Stirn. "Schau mal, du hast ihn damals vielleicht zwei Jahre lang geliebt, und er hat nur ein paar Sekunden gebraucht, dich zu töten. Der Tod ist ein ziemlicher Schock, aber die zwei Jahre wiegen das vielleicht auf. Insgesamt gesehen. Und jetzt, in diesem Leben, war Uli ja immer nett zu dir. Und so kam das alte Gefühl wieder hoch. Das von damals. Daß du in ihn verliebt warst."

"Genau das meine ich, Susi. In 300 Jahren ist das vielleicht wieder so. Wie willst du das verhindern? Kannst du das überhaupt verhindern? Bringt er mich in 300 Jahren noch mal um?"

"Wenn du mich weiter so nervst, bring ich dich um!" grinste Susi. "Genau deshalb will ich mit Vater Abraham reden. Du kennst ihn noch gar nicht, oder?"

"Bisher war ich zum Glück immer woanders, wenn er kam. Ich hasse Schlümpfe." Sie zwinkerte Susi zu, die ihr schnell die Zunge heraus streckte.

"Morgen bist du jedenfalls da, und dann reden wir mit ihm." Sie stand auf und drehte sich zu den Büchern hinter ihr um.

"Irgendwo da drin", meinte sie nachdenklich, "steht die Antwort, Petra. Irgendwo. Es muß einen Weg geben, sich an frühere Leben zu erinnern. Und zwar so, daß man sich im nächsten Leben gleich von Anfang an daran erinnert. Es kann keine Frage ohne Antwort geben, denn nur durch die Antwort kann die Frage existieren." Sie wandte sich wieder zu Petra.

"Ich finde das heraus, Petra. Ehrenwort. Ich will das nicht noch mal mitmachen. Ich will nicht, daß noch ein Mädchen stirbt. Egal wann."

Petra lächelte zynisch. "Dazu müßtest du alle Männer ausrotten. Gehen wir mal zu deinen Eltern; ich will ihnen Guten Tag sagen."

"Es sind nicht alle so, und das weißt du auch. Eigentlich sind die wenigsten so."

"Schon einer ist zuviel. Und das weißt du auch."

Susi kam zu ihr und drückte sie gründlich. "Ich mag die Männer auch nicht mehr, Petra. Nicht als Partner. Aber trotzdem müssen wir fair bleiben. Die wenigsten sind so. Gib's zu."

Petra sah zu Susi auf. Sie hatte es in den letzten vier Jahren von 1,55 auf 1,72 geschafft, während Susi von 1,65 auf 1,81 geschossen war.

"Okay", meinte sie leise. "Die wenigsten sind so. Aber hassen darf ich sie trotzdem, oder?"

"Klar." Susi gab ihr einen sanften Kuß. "Ich kann auch keinem mehr trauen. K.o.-Tropfen in der Milch. Der eigene Bruder." Sie schüttelte den Kopf, um die bedrückenden Gedanken abzuwehren, die doch immer wiederkehrten. "Gehen wir."

"Was macht Martina eigentlich?" fragte Petra, als sie auf der Treppe zum ersten Stock hinunter waren. "Von der hab ich lange nichts mehr gehört."

"Sie ist letztes Jahr nach München gezogen und studiert da jetzt. Das weiß ich aber auch nur über Papa, der ihre Eltern mal angerufen hat. Die hat auch erst mal von Männern die Nase voll. Und zwar gründlich. Sie kommt nicht drüber hinweg, daß sie Nacht für Nacht bei und mit Uli geschlafen hat, wo er doch schon ein Jahr vorher ein Mädchen umgebracht hat. Die war eine ganze Zeit völlig mit den Nerven down."

"Die Kerle sollen mal ruhig so weiter machen", meinte Petra grimmig. "Am Ende sind die diejenigen, die Angst haben müssen, weil keine Frau mehr ohne Messer oder Pistole nach draußen geht."

"Aber das schützt die Kinder nicht. Hey!" Sie lachte auf, als ein Junge von acht, neun Jahren wie ein Schnellzug die Treppe herauf kam und in Susi rannte. "Was spielst du denn? Rakete?"

"Hab was vergessen!" Atemlos machte er sich los und rannte weiter. Susi schüttelte grinsend den Kopf.

"Der Jonas. Immer in Action. Weißt du, Petra, wenn ich einen Weg für uns heraus finde, dann bin ich sicher, daß ich damit auch einen Weg für alle anderen Menschen gefunden habe. Daß sich die Mädchen - und auch die Jungs, denen es zum Teil genauso dreckig ergeht - schnell an ihre früheren Leben erinnern und so einer Wiederholung ausweichen können. Lies doch mal die Zeitung. Es vergeht doch kaum einen Tag, wo nicht irgendwo was über Mißbrauch an Kindern steht. Aber das muß bis morgen warten. Auf Vater Abraham."

"Du tust wenigstens was", seufzte Petra. "Während die Regierung immer noch schläft. Was hab ich in USA gelesen? Ein Typ, der eine 13jährige mehrfach vergewaltigt hat, kam für 25 Jahre in den Knast. Und hier? Grad mal drei oder vier."

"Nicht dieses Thema!" stöhnte Susi gespielt. "Das macht mich immer so depressiv. So, rein mit dir!" Sie schob Petra ins Wohnzimmer, wo ihre Eltern saßen und sich leise unterhielten. Iris sah als erste auf.

"Petra! Hat Susi dich frei gegeben?"

"Für ein paar Sekunden!" Lachend lief sie auf Iris zu und drückte sie. "Grüß dich."

"Grüß dich auch. Wie geht's? Wie war der Urlaub?"

"Zu kurz. Grüß dich, Peter."

"Auch ich grüße dich, Besucherin ferner Welten." Er umarmte sie lachend. "Wie war der Urlaub?"

"Immer noch zu kurz." Sie schaute ihn kurz an. Sein dunkelblondes Haar war grau geworden, schon kurz nach der Sache mit Ulrich. Doch seine Augen lachten. "Habt ihr Lust, meine Fotos zu sehen?"

"Können wir das irgendwie vermeiden?" seufzte Iris.

"Nein!" Prustend holte Petra die Fotos aus den Umschlägen heraus. Susi setzte sich neben sie und kuschelte sich gemütlich an sie. Iris sorgte schnell für Kekse und Getränke, dann erzählte Petra ausgiebig und begeistert von ihrem vierwöchigen Aufenthalt in Florida. Susi, die das alles schon gehört hatte, ließ ihre Gedanken laufen. Doch trotz ihrer nach außen gezeigten Überzeugung, daß es einen Weg geben muß, sich an frühere Leben und alle Begegnungen mit den damaligen Menschen zu erinnern, spürte sie tief, ganz tief in sich eine mindestens genauso feste Überzeugung: daß sie diesen Weg nicht finden würde. Denn daß sich kaum ein Mensch an seine früheren Leben erinnern konnte, hatte einen tieferen Sinn.

Auch wenn sie diesen Sinn nicht sah.


E N D E
 

 

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