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Die verstoßene Tochter 
 

Zootiere 
Es war ein wundervoller Sommertag. Die Sonne strahlte von einem 
wolkenlosen Himmel herab. Ein steter Wind wehte leise und machte es 
nicht unerträglich heiß. Dennoch war das Wetter so angenehm warm, das 
sie ihrer Tochter ein hübsches Sommerkleidchen angezogen hatte. Selbst 
sie hatte sich, ganz entgegen ihrer Gewohnheit, dazu entschlossen, 
etwas von ihrem Körper preiszugeben. Sie hatte einen kurzen Rock und 
ein T-Shirt angezogen. Einzig auf eine Strumpfhose hatte sie nicht 
verzichtet. Die trug sie Sommer wie Winter. So gekleidet, hatten sie 
an diesem Tag wieder einmal den Zoo besucht. Das einzige, was sie sich 
außer der Reihe leisen konnten, das waren die Jahreskarten für den 
Zoo. Und von denen machen sie mehr als reichlich Gebrauch. Ihre 
Tochter war schier verrückt nach dem Zoo. Besonders nach den 
Elefanten. Und wäre dort kein Wassergraben, die Kleine wäre schon sehr 
oft zu ihnen gelaufen, um sie zu streicheln. 
Zu ihrem Glück war der Zoo an diesem Tag nicht sehr gut besucht. 
Obwohl er einer der Artenreichhaltigsten Zoos im Lande war, nutzten 
die Menschen heute den schönen Sommertag um ins Schwimmbad zu fahren 
oder einen Einkaufsbummel zu machen. Für die wenigen Besucher waren 
die Seelöwen, die Elefanten und die Eisbären wieder die Attraktion. 
Dort standen sie dichtgedrängt und schauten sich die Tiere an. Bei den 
Seelöwen waren die Fütterungen immer die Hauptattraktion des Tages. 
Wie diese Tiere Kunststücke machten und auf Hupen drückten. Bei den 
Elefanten war es das Fußballspiel oder ihre Sandbäder. Hin und wieder 
gingen sie auch richtig baden. Und dies schienen die großen Tiere 
sichtlich zu genießen. Und bei den Eisbären war es die große Rutsche, 
die sich dort seit einer Woche befand. Die beiden Tiere schienen sie 
sehr zu mögen. Denn, wie kleine Kinder, benutzten sie diese immer und 
immer wieder, um dann mit einem großen „Platsch“ ins Bassin zu 
plumpsen. Die Menschen lachten, wenn einer der Kolosse ins Wasser 
platschte. Doch plötzlich schrieen sie angstvoll auf. Etwas war ins 
Wasser gefallen. Ein kleines Kind. Ein Baby! Angstvoll starrten sie 
schreiend nach unten. Aber nur solange, bis das sie sahen, daß es kein 
Kind, sondern nur eine Puppe war, die in das Eisbärengehege gefallen 
war und nun im Wasser schwamm. Die einzige, die jetzt noch heulte, das 
war jenes kleines Mädchen, welches auf dem Arm ihrer Mutter ihrem 
geliebten Püppchen nachsah und nun mit entsetzten zusehen mußte, wie 
der große Eisbär ins Wasser sprang und zielstrebig auf ihr Kostbarstes 
zu schwamm. Und der kam sehr schnell näher. 
„Toni! Raus da!“, schrie plötzlich jemand neben den Beiden und zeigte 
mit der Hand erst auf den Eisbären, und als dieser nach oben schaute, 
auf einen Platz oberhalb des Wassers. Zuerst hatte sie sich 
erschrocken. Doch dann sah die Mutter des Mädchens mit offenem Mund 
zu, wie der Eisbär zu ihnen nach oben geschaut hatte und dann gehorsam 
ans Ufer schwamm. Ungläubig starrte sie daraufhin den jungen Mann an. 
Er blickte kurz zu ihr herüber. Doch dieser kurze Augenkontakt 
genügte, um die Mutter völlig zu verwirren. Doch bevor sie sich fangen 
konnte, ging dieser Mann am Gehege entlang und verschwand in einen 
kleinen Raum, der an das Gehege grenzte. Es vergingen einige Sekunden, 
da schrie die Menge erneut auf. Denn der junge Mann betrat durch eine 
Seitentüre das Gehege, obwohl die Tiere noch in ihm waren. Doch ohne 
sich an die oben liegende Bärin und dem am Wasser stehenden Bären zu 
stören, ging er hinunter an das Becken und besah sich die Bescherung. 
Und nachdem er sah, daß er so nicht an das Püppchen heran kam, ging er 
wieder hoch. Am Anfang der Rutsche blieb er stehen und zog sich bis 
auf die Unterhose, in diesem Fall eine Badehose, aus. Die Menschen 
hielten erneut den Atem an, weil der Eisbär Toni unterdessen zu ihm 
gekommen war. Alle schauten sie auf den Eisbären. Alle, bis auf eine. 
Denn sie hatte nur Augen für den jungen Mann. Als der Mann sich auf 
die Rutsche setzte kam der Eisbär zu ihm hin. Erneut hielt die Menge 
den Atem an. Doch bevor er ihn erreicht hatte, da rutschte der Mann 
bereits herunter. Sekunden später sprang der Eisbär ebenfalls auf die 
Rutsche und rutscht hinterher. Erneut schrieen die Menschen am Gehege 
angstvoll auf. Doch als die Beiden im Wasser nebeneinander wieder 
auftauchten, machte der Bär keinerlei Versuche ihn anzugreifen. 
Zielstrebig schwammen beide zum Objekt ihrer Begierde. Doch der Eisbär 
gehorchte, als der Mann sagte: 
„Toni! Weg da!“ 
Toni drehte ab und der Mann ergriff die Puppe. Dann schwamm er zurück 
an das Ufer. Mit dem Püppchen in der Hand stieg er hoch zu seinen 
Kleidern. Als er dann oben seine Kleidung aufnahm war auch der Bär aus 
dem Wasser und kam zu ihm. Doch da passierte etwas, womit weder er, 
noch die Menschen oben gerechnet hatten. 
„Toni!“, schrie der Mann auf, als der nasse Eisbär neben ihm stand und 
sich erst hier das Wasser aus seinem Pelz schüttelte und ihn so, von 
oben bis unten naß spritzte. Doch der Bär sah ihn nur unschuldig an. 
Doch irgendwie hatte man das Gefühl, das er es mit Absicht gemacht 
hatte. Sein Gesicht sah richtig schadenfroh aus. Soweit man dies bei 
einem Eisbären sagen konnte. Jedenfalls hatte der große zottelige 
weiße Bär die Lacher der Zuschauer auf seiner Seite. Selbst die Mutter 
des Mädchens mußte lachen. Kopfschüttelnd, aber ebenfalls lachend, 
ging der Mann nach oben zu jener Türe, durch die er in das Gehege 
hineingekommen war. Einige Minuten später öffnete sich dann auch die 
Türe neben dem Gehege und der Mann stand angezogen und halbwegs 
trocken, sah man von den nassen Flecken auf seinen Sachen und die noch 
vom Wasser triefenden langen braunen Haare ab, vor der Mutter und dem 
Mädchen. Die Kleine stand direkt vor ihm und hatte ihre Hände zu ihm 
erhoben. 
Der junge Mann war der Mutter gleich sympathisch gewesen. Obwohl sie 
noch vom ersten Schrecken gezeichnet war, waren ihre Augen voller 
Bewunderung, noch ehe er „Raus da“ gerufen hatte. Er war etwa ein 
halben Kopf größer als sie. Und sein Gesicht, sie konnte es in diesem 
Moment nur im Profil sehen, gefiel ihr sehr. Erst als er ihr einen 
kurzen Blick zuwarf, sah sie seine braunen Augen. Dann war er ja auch 
schon fort gewesen. Doch der Blick seiner Augen hatte sie schon 
gefangengenommen. Eine Gänsehaut jagte ihr in diesem Moment über den 
Rücken. Lange hatte sie ihm hinterher gesehen, als er um das Gehege 
herumging. Sein braunes Haar wehte hinter ihm her, welches ihm 
bestimmt bis auf seine Schultern reichte, wenn nicht noch länger, und 
schien in seiner Fülle ihrer eigenen Haarpracht in nicht nachzustehen. 
Seine Bewegungen verrieten ihr, daß er nicht hinter einem Schreibtisch 
verkümmerte. Schlank war er, aber nicht dünn. Sein T-Shirt spannte 
sich um seinen muskelösen Oberkörper. Und als er in seiner Badehose im 
Gehege stand, da sah sie dort einen real gewordenen Adonis stehen. 
Solch einem Mann wäre sie gerne früher begegnet, wünschte sie sich in 
diesem Moment. 6 Jahre früher. Dann wäre alles nicht passiert. 
Als er aus dem Gehege ging, setzte sie ihre Tochter ab, nahm sie an 
die Hand und ging mit ihr zu jener Türe, durch die er gleich 
herauskommen mußte. Ein, zwei Minuten später kam er auch dort heraus 
und ihr Herz blieb stehen. 
Als er herauskam stand sie vor ihm. Und vor ihr stand das kleine 
Mädchen. Mit erhobenen Händen wartete sie darauf, daß er ihr das 
Püppchen gab. Er ging in die Hocke und gab es ihr. 
„Danke.“, heulte das kleine Mädchen und nahm es entgegen. Dann hob sie 
einen Arm und schlang ihn um seinen Hals. Er erhob sich und das 
Mädchen schlang ihre Beine um seine Taille, ließ seinen Hals nicht 
los. Er faßte unter sie und hatte sie so auf seinem Arm. 
„Du mußt aber aufpassen. Zum Glück konnte dein Püppchen schwimmen.“ 
Das Mädchen schaute ihn an und nickte. Dann klammerte sich erneut an 
seinen Hals. 
„Wieso läßt du es nicht zu Hause?“ 
„Dann sieht Helena doch die Tiere nicht.“ 
„Aber du kannst ihr abends alles erzählen. Dann stellt sie sich einen 
Elefanten noch größer vor, als er in Wirklichkeit ist.“ 
Die Frau lächelte. 
„5 für 13.“, plärrte es in diesem Moment aus dem kleinen Funkgerät, 
welches an seinem Gürtel hing. Er nahm es in die Hand und sagte: 
„13 hört.“ 
„Bei Ursula ist es soweit.“ 
„In Ordnung, ich komme.“ 
Dann hing er es sich wieder an den Gürtel. 
„So Spatz ich muß zu den Zebras.“ 
„Darf ich mit?“, fragte ihn die Kleine bittend, noch bevor er 
weiterreden konnte. 
„Das kann ich nicht entscheiden.“, antwortete er und schaute zu der 
Frau hin. 
Die Kleine drehte sich zu ihr herum und sagte: 
„Ja? Bitte.“ 
Die Frau lächelte und fragte: 
„Geht das denn?“ 
„Natürlich geht das.“ 
Und als sie sich in Bewegung setzten, klammerte sich das Mädchen auch 
weiterhin an ihn. Die Mutter an seiner Seite, so gingen sie langsam, 
aber zielstrebig zum Zebragehege. Dort befand sich, an der Seite des 
Geheges, ein hölzernes Gatter. Im Gehege stand schon ein Mädchen am 
Gatter und wartete auf ihn. Es war eine der Tierpflegerinnen. 
„Ich hab noch Besuch mitgebracht.“ 
Die Tierpflegerin lächelte und ließ sie herein. Sofort kamen einige 
Zebras auf sie zu. Die Mutter hielt ihn am Arm fest. 
„Ist das nicht gefährlich?“ 
„Nein. Ich würde sie“, und damit nickte sein Kopf auf das Mädchen auf 
seinem Arm hin, „niemals in Gefahr bringen. Sie nicht und dich auch 
nicht.“ 
„Ehrlich?“ 
Doch anstatt jetzt, wie sie es erwartet hatte, mit „ja“ oder „nein“ zu 
antworten, sagte er: 
„Ich werde euch auch niemals anlügen.“ 
Doch da kam auch schon das erste Zebra an sie heran und das Mädchen 
streckte seine Hand aus. Unter den ängstlichen Augen ihrer Mutter 
schnupperte das Tier an der Hand ihrer Tochter. Diese hob daraufhin 
ihre Hand, und streichelte ohne jede Angst dem Zebra über die Nase. 
„Das ist Erika.“, flüsterte er dem Mädchen zu. Und nach einigen 
Sekunden flüsterte er: „Und das ist Herma.“ 
Ein weiteres Tier war zu ihnen gekommen und das Mädchen streichelte 
auch dieses. Dann aber ging er weiter. Mit einigem Sicherheitsabstand 
zu den Tieren, folgte die Mutter ihnen. Sie betraten eine Art Stall 
und fanden sich, umgeben von drei weiteren Personen vor einer Box 
wieder. Dort stand ein Zebra und leckte gerade sein Neugeborenes 
trocken. 
„Süß! Mama, schau mal. Ein Babyzebra!“, rief das Mädchen entzückt aus. 
Er zuckte unmerklich zusammen. Dann aber sagte er: 
„Scheint so, daß ich spät dran bin.“ 
„Ja. Zwei Minuten.“ 
„Und? Was ist es?“ 
„Keine Ahnung.“, antwortete der Angesprochene, welcher einen weißen 
Arztkittel trug, „Ich geh doch nicht zu ihr rein. Ich liebe meine 
Knochen als Ganzes.“ 
Ohne sich weiter um die Umstehenden zu kümmern, nahm er ein Stethoskop 
aus der Tasche, welche auf der Brüstung der Box stand und ging mit dem 
Mädchen auf seinem Arm in die Box. Die frischgebackene Zebramama hob 
den Kopf und schaute zu ihnen hin. Dann leckte sie ihr Junges weiter 
trocken. Unter den angstvollen Blicken ihrer Mutter setzte er das 
Mädchen bei dem Neugeborenen ab und horchte es mit dem Stethoskop ab. 
Das kleine Mädchen sah ihm dabei erstaunt zu. Da nahm er das 
Stethoskop aus seinen Ohren und steckte es in die Ohren des Mädchens. 
„Hörst du das kleine Herzchen?“ 
„Ja.“ 
„Und?“ 
„Das geht ja ganz schnell.“, flüsterte sie mit leuchtenden Augen. 
Er hob eines der Beine des Fohlens hoch und ließ es Sekunden später 
wieder herab. Dann gingen sie zurück zur Brüstung. Doch bevor er dort 
ankam, blieb er ruckartig stehen und besah sich den Bauch der 
Zebramutter. Dann hörte er ihn ab. Das kleine Mädchen schaute ihm auch 
dabei interessiert zu. Dann durfte sie hören. 
„Das ist die Mama.“, sagte er. 
„Das ist viel langsamer als eben.“ 
„Und jetzt?“ 
Er versetzte das Stethoskop etwas. 
„Das ist wieder schnell.“, flüsterte sie. 
Er hob die Kleine hoch und setzte sie auf die Brüstung ab. Dann füllte 
er ein Formular aus. 
„Wie heißt du?“, fragte er sie. 
„Rosi.“, erwiderte das Mädchen. 
„Also heißt das Fohlen jetzt Rosi.“ 
Er schrieb den Namen in das Formular. 
„Ein Stutenfohlen?“, fragte der Mann in dem weißen Kittel. 
„Ja.“ 
„Na, dann sind wir ja hier fertig.“ 
„Ich ja.“, er schaute auf seine Uhr, „Ich hab jetzt Feierabend. Ihr 
nicht.“ 
„Ich weiß. Aber es ist eh nichts mehr zu tun.“ 
„Doch, hier.“ 
„Ach ja? Und was? Sie haben das Geschlecht doch bestimmt und es auch 
abgehört.“ 
„Bewegt sich der Bauch der Stute?“ 
Der angesprochene im weißen Kittel schaute auf den Bauch der Stute. 
Einige Sekunden später weiteten sich seine Augen. 
„Noch eins!?!“ 
„Jepp. Ich wünsch noch viel Spaß. Ich verzieh mich jetzt.“ 
Und zu der Mutter gewandt sagte er: 
„Wenn ihr wollt, könnt ihr gerne hierbleiben und zusehen. Wenn ihr 
geht, wird euch einer von ihnen rausbringen.“ 
Als er ging, hörte er noch, wie die Kleine bettelte. 
„Hierbleiben. Baby sehen.“ 
Sie schaute ihre Tochter sehr lange an. 
„Willst du wirklich?“ 
„Ja Mama. Bitte.“ 
Schließlich nickte sie. Doch als sie sich wieder zu ihm hindrehte, war 
er bereits fort. Er war sehr leise gewesen, denn sonst hätte sie 
gehört, wie er gegangen war. Sie war mehr als enttäuscht. Zu gerne 
wäre sie noch mit ihm zusammengewesen. Sie brauchte einige Minuten um 
sich zu überwinden, dann fragte sie einen der hier anwesenden, wer 
jener Mann gewesen sei. 
„Das war Ulrich. Dr. Ulrich Richter.“, sagte eine der Tierpflegerinnen 
zu ihr. 
„Dr.?“ 
„Ja. Er ist der Leiter unserer Tierklinik.“ 
„Der ist aber noch sehr jung. Oder?“ 
„Ja. Erich, wie alt ist Ulrich jetzt?“ 
„24?“ 
„Nein 23.“, warf eines der der Mädchen ein, „Er wird im Februar 24. Am 
siebten.“ 
„Also 23.“, bekam sie nun zur Antwort. 
23 dachte sie. Zwei Jahre älter als sie es war. 

Es war fast 18 Uhr. Die Besucher des Zoos waren schon größtenteils 
gegangen, da der Zoo um 18 Uhr schloß. Er war nach dem Besuch im 
Zebragehege nachdenklich durch den Zoo gegangen und ging nun nach 
Hause. Das Bild der Beiden schwebte ständig vor seinen Augen. Rosi war 
so ein hübsches kleines Mädchen. Die schwarzen Augen mußte sie von 
ihrer Mutter haben. Und auch das pechschwarze lange Haar. Erst hatte 
er gedacht, daß sie Geschwister wären und er hatte sich Hoffnungen 
gemacht. Doch dann hatte das Mädchen „Mama“ gesagt. Und damit waren 
seine Hoffnungen mit einem Schlag zerstört worden. Schade, sagte er 
sich. Das wäre ein Mädchen nach seinem Geschmack gewesen. Schlank, 
schöne Figur, sehr üppige Brüste, schwarze Augen, langes schwarzes 
Haar. Sie trug ein T-Shirt, was ihre Oberweite sehr hervorhob. Dazu 
einen kurzen weiten Rock, der eine gute Handbreit über ihren Knien 
geendete hatte und ihre Beine freigab. Schöne Beine. Sie war das, was 
er sich schon oft in seinen Träumen vorgestellt hatte. Und seine 
Hoffnung, sie näher kennenzulernen, war rapide angestiegen. Am 
Eisbärengehege kam die Gelegenheit. Und alles lief zu seiner vollsten 
Zufriedenheit. Bis Rosi im Gehege „Mama“ sagte, und mit diesem Wort 
alles wieder zunichte gemacht hatte. Sie war verheiratet! Wie sehr war 
er enttäuscht gewesen. Aber da konnte man nichts machen. Er würde 
weitersuchen müssen. Aber ob er jemals wieder ein Mädchen wie sie 
treffen würde? An so ein Glück glaubte er nicht. Daß er überhaupt 
jemals ein solches Mädchen, wie eben, sehen durfte, das schien ihm 
schon ein riesiger Glücksfall gewesen zu sein. Nur Schade, daß sie 
schon besetzt war. Und so ging er nachdenklich nach Hause. 
„Hallo!“, tönte es plötzlich in einiger Entfernung vor ihm. Und die 
Stimme kannte er. Und als er hochblickte, kam Rosi auch schon auf ihn 
zugerannt. Er fing sie mit beiden Händen auf und wirbelte sie 
einigemal herum. Dann klammerte sie sich wieder an seinen Hals und er 
hielt sie auf seinem Arm. 
„Na mein Schatz, wie war es bei den Zebras. Hast du das zweite Fohlen 
auch gesehen?“ 
„Ja.“, nickte sie mit leuchtenden Augen. 
„Und? War es ein Junge?“ 
„Nein. Auch ein Mädchen.“ 
„Aha. Und? Hat es denn auch schon einen Namen?“ 
„Ja.“ 
„Wie heißt es denn?“ 
„So wie die Mama.“, sie deutete auf ihre Mutter, die nun auch bei 
ihnen stand. 
„Ach ja? Und wie heißt die Mama?“ 
„Anastasia.“ 
„Anastasia. Na, das ist ja fast so ein hübscher Name wie Rosi.“ 
Die Kleine wurde rot und verbarg ihr Gesichtchen an seiner Brust. Aber 
nur kurz. Dann schaute sie ihm wieder in die Augen. 
„Geht ihr jetzt nach Hause?“, fragte er Anastasia. 
„Ja, wird auch Zeit.“ 
„Gehst du jetzt auch nach Hause?“ 
„Ja Schatz.“ 
„Wo wohnst du denn?“ 
„Rosi!“ 
„Da drüben.“ 
Er drehte sich mit ihr, damit sie das Haus sehen konnte. 
„Boh! Das ist ja ein richtiges Schloß.“ 
Zwar war sein Zuhause kein Schloß, aber mit seinen beiden Türmchen 
konnte es für ein kleines Mädchen doch schon zu einem Schloß werden. 
„Gibt es da auch eine richtige Prinzessin?“ 
„Nur wenn du mich besuchen kommst.“ 
Erneut wurde sie rot und verbarg ihr Gesichtchen an seiner Brust. Doch 
dann fragte sie: 
„Wohnst du da ganz alleine?“ 
„Rosi.“, rief ihre Mutter erneut, da es ihr peinlich war, das ihre 
Tochter ihn ausfragte. Doch er beachtete ihren Einwand nicht. 
„Nur mit meinen Tieren.“ 
„Was hast du für Tiere?“ 
„In dem Turm da“, er deutete auf den linken, „da wohnt ein dicker 
alter Uhu. Und in dem Turm, DA, siehst du sie.“ 
In dem Moment flog gerade ein Vogel in den Turm. 
„Ja.“ 
„Das ist ein Wanderfalke. Das wohnt ein Pärchen. Sie brüten immer in 
dem Turm. Und in dem Dach dazwischen wohnen Fledermäuse.“ 
Sie schaute ihn mit ihren großen Augen ungläubig an. 
„Was hab ich euch gesagt? Das ich euch nie belügen werde?“ 
Sie nickte mit ihrem Köpfchen. 
„In der Küche da drüben, da wohn eine kleine weiße Maus. Und dann hab 
ich noch meine Miezekatze.“ 
„Eine Miezekatze?“ 
„Ja.“ 
„Kann ich die streicheln?“ 
„Bestimmt. Das ist eine richtige Schmusekatze.“ 
„Jetzt?“ 
„Ich glaub eher, daß die Mama nach Hause muß. Abendessen machen. Der 
Papa wird bestimmt schimpfen, wenn er nach Hause kommt und kein Essen 
hat.“ 
„Wie sind alleine. Nur die Mama und ich.“ 
Ohne es nach außen hin zu zeigen, hatte ihn diese Nachricht sehr 
aufgeregt. Alleine! Ob es vielleicht doch möglich wäre? 
„Dann mußt du die Mama fragen.“, sagte er voller Hoffnung. 
Sie drehte sich zu ihrer Mutter hin und sah sie bittend an. 
Er konnte sie bereits wanken sehen. Also half er noch ein wenig nach, 
sie in die richtige Richtung zu bringen. 
„Ich mach euch einen Vorschlag. Ich lad euch zum Abendessen ein. Dann 
brauchst du zu Hause nicht zu kochen und ich sitz nicht wieder alleine 
zu Hause rum.“ 
„Abends gibt es nichts Warmes. Nur Brote.“ 
„Na, Brot hab ich. Und was für drauf auch.“ 
„Mama.“ 
„Ja, Mama.“, fügte er lachend hinterher. 
„Bitte.“ 
Sie wankte noch einige Sekunden. 
Schon als Rosi ihn entdeckt hatte, schlug Anastasias Herz schneller. 
Niemals hätte sie geglaubt, ihn heute noch einmal zu sehen. Und nun 
kam er ihnen entgegen. Rosi wollte natürlich sofort zu ihm hin und sie 
ließ sie. Lächelnd sah sie ihr hinterher, wie sie mit ausgebreiteten 
Armen auf ihn zulief. Er fing sie auf, wirbelte sie einigemal herum 
und nahm sie dann auf den Arm. Süß, wie sie sich gleich an seinen Hals 
klammerte. Sie schien ihn sehr zu mögen. Und sie selbst schien auch 
nicht abgeneigt zu sein. Schließlich schlug ihr Herz noch schneller, 
als er sie nun ansah. Und als er sagte, das Anastasia fast so ein 
schönen Name war wie Rosi, da wußte sie, das er beide Namen schön 
fand. Denn dies verrieten ihr seine Augen, mit der er sie dabei 
angesehen hatte. Als er Rosi sagte, daß er in jenem Haus wohne, wurden 
sie schwach. Denn sie bewunderte dieses Haus schon lange. Und als er 
dann auch noch Rosis Vater ins Spiel brachte, und Rosi ihm sagte, daß 
sie alleine wären, da hoffte sie innständig, daß er sie absichtlich 
danach ausfragte. Und dann machte er den Vorschlag bei ihm zu essen. 
Es stimmte. Eigentlich wären sie jetzt nach Hause gegangen. Sie hätten 
zu Abend gegessen und noch etwas gespielt. Dann wäre Rosi ins Bett 
gegangen und sie hätte sich auf das Sofa gelegt und noch etwas 
gelesen. Sie sträubte sich etwas. Innerlich allerdings hatte sie schon 
längst „ja“ gesagt. Schließlich gab sie nach, bevor er es aufgab. Und 
so ging sie mit ihm auf das Haus zu. Es schien nicht so, das Rosi sich 
von ihm trennen wollte. Sie hatte ihre Ärmchen fest um seinen Hals 
geschlungen. Und er schien sie mehr als nur auf seinem Arm zu haben, 
denn er hielt seinen anderen Arm um sie herum. Das Haus kam immer 
näher. Sie hatten es schon oft gesehen und sie hatte sich gefragt, wie 
es wohl von innen aussehe, wie es wäre, in diesem verträumten Haus zu 
wohnen. Rosi hatte es genau getroffen, als sie sagte es wäre ein 
Schloß. Die roten Backsteine, die Türmchen. Es wirkte so verträumt, so 
romantisch. Es mußte schön sein darin zu wohnen. Und nun würde sie es 
von nahem sehen. Und mehr noch. Sie würde es gleich auch von innen 
sehen. 
Als sie fast vor dem kleinen Tor standen, kam ihnen ein Mädchen in der 
Uniform der Tierpfleger entgegen und grüßte. Da stoppte er und rief 
ihr nach. 
„Barbara?“ 
„Ja.“ 
„Könntest du mir noch schnell einen Gefallen tun?“ 
„Ja, warum nicht.“, antwortete sie mit einem strahlen im Gesicht. 
„Würdest du Renana holen und zu mir bringen?“ 
„Klar. Gerne. Kann aber was dauern.“, lachte sie. 
„Ich weiß, die Schmusestunde. Hauptsache, du bringst sie mir.“ 
„Gemacht.“ 
Sie ging schnellen Schrittes weiter, während er das kleine Tor 
öffnete. 
„Immer herein in Dornröschens Schloß.“ 
Er ließ sie vorbei und schloß hinter sich das Tor. Der kleine Gang, 
kaum 5 Meter lang, lag parallel zum Zaun. An seinem Ende befand sich 
ein weiteres Tor, sodaß alles wie ein „Z“ angelegt war. Dort öffnete 
er das Tor und sie traten auf das Gelände. Die Beiden staunten. Von 
draußen war es schon schön. Aber jetzt, kaum 10 Meter vor den Mauern, 
war es wunderschön, traumhaft, romantisch. Der Efeu rankte sich schon 
bis gut 5 Meter in die Höhe. Noch eine Weile und es würde ganz mit 
Efeu überwachsen sein. Damit wäre es wirklich zu Dornröschens Schloß 
geworden. Ohne Rosi vom Arm zu nehmen, führte er die Beiden die Stufen 
zum Eingang hinauf. Die große zweiflügelige Türe stand weit offen und 
sie konnten eine große Halle sehen. Links war eine Treppe, die nach 
oben führte, von wo sie, von links nach recht, als Gang weiterlief. 
Sie konnte auf dem Gang drei abgehende Öffnungen sehen, aber keine 
Türen. Da führte er sie nach links. 
Alexandra kam aus dem Staunen nicht heraus. Denn nun betraten sie ein 
Wohnzimmer, welches fast schon so groß war wie ihre ganze Wohnung 
daheim. Besonders der offene Kamin fiel ihr gleich ins Auge. Schon 
immer träumte sie davon, im Kerzenlicht vor einem Kamin zu sitzen und 
ein Glas Wein zu trinken. Dem Kamin gegenüber stand ein Sofa. Es ging 
hinten über Eck. Davor stand ein massiver Holztisch und direkt am 
Eingang, gegenüber dem kurzen Stück Sofa, ein Sessel, passend zum 
Sofa. Neben dem Kamin, auf beiden Seiten, standen Schränke. Einzig 
über dem Kaminsims war etwas, was sie nicht definieren konnte. Es war 
eine dunkle Fläche, etwa 1.50 mal 80 groß, Vielleicht ein 
Bilderrahmen, in dem das Bild noch fehlte? Gegenüber dem Eingang gab 
es einen weiteren Durchgang. Da sie einen Kühlschrank erkennen konnte, 
war ihr klar, daß dies die Küche sein mußte. 
„Setz dich.“, sagte er zu ihr und deutete auf den Sessel. Anastasie 
setzte sich und wäre fast in ihm versunken. So weich war er. Er setzte 
Rosi neben ihr auf dem Sofa ab. 
„Möchtet ihr etwas trinken?“ 
Beide nickten. 
„Ich habe Sprudelwasser, Limo, Cola, Bier, Wein, Fruchtsäfte, 
selbstgemachten Zitronensaft“ 
„Zitronensaft.“, fiel Rosi ein. 
„Und du?“ 
„Eine Cola?“ 
„Kein Problem.“ 
Er ging zum Schrank und holte drei Gläser heraus, die er auf den Tisch 
stellte. Dann eilte er in die Küche und kam mit einer Glaskanne und 
einer kleinen Flasche Cola zurück. Letzeres öffnete er und goß ihr 
etwas in ihr Glas. Dann nahm er Rosis und sein Glas und goß den 
Zitronensaft ein. Er setzte sich neben Rosi auf das Sofa und sie 
tranken. 
„Hunger?“, fragte er. 
Rosi schüttelte ihren Kopf. 
„Also wenn ich ehrlich bin, ich auch noch nicht.“ 
„Dann warten wir mit dem Abendbrot noch etwas. 
„Bin schon da.“, hörten sie da eine Stimme, die dem Mädchen von vorhin 
gehörte. Anastasia drehte sich nicht herum. Doch Rosis Augen wurden 
immer größer. 
„Darf ich sie mit nach Hause nehmen?“, fragte jenes Mädchen. 
„Du kennst doch meine Antwort.“ 
„Bitte.“ 
„Da brauchst du nicht zu betteln, du kennst die Antwort.“ 
Das ging noch einige Sätze weiter und Anastasia grinste. 
Rosi schaute ihn an und er nickte ihr nur zu. Langsam stand sie auf 
und ging zu dem Mädchen, welches gerade mit einer riesigen Katze 
schmuste. 
 „O.K. Dann bin ich jetzt weg. Bis Montag. Schönen Abend noch.“ 
„Danke Barbara, dir auch.“ 
Erst jetzt schälte sich Anastasia aus dem Sessel hervor und drehte 
sich herum um Rosi nachzusehen. Da erstarb ihr grinsen. Sie sah einen 
Tiger auf dem Boden liegen und ihre Tochter gab ihm gerade einen Kuß 
auf die Nase. Ihr Herz blieb stehen, als sie sah, wie die lange Zunge 
des Tigers über das Gesicht ihrer Tochter leckte. 
„Rosi! Komm her mein Schatz.“ 
„Miezekatze.“, antwortete sie mit leuchtenden Augen und kam zu ihrer 
Mutter. Sie riß sie förmlich an sich. 
„Aua Mama. Du tust mir weh.“ 
Sie schaute ihn an und zitterte. 
„Bist du verrückt! Wie kannst du sie mit dem Tier zusammen lassen?“ 
„Du hast doch gesehen, daß sie sich mögen.“ 
„Als Abendessen vielleicht.“ 
Er sah, wie sie ihn vorwurfsvoll anblickte. 
„Was hab ich dir vorhin gesagt?“, fragte er. 
„Das du uns nie belügen würdest?“ 
„Nein, das andere. Das ich euch niemals in Gefahr bringen würde.“ 
„Ja.“ 
„Ich hätte euch niemals mitgenommen, wenn es für euch gefährlich 
wäre.“ 
„Ich möchte gehen.“ 
„Mama.“ 
„Wie du möchtest.“ 
„Nein.“ 
„Sei ruhig!“ 
„He! In meinem Haus schrei nur ich.“ 
Rosi begann zu weinen und befreite sich aus der Umklammerung ihrer 
Mutter und lief zu ihm hin. Er hob sie sofort hoch und sie schlang 
ihre Arme und Beine um ihn. Heulend verbarg sie ihr Gesicht an seiner 
Brust. 
„Rosi!“ 
„Wieso schreist du dein Kind an. Nur weil du mir nicht vertraust? Ich 
hab dir gesagt, daß es nicht gefährlich ist. Aber du glaubst mir 
nicht. Schade. Komm, wir gehen.“ 
Er reichte ihr die Hand um ihr aus dem Sessel zu helfen, doch sie 
ignorierte sie. Er ging vor, ließ aber Rosi kurz vor dem Eingang zum 
Wohnzimmer herunter. So konnte sie Renana noch schnell streicheln. 
„Rosi!“ 
Die Kleine ging weiter Richtung Ausgang. Voller Panik drückte sich 
Anastasia an die Wand, während sie sich an der Katze vorbeidrückte. 
Hatte sie nun gedacht, daß sie es geschafft hatte, so wurden ihre 
Hoffnungen zunichte gemacht. Denn er rief das Untier und sie ging an 
seiner Seite mit hinunter zum Ausgang. Und als er sie in den Gang 
ließ, kam sie ebenfalls mit. Sofort riß sie Rosi an sich, die schon 
ihr Ärmchen zu Renana hingestreckt hatte, und diese ihren Kopf an 
ihrer kleinen Hand rieb. Endlich gab die äußere Türe nach und sie 
schob Rosi vor sich hin hinaus. Draußen stürmte Rosi sofort wieder zu 
ihm. Er nahm sie auch gleich hoch und ging zum Ausgang des Zoos. 
„Willst du hierbleiben?“, fragte er sie, da Anastasia stocksteif 
stehen blieb, da Renana um sie herum ging. Erst als er sie am Arm 
packte erwachte sie aus ihrer Trance. Sie riß sich von seinem Arm los 
und ging mit ihm Richtung Ausgang. Schweigend. Nur Rosis weinen war zu 
hören. Erst als sie kurz vorm Ausgang waren sprach sie wieder. 
„Wie konntest du nur?“ 
„Was.“ 
„Das ist eine Raubkatze!“ 
„Hat Renana Rosi gekratzt? Fehlt ihr auch nur ein Finger? Du hast doch 
gesehen wie lieb sie ist. Barbara hat sie uns gebracht. Fehlte bei ihr 
was?“ 
Sie wußte darauf keine Antwort. Dennoch glaubte sie ihm nicht. Ohne 
ihm zu antworten gingen sie weiter. Am Tor ließ er Rosi herab und 
schloß es auf. Anastasia zog Rosi mit sich. Erst als sie draußen waren 
sagte er: 
„Schade, daß du mir nicht vertraust. Schade, daß du mich in den Topf 
zu den anderen schmeißt.“ 
Dann schloß er das Tor und ging. Nur Renana blieb am Tor. Rosi rannte 
zu ihr. Aber das Plexiglas im Tor hinderte sie daran Renana zu 
berühren. 
Anastasia nahm Rosis Hand und zog sie mit sich. Schweigen gingen sie 
nach Hause. 
Schräg gegenüber dem Eingang trafen sie auf Barbara, die mit ihrem 
Freund gerade aus einem Haus herauskamen. 
„Schon zu Ende?“, fragte sie erstaunt. 
Anastasia antwortete nicht. Nur Rosi weinte noch. 
„Sie haben ihm nicht geglaubt das Renana lieb ist. Richtig?“ 
Anastasia blieb stehen. 
„Er hat ihnen doch am Zebragehege gesagt, daß es sie beide niemals in 
Gefahr bringen würde.“ 
Doch Anastasia reagierte nicht. 
„Schade.“, sie nahm die Hand ihres Freundes, dann ließ sie die Beiden 
stehen und ging. 
Sie sprachen kein Wort. Und als sie zu Hause angekommen waren, sollte 
Rosi sich gleich ausziehen, sie würde das Abendessen machen. Während 
sie die Brote machte, ärgerte sie sich über ihn. Wie konnte er das nur 
machen? Das war doch keine Katze. Das war eine Raubkatze. Ein 
Raubtier, ein Fleischfresser. Kein Stubentiger, ein richtiger. Beinahe 
hätte sie sich in die Hand geschnitten, so sehr zitterte sie noch vor 
Aufregung. Als sie fertig war, rief sie Rosi. Doch sie kam nicht. Auch 
auf ihren zweiten Ruf hin kam sie nicht. Daher ging sie in Rosis 
Zimmer. Erstaunt sah sie, daß Rosi sich nicht nur ausgezogen hatte, 
sondern auch schon in ihr Bett gegangen war und schlief. Ohne 
Abendessen. Und auch ohne ihr Püppchen. Denn dies hatte Anastasia sich 
in ihre Tasche gesteckt, als sie bei den Zebras waren. Und dort 
steckte es noch immer. Das war noch nie vorgekommen. Normalerweise 
schlief sie ohne ihr Püppchen nicht ein. Anastasia ging zu ihr und 
wollte sie zudecken. Da sah sie den nassen Flecken auf dem Kopfkissen. 
Da, wo sie mit ihrem Gesichtchen lag. Rosi hatte geweint. Und dem 
Fleck nach zu urteilen, nicht gerade wenig. Und sie hatte es nicht 
gehört. Sie zog das Kissen unter ihrem Kopf etwas hervor, damit sie 
nicht im nassen lag. Dann ging sie hinaus, löschte das Licht und 
schloß die Türe. Sie setzte sich auf das Sofa und starrte auf die 
Brote. Jetzt hatte auch sie keinen Hunger mehr. Sie legte sich aufs 
Sofa und schloß ihre Augen. Sie fühlte sich schuldig. Schuldig an den 
Tränen ihrer Tochter. Aber sie hatte doch Angst um sie gehabt. Rosi 
war doch das einzige, was ihr noch geblieben war. 9 Monate lang hatte 
sie sie gehaßt. Doch als sie den ersten Schrei von ihr gehört hatte, 
sie auf ihrer Brust gespürt hatte, da vergaß sie die Adoptionspapiere 
und liebte sie. Sie unterschrieb sie nicht. Stattdessen behielt sie 
Rosi, kümmerte sich so liebevoll um sie, daß sie sich nicht vorstellen 
konnte, daß sie sie hatte fortgeben wollen. Sie wollte sie nicht 
verlieren. Darum war das doch alles passiert. Dabei war sie doch so 
glücklich gewesen, als sie ihn vorhin wiedergesehen hatte. Und dann 
fing sie an zu weinen. 
Er schlenderte sehr lange durch den Zoo. Seine Gedanken waren ständig 
bei ihnen. Bei ihr und ihrer Mutter. Er vermißte den kleinen Engel 
schon. Aber ihre Mutter auch. Schade das Anastasia ihm nicht 
vertraute. Dabei hätte er doch alles für die Beiden getan. Na ja, fast 
alles. Renana hätte er niemals fortgegeben. Sie war seine kleine 
Tochter. Aber sonst hätte er wirklich alles für die Beiden gemacht. Er 
setzte sich schließlich auf eine Bank und Renana setzte sich neben ihn 
auf den Boden, legte ihren Kopf auf seine Beine. Sonst kam sie bei 
solchen Gelegenheiten immer an ihm hoch und leckte ihn ab, wollte 
schmusen. Aber heute nicht. Als er zu ihr herabsah, schaute sie ihn 
traurig an. Es schien wirklich so zu sein. Sie trauerte. Er 
streichelte ihren Kopf. Doch selbst das konnte sie nicht aufmuntern. 
Sie schien die Maus auch zu vermissen. 
„So spät noch hier?“, drang plötzlich eine Stimme an sein Ohr. Er 
blickte hoch und staunte. Karl, der im Zoo mit noch drei anderen die 
Nachtwächterfunktion inne hatte, stand dort drüben. 
„Karl?“ 
„Wer sonst?“ 
„Wie spät ist es denn?“ 
„Zwanzig vor zwölf.“ 
„Was!?!“ 
„Sie haben wohl die Zeit vergessen?“ 
„Das kann man wohl sagen.“ 
Karl lachte und ging weiter. Er stand auf und ging mit Renana nach 
Hause. In der Nacht kam sie zu ihm ins Bett. Das machte sie sehr oft. 
Aber in dieser Nacht schmuste sie nicht mit ihm. Sie legte nur ihren 
Kopf auf seine Brust und er streichelte sie. 

Probleme 
Die kommenden Wochen waren für alle Beteiligten die reinste Hölle. Und 
alle vier gingen mit ihren Kummer auf ihre ganz spezielle eigene Art 
und Weise um. Sie schmälerten ihn nicht, geschweige denn verbannten 
ihn aus ihren Leben. Man lebte mit ihm. Obwohl für jeden von ihnen nur 
ein Schritt ausgereicht hätte, um aus dem Dilemma herauszukommen, 
niemand brachte den Mut auf, diesen entscheidenden Schritt zu tun. Und 
so blieb der Kummer ihr bester Freund. Und das war nicht leicht. So 
wie bei Ulrich. 
Seit jenem verhängnisvollen Abend hielt Ulrich jeden Tag im Zoo nach 
ihnen Ausschau. Doch so sehr er sich auch anstrengte, nirgends war 
auch nur ein Zipfel von ihnen zu sehen. Täglich drückte er sich um die 
Arbeiten im Krankenhaus und überließ sie den anderen vier Ärzten 
seines Teams. Und die waren mehr als froh darüber. So hatten sie ein 
festes Tagesprogramm. Und dies war in der Zeit sehr klein. Es gab kaum 
Patienten im Revier. Und so übernahm er für sie die täglichen 
Inspektionen und mußte sich so gut wie jedes Tier im Zoo ansehen und 
bei eventuellen Notrufen schnell zum jeweiligen Gehege laufen um Erste 
Hilfe zu leisten, bis das der diensthabende Arzt zu ihnen kam. Und so 
kam er täglich überall im Zoo herum. Und er suchte nach ihnen. Aber 
leider ohne jeden Erfolg. Und wenn er dennoch im Revier arbeiten 
mußte, so konnte er sich bei den Untersuchungen nicht richtig 
konzentrieren. Zwar machte er keine Fehler oder übersah etwas. Im 
Gegenteil. Alle seine Patienten wurden wie immer mehr als gründlich 
untersucht. Aber alles dauerte etwas länger als sonst. So lange, daß 
seine Kollegen sich schon wunderten. Und da niemand von ihnen von 
diesem verhängnisvollen Abend wußte, so konnte sich auch niemand einen 
Reim darauf machen. Doch meistens war er draußen. Kreuz und quer lief 
er im Zoo herum. Er schaute ins Restaurant rein, sah sich die Menschen 
in den Schlangen an den Kassen an, doch er fand keine Spur von ihnen. 
Zwar sagte er sich immer, daß sie sich in einem anderen Teil des Zoos 
aufhielten als er. Aber innerlich wußte er genau, daß er sich damit 
nur belog. Dennoch hoffte er jeden Tag aufs Neue, sie im Zoo 
anzutreffen. Aber er wußte nur zu genau, daß sie unter der Woche 
bestimmt nicht in den Zoo kommen würden. Denn wenn Anastasia arbeitete 
und Rosi in der Zeit im Kindergarten war, dann würden sie bestimmt 
nicht im Zoo sein können. Und wenn Anastasia bis 16 Uhr arbeitete, 
dann wäre es doch schon zu spät, um dann noch in den Zoo zu gehen. 
Vielleicht würde er ja wenigstens Rosi sehen, wenn ihr Kindergarten 
einen Ausflug in den Zoo machte. Es kam öfters vor, das Schulen oder 
Kindergärten einen Ausflug hierher machten. Aber in nächster Zeit 
hatte sich weder eine Schule, noch ein Kindergarten angemeldet. Es 
blieben ihm also nur noch die Wochenenden als kleiner 
Hoffnungsschimmer. Und so ging er an den kommenden Wochenenden, 
erwartungsvoll, mehr Kilometer durch den Zoo, als je zuvor. Dennoch 
hatte er keinen Erfolg. Sie waren nicht da. Und so ging er jeden Abend 
völlig entmutigt nach Hause. Dazu kam auch noch, daß er nachts 
stundenlang wach lag und höchstens ein oder zwei Stunden schlief. 
Reichlich wenig, doch er kam damit aus. Und ständig dachte er in den 
Nächten an die Beiden, an den Tag, an den Abend. Er fragte sich, ob er 
es mit Renana vielleicht zu schnell gemacht hatte. Aber eigentlich 
hatte er sich so wie jeden Abend verhalten. Entweder holte er Renana 
aus ihrem Gehege, oder eine der Pflegerinnen tat es, wenn er nach 
Hause ging. Und die Tierpflegerinnen taten es sehr gerne. So gut wie 
fast jeden Abend stand eine von ihnen, „rein zufällig“, in der Nähe 
seines Hauses oder Renanas Gehege und bot sich an, sie für ihn zu 
holen. Manchmal dachte er, daß sie sich dafür absprachen. Denn nie 
stand dasselbe Mädchen zweimal hintereinander dort. Dennoch machte er 
sich Vorwürfe. Das, was hier jeder im Zoo wußte, daß Renana keine 
Raub, sondern eine liebe Schmusekatze war, das war den Besuchern 
unbekannt. Und somit auch den Beiden. Einzig Rosi hatte ihm, 
vielleicht auch aus ihrer kindlichen Naivität heraus, sofort geglaubt. 
Sie hatte Barbara mit Renana in der Halle schmusen sehen und irgendwie 
gespürt, daß sie dies auch machen konnte. Und so war sie auch sofort, 
ohne auch nur die geringste Furcht zu zeigen, zu den Beiden 
hingegangen und hatte sich sofort mit Renana angefreundet. Nur 
Anastasia war damit sichtlich überfordert gewesen. Er war anfänglich 
der Meinung gewesen, sie hätte überreagiert. Doch in ihren Augen hatte 
er Panik gesehen. Erst viel später konnte er sich in sie 
hineinversetzen. Dennoch. Wieso hatte sie ihm nicht geglaubt? Hatte er 
ihr nicht gesagt, daß er sie niemals in Gefahr bringen würde? Sie und 
die Kleine? Was war bloß in ihrem Leben passiert, das sie kein 
Verstrauen zu ihm hatte? 
Renana spürte seinen Kummer nur zu gut. Doch sie konnte ihn nicht 
aufheitern. Sie schien selber traurig zu sein. Denn sie kam nicht zu 
ihm um zu schmusen, fraß auch nicht so gierig wie sonst, und in den 
Nächten lag sie nur mit ihrem Kopf auf seiner Brust ohne sich zu 
rühren. Vorbei waren auch ihre kleinen Streiche in der Nacht, die sie 
sehr gerne machte. Streiche in der Art, das er mitten in der Nacht 
aufwachte, ohne seine Decke, während Renana ihn, eingemummelt, aus der 
stibitzten Decke anschaute, als wenn nichts gewesen wäre. Auch keine 
nächtlichen Abstürze mehr aus seinem Bett, wenn sie ihn nachts langsam 
aber stetig zum Ende des Bettes hin drückte, sodaß er mitten in der 
Nacht aus dem Bett fiel. Aber wenn sie es gemacht hätte, so hätte er 
sowieso nicht mit ihr geschimpft. Das hatte er früher nicht gemacht 
und würde er es jetzt auch nicht tun. Aber selbst dazu wäre er 
momentan nicht fähig gewesen. Denn er spürte deutlich, daß sie traurig 
war. Er wußte, daß Renana das kleine Mädchen vermißte. Schließlich 
hatte Rosi sie ohne Scheu einfach umarmt und sie fest an sich 
gedrückt. 
Bei Anastasia und Rosi war es aber auch nicht anders. Eher gesagt war 
es bei ihnen noch viel schlimmer. Seit jenem Abend war eine 
unsichtbare Mauer zwischen Anastasia und Rosi errichtet worden. Und 
Anastasia wußte, daß sie von Rosi errichtet worden war. Zwar versuchte 
Anastasia ihr Bestes um diese Mauer zu überwinden oder einzureißen, 
doch sie wußte nicht wie sie es anstellen sollte. Denn mit diesem 
Problem war sie bisher noch nie konfrontiert gewesen. Bisher war ihre 
gemeinsame Zeit überaus harmonisch gewesen. Sie hatte noch nie mit 
Rosi schimpfen müssen. Und bisher hatte Rosi ihr auch noch nie einen 
Anlaß dazu gegeben. Doch nun dies. Zwar mußte sie nicht mit ihr 
schimpfen, aber sie drang nicht zu ihr durch. Täglich fragte sie Rosi, 
wie es im Kindergarten gewesen war. Doch anstatt wie sonst immer, 
fröhlich über ihren Tag zu reden, beschränkte sich Rosi nun nur auf 
die nötigsten Antworten. Und selbst diese fielen mehr als spärlich 
aus. Zuhause schien Rosi ihr aus dem Weg zu gehen. Aber sie tat es 
nicht offensichtlich oder provokativ. Doch sie hielt sich mehr als 
sonst in ihrem Zimmer auf. Für ein Mädchen in einer normalen Wohnung 
wäre dies nichts Besonderes gewesen. Doch die Wohnung der Beiden 
beinhaltete ein Bad, ein Wohnzimmer und Rosis Zimmer. Sonst nichts. 
Und in Rosis Zimmer stand nur ihr Bett und der Kleiderschrank von 
ihnen beiden. Mehr paßte in das kleine Zimmerchen nicht hinein. Außer 
ihrem Püppchen, es lag neben ihrem Kopfkissen in ihrem Bett, lagen 
ihre anderen Spielsachen, es waren nicht viele, im Wohnzimmer. Jenes 
Zimmer, was tagsüber Küche, Eßzimmer, Wohn-und Spielzimmer in einem, 
und nachts Anastasias Schlafzimmer war. Anastasie schlief nachts auf 
dem engen Sofa. Und so hätte Rosi abends vor dem Abendessen bei ihr 
sein müssen. Stattdessen aber ging sie wortlos in ihr Zimmer. Mehr als 
einmal hatte Anastasia gesehen, wie Rosi in ihrem Zimmer auf dem 
Boden, mit angezogenen Beinen und diese umfassend, den Kopf auf ihre 
Knie gelehnt, saß und vor sich hin träumte. Auch ihre abendliche 
Spielzeit nach dem Abendbrot ließ Rosi einfach ausfallen. Anstatt sich 
auszuziehen und wieder ins Wohnzimmer zu kommen, um nach dem 
Abendessen noch etwas mit Mama zu spielen, ging sie nach dem Abendbrot 
wortlos ins Bett. Ohne Gute Nacht Kuß. Sogar ihr geliebtes Püppchen 
blieb unangetastet am Kopfende ihres Bettes sitzen. Auch etwas, was 
früher nie der Fall gewesen war. Ohne ihr Püppchen konnte Rosi nicht 
einschlafen. Doch nun rührte sie es nicht an. Auch aß Rosi seit dem 
Tag weniger. Anastasia hatte sie bisher noch nie zum Essen zwingen 
müssen. Und da Rosi ja etwas aß, machte sie sich darum keine großen 
Sorgen. Doch beim Abendbrot selbst spürte Anastasia, daß Rosi so 
schnell wie möglich wieder alleine sein wollte. Denn das bißchen was 
sie aß, das schlang sie förmlich hinunter. Was ihr aber dann Sorgen 
bereitete, das war ein Gespräch mit der Leiterin des Kindergartens. 
Denn eines Morgens hielt diese sie auf und sprach mit ihr über Rosis 
eigenartiges Verhalten. 
„Wir machen uns Sorgen um Rosi.“, sagte sie zu ihr. 
„Wieso?“, fragte sie ängstlich. 
„Rosi ist wie verwandelt.“ 
„Wie meinen sie das?“ 
„Nun, sie beteiligt sich an keinerlei spielerischen Aktivitäten mehr. 
Sie sitzt immer nur alleine in einer Ecke und träumt vor sich hin. Sie 
ist sehr verschlossen geworden. Wenn ich es nicht besser wüßte, dann 
würde ich sagen, sie bringen uns seit neuesten ein anderes Mädchen.“ 
Anastasia war von dieser Nachricht sehr schockiert. Daß sich das 
Verhalten ihre Tochter bis auf den Kindergarten ausweiten würde, das 
hätte sie niemals gedacht. Und so erklärte sie ihr die Umstände. Sie 
erzählte vom Besuch im Zoo und dem Vorfall mit Rosis Püppchen und dem 
Eisbären. Die Zebrafohlen, die nun ihre Namen trugen. Auch erzählte 
sie von dem Tierarzt, der sie zu den Zebras mitgenommen hatte. Nur das 
Geschehen um und mit Renana, das verschwieg sie ihr wohlweißlich. Denn 
sie hatte Angst. Angst, daß man ihr Rosi wegnehmen würde, wenn man 
erführe, daß sie mit einer echten Raubkatze zusammengewesen war. Die 
Kindergartenleiterin glaubte ihre Geschichte. Und so sagte sie ihr, 
daß man sich von nun an verstärkt mit Rosi beschäftigen würde. 
„Wir werden uns vermehrt um sie kümmern und auch auffordern, mit den 
anderen zu spielen. Vielleicht fängt die dich ja wieder.“ 
Doch Anastasia wußte das sie dies nicht schaffen würden. Und einige 
Tage später gab es zu Hause ein weiteres Problem. Es waren Rosis 
Nächte. Daß Rosi im Bett weinte, bis das sie eingeschlafen war, das 
sah Anastasia abends am Kopfkissen, wenn sie nochmals zu ihr ging. Es 
war immer naß. Aber nach einer weiteren Woche fing Rosi an, nachts im 
Schlaf zu sprechen. Das machte Anastasia ängstlich. Denn dies hatte 
sie noch nie getan. Sehr oft hörte sie, wie ihr Schatz in der Nacht 
„Renana“ sagte. Anastasia zitterte. Sie sah die großen Zähne von 
Renana vor sich. Doch anscheinend schien ihr Schatz von dieser 
gefährlichen Katze zu träumen. Und so wie es aussah, schien sie diese 
zu vermissen. Anastasia fing an sich zu fragen, ob sie vielleicht 
falsch reagiert hatte. Renana hatte ihr doch eigentlich nichts getan. 
Dennoch fürchtete sie sich vor diesem Ungetüm und seinen gewaltigen 
Zähnen. Obwohl, Ulrich hatte ihnen doch gesagt, das er sie niemals in 
Gefahr bringen würde. Sie und Rosi. Da fiel ihr etwas ein. Er hatte es 
ihnen schon vorher gesagt. Bei den Zebras. Hatte er es ihnen wegen den 
herannahenden Zebras gesagt? Oder hatte er vielleicht alles schon von 
Anfang an so geplant? Was sollte sie davon nur halten? 
Es vergingen weitere unruhige Nächte, in denen Rosi nach Renana rief. 
Obwohl sie dann immer zu ihr ans Bett kam, sah sie, daß Rosi fest 
schlief. Doch nach einiger Zeit schien es fast schon so, als daß Rosi 
sich beruhigt hatte. Denn ihre Rufe nach Renana wurden seltener. 
Schließlich hörten sie ganz auf. Anastasia atmete erleichter auf. Doch 
da passierte es. 
Sie lag eines Abends in ihrem Bett auf dem Sofa und hatte noch etwas 
gelesen. Als sie schließlich das Licht löschte, kuschelte sie sich 
unter die Decke. Sie war fast schon eingeschlafen, da hörte sie Rosi 
wieder reden. Zunächst verstand sie ihr Mädchen nicht und glaubte, daß 
Rosi Renana sagte. Doch da hörte sie plötzlich wie sie „Ulrich“ sagte. 
Aber nur ein oder zweimal. Dennoch fuhr sie erschrocken hoch. 
Anastasia starrte sehr lange durch die Dunkelheit zu Rosis Türe 
hinüber. Aber Rosi war wieder still. Innerlich freute sie sich, daß 
sie nun von Renana ab und nun von Ulrich träumte. Das war schon mehr 
in ihrer Richtung. Denn auch sie träumte fast jede Nacht von ihm und 
seinen wundervollen Augen. Und wenn sie aus ihren Träumen die Katze 
erfolgreich verbannt hatte, so war jeder Traum mehr als wundervoll 
gewesen. Dennoch wunderte sie sich, daß ihre Tochter Ulrich in der 
kurzen Zeit so sehr in ihr Herz geschlossen hatte, daß sie nun von ihm 
träumte und sogar nach ihm rief. Sie war eine erwachsene Frau. Sie 
wußte was Liebe war. Aber Rosi? Sie konnte doch nicht in ihn verliebt 
sein. In den folgenden nächsten Nächten paßte sie auf, aber Rosi 
redete nicht. Schließlich beruhigte sich Anastasia wieder. Doch da 
passierte es erneut. Aber etwas anderes ließ sie erzittern. Rosi war 
nicht verliebt in Ulrich. Es war viel mehr. Denn nun sagte sie nicht 
nur Ulrich, sondern sie sagte auch „Papa!“. Anastasia war erschüttert. 
Sie hatten niemals über Rosis Erzeuger geredet. Und der einzige Mann, 
den Rosi näher kannte, das war Ulrich. Sah man vom Filialleiter ab, 
den sie hin und wieder mal gesehen hatte, wenn sie Rosi mit zur Arbeit 
nehmen mußte. Dennoch hörte Anastasia deutlich wie Rosi im Schlaf 
sprach, „Ulrich“ und „Papa“ sagte. Sie dachte daran, wie Rosi auf 
seinem Arm gesessen hatte. In den Momenten war sie so glücklich 
gewesen und hatte sich richtig an ihn festgeklammert. Genügte das 
wirklich, um in ihrem Kopf den Wunsch zu entfachen, daß Ulrich ihr 
Vater wäre? Sie selbst hätte nichts dagegen gehabt. Und erneut dachte 
sie daran, wie schön es wäre, jetzt in seine Augen schauen zu können. 
In jener Nacht machte sie kein Auge zu. Sie weinte nur. Sie drehte 
sich zur Sofalehne hin und ließ ihrem Kummer freien Lauf. 
Als sie an diesem Morgen zum Kindergarten gingen, sprach Rosi sie an. 
Eigentlich hätte sie sich freuen müssen, daß Rosi endlich von sich aus 
mit ihr sprach. Doch Rosi fragte sie, ob sie geweint hätte und warum. 
Doch Anastasia schwieg. Sie konnte ihr nicht sagen weshalb sie in der 
Nacht geweint hatte. Denn das hätte alles nur noch schlimmer gemacht. 
Vielleicht nicht für Rosi. Aber für sie. Sie hätte erneut geweint. 
Geweint, weil ihre Gefühle zu Ulrich mit denen von Rosi konform 
gingen. Daß sie sich so sehr wünschte, daß der damalige Abend einen 
vollkommen andern Verlauf genommen hätte. Daß sie sich näher gekommen 
wären. Sehr viel näher. Und vielleicht auch. 
Sie brachte Rosi in den Kindergarten, ohne auf ihre Frage einzugehen. 
Und Rosi fragte nicht erneut nach, was sie mit Erleichterung zur 
Kenntnis nahm. Dann ging sie zur Arbeit. Auf dem Weg dorthin verbarg 
sie ihr Gesicht tief in ihren Mantel. Aber nicht weil es ihr kalt war. 
Sie wollte nicht, daß man sie weinen sah. Denn als sie Rosi 
abgeliefert hatte, dachte sie wieder an die vergangene Nacht. Und 
damit auch wieder an Ulrich. An der Arbeit blieb sie einige Minuten 
lang draußen stehen, bis das sie sich wieder gefangen hatte. Und so 
kam sie das erstemal in all den Jahren zu spät. Doch der Filialleiter 
sagte nichts. Schließlich war Anastasia seine zuverlässigste und mit 
Abstand auch seine beste Arbeitskraft. 
Es vergingen drei weitere Nächte, in denen sie Rosi „Papa“ sagen 
hörte. Und jede Nacht weinte sie sich ebenfalls in den Schlaf. 
Schließlich rang sie sich zu einem Entschluß durch. Am Wochenende 
wollte sie Rosi eine Freude machen. Und eigentlich wollte sie sich 
selbst damit auch eine Freude machen. Denn sie hoffte. Sie fragte 
Rosi, ob sie am Sonntag nicht mal wieder in den Zoo gehen sollten. 
Doch Rosi sagte nur: „Warum“. Anastasia war wie vor den Kopf 
geschlagen. In diesem Moment mußte sie sich wirklich setzen. Das faßte 
sie nicht. Das war noch nie vorgekommen. Rosi war doch geradezu 
verrückt nach dem Zoo und seinen Tieren. Besonders die großen 
Elefanten hatten es ihr doch immer angetan. Zu oft und zu lange hatten 
sie vor diesen Riesen gestanden und Rosis Augen hatten dabei immer 
richtig geleuchtet. Und sie hatte die Pflegerinnen immer ausgefragt. 
Nach allem Möglichen. Und auch sonst war es doch immer Rosi gewesen, 
die ihre Mutter nervte, sie sollten doch mal wieder in den Zoo gehen. 
Auch wenn sie erst am Tag vorher schon dagewesen waren. Und jetzt 
hätte sie ja auch noch einen Grund mehr dafür gehabt. Ulrich! Darum 
wollte sie ihr doch damit eine Freude machen. Und sie hoffte ja auch 
darauf, daß sie Ulrich wiedersah. Doch Rosi sagte nur „warum“. 
Anastasia verstand ihren Engel nichtmehr. Rosis Begeisterung für ihren 
heißgeliebten Zoo war zerstört worden. Sie wollte nicht hin. Anastasia 
konnte sich denken warum Rosi nicht in den Zoo wollte. Schließlich 
hätte sie es ihr niemals erlaubt, erneut mit dieser gefährlichen 
Raubkatze zusammenzukommen. Mit Ulrich schon. Aber doch nicht mit 
Renana. Einzig in ihren Gedanken und Träumen war Rosi dort mit den 
Beiden zusammen. Und wo sie da war, das konnte sich Anastasia sehr 
genau denken. Im Haus. Mit der Katze zusammen in der Halle spielen. 
Sie schauderte bei dem Gedanken. Doch in Bezug zu Ulrich konnte sie 
ihre Tochter verstehen. Denn sie war in ihren Gedanken ja auch ständig 
bei ihm. Allerdings ohne Katze. Denn Ulrich ging ihr ja auch nichtmehr 
aus dem Kopf. Sie hatte sich doch schon am Eisbärengehege in ihn 
verliebt. Liebe auf den ersten Blick? Ja, das war es gewesen. Und seit 
dem Moment waren ihre Gefühle zu ihm immer stärker geworden. Selbst 
das Vorkommnis mit Renana hatten ihre Gefühle zu ihm nicht schmäleren 
können. Auch wenn sie es ihm übelnahm, Renana mit ins Spiel gebracht 
zu haben. Dennoch wünschte sie sich insgeheim ihn wiederzusehen. Mit 
ihm zusammenzukommen. Doch sie wußte nicht was sie machen mußte. Wie 
sie es anstellen sollte. Denn darin hatte sie doch keinerlei 
Erfahrung. Das einzige Mal in ihrem Leben hatte keine 5 Stunden 
gedauert. Und Liebe war damals auch nicht im Spiel gewesen. Die meiste 
Zeit über hatten sie nur getanzt und getrunken. Getrunken, bis sie 
nichtmehr wußte wer sie war, oder wo sie sich befand. Nicht wußte, was 
er da unten mit ihr machte. Zumal sie damals auch noch nicht wußte, 
was man damit machen konnte. Niemand hatte ihr gesagt, was passieren 
könnte. Kurz danach, er hatte sie noch zu ihrem Platz gebracht, da war 
er auch schon wieder aus ihrem Leben verschwunden und hatte ihr etwas 
hinterlassen. Etwas, wovon sie in diesem Moment noch nichts wußte. 
Anfangs hatte sie diese Hinterlassenschaft mehr gehaßt als geliebt. 
Aber als sie Rosi geboren hatte, seitdem liebte sie seine 
Hinterlassenschaft. Und nun hatte dieser kleine Engel Kummer. Und sie, 
weil sie Angst um sie hatte. Rosi hatte bisher doch noch nie geweint, 
unruhig geschlafen oder gar im Schlaf geredet. Selbst dann nicht, als 
sie krank gewesen war. Und nun das. Sie wollte daß es aufhörte. Sie 
hätte alles dafür gegeben, daß ihr Engel wieder ein normales Leben 
führte. Aber Rosi blockierte ihre Bemühungen. Sie hätte sie zwingen 
können, mit ihr in den Zoo zu gehen. Aber das hätte sie vielleicht nur 
bockig gemacht. Hätte alles verschlimmert. 

Die Razzia 
Sieben Wochen waren seit jenem Schicksalstag im Zoo vergangen. Rosi 
sprach mittlerweile öfter mit ihr, beschränkte sich aber immer noch 
nur auf das wesentliche. Auch gab es mittlerweile die Spielstunde 
wieder. Anastasia hatte lange daran arbeiten müssen, bis das sie Rosi 
dazu bewegen konnte. Aber Rosis lachen war verstummt. Wenn sie früher 
ihre Mutter beim „Mensch ärgere dich nicht“ rausgeschmissen hatte, 
dann lachte sie aus vollem Herzen. Jetzt tat sie es wortlos, ohne eine 
Regung zu zeigen. Es schnitt Anastasia ins Herz. Rosis Lachen erfreute 
sie immer wieder. Doch es war verschwunden. In den Zoo waren sie 
bisher auch nie wieder gewesen. Obwohl Anastasia ihre Tochter mehrmals 
gefragt hatte, ob sie hingehen sollten. Doch jedesmal sträubte sich 
Rosi dagegen. Fast schien es so, als ob sie Angst vor dem Zoo hätte. 
Anastasia wußte nicht was sie tun sollte. Zwingen wollte sie sie auch 
nicht. Aber sie drang in dieser Beziehung einfach nicht zu ihrer 
Tochter durch. In den Nächten war schließlich auch wieder Ruhe 
eingekehrt. Zwar weinte sich Rosi nach wie vor in den Schlaf, doch sie 
redete nichtmehr. Das jedenfalls dachte Anastasia, da sie in den 
Nächten nichts von ihr hörte. Bis zu der Nacht, als sie mitten in der 
Nacht vom weinen ihres Engel geweckt wurde. Sofort sprang sie auf und 
lief zu ihr. Rosi saß im Dunkeln in ihrem Bett und weinte. Sie sprach 
nahm sie in die Arme und sprach sie an. Doch sie mußte feststellen, 
daß Rosi schlief. Und da hörte sie wieder das eine Wort. „Papa“. Zwar 
gelang es ihr, Rosi wider hinzulegen, aber sie konnte sie nicht 
trösten. Erst als sie wieder tiefer und fester schlief, hörte auch ihr 
weinen auf. Völlig aufgelöst saß sie am Bett ihrer Tochter und wußte 
sich keinen Rat. 
Und so saß sie am nächsten Tag, wie an jedem Tag, in ihrer 
Mittagspause einsam im Aufenthaltsraum der Aldi-Filiale, in der sie 
als Kassiererin angestellt war, träumend am Fenster. Darum nahm sie 
ihre Mittagspause auch immer als letzte. Denn dann war sie ungestört 
und konnte ihren Gedanken freien Lauf lassen. Und diese Gedanken 
kreisten ständig um Rosi und Ulrich. Meistens jedoch nur um Ulrich. 
Sein Gesicht tauchte immer vor ihr auf. Seine Augen, sein Blick, mit 
dem er sie bereits am Eisbärengehege gefangengenommen hatte. Sie 
konnte an nichts anderes denken als an ihn. Und sie wollte auch an 
nichts anderes denken. Denn dafür war es zu schön. 
Direkt gegenüber dem Aufenthaltsraum, auf der anderen Straßenseite, 
lag eine Toreinfahrt. Gleich rechts davon war der zur Einfahrt 
gehörige Hauseingang. Es war ein Mietshaus, vom Aussehen nicht viel 
anders als jenes Haus, in denen sie auch wohnten. Vier Etagen, alt und 
heruntergekommen. Hier hatten sie schon oft finstere Gestalten ein und 
aus gehen sehen. Aber man hatte sich mittlerweile daran gewöhnt. Und 
in den Laden waren sie bisher noch nie gekommen. Gedankenverloren 
schaute sie hinüber. Plötzlich verschwand Ulrichs Bild vor ihren 
Augen. Etwas hatte sein Gesicht verscheucht. Da wurde sie stutzig. 
Denn sie sah Rechts und Links des Hauses mehrere Männer in den 
Hauseingängen der Nachbarhäuser stehen. Die allerdings sahen nicht so 
aus wie jene Typen, welche im Haus ein und ausgingen. Zumal es auch so 
aussah, als ob sie Sprechfunkgeräte bei sich trugen. Anastasia schaute 
die Straße rauf und runter, da sah sie direkt drüben am Haus zwei 
Wagen parken. In ihnen saßen Männer. Dunkel gekleidet und mit 
Motorradhelmen. Motorradhelme im Auto? Das war ihr mehr als suspekt. 
Ängstlich wollte sie schon nach dem Telefon greifen um die Polizei zu 
rufen, da fuhr plötzlich ein Transporter vor. Er stoppte, fuhr 
rückwärts an die Einfahrt und dann passierte alles rasend schnell. Die 
Türen des Transporters sprangen auf. Mehrere schwerbewaffnete Männer 
stürmten in die Einfahrt. Die Türen der beiden Wagen öffneten sich und 
die Motorradmänner sprangen aus dem Wagen. Sie trugen 
Maschinenpistolen und Schutzwesten, auf denen auf dem Rücken in weißer 
Schrift stand: Polizei. Diese liefen zum Hauseingang und stürmten 
hinein. Die Männer, welche in den Hauseingängen rechts und links davon 
gestanden hatten, rannten mit gezogenen Pistolen hinterher. Ein, zwei 
Minuten lang war es still. Dann fielen Schüsse. Anastasia ging 
ängstlich in die Hocke. Die Schießerei dauerte für sie unendlich 
lange. Dann fielen nur noch vereinzelt Schüsse, dann war Ruhe. 
Ängstlich erhob sie sich. Die Straße hatte sich völlig verändert. 6 
oder 7 Streifenwagen waren angekommen. Beamte mit Hunden waren 
darunter. Und mehr und mehr Beamte gingen in das Haus. Da klirrte es 
plötzlich. Ein Mann war Parterre durch das Fenster gesprungen. Er 
landete mit einer Rolle auf dem Boden und sprang auf. Dann rannte er 
los. Eine Polizistin mit einem Altdeutschen Schäferhund löste dessen 
Leine und der Hund jagte ihm sofort hinterher. Gerade als dieser den 
Mann ansprang, drehte er sich herum und schoß. Anastasia stockte der 
Atem. Der Hund verfehlte den Mann und fiel auf die Straße. Da krachten 
zwei Schüsse und streckten den Mann zu Boden. Sekunden später waren 
mehrere Beamte über ihn. Die Polizistin rannte zu ihrem Hund. Sie 
schrie etwas, was Anastasia nicht verstehen konnte. Scheinbar hatte 
der Flüchtige den Hund getroffen. Sofort wünschte sie sich, daß Ulrich 
jetzt hier wäre und dem verletzten Tier helfen würde. Einige Beamte 
sprachen in ihre Funkgeräte, andere legten eine Decke über den Mann. 
Anastasia schaute vom Fenster aus zu wie die Polizisten alles 
absperrten. Aber immer wieder schaute sie zu der Beamtin, die nun bei 
ihrem Hund kniete und streichelnd auf in einsprach. Aus seinem Maul 
kam Blut. Anastasia hoffte, daß es nicht so schlimm war. Aber sie 
hatte trotzdem Angst um den schönen Hund. Es dauerte einige Minuten, 
da raste plötzlich ein dunkelblauer BMW mit Blaulicht und Martinshorn 
die Straße hoch. Er wendete und kam mit quietschenden Reifen an der 
Einfahrt zum stehen. Und als der Fahrer aus dem Wagen sprang, gaben 
beinahe ihre Beine nach. Ulrich! In grüner OP-Kleidung und mit einer 
OP-Haube auf dem Kopf sprang er aus dem Wagen und rannte zum 
Kofferraum. Anastasias Herz schlug bis zum Hals. Ihr Held, der Retter 
der Tiere, war da. Während er den Kofferraum öffnete kam ein Beamter 
zu ihm und redete auf ihn ein. Ulrich nickte nur. Dann rannte er zu 
dem Hund hin. Anastasia konnte nicht sehen was er dort machte. Zum 
einen kniete Ulrich genau mit dem Rücken zu ihr vor dem Hund, zum 
anderen standen einige Beamte um ihn herum. Aber nun war sie beruhigt. 
Sie wußte, daß der Hund jetzt in guten Händen war. Sie sah wie eine 
Polizistin und ein Polizist die Hundeführerin zu der Bank vor ihrem 
Fenster führten. Die Hundeführerin schien kaum älter als sie zu sein. 
Und sie war einem Nervenzusammenbruch nahe. Anastasia tat das, was sie 
in diesem Moment für das Richtige hielt. Sie griff sich einen der 
Becher vom Regal des Aufenthaltsraumes und rannte in den Laden. Dort 
nahm sie eine Cognacflasche aus dem Regal und rannte hinaus zur Bank. 
Und während sie durch die eine Türe hinauslief, kam der Beamte, der 
mitgeholfen hatte die Hundeführerin zur Bank zu bringen, zur anderen 
hinein. 
„Ich brauche was Starkes.“, sagte der Beamte hastig zum Filialleiter, 
der sich vom Laden aus das ganze Spektakel auf der Straße angesehen 
hatte. 
„Ist schon unterwegs.“, antwortete er dem Polizisten und deutete damit 
auf Anastasia, die sich in dem Moment auf die Bank setzte und der 
Hundeführerin einen großen Cognac eingoß. 
„Karin, beruhig dich mal. Der Tierarzt ist doch bei Rex. Er ist in 
guten Händen.“ 
„Ich hab doch nur noch ihn. Was soll ich denn machen, wenn ich ihn 
auch noch verliere?“ 
Mit zittrigen Händen führte sie den Becher zum Mund und nahm einen 
großen Schluck. 
„Du verlierst ihn schon nicht.“ 
Sie drückte sie an sich und versuchte sie, so gut es ging, zu 
beruhigen. Da stand plötzlich Ulrich vor ihnen. Das Mädchen sprang 
auf. 
„Doktor. Was ist mit ihm?“ 
„Er ist ein harter Bursche. Wir bringen ihn zu uns in die Klinik. Da 
sehen wir dann weiter. So wie ich das sehe, ist das Projektil hier 
ein“, und damit tippte er der Beamtin auf eine Stelle unterhalb der 
Schulter, „und hier“, er tippte auf eine Stelle auf ihrem Rücken, 
„wieder ausgetreten. Was es verletzt hat weiß ich noch nicht. Aber das 
Herz bestimmt nicht. Er wird schon wieder. Nur sein schönes Fell wird 
zwei kahle Stellen aufweisen, wenn ich mit ihm fertig bin. Aber das 
wächst ja wieder nach. Er wird gerade in den Transporter geladen. Fahr 
mit ihm mit.“ 
Sie nickte und stand auf. Doch ihre Beine versagten. Mit Hilfe der 
anderen Beamtin gelang es Ulrich sie auf die Beine zu stellen. Als er 
sie um die Taille faßte, schaute er Anastasia, welche hinter ihr 
stand, direkt in die Augen. Ein Schauer lief ihr wieder über ihren 
Rücken hinab. Wie damals am Eisbärengehege. Wie im Stall. Und wie 
damals, als sie ihn wiedersah. Als sie nach Hause gehen wollten und 
Rosi ihn fand. Und es war wieder ein sehr schönes Gefühl. Er half die 
Hundeführerin zum Transporter zu bringen. Hier stieg sie ein. Die 
Türen schlossen sich und Ulrich ging zum BMW. Dort stellte er die 
Tasche hinein und schloß den Kofferraumdeckel. Dann stieg er eilig ein 
und ließ den Wagen an. Anastasia war ihnen gefolgt. Und als er 
losfahren wollte sprach sie ihn durch das offene Fenster an. 
„Dr. Richter.“ 
„Was kann ich für dich tun?“ 
„Ich möchte mich entschuldigen. Für damals.“ 
Er nickte. 
„Können wir noch einmal von vorne anfangen?“ 
„Nun, ich werde mich wärmer anziehen müssen, wenn dein Engel ihr 
Püppchen ins Eisbärengehege schmeißt. Und mit Zebrafohlen kann ich 
leider auch nicht dienen.“ 
„Nein, später, danach.“ 
„Du weißt, daß Renana auch dabei sein wird.“ 
Bei der Erwähnung des Namens zuckte sie sichtlich zusammen und 
schüttelte unbewußt leicht den Kopf. Er legte den Gang ein. 
„Du vertraust mir noch immer nicht?“ 
Sie blickte zu Boden. Er hatte es erkannt. 
„So wird das nichts. Solange du kein Vertrauen hast.“ 
„Hab ich doch.“, sagte sie als letzten Ausweg, auch wenn sie es nicht 
so meinte. Sie belog ihn. Als letzten Ausweg. 
„Nein. Du vertraust mir nicht.“ 
„Doch! Das hab ich doch gerade gesagt.“ 
„Gesagt, ja. Aber es soll nicht von da“, und damit tippte er an seine 
Stirn, „ sondern von da“, er tippte auf seine Brust, wo in etwa sein 
Herz lag, „kommen. So bringt das nichts. Schade.“ 
Er löste die Handbremse und fuhr los. 10 Meter weiter schaltete er das 
Blaulicht und das Martinshorn ein. Sie sah ihm noch lange nach, obwohl 
er schon längst nichtmehr zu sehen war. 
Er fuhr sehr schnell. Nur sein Herz war noch schneller. Es war ein 
Notruf gewesen und hatte sich zu einem Wiedersehen entwickelt. Zu 
einem sehr schönen Wiedersehen. Anfänglich. Sie wollte es nochmal 
versuchen. Und er war der Letzte, der „nein“ gesagt hätte. Dafür 
vermißte er sie doch zu sehr. Sie und Rosi. Doch dann hörte er 
Anastasias Stimme in seinem Kopf. „Hab ich doch“ hatte sie gesagt. Hab 
ich doch. Nein! Hatte sie nicht. Er hatte es sofort gemerkt, daß es 
ihr nicht ernst damit war. Daß sie ihn belog. Aber er konnte sich auch 
denken, wieso sie dies getan hatte. Und Verständnis hatte er auch für 
ihr Verhalten. Nur daß sie es ihm nicht gesagt hatte, das ärgerte ihn 
ein wenig. Dabei hatte er sich doch so gefreut sie wiederzusehen. Wenn 
es die Situation erlaubt hätte, dann wäre er ihr am liebsten um den 
Hals gefallen, als er sie auf der Bank hatte sitzen sehen. Doch dann 
das. Aber er wußte auch, daß er einen Fehler gemacht hatte. Er hätte 
nicht von Renana anfangen sollen. Aber sie gehört doch zu ihm. Sollte 
er sie verleugnen? Das würde er niemals tun. Und leider erforderte es 
die Situation auch, daß er so schnell wie möglich in die Klinik kam. 
Denn es stand wesentlich schlechter um den Hund, als er es der 
Hundeführerin gesagt hatte. Denn sonst hätte er sich mit Sicherheit 
mit Anastasia länger unterhalten. Und vielleicht hätte sie ihm dann 
auch den wahren Grund für ihr Verhalten gesagt. 
Schon auf halber Strecke hatte er den Transporter und die zwei 
Streifenwagen die ihn begleiteten und die Straße freiräumten, 
eingeholt. Er überholte sie und bereitete in der Klinik alles vor. Er 
wußte, daß es bei weitem schlimmer war, als er es eben gesagt hatte. 
Die Kugel schien die Lunge verletzt zu haben. Und da zählte jede 
Minute. Über Funk berichtete er seinen Kollegen in der Zooklinik von 
seiner Annahme und ließ alles vorbereiten. Wenig später traf er dort 
ein und redete mit ihnen persönlich. Sie waren seiner Meinung. Nur 
eine sofortige OP könnte den Hund noch retten. Dann trafen auch schon 
die Beamten mit dem Patienten ein. Während die Kollegen den Hund 
vorbereiteten, setzte er die Beamtin in sein Büro. Er beruhigte sie, 
dann ging er in den OP. 
Die OP dauerte sehr lange. Und es war so, wie er es sich gedacht 
hatte. Doch als er das verletzte Stück Lunge abklemmte, zum Glück war 
es nur ein Zipfel gewesen, da hörte die Blutung schlagartig auf. 
„Der Druck steigt.“, waren schließlich die erlösende Worte. 
Er vernähte das verletzte Stück und löste die Klammer. Die Blutung war 
gestoppt, der Druck blieb stabil. Die Kugel hatte sonst keine 
wichtigen Teile verletzt. Während die Kollegen den Hund in eine Box 
brachten, ging er in sein Büro zurück. Auf dem Flur warteten schon 
drei uniformierte Beamte. Er nickte ihnen nur zuversichtlich zu. 
Erleichtert nahmen sie seine Geste auf. Im Büro saßen zwei weiter bei 
der Hundeführerin. Und als die Hundeführerin ihn sah sprang sie sofort 
auf. 
„Setzten. Noch pennt er.“ 
„Soll das heißen?“ 
„Alles in Ordnung.“ 
Erleichterung machte sich im Raume breit. Die Kollegen meinten, daß 
sie bei ihrem Hund bleiben sollte. Sie würden in der Zentrale schon 
Bescheid sagen. Dann gingen sie. Er setzte sich neben sie und sie 
schaute ihn fragend an. 
„War es schlimm Herr Doktor?“ 
Jetzt konnte er ihr endlich die ganze Wahrheit sagen. 
„Ja, sehr schlimm. Die Kugel hatte die Lunge getroffen. Darum hatte er 
beim Atmen auch blutigen Schaum im Maul. Zum Glück aber nur eine 
kleine Ecke der Lunge. Einen Zipfel. Den haben wir dann vernäht. Er 
war nicht groß. Etwa wie ein Fünfmarkstück. Ohne das Stück Lunge geht 
es ihm genausogut, wie vorher. Er hat sehr viel Glück gehabt. Ein 
Zentimeter weiter zur Mitte hin, und die Kugel hätte sein Rückgrat 
zerfetzt. Allerdings hab ich mit dem Fell gelogen. Er hat jetzt zwei 
kleine kahle Stellen doch am Bauch ist er jetzt ganz kahl. Aber ich 
sagte dir ja schon, das wächst nach. In spätestens zwei Wochen jagt er 
wieder Kaninchen.“ 
„Das macht er nicht. Das hat er noch nie gemacht.“, flüsterte sie 
weinend. 
Und dann erzählte sie ihm von ihrem Hund Rex. Wie sie ihn als Welpen 
bekommen hatte. Wie sie ihn großgezogen hatte. Mit ihm die Prüfungen 
spielend gemeistert hatte. Und daß er dabei immer als einer der Besten 
daraus hervorgegangen war. Aber dann erfuhr er auch, daß sie ihren 
Mann und ihren kleinen Sohn vor einem knappen halben Jahr bei einem 
Autounfall verloren hatte. Nur ihr Rex hatte ihr damals noch Halt 
gegeben. Sie wüßte nicht was sie getan hätte, wenn er nichtmehr bei 
ihr war. Aber er wußte es nur zu gut. Zu oft hatte er in der 
Vergangenheit miterleben müssen, wie Menschen am Tod eines geliebten 
Tieres zerbrachen. Ihnen gefolgt waren. 
„Wir haben ihn in eine große Box gebracht. Du willst doch bestimmt zu 
ihm.“ 
„Ja.“ 
„Dann komm.“ 
Er führte sie durch die Räumlichkeiten, vermied aber den direkten Weg 
durch den blutigen OP. Vor der Box hielt er an und öffnete die Türe. 
Sie schaute ihn an. Er nickte. 
„Gehr ruhig rein zu ihm. Er schläft noch.“ 
 Zögernd trat sie ein und setzte sich sofort zu ihrem Hund und 
streichelte ihn vorsichtig den Kopf. Zu einem seiner Kollegen sagte 
er: 
„Erich, bringst du ihr noch ein paar Decken? So wie es aussieht haben 
wir einen zusätzlichen Gast. Sie wird bestimmt bei ihm bleiben 
wollen.“ 
Obwohl er schon längst nichtmehr zu sehen war, schaute sie dennoch 
hinter ihm her. Erst als sie das Martinshorn nichtmehr hörte, erwachte 
sie langsam aus ihrer Trance. Mit Entsetzten begriff sie, was sie 
gemacht hatte. Denn erst jetzt begriff sie, was sie angerichtet hatte. 
Das war schon ihre zweite Chance gewesen. Und schon wieder hatte sie 
es versaut. Und ob es eine dritte geben würde, das stand in den 
Sternen. Und nun war sie innerlich wahnsinnig wütend auf sich selbst. 
Am liebsten hätte sie sich jetzt selbst verprügelt. Denn mittlerweile 
wußte sie, daß sie ganz alleine daran schuld war, daß es an jenem 
Abend zwischen ihnen nicht so gefunkt hatte, wie sie es sich erhofft 
hatte. Darum wollte sie es vorhin ja auch erneut versuchen. Sie hatte 
so große Hoffnung gehabt, denn sie hatte doch in seinen Augen deutlich 
gesehen, wie sehr er sich freute sie wiederzusehen. Und ihr war es 
doch nicht anders gegangen. Schon als er aus dem Wagen gestiegen war, 
raste ihr Herz wie wild. Und dann ihre Frage, ob sie nochmal von vorne 
anfangen könnten. Er wollte! Sie wäre ihm in diesem Moment am liebsten 
um den Hals gefallen, so glücklich war sie in dem Augenblick. Doch 
dann kam die Katze wieder dazu. Warum hatte er sie auch wieder zur 
Sprache gebracht? Und warum konnte sie ihm nicht sagen, daß sie ihm 
zwar gerne glauben würde, daß aber die Angst um ihren Engel dazwischen 
stand. Sie konnte sich denken, daß er es verstehen würde. Noch 
schlimmer. Er schien es sogar schon zu wissen. Bestimmt erwartete er 
von ihr, daß sie es zugab. Doch dazu war sie vorhin zu feige gewesen. 
Und so hatte sie ihn belogen. Etwas, was selbst in ihren Augen 
furchtbar gewesen war. Sie hätte ihn niemals belügen dürfen. Das wußte 
sie. Und dennoch hatte sie es getan. Und dafür schämte sie sich sehr. 
Er hatte es sofort gemerkt. Natürlich hatte er das. Und er hatte auch 
recht mit dem, was er danach gesagt hatte. Es hätte von Herzen kommen 
müssen, nicht aus Überlegung. Als Versuch, ihn umzustimmen. Er hatte 
es genau gewußt. Doch jetzt war er wieder fort. Fort, und sie wußte 
nicht, ob sie ihn jemals wiedersehen würde. Sehr langsam ging sie in 
den Laden zurück. Der Filialleiter dachte, daß sie von den Ereignissen 
so mitgenommen war. Darum ließ er sie nach Hause gehen. Dankbar nahm 
sie sein Angebot an. Sie ging zum Kindergarten und wußte nicht, ob sie 
Rosi von der Begegnung erzählen sollte. Aber dies hätte Rosi nur 
falsche Hoffnungen gemacht. Hoffnungen, die sie mit den Worten: „Hab 
ich doch“ zerstört hatte. Natürlich merkte Rosi, daß ihre Mama geweint 
hatte. Doch Rosi fragte nicht nach. Sie hatte auf diese Frage schon 
einmal keine Antwort von ihrer Mutter bekommen. Das hatte sie sich 
gemerkt. Also frug sie nicht. Der Tag verlief schweigend. Doch nun war 
Anastasia es, von der das Schweigen ausging. Sie war froh, als ihr 
Engel im Bett war. Am liebsten hätte sie jetzt die leeren Teller des 
Abendbrotes durch das Zimmer geworfen. So wütend war sie auf sich. 
Doch das hätte nur Rosi geweckt. Also räumte sie unter Tränen den 
Tisch ab und zog sich mühsam aus. Sie wollte nur so schnell wie 
möglich ins Bett. Zu ihrem Glück schlief sie nackt, außer wenn sie 
ihre Tage hatte. So brauchte sie sich nicht auch noch Nachthemd 
anziehen. Aber sie hatte ja eh keine. Sie hätten ein Loch in die 
schmale Kasse gerissen. Also legte sie sich unter die Decke und 
zitterte. Aber nicht vor Kälte. Sie zitterte aus einer Mischung von 
Wut, Trauer und Verzweiflung heraus. Und in dieser Nacht verbrauchte 
sie sehr viele Taschentücher. 

 

Verpaßt 
Zwei Wochen später, an einem Freitag, Anfang November, machte sie 
blau. Sie brachte Rosi zum Kindergarten und hatte auf der Arbeit 
Bescheid gesagt, daß sie zum Arzt müsse, am Samstag aber kommen würde. 
Da sie bisher noch nie gefehlt hatte, akzeptierte ihr Chef dies ohne 
zu murren. Doch anstatt zum Arzt zu gehen, ging sie zum Zoo. Sie 
wollte endlich alles klären. Zu lange schon war das Verhältnis zu 
ihrer Tochter gestört. Anastasia wußte genau woran es lag. Rosi 
vermißte nicht nur Renana. Zu oft hatte sie im Schlaf von Ulrich 
gesprochen. Und das Wort „Papa“ war auch oft genug dabeigewesen. An 
sich hätte Anastasia nichts dagegen gehabt, wenn Ulrich Rosis Papa 
werden würde. Aber insgeheim machte sie sich nur etwas vor. Schob Rosi 
vor. Denn im Grunde genommen war sie es doch, die ihn suchte. Ihn 
brauchte. Seit der Razzia weinte sie sich jede Nacht in den Schlaf. Zu 
oft dachte sie an seine Augen, mit denen er sie verzaubert hatte. Zu 
oft wünschte sie sich in der Nacht in seinen Armen zu liegen und von 
ihm festgehalten zu werden. Zu oft stellte sie sich vor, von ihm 
geküßt zu werden. Ob dies jemals der Fall sein würde? Denn sie hörte 
auch immer wieder ihre Stimme, wie sie zu ihm sagte: „Hab ich doch“ 
und damit all ihre Hoffnungen zerstört hatte. Zweimal hatte sie ihn 
vor den Kopf gestoßen. Sie wußte ja woran es lag. Und daß er ihr die 
Angst vor der Katze nicht von jetzt auf gleich nehmen konnte, das 
wußte sie auch. Sie würde ihm ja so gerne glauben, aber sie schaffte 
es nicht. Immer wenn sie daran dachte, da sah sie diese riesigen Zähne 
der Katze vor sich. Aber etwas anderes lag ihr noch mehr auf dem 
Herzen. Sie hatte ihn belogen. Das hätte niemals passieren dürfen. 
Eine Liebe kann nicht halten, wenn sie auf einer Lüge aufgebaut ist. 
Das hatte sie schon so oft gehört. Früher hatte sie darüber gelacht. 
Doch jetzt war sie davon überzeugt, daß es so war. Darum hatte sie 
heute blau gemacht. Darum ging sie zum Zoo. Voller Hoffnung, voller 
Zuversicht. Ob er überhaupt mit ihr sprechen würde? Seine Augen würden 
bestimmt wieder leuchten und ihr ein stummes „ja“ zuschreien. Und sein 
Herz? Würde es dasselbe sagen? Würde er ihr verzeihen? 
Als sie um neun am Zoo ankam, öffnete er gerade. Zielstrebig ging sie 
zu seinem Haus. Doch dort war alles dunkel. Ob er schon arbeitete? 
Bestimmt. Obwohl. Sie wußte ja nicht, wann er morgens anfing. Und wo, 
das wußte sie doch auch nicht? Der Zoo war sehr groß. Er hätte überall 
sein können. Allerdings kannte sie auch einige Mitarbeiter des Zoos 
vom sehen her. Aber besonders die Tierpflegerinnen bei den Elefanten 
kannte sie gut. Zu oft hatte Rosi ihnen Löcher in den Bauch gefragt. 
Doch sie lächelten nur und gaben ihr immer bereitwillig Auskunft. Sie 
wußte auch wann die Fütterung war und schlenderte zu den Dickhäutern 
hin. 10 Uhr würden sie gefüttert werden. Das war immer ein Heidenspaß 
für Rosi gewesen. Um halb zehn kamen sie meistens schon zu ihnen. Also 
setzte sie sich auf eine der Bänke, gegenüber dem Elefantengehege, und 
wartete die halbe Stunde. Im Geiste legte sie sich alles erneut 
zurecht. Was sie ihm alles sagen würde und wie sie es ihm sagen würde. 
Vor allem aber mußte sie sich entschuldigte für ihre Lüge. Ihm 
erklären, wieso und warum sie ihn angelogen hatte. Darüber hatte sie 
Nächtelang unter Tränen nachgedacht. Und auch in den Pausen auf der 
Arbeit. Da tauchte plötzlich eine der Pflegerinnen auf. Fast eine 
Viertelstunde zu früh. Sie schaute gerade zu ihr hin. Anastasia winkte 
zu ihr hin und sie kam zu ihr. Als sie sich neben ihr setzte, schaute 
sie sich um. 
„Wie? Heute mal ohne Kind?“ 
„Muß auch mal sein. So kann ich mir die Tiere auch mal in Ruhe 
ansehen.“ 
„Sie haben wirklich ein süßes kleines Mädchen. Und sie scheint keine 
Angst vor den Elefanten zu haben.“ 
„Wie meinen sie das?“ 
„Sie hat mich gefragt, ob sie die Elefanten auch mal füttern darf.“ 
„Das ist aber doch gefährlich.“ 
„Nicht unbedingt. Man muß nur wissen wie sie drauf sind.“ 
Sie redeten über die Elefanten. Lange. Sehr lange. Als die Pflegerin 
aufstand, riß sich Anastasia endlich zusammen und fragte: 
„Wo ist eigentlich der Tierarzt? Den hab ich ja schon lange nicht mehr 
gesehen.“ 
„Welcher? Wir haben vier.“ 
„Der große, den mit den braunen Haaren. Dr. Rechtner oder Richtner.“ 
„Dr. Richter.“ 
„Ja, Dr. Richter.“ 
„Der war vorhin noch bei uns im Aufenthaltsraum.“ 
Ihr Kollege kam zu ihnen. 
„Dieter, ist Dr. Richter noch bei uns?“ 
„Ja, der ist noch da.“ 
„Ich müßte ihm was Wichtiges sagen.“ 
„Dann kommen sie schnell mit, bevor er weg ist.“ 
„Weg?“ 
„Ja. Er hat ab heute Urlaub. Drei Wochen Mauritius. Ich beneide ihn. 
Der hat es jetzt schön warm.“ 
Sie gingen eiligen Schrittes zu einer Türe am Rande des 
Giraffengeheges. Als sie eintraten sahen sie einige Personen am 
Fenster winken. 
„Ist Dr. Richter noch da?“, fragte die Pflegerin in den Raum. 
„Da fährt er.“ 
Anastasia sah am Arm des Mannes entlang und sah den dunkelblauen BMW 
um die Ecke biegen. Am liebsten hätte sie jetzt geschrien. Geschrien, 
das er anhalten, umkehren solle. 
„Da kann man nichts machen. Da müssen sie warten bis er wiederkommt.“ 
„Wann ist das?“, fragte sie innerlich zitternd. 
„In drei Wochen. Am ersten Adventswochenende. An dem Freitag. Da 
übernimmt er den Dienst.“ 
„Was? Er kommt aus dem Flieger und macht gleich Dienst?“, fragte 
daraufhin eine der Pflegerinnen. 
„Ja. Wir wissen nur nicht wann er landet. Er hat was von mittags 
gesagt.“ 
„Sie hören es ja. Sie werden bis dahin warten müssen.“ 
„Ja, danke sehr.“ 
Alexandra ging hinaus, ohne daß man ihr ansah was mit ihr los war. Sie 
war den Tränen nahe. Sie hatte kein Interesse mehr an den Tieren. Sie 
wollte nur noch nach Hause. Und als sie dort ankam, schmiß sie die 
Wohnungstüre hinter sich zu und feuerte vor Wut ihre Handtasche quer 
durchs Wohnzimmer. Sie prallte an die Wand hinter dem Sofa und ging 
auf. Der Inhalt ergoß sich über das Sofa und den Boden. Aber das war 
ihr egal. Sie war schon längst zusammengesunken und saß mitten im Raum 
auf dem Boden. Heulend. Wissend, daß sie vorhin zu lange gewartet 
hatte. Sich zu lange mit der Pflegerin über die scheiß Elefanten 
unterhalten hatte, anstatt sie direkt zu fragen. Wütend gestand sie 
sich ein, daß sie sich zu lange nicht getraut hatte nach ihm zu 
fragen. Und damit hatte sie ihre Gelegenheit vertan. Hatte sie heute 
ihre dritte Chance vertan? Würde sie noch eine bekommen? Würde sie es 
überhaupt jemals schaffen? Doch so wie es aussah, war der Weg zu ihm 
versperrt. Ständig kam etwas dazwischen. Doch das schlimmste daran 
war, das sie der eigentliche Grund dafür war, das sie keinen Erfolg 
hatte. Sie ganz alleine. 
 

Letzte Chance 
Drei Wochen waren seitdem vergangen. Rosis Verhalten hatte sich 
mittlerweile ein wenig verbessert. Denn hin und wieder lachte sie auch 
wieder. Aber ihre Nächte hatten sich nicht verändert. Sie rief noch 
immer nach ihm. Mittlerweile viel öfter als am Anfang nach Renana. Und 
viel öfter auch nach Papa. Schließlich faßte Anastasia einen 
Entschluß. Von da an hatte sie sich jeden Abend darauf vorbereitet, 
was sie zu ihm sagen würde. Hatte sich mit ihm im Geiste im Zoo, bei 
ihr im Geschäft, bei ihm zu Hause, auf der Straße, ja sogar hier bei 
ihr in der Wohnung getroffen. Und immer wußte sie was sie ihm sagen 
würde. Sie sagte es dann auch und übernahm auch seinen Part. Und so 
ging es immer gut für sie aus. Sie wurde mutiger. Und dies mußte sie 
auch sein. Zu lange hatte sie schon gewartet. Zulange sich nicht 
getraut ihm die Wahrheit zu sagen. Zu lange? War es am Ende vielleicht 
schon zu spät? Hatte er vielleicht im Urlaub? Nein! Sie wollte darüber 
nicht nachdenken. Das machte ihr schweres Herz nur noch schwerer. Da 
sie ja wußte wann er zurückkam, plante sie alles bis ins kleinste 
hinein. 
Am besagten Freitag nahm sie sich schon um 12 Uhr frei. Zwar mußte sie 
am folgenden Samstag arbeiten, aber erst ab 13 Uhr. Dafür aber bis um 
18 Uhr. Aber sie würde Rosi mit zur Arbeit nehmen. Das hatte sie schon 
öfter gemacht. Und da Rosi immer brav im Aufenthaltsraum spielte, 
durfte sie das auch. Und so fieberte sie dem ersten Adventswochenende 
entgegen. Dann war es soweit. Als sie Rosi zum Kindergarten brachte, 
sagte sie ihr, daß sie heute schon um zwölf Feierabend habe. Rosi 
freute sich. Und als sie um halb eins mit ihr den Kindergarten 
verließ, schlug sie den Weg zum Zoo ein. Rosi kannte den Weg. Dennoch 
war sie nicht sehr begeistert davon. Schließlich hatte sie ihr ja mit 
einem gleichgültigen „warum“ geantwortet. Weshalb sollten sie dann 
noch in den Zoo gehen? Für ihre Tochter gab es da keine glücklichen 
Erinnerungen mehr, seit sie Rosi brutal von Renana gerissen hatte. 
Anastasia spürte das Rosi nur wiederwillig an ihrer Hand mitging. Im 
Zoo steuerte Anastasia gleich die Elefanten an. Rosi mochte diese 
gewaltigen Kolosse doch so sehr. Und Rosis Augen leuchteten wieder. 
Nach so langer Zeit. Anastasia war glücklich. Wenigstens das war ihr 
geglückt. In einem Unbeobachteten Augenblick fragte Anastasia einen 
der Tierpfleger, ob Dr. Richter schon zurück wäre. 
„Bis jetzt noch nicht. Aber vor halb drei erwarten wir ihn auch nicht 
zurück. Dr. Grams sitzt auch schon drüben im Cafe. Der wartet auf ihn. 
Sie wollten sich dort treffen. Dr. Richter übernimmt ja den Dienst von 
ihm.“ 
„Dr. Grams?“ 
„Ja.“ 
Und mit geschickten Fragen bekam sie heraus, wie dieser Dr. Grams 
aussah. Mit diesem Wissen ging sie dann mit Rosi zum Cafe. Rosi bekam 
von ihr ein Malbuch von Zoo und Buntstifte zum ausmalen. Anastasia 
half ihr anfangs dabei, behielt aber unterdessen Dr. Grams, am Tisch 
schräg vor ihnen, ständig im Auge. Ulrich mußte hierher kommen. 
Zumindest aber sich irgendwie mit ihm treffen. Darum bezahlte sie in 
alle Getränke und den Kuchen immer gleich, damit sie notfalls sofort 
aufspringen und gehen konnten, wenn Dr. Grams auch ging. Mehrmals 
kamen Pfleger und Pflegerinnen ins Cafe. Darunter schließlich auch 
jene, die für die Elefanten zuständig war und die mit ihr zum 
Aufenthaltsraum gegangen war. Als sie Anastasia und Rosi sah, kam sie 
auch gleich zu ihnen. Anastasia bot ihr einen Platz an und sie setzte 
sich. Rosi erkannte sie sofort und hatte wieder tausend Fragen. Zum 
Glück. Denn so wurde es halb fünf, ohne das es Rosi langweilig 
geworden war. Kurz nach fünf, sie saßen seit einiger Zeit bereits 
wieder alleine am Tisch, da schlug Anastasias Herz wie wild. Sie hatte 
Ulrich gesehen, wie er auf das Cafe zuging. Als er sich an den Tisch 
zu Dr. Grams setzte, hatte er sie auch gesehen. Sofort lächelte er. 
Rosi wollte gleich zu ihm. Doch Anastasia hielt sie fest. 
„Noch nicht, Schatz. Er muß erst mit dem Mann da reden. Dann kannst du 
zu ihm.“ 
Rosi war wie ausgewechselt. Sie griff nach der Hand ihrer Mutter und 
Anastasia konnte spüren, wie aufgeregt sie war. Zappelnd saß sie auf 
ihrem Stuhl. Ein weiterer Mann kam schließlich zu den Beiden drüben an 
den Tisch. 
Dr. Grams lachte, als er zu ihm kam. Aber seine Augen hatte schon 
längst etwas anderes gesehen. Anastasia und - Rosi. Und sie schauten 
ihn an. Die Augen der Beiden leuchteten so hell, das man ohne weiteres 
das Licht im Cafe löschen konnte, ohne im Dunkeln zu sitzen. Das 
Gespräch mit seinem Kollegen drehte sich erst nur um seinen Urlaub. 
Doch es schlug sehr schnell in die eigentliche Übergabe um. Doch er 
hörte nicht richtig zu. Ständig sah er zu den Beiden hinüber. 
„Geben sie mir den Funk.“ 
Ulrich zuckte zusammen. Erstaunt sah er Dr. Horn an. Er saß bei ihnen 
am Tisch, doch er hatte nicht bemerkt wie er sich zu ihnen gesetzt 
hatte. Zu sehr war er von den beiden Mädchen abgelenkt gewesen. 
„Aber das geht doch nicht. Sie haben doch bestimmt was anderes vor. 
Außerdem ist das doch mein Dienst.“ 
„Das geht schon. Und so kann ich ihnen wenigstens mal was zurückgeben. 
Schließlich haben sie mir schon so oft geholfen.“ 
Er bezog sich darauf daß er, frisch verlobt, an einem Wochenende 
Besuch von seinen zukünftigen Schwiegereltern bekam und Dienst hatte. 
Ulrich hatte ihm daraufhin kurzerhand den Funk abgenommen, um so ein 
häusliches Drama zu verhindern. Grams gab Horn den Funk und 
verabschiedete sich von ihnen. 
„Und so wie ich das sehe“, Dr. Horn deutete mit seinem Kopf auf 
Anastasia und Rosi, „sind sie mit ihren Gedanken ja eh ganz woanders.“ 
Lachend stand er auf und ging. Ulrich stand auf und wollte zu ihnen 
hin, da gab Anastasia Rosi einen Stoß und das kleine Mädchen schoß auf 
ihn zu. Sekunden später hing sie an seinem Hals und gab ihn einen 
dicken Kuß. Dann heulte sie vor Glück. Doch auch ihm rannen ein paar 
Tränen aus den Augen. Als Rosi sie an ihrem Gesicht spürte, sah sie 
ihn an und wischte sie aus seinem Gesicht. Doch Anastasia hatte sie 
auch gesehen. Sie war erschüttert, das Ulrich weinte. Alles hätte sie 
geglaubt. Aber das nicht. Schließlich kamen sie zu ihr. 
„Schön daß ihr hier seid. Ihr ward ja lange nichtmehr hier.“ 
Anastasia antwortete nicht. Alles was sie sich zurechtgelegt hatte war 
aus ihrem Kopf verschwunden. Als die Bedienung kam, bestellte er eine 
Cola für sich und eine heiße Schokolade für Rosi. 
„Kaffee?“, fragte er sie. 
Anastasia nickte. 
„Und einen Kaffee.“ 
Die Bedienung ging und Ulrich schaute Anastasia schweigend an. Rosi 
drückte sich an ihn und schien ihn nie wieder loslassen zu wollen. 
Anastasia sog dieses Bild in sich ein, bis das sie von der Bedienung 
mit ihrem Kaffee wieder in die Realität geholt wurde. Ulrich setzte 
Rosi auf ihren Stuhl, vor ihrer Schokolade. 
„Und?“, fragte Ulrich leise. 
Anastasia schluckte. Ihr Kopf war leer. Alles fort. Alle Sätze, alle 
Gespräche, die sie in ihren Nächten mit ihm geführt hatte, alles war 
fort. Doch sie wußte. Dies war ihre letzte Chance. Denn alle guten 
Dinge sind nur drei. Und das hier war die Vierte. Wenn sie jetzt 
nichts sagte, dann wäre es zu Ende, bevor es jemals begonnen hatte. 
Zögernd fing sie an. 
„Ich“ 
Sie senkte ihren Kopf. Sie konnte ihn nicht ansehen. Seine Augen 
verwirrten sie. Sie strahlten sie an. 
„Ich“ 
Erneut stockte sie. Doch dann raffte sie sich auf. 
„Können wir nochmal von vorne beginnen?“, flüsterte sie. 
„Schwer.“ 
Sie zuckte zusammen. War jetzt alles vorbei? Hatte er jemanden im 
Urlaub kennengelernt? Hatte sie ihre Chancen vertan? 
„Es ist zu kalt, um im Eisbärengehege ein Püppchen zu retten. Und mit 
Zebrababys kann ich doch auch nicht dienen.“ 
„Danach.“, flüsterte sie leise. 
Er schaute auf die Uhr. 17.46. 
„Geht ihr gleich nach Hause? Abendessen kochen?“ 
Rosi zuckte erschrocken zusammen. Doch Anastasia wußte sofort 
Bescheid. Er wiederholte den Abend. 
„Abends essen wir nicht warm. Nur Brote.“, flüsterte sie. 
„Nun Brot hab ich auch.“ 
„Wieso? Du bist doch gerade erst zurückgekommen.“ 
„Ich war vorhin noch einkaufen. Ich hab es in der Klinik abgestellt. 
Wenn ihr mit mir eßt, dann mußt du mir tragen helfen.“ 
Freudig lächelnd nickte sie. Doch da kam er auf den Punkt. 
„Du weißt aber auch, wer noch da sein wird?“ 
Sie nickte. Aber sie war darauf gefaßt gewesen. Und so zuckte sie 
diesmal nicht zusammen. 
„Und?“ 
Anastasia schluckte. Sie wußte genau, daß sie nun alles bekennen 
mußte. Ein falsches Wort, eine noch so kleine Lüge, nur eine kleine 
Verschweigung, und all ihre Träume und Hoffnungen wären zerstört. Für 
immer. 
„Ich habe Angst.“, flüsterte sie kaum hörbar. 
Mir sehr sanfter Stimme sagte er: 
„Ich habe dir doch gesagt, daß sie ihr nichts tun wird. Ihr nicht und 
dir auch nicht. Sie ist sehr traurig, seit ihr gegangen seid.“ 
„Ich glaub dir nicht.“, flüsterte sie, „Ich würde dir ja gerne 
glauben, aber es geht doch nicht. Ich habe Angst. Rosi ist mein Kind. 
Ich hab doch nur sie auf der Welt. Ich hab Angst sie zu verlieren. 
Immer hab ich gehört, wie gefährlich Tiger sind. Mordlüsterne Bestien, 
die aus reiner Lust töten. Und dann kommst du und sagst, daß sie lieb 
ist. Das ist so, als wenn du mir sagst, „die Welt ist ein Würfel“.“ 
Sein Gesicht kam nah zu ihrem und sie dachte schon, daß er sie küssen 
würde. Doch da schaute er sie mit riesigen Augen an und flüsterte: 
„He, die Welt ist ein Würfel.“ 
Sie lächelte. 
„Ich hab dir aber auch gesagt, das“ 
„Das du uns nie belügen würdest? Hättest du gesagt, daß du einen 
Führerschein hast, das hätte ich dir das sofort geglaubt. Aber ein 
Tiger?“ 
„Du glaubst mir immer noch nicht?“ 
„Versteh mich doch. Ich würde dir ja so gerne glauben. Aber das ist 
so, so, so“ 
Sie fing an lautlos zu weinen. 
„So unglaubwürdig?“ 
„Ja.“ 
Es folgten einige Sekunden totale Stille. 
„Es tut mir so leid. Ich will ja glauben. Aber meine Angst um Rosi ist 
größer.“ 
Da Anastasia ihren Kopf gesenkt hatte, sah Ulrich erst jetzt, daß sie 
weinte. 
„Das hast du bei unserem ersten Zusammentreffen nicht gesagt.“ 
Sie schüttelte leicht ihren Kopf. 
„Und damals am Auto hast du mir auch nicht die Wahrheit gesagt.“ 
„Ich weiß. Dafür möchte ich dich um Verzeihung bitten. Ich schäm mich 
so dafür.“ 
„Aber heute“ 
Sie zuckte zusammen. 
„Heute hast du endlich gesagt, warum du mir nicht glaubst. Das ist 
doch schon mal ein Anfang.“ 
Sie schaute ihn erstaunt an. Er reichte ihr seine Hand über den Tisch 
und sie ergriff sie. 
„Wollen wir es nochmal versuchen? Mit Katze?“ 
Unsicher nickte sie. Aber diesmal zuckte sie nicht wieder erschrocken 
zusammen. 
„Das ist schon mal ein guter Anfang.“ 
Nun lächelte sie. Zwar schauderte es sie bei dem Gedanken, heute noch 
mit Renana zusammenzukommen, aber sie mußte sich zusammennehmen. Sonst 
wäre alles zu Ende. Als sie alle ausgetrunken hatten gingen sie zur 
Klinik. Alexandra nahm dort eine der beiden Tragetaschen, Ulrich die 
andere. Rosi mußte das kleine Brot tragen. So gingen sie langsam in 
Richtung Haus. Doch je näher sie kamen, umso unsicherer wurde 
Anastasia. Dann blieb sie plötzlich stehen. 
„Was ist?“ 
„Ehrlich?“ 
„Ja.“ 
„Hast du eine Waschmachine?“ 
Ja.“, antwortete er erstaunt, „Wieso?“ 
„Kann sein, daß ich nachher meine Strumpfhose und mein Höschen waschen 
muß.“ 
„Wieso?“ 
„Ich habe Angst. Ich habe schreckliche Angst. Und ich weiß, daß ich 
damit alles kaputtmache. Aber ich habe Angst. Ich kann doch nichts 
dafür. Es tut mir so leid.“ 
Sie weinte sehr und er nahm sie in seine Arme, tröstete sie wortlos, 
während ihre Tränen an seinem Hals entlang in seinen Pullover rannen. 
„Ich kann mir denken wie du dich fühlst. Das war bei den Pflegerinnen 
am Anfang auch so gewesen. Und jetzt haben sie sich fast darum 
geprügelt, Renana während meines Urlaubs zu versorgen.“ 
Sie sah ihn an und lächelte. 
„Komm weiter. Es ist kalt.“ 
Zögernd folgte sie ihm. Doch nach wenigen Schritten war sie neben ihm. 
„Bist du mir Böse?“ 
„Nein.“ 
Sie kamen am Haus an. Erleichtert sah Alexandra, daß er die erste Türe 
aufschloß. Keine Pflegerin, die diese Bestie aus ihrem Käfig holte. 
Und als sie im Gang standen dachte sie, alles wäre in Ordnung. Doch 
als er die innere Türe öffnete, schrie Rosi „Renana!“. Sie drückte 
Ulrich das Brot in die Hand und rannte aufs Haus zu. 
„Ulrich! Bitte.“ 
„Schau hin! Schau hin und du wirst es sehen. Bitte.“ 
Sie wollte nicht sehen wie ihre Tochter zerfleischt wurde. Dennoch 
konnte sie ihren Blick nicht abwenden. Rosi rannte aufs Haus zu und 
die Katze sprang mit einem Satz über die große Treppe hinweg hinunter 
und rannte auf Rosi zu. Doch da stoppte sie schon und Rosi umklammerte 
ihren Hals. Die Katze fiel um und Rosi landete auf sie, wuselte durch 
ihr Fell, bekam ihre Zunge über ihr Gesicht geleckt und Rosi gab ihr 
einen Kuß auf die Nase. 
„Glaubst du es jetzt?“, fragte er, als Rosi aufstand und mit Renana an 
ihrer Seite zu ihnen kam. Anastasia antwortete nicht. 
„He. Trägst du Jeans?“ 
„Wie, was?“, antwortete sie, die näherkommend Katze nicht aus den 
Augen lassend. 
„Ob du auch Jeans trägst.“ 
„Ja, ja.“ 
Sie wich an die Wand des Ganges zurück. 
„Rosi, gehst du mit ihr rein?“, sagte er zu Rosi. 
„Mach ich. Komm Renana.“ 
Folgsam wie ein Schoßhündchen, machte sie kehrt und folgte Rosi ins 
Haus. 
„Du Miststück.“ 
„Und? Hast du jetzt gesehen wie sie sich gefreut hat?“ 
„Rosi hat die ganze Zeit über an sie gedacht.“ 
„Ich meinte Renana.“ 
„Ja.“ 
„Dann komm.“ 
Sie gingen los, da fragte Anastasia, was er mit der Jeans gemeint hat. 
„Ohne Strumpfhose und Höschen kannst du hier nicht rumlaufen. Denke 
mal, daß dir eine Jeans von mir passen wird. Zur Not geh ich rüber und 
hol dir eine OP-Hose.“ 
„Brauchst du nicht. Aber viel gefehlt hat da nicht.“, lächelte sie. 
Doch als sie Rosi mit Renana in der Halle toben sah, da wurde ihr doch 
Angst und Bange. Ulrich stellte Tasche und Brot ab, dann nahm er ihr 
die Tüte ab. Anastasias Blick wankte nicht von den Beiden. Erst als er 
ihr den Mantel aufknöpfte und sie daraus schälte erwachte sie aus der 
Starre. Er hing ihren Mantel auf, dann sagte er: 
„Rosi. Dein Mantel.“ 
Rosi kam zu ihm, während Renana ihr hinterher blickte. Er zog ihr den 
Mantel aus und hängte ihn ebenfalls auf. Sofort rannte sie wieder zu 
Renana. Erst dann schälte er sich aus seiner Jacke. 
„Anastasia?“ 
Sie starrte noch immer auf Renana und zuckte erst erwachend zusammen, 
als er ihrem Namen zum zweitenmal rief. 
„Ja?“ 
„Laß die Beiden spielen. Wir bringen die Sachen in die Küche.“ 
„Ungern.“ 
Aber dennoch half sie ihm bei den Sachen. Als sie in die Küche kam, 
war sie sprachlos. Sie war so groß. Und er hatte drei Kühlschränke! 
Sie konnte sich die Frage nicht verkneifen, ob er verfressen sei. Doch 
er öffnete lachend den ersten Kühlschrank und sagte: „Getränke“. Als 
er den Zweiten öffnete sagte er „Essen“. Doch als er den dritten 
öffnete flüsterte er „Futter“. Sie sah, daß der dritte große 
Fleischstücke enthielt. Sie konnte sich denken, für wen die waren. 
„Wieso flüsterst du?“ 
„Willst du das wirklich wissen?“ 
„Ja.“ 
„Futter.“, sagte er im normalen Tonfall. Kaum waren seine Worte 
verhallt, da stand Renana schon neben ihm und schaute ihn an. 
„Darum.“ 
Rosi kam in die Küche gerannt und wollte wissen, wieso ihre Miezekatze 
so plötzlich abgehauen war. Anastasia sah Renana, aber noch etwas sah 
sie. Die dunklen Stellen an Rosis Strumpfhose. An ihren Knien. 
„Schatz, zieh die Strumpfhose besser aus, bevor sie ganz schwarz 
geworden ist.“ 
Lachend verschwand Rosi ins Wohnzimmer. Einige Sekunden später rief 
sie „Renana“. Renana machte kehrt und verschwand ins Wohnzimmer. 
Während er im Wohnzimmer die Heizung herab drehte und den Kamin 
entzündete, sowie Kerzen auf den Tisch stellte und das Licht löschte, 
bereitete sie schon das Abendbrot vor, was aus zwei Gründen etwas 
schmäler ausfallen mußte. Zum einen hatte er ein kleines Brot gekauft 
und davon auch nur die Hälfte. Zum anderen hatte er es schneiden 
lassen. Sehr dick schneiden lassen. Und so waren aus dem Brot nur 6 
Scheiben geworden. Und auf seine Bemerkung hin, daß es doch sehr wenig 
Brot sei, antwortete Anastasie: 
„Rosi hat seit damals wenig gegessen. Nicht zu wenig, aber weniger als 
sonst. Wir werden schon hinkommen.“ 
Sie nickte und belegte eine weitere Scheibe mit Salami. Als sie fertig 
waren, er hatte noch Kakao für Rosi gemacht, trugen sie alles ins 
Wohnzimmer. Anastasia war im Himmel. Sie hatte den brennenden Kamin 
sofort gesehen. So oft hatte sie sich gewünscht, wieder an einem Kamin 
zu sitzen und einfach nur so in die Flammen zu schauen. Aber sie 
dachte in dem Moment auch daran, das, obwohl er solch eine riesige 
Wohnung hatte, sie nun, ganz wie bei ihnen zu Hause, im Wohnzimmer 
essen würden. Sie hätten in der Küche Platz genug gehabt. Und einen 
Tisch und drei Stühle waren dort auch vorhanden. Doch er hatte bereits 
die Becher ins Wohnzimmer gebracht. Sie setzte sich wieder in den 
weichen Sessel und Rosi kam zu ihm auf das Sofa. 
„Wo ist dein Kleid?“ 
„Da.“ 
Rosi zeigte auf das Ende des Sofas, wo die Strumpfhose und ihr Kleid 
lagen. 
„Warum hast du das Kleid ausgezogen?“ 
„Mir ist so warm.“ 
Anastasia sah ihn fragend an. Doch er nickte nur. Dann setzte er sich 
neben Rosi. Ulrich fragte sie, was sie wolle und Rosi sagte: 
„Fleischwurst“. Er schob ihr die größte Brotscheibe mit Fleischwurst 
auf den Teller und Anastasia sah erstaunt zu, wie ihr kleiner Spatz 
diese in Windeseile verputz hatte. Doch noch begeisterter war sie, als 
Rosi noch eine Scheibe Brot haben wollte. Ulrich gab ihr die größte 
noch übriggebliebene Scheibe und Rosi fiel über sie her. Als Rosi dann 
noch um das Endstück bettelte, da wußte Anastasia, das ihre Maus 
wieder die Alte war. Rosi hatte ihre drei Stücke verputzt, da saß sie 
gerade an ihrem zweiten. 
„Darf ich spielen gehen?“, fragte Rosi. 
Ganz erstaunt sah Anastasia, das sie mit der Frage nicht gemeint war. 
Rosi hatte Ulrich angesehen. 
„Aber ja Schatz.“, antwortete er. 
Rosi schlang ihre Ärmchen um seinen Hals, gab ihm einen Kuß, dann war 
sie auch schon in die Halle gerannt. 
„He! Wieso wird ich nicht gefragt!“, rief sie ihr hinterher. 
Rosi kam zurück und schaute sie fragend an. 
„Na hau schon ab.“ 
Ein flüchtiger Kuß und weg war sie. Anastasia sah ihr verzweifelt 
hinterher. 
„Ich glaube, ich muß dir mal die Geschichte dieser Katze erzählen und 
wieso sie so lieb ist.“ 
„Wieso? Was ist an ihr so besonderes? 
„Die Rasse.“ 
„Die Rasse?“ 
„Ja. Die Rasse ist sehr alt. Nachgewiesen schon seit über 1500 Jahre. 
So um 500 n Chr. kam ein Radscha aus den Bergen des Himalajas nach 
Indien. Er ließ sich in einer sehr fruchtbaren Gegend nieder und 
erbaute dort seinen Palast. In seiner Begleitung waren seine Frau und 
sein damals erst ein Jahr alter Sohn. Neben seiner Leibwache und den 
Dienerinnen, männliche Bedienstete gab es nicht, wurden sie auch von 
eine Tigerin begleitet. Rasura. Sie hatte schwarze und weiße Stellen 
im Fell, wie jede andere Tigerin auch. Jedoch waren die vielen gelben 
Stellen im ihrem Fell eher golden statt gelb.“ 
„Genau wie bei Renana!“ 
„Ja. Die Aufgabe der Tigerin bestand aus drei Teilen. Zum ersten mußte 
sie den Maharadscha beschützen. Zum zweiten die Maharani, und zum 
dritten den Thronfolgen und seine Geschwister. Und diese Aufgabe 
erfüllte sie stets. Auch unter Einsatz ihres Lebens. Als der Palast 
fertig war, gebar sie drei Tiger. Allesamt Katzen, also Mädchen. Diese 
erfüllten die Aufgabe Rasura mit der gleichen Hingabe und Treue. Auch 
war ihr Fell genau so golden wie das von Rasura. Nur ein einziges Mal 
in ihrem Leben geht eine Tigerin alleine aus dem Palast. Um sich mit 
einem Tiger im Dschungel zu paaren. Dann kommt sie wieder und gebiert 
ihre Jungen. Und immer sind es Katzen. Also Mädchen. Sollte es jedoch 
einmal vorkommen, daß auch ein männlicher Tiger, also ein Kater, 
geboren wird, so geht die Mutter mit ihm in den Dschungel und zieht 
ihn dort groß. Wenn er auf eigenen Füßen stehen kann, kommt sie wieder 
in den Palast zurück. Alleine. Ebenso ist es, wenn vier Katzen in 
einem Wurf sind. Meistens sind es zwei. Es kommt aber auch oft vor, 
daß es drei sind. Aber bei vieren bleibt das Letztgeborene zwar im 
Palast, aber wenn es alt genug ist, dann geht es in den Dschungel.“ 
„Und was hat das mit Renana zu tun? Und wieso soll sie so zutraulich 
sein?“ 
„Vor anderthalb Jahren war ich in Indien. Mit einer Ärztin durfte ich 
in den Palast und konnte die Tiere mit eigenen Augen sehen.“ 
„Tiere? Leben denn da noch mehr?“ 
„Vor anderthalb Jahren waren es 53.“ 
„53!“ 
„Ja.“ 

 

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